Erfahrungsbericht von Anachronistin
Fallen - ein gedachtes und doch auch erlebtes Gefühl
Pro:
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Kontra:
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Empfehlung:
Nein
Ich spüre, wie das Blut in mir fließt. Es scheinen sich schon kleine Eisstückchen gebildet zu haben, welche hart durch die Blutbahnen gepresst werden. Es ist nicht direkt ein schmerzhaftes Gefühl, doch verspüre ich ein starkes Unbehagen.
Aus unangenehmer, greller Helligkeit schreite ich auf einen grauen Vorhang zu, öffne ihn mit klammen Fingern und entdecke dahinter die Dunkelheit. Obwohl ich erkennen kann, dass in diesem Raum der Dunkelheit kein Boden existiert, auf welchem ich mich fortbewegen könnte, wage ich doch den Schritt hinein. Ich wundere mich nicht darüber, dass ich trotz der Bodenlosigkeit kein beängstigendes Gefühl des Fallens verspüre. Ich glaube, dass sich das genannte Angstgefühl unter "normalen" Gegebenheiten ergibt, weil man davon ausgeht, dass der Zustand des Fallens durch unsanftes Landen beendet wird. Folglich hat man keine Angst vor dem Fall, sondern vor dem Aufprall am Boden.
In meinem Fall aber verhält es sich so, dass ich in das, schwer oder gar nicht vorstellbare, Bodenlose falle. Dadurch bemerke ich unter Umständen nach gewisser Zeit gar nicht mehr, dass ich überhaupt falle, mehr noch, ich nehme nicht mehr wahr, dass ich in Bewegung bin. Und um mich herum ist immer diese Dunkelheit. Nicht ein winziger Lichtstrahl dringt zu mir und in das Dunkel. Jetzt ist mir weder warm noch kalt, irgendwie scheint Temperatur nichtig zu sein. Diese physikalische Größe wird während meines Fallens bedeutungslos. Doch diese Bedeutungslosigkeit ist nicht nur begrenzt auf physikalische Größen, nein, sie dehnt sich aus - in mir! Nichts ist mehr wichtig, denn ich bin ja allein. Und was ist schon wichtig, wenn man allein ist, allein und ohne Weg, auf etwas Lebendiges zu treffen? Ohne Weg - ausweglos.
Ich breite die Arme aus, doch so sehr ich mich auch strecke, muss ich feststellen, dass es in keiner Richtung, in keiner Lage Begrenzungen gibt. Nirgendwo ein Halt. Mein Gesicht ist erstarrt, wie das einer Statue, obwohl ich weinen möchte. Es ist nicht möglich. Ich ziehe Fratzen, das gelingt, aber es erscheint kein menschlicher Ausdruck. Alles wirkt künstlich an und in mir. Nach und nach entgleite ich immer mehr mir selbst, aber mein Kopf nimmt diesen Verlust noch deutlich wahr. Ob sich das ändern wird? Ob dieser Zustand des inneren Leidens, den ich nach außen zu bringen mich nicht im Stande fühle, aufhört, und ich dann gänzlich in den Sumpf der Egalität abtauche? Was wird dann sein? Bin ich dann noch? Bin ich dann noch ich? Und vor allem: Wer ist ICH?!?
Schattenbilder meines Daseins. Berge solcher Geschichten könnte ich schreiben, sie wachsen einfach in mir, wie einzelne Pflanzen, die sich zu einer Hecke verdichten.
Ich empfinde keine Traurigkeit beim Schreiben, nein, nichts dergleichen. Mein Gesicht scheint nur aus vier Buchstaben zu bestehen: E G A L .
Erschreckend irgendwie, doch ich verziehe keine Miene, auch wenn es innen tobt.
29 Bewertungen, 4 Kommentare
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14.06.2002, 17:14 Uhr von dreamweb
Bewertung: sehr hilfreichFinde ich sehr interessant, Gruß Miara
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14.06.2002, 14:32 Uhr von Tubenquetscher
Bewertung: sehr hilfreichsehr interessant und packend geschrieben...so lebendig und faszinierend... (gibt es her wie bei ciao einen info-service über neue berichte ? würd' ich gern aktivieren... --> bin hier noch neu und hab noch net so den durchblick)
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27.05.2002, 00:10 Uhr von Krümmel
Bewertung: sehr hilfreichEs ist schwer, dieses Gefühl verstehen zu wollen, doch irgendwo packt es einen beim Lesen ganz tief in mir
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25.04.2002, 22:52 Uhr von Andreas68
Bewertung: sehr hilfreichDieser Essay, mir bekannt, blieb von mir schlecht verstanden - bis zum eigenen Erleben. Es ist schön, dass er hier veröffentlicht wurde!



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