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Erfahrungsbericht von Raileigh

Frühlingsgefühle

Pro:

Da guckt selbst der Berliner fröhlich

Kontra:

Zu kurz

Empfehlung:

Nein

Des Frühlings kräftigste Blütezeit ist für mich die schönste Zeit des Jahres.
Während man im November mit jedem Blick aus dem Fenster einen neuen Vorwand findet, nicht aus dem Haus zu gehen, ist es im Mai schwierig irgendwas Nützliches im Haushalt zu tun, da einen das Grün und Bunt ins Freie zwingt.
Ich kann nur all diejenigen ehrlich bedauern, die in dieser Zeit mit Heuschnupfen zutun haben.

Gerade im Frühling bewege ich mich nicht auf die für den Berliner vorgeschriebene Art und Weise vorwärts.
Während der untadelige Eingeborene redlich seinen Blick nach unten richtet, um den zahlreichen Hundehaufen ins Gesicht zu sehen und sie im Slalom zu umgehen, laufe ich wie Hans-guck-in-die-Luft herum und versuche die zahlreichen Vögel, die in den Sträuchern und Bäumen herumtollen, zu identifizieren.

Ja ich bekenne, ich bremse auch für Vögel.

Die ornithologische Macke suchte mich vor einigen Jahren heim. Ich war etwa 30. Das scheint das Alter zu sein, in dem man beginnt, sich die eine oder andere Eigenart - in Berlin auch "Schrulle" genannt - zuzulegen.
Meine ist wohl die mit den Vögeln.
Es begann alles mit der harmlosen Frage meiner Herzdame: "Was ist denn das für ein Vogel? Schwarzes Fell und gelbe Nase. Macht Krach."

Hm? Bücher wurden neu angeschafft und hin und her gewälzt, bis ich den putzmunteren Gesellen als Amsel enttarnte. Man erkennt diesen Vogel nicht nur an der Nasenspitze, sondern auch am lauten Gesang. Besonders im späten Frühjahr sitzt die Amsel gern auf Schornsteinen oder Antennen und piept, wie das berühmte "Kein-Anschluß-unter-dieser-Nummer"-Zeichen am Telefon. Wenn sie schnell starten muss, hört es sich häufig an, als kichere sie hysterisch.


Besonders angetan hat es mir die heimische Meise, in allen Variationen.
Mit ihrem schwarzen Kopfschmuck und der ausgesucht schmucken schwarzen Zeichnung auf der Brust, die aussieht, wie eine ordentlich ondulierte Brustbehaarung, wirkt die Kohlmeise immer gut frisiert.
Die kleine Blaumeise hingegen ist da weniger konservativ. Ein frecher blauer Flecken auf den Kopf erinnert an eine Mönchstonsur, doch dazu trägt er meist eine Gesichtsumrahmung, die an einen Backenbart erinnert und ein Zeichnung über den Augen von einer Form, wie ich sie bei besonders coolen Rappern gesehen habe. Die Blaumeise ist also, um sie kurz zu beschreiben, ein besonders cooler Vogel.

Kürzlich überraschte mich ein umtriebiger Nachbar, der von meinem Vogel mit den Vögeln hörte, mit der Meldung, er habe hier im Umkreis eine Schwanzmeise gesehen.
"Ha, Ha", dachte ich. "Wieder zu viel Erotisches gesehen was?" Aber nein, was ich für einen schlüpfrigen Scherz hielt, entpuppte sich als ein ganz besonders niedliches Meisenexemplar. Es besitzt ein weißer Kopf, große runde Knopfaugen und ein langer, wippender Schwanz .

Meisen nisten auch in unserem Garten. Im Sommer flattern sie auf unseren Tisch und klauen den Kuchen. Besonders einer, ein Männchen, den wir Herrn Meiser getauft haben, ist bereits so mutig, das er sich die Kuchenkrümel schon mal aus der geöffneten Hand abholt.

Aber das sind nicht die einzigen Vögel, die wir mittlerweile zu bestimmen wissen.
Der Kleiber zum Beispiel, hält sich auch in unserer Gegend auf. Er steht gern senkrecht am Baum, mit dem Kopf nach unten. Ein Streifen zieht sich über die Augen, der ihn den Ausdruck verleiht, als wolle er sagen: "Hallo, ich bin's wieder, Euer Zorro" .
Als ich vor einigen Tagen durch den Park streifte, beobachtete ich einen Mann mit einer Kamera. Er hat sie auf den Boden gerichtet und filmte zwei Kleiber, die sich wohlig im Laub amüsierten. Sie ließen sich bei ihrer anstrengenden Tätigkeit des miteinander menschelns (wenn Menschen vögeln, müssen Vögel logischer Weise menscheln) nicht stören.
Der Kameraträger behauptete hinterher, er wäre Naturliebhaber. Dabei hatte ich ihn gar nicht gefragt. Ich fürchte, er vermutete, ich dächte, er wäre vogelphil und abends säße er im Federkleid vor einem Video, in dem er sich bumsende Vögel anschaut.

Auf dem Friedhof gegenüber unseres Hauses sitzt nicht nur der größte heimische Singvogel, der Rabe, sondern auch die Nachtigall. Nicht nur eine, sondern eine ganze Menge. Im Frühling schlafen diese Tier nicht oder aber nur abwechselnd. Die ganze Nacht und den halben Tag singen sie sehr laut, ganz wundervolle Lieder. Dabei sind sie selbst klein und unscheinbar, nicht größer als ein Spatz, aber schlanker. Sie verausgaben sich mit ihrem schönen Gesang und halten dafür den Rest des Jahres die Klappe. Mit dem Gesang versuchen sie nicht nur den Partner zu beeindrucken, sondern auch ihr Revier zu markieren. Die Portugiesen behaupten, die Nachtigall sänge aus Liebeskummer. Der traurige Gesang der Alleingebliebenen. Das ist natürlich Unfug, aber so sind die Portugiesen nun mal. Ganz typisch für sie, alles sentimental zu betrachten.

Einmal bin ich abends mit meiner Herzdame in den Park geschlichen, der Nachtigall lauschen. Es muss etwas halb Zwölf gewesen sein. Wir lauschten und lauschten und bemerkten plötzlich, wie sich drei angetrunkene Burschen mit Hund in unsere Richtung bewegten. Die Situation sah nicht unbedingt vertrauenserweckend aus. Was nun? Wir ließen sie herankommen, als wäre es das natürlichste von der Welt, nachts im Park herumzuschleichen und Vögel beim Piepsen zu belauschen. Als die Jungs auf unserer Höhe waren, sagte ich: "Hört mal!"
Einer der Jungs sagte: "Issndas?"
"Eine Nachtigall", erwiderte ich.
"Ey! Wow. Cooler Vogel!"
Der mit den Hund meinte: "Total krasses Teil ey. Da wohnt man inne Stadt und kricht sowat nich mit. Krass!" Dann wünschten sie einen schönen Abend und zogen ab.
Wie atmeten wieder aus.

Von Gartenrotschwänzen, Baumläufern, Buchfinken, Grünlingen, rotgesichtigen Stieglitzen und Mönchsgrasmücken könnte ich noch ein paar Lieder zwitschern.
Auch von Enten mit kleinen Küken, Teichhühnern und einem Bleßhuhnpaar auf unserem Teich, das sich dies Jahr vergeblich um Nachwuchs bemühte.
Heute sah ich einen etwa 11-jährigen Bengel, der Schilfstauden ausriss und diese Stengel auf das Nest, mit dem brütenden Bleßhuhn schleuderte.
Ich rief ihm zu, er solle das bleiben lassen, da wären Eier drin, und was er denn sagen würde, wenn man seine Eier mit Holz bewerfen würde. Der mickrige Knilch blickte unter seiner verkehrtrummen Mütze zu mir hoch und fragte mich allen Ernstes, ob ich gleich was in die Fresse wolle.
Ich muss zugeben, das ich einigermaßen geplättet war. Ich entschied mich dann aber doch gegen meinen Drang, ihn in den Teich zu werfen. Ich fürchtete, dass das die Bleßhühner verstört hätte. Zudem rief ihn seine Mutter.
Solche Kinder haben wirklich nichts Besseres verdient, als einen Betonspielplatz.

Von meinem Schreibtisch aus kann ich das frühlingshafte Treiben sehr gut beobachten. Direkt vor dem Fenster spendet eine riesige Kastanie kühlenden Schatten. Die Kerzen leuchten hell, besonders bei Mondlicht. Insekten brummen herum und lassen sich von Vögeln fressen.

Wenn ihr wissen wollt, an welchem Dorfanger ich wohne? Ich lebe mitten in Berlin und das Brandenburger Tor ist grade mal sieben Kilometer entfernt.

12 Bewertungen, 2 Kommentare

  • NetRunner

    18.03.2002, 23:58 Uhr von NetRunner
    Bewertung: sehr hilfreich

    Hach ja endlich ist der Frühling da ;-)

  • butterkeks

    18.03.2002, 23:40 Uhr von butterkeks
    Bewertung: sehr hilfreich

    Schön geschrieben, Dein Bericht. Gruß Drea