Unsicht-Bar Testbericht

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Erfahrungsbericht von ela_309

Mit den Fingern essen erlaubt ;-)

Pro:

alle Sinne werden beanstrucht, sehen sollte nicht selbstverständlich sein

Kontra:

der Preis zur Selbstfindung

Empfehlung:

Ja

Vor kurzem hatten wir Hochzeitstag und da wollte mich mein Mann mit einem Essen überraschen in einer ganz besonderen Umgebung ohne mir eigentlich verraten zu wollen wo. Doch wie Frauen so sind *g* bekommen sie entweder mit List oder einfach mit Nerverei heraus was sie wissen wollen.
Und diesmal war es auch gut so das mir mein Holder das vorher verraten hatte, so konnte ich mich seelisch und moralisch darauf einstellen was mir bevorstehen sollte.

Ins Restaurant Unsicht-Bar nach Kölle wollte er mich verschleppen ... da wo es zappenduster sein soll, wo man die Hand vor Augen nicht mehr sehen soll und das wo ich doch zum einen panische Angst bei Dingen habe, die dort unweigerlich alle aufeinander treffen sollen ....

Aber nach einiger Zeit und mit Absprache meiner Psychotante *g* habe ich mich doch dazu entschlossen Konfrontationstherapie auf die harte Tour durchzuziehen und sogar den Tisch selbst telefonisch bestellt.

Am 12.07.05, also gestern, war es dann soweit und wie es mir bei meiner Selbstfindung ergangen ist erfahrt ihr wenn ihr weiterlest .... aber büdde nich lachen, ne?!

( WAS ist die unsicht-Bar

Jeder sehende von uns nimmt es als ganz alltäglich und selbstverständlich hin sehen zu können. Menschen die von Anfang an blind sind kennen es nicht anders, aber was ist wenn man durch irgendeine Begebenheit sein Augenlicht verliert. Niemand möchte das hoffen, weil wir es uns nur schwer vorstellen können nicht mehr sehen zu können. Das war neben meiner Konfrontation meiner Ängste auch ein Grund mit warum ich mich entschlossen habe, dieses Lokal aufzusuchen. Zu \"sehen\" wie es sich anfühlt blind zu sein. Zu fühlen wie es ist hilflos zu sein, aber auch die Erfahrung zu machen wie es ist blind zu sein und sich auf die anderen Sinne verlassen zu müssen....


( MEINE GESCHICHTE

Vorab hab ich im Internet gestöbert und mich so gut wie möglich informiert. Wie schon anfangs erwähnt, habe ich seit ein paar Jahren mit einigen Ängsten zu kämpfen. Um mich von diesen Ängsten nicht unterbuttern zu lassen, habe ich mich auch zu diesem besonderen Abend entschlossen.

Werde ich meine Ängste überwinden? Werde ich durchhalten oder wird die Angst wieder zur Panik und mir die Kehle zuschnüren und mich an nichts anderes denken lassen? Es ist jemand hinter mir, ich spüre es... hilfe wo seid ihr ... gib mir die Hand ... rede mit mir ... lass mich nicht allein ... ich will raus hier ....................

Diese Gedanken jagten durch meinen Kopf wenn ich mir nur vorstellte im Dunkel zu sitzen.
ABER es kam doch anders als ich es mir vorgestellt habe.

Im Lokal angekommen, haben wir eine Karte bekommen, wo wir uns Getränke und unser Menü aussuchen konnten. Tja das mit dem Menü war so eine Sache, denn es war in Rätseln gesprochen bzw. geschrieben.

Geschmackfeld-Menü \"Käse\"

Eine Alpenwiese: Der Duft nach Kräutern, Bienengesumm und Schmetterlingen auf den Blüten, ein klarer Bergsee und das melodische Geläut von Kuhglocken.

***
.... zum Löffeln
Cremig verflüssigte Sonnenanbetung mit Muhs stummen Freunden
***
... zum Appetit holen
Ungewohnte Ausblicke auf alpine Käserei
***
... zum satt werden
Dionysos on the Green. Griechischer Bauer trifft indische Köchin in heißer Gegend.
***
... zum süßen Schluss
Fruchtige Urlaubsgedanken bringen cremig-kühle Entspannung

So, nun kann man sich darauf freuen was einem da später gebracht werden sollte, wenn man nicht allzu verkrampft ist *g*.

Wir wurden nun auch darauf hingewiesen, das wir die Uhr ab machen und das Handy ausmachen sollten, da es Lichtquellen sind, die in der Dunkelheit die Empfindungen stören würden.

Wir bekamen gesagt, das Arthur unser sehbehinderte Kellner des Abends sein würde und er uns in wenigen Minuten an der \"Schleuse\" abholen würde.

Irgendwie war ich doch recht ruhig gewesen ... NOCH ....

Die Schleusentür ging auf und Arthur empfing und in seiner freundlichen und einer selbstsicheren Art, die ich bei einem sehbehinderten noch nie bemerkt hatte.
Die Schleuse ist ein sehr kleiner Raum im einem schummerigen Licht. Dort wurden wir nochmals gebeten Uhren und Handys abzulegen bzw. auszuschalten und wir wurden gefragt ob jemand Angst vor Dunkelheit hat und unter Platzangst leidet .... Tja als ich beides mal mit Ja geantwortet habe, sah ich einen kurzen Augenblick in Arthurs Gesicht Zweifel aufsteigen .....

Im Polonäseschritt ging es dann ab in die DUNKELHEIT und wenn ich sage Dunkelheit dann meine ich Dunkelheit. Ich habe noch nie etwas so schwarz erlebt....

Dann ging es allerdings auch schon bei mir los. Ich fing an zu zittern, bekam keine Luft mehr, mir wurde schwindelig und alles was dazu gehört.
Ich nahm von den anderen Gästen die lauten Geräusche war und es wurde immer lauter und ich dachte mir sprengt es die Ohren.
Beide Hände schlossen sich krampfhaft um die meines Mannes, auch Arthur lag mit seinem Arm an meinem dran, was mir ein beruhigendes Gefühl und Sicherheit gab. Er erklärte uns nebenbei wo das Besteck lag, was er anhand der Uhrzeiten darstellte wie z.B. Löffel auf 12 Uhr. Dann fragte er uns wo wir herkommen und später sollen wir auch mitbekommen warum und das es nicht nur Neugier war.

Diese Panikattacke dauerte ca. 5 Minuten, bis ich mich soweit gefangen hatte, das ich etwas lockerer wurde.
Die Stimmen um mich herum waren weiterhin sehr laut was für mich doch sehr belastend war, da ich so kaum richtig mit meinem Mann reden konnte ohne ein paar mal nachfragen zu müssen was er sagte.

Nachdem ich mich nun gefangen hatte, wurde erst mal abgetastet und erkundet wo unser Gabel, Messer und die Löffel lagen.
Messer und Gabel wurden darauf hin von mir getauscht und als uns wenig später Arthur die Getränke brachte, die wir selbst von Flasche ins Glas füllen mussten, überraschte er mich, in dem er fragte warum denn meine Gabel auf dieser Seite lag.
Des weiteren wurde die Dimension des Tisches, der Abstand zum Gegenüber, sowie der Abstand zum Nachbarstuhl ertastet. Der Nachbartisch machte es offensichtlich genauso, denn ich bekam eine Hand an meinem Stuhl Richtung Rücken tastend zu spüren.

Ein weiteres empfinden war das meiner Augen. Es war so dunkel wie noch nie in meinem Leben und doch waren überall Lichter vor meinem inneren Auge. Außerdem hatte ich bei meinem rechten Auge ständig das Gefühl als ob irgendetwas draufdrückt. Dieses Gefühl beim rechten Auge hielt sich bis zum Schluß.

Wir warteten ungewöhnlich lange auf unsere Vorspeise, man hatte uns vergessen *g* .... obwohl, das muss ich auch hier sagen, das Zeitgefühl sehr zu wünschen übrig läst.
Nach dem wir nun unsere Vorspeise vor uns stand, hieß es wieder tasten und nun habe ich noch etwas festgestellt. Das Essen mit Messer und Gaben finde ich noch schwieriger als sich irgendwo im Dunkeln orientieren zu müssen.
Die ersten Versuche die ich startete waren nur mit mäßigem Erfolg, so das ich diese zu Seite legte und sprichwörtlich mit den Fingern aß.
So fand ich verschiedene kleine Käsestückchen, Salatblätter und anderes Gemüse, sowie kleine Salzstangen.
Jedes Stückchen was wir uns in den Mund geschoben haben, wurde kommentiert. Ich kann von mir aus sagen, das ich sowohl die Gemüsesorten als auch die Käsesorten super zuordnen konnte und die Vorspeise als absolut lecker bezeichnen kann.
Nachdem ich fertig war, spürte ich an meinen Schultern, wie verkrampft ich die ganze Zeit gesessen hatten, denn ich habe fast einen Krampf bekommen.

Später dann wurden wieder abgedeckt und auch hier kann ich nur staunen wie Arthur sich zurechtgefunden hat, er war auf soooo leisen Sohlen an unseren Tisch getreten das wir ihn erst dann bemerkten, als er zu uns sprach. Im Grunde genommen hörten wir ihn nie, nur ein leichter Windhauch war zu spüren, als er an uns vorbeiging.

Später kam dann unser Hauptgericht, und ich machte mir schon Sorgen, wie ich das wohl essen werde, wenn es heiß sein sollte. Denn mit Messer und Gabel zu hantieren war ein für mich aussichtsloser Kampf nicht mit Hunger nach Hause zu gehen *g*. Also habe ich wie vorhin auch mit einer Hand mein Essen \"ertastet\" und mit der andern die Gabel geführt.

Zum Schluß kam noch ein leckeres Dessert , was mit dem Löffel zu schlabbern war und wenig Probleme bereitet hatte.


Die Zeit zwischendurch verging recht schnell, wir hörten und lauschten und zwischen den lauten klingen von Besteck und erzählen an den Nachbartischen hörte ich das ganz leise irgendwo Musik herkam.
Wenn wir etwas zu trinken bestellen wollten, brauchten wir nur nach Arthur zu rufen und er wusste sofort das \"Wuppertal\" gerufen hat, obwohl er am ganz anderen Ende war, denn er hatte mehrere Tische gleichzeitig zu bedienen.
Wir machten uns Gedanken über die Anzahl der Tische, wie das Lokal denn aussehen könnte, nach den Geräuschen zu urteilen und hatten uns so einige Theorien zusammengereimt.
Ab und an kam Arthur an unseren Tisch und erzählte mit uns, wir konnten ihm Fragen stellen und so stellte sich heraus, das wir auf einer Empore saßen und er insgesamt 6 Tische bedienen musste, wovon nur noch 3 besetzt waren. So lag ich mit meiner Schätzung von 5 Tischen gar nicht mal so falsch und die lauten Geräusche kamen aus der unteren Etage zu uns hinauf.

Nachdem wir unser Dessert verspeist hatten entschlossen wir uns nun die dunklen Hallen zu verlassen, da ich mir doch langsam wünschte wieder sehen zu können und ich schätzte das es nun mittlerweile so zw. halb oder viertel vor 10 sein muss.
Vorher aber hatte Arthur noch einen kleinen Scherz mit mir vor und nahm meine beiden Hände und führte mich zur Trennwand von unserer Empore von wo aus man eigentlich in den unteren Gastraum hätte sehen können wenn es Licht geben würde. Dort ließ er mich einfach stehen und ging zurück und setzte sich auf meinen Stuhl und wartete.
Wäre ich nicht so schüchtern gewesen, dann hätte ich mich auf den Weg zur Tür gemacht, aber ich wollte die anderen Leute am Tisch hinter mir nicht mit meinen dann vielleicht anzüglichen Tastversuchen belästigen *fg*.
Naja er holte mich dann wieder ab und wir machten uns dann im Polonäseschritt wieder zurück zur Tür. Arthur hatte dann nochmals einen Scherz auf Lager und einen tiefen Treppenabsatz imitiert ....

Zurück zur Schleuse, es war immer noch dunkel, sah ich die luminierenden Umrisse einer Tür.... meine Freude war groß... das erste Licht. Wir wurden nun auch angehalten unsere Augen mit den Händen zu verdecken und schon ging das Licht an. Das Licht, welches vorher recht schummerig war, war nun sehr grell, aber unsere Augen gewöhnten sich relativ schnell wieder an \"unsere\" Welt und ich bin froh das es so ist........


( WO und WIE

Nachdem mir die Unsicht-Bar empfohlen wurde, bin ich im Internet fündig geworden und auf der HP www.unsicht-bar.de habe ich mich ausführlich vorab informieren können. Unter anderem auch, das die Kellner, insgesamt 3 wie uns Arthur erzählte, allesamt blind oder stark seebehindert sind und somit in Ihrem \"Element\" sind.

Die Öffnungszeiten sind täglich von 18 - 24 Uhr.

Unsicht-Bar Köln
Im Stavenhof 5 - 7
50668 Köln (befindet sich im Eigelsteinviertel, Nähe Ebertplatz)

Wir haben kurz vor dem Ebertplatz am Theodor-Heuss Ring geparkt. Von dort aus sind es vielleicht 5 Minuten zu Fuß.

Wenn Ihr vorhabt euch ebenfalls diese Sinnenberührungen anzutun, würde ich euch empfehlen, unter der Nr. 0221 - 2005910 einen Tisch zu Reservieren. Ihr bekommt dann eine Reservierungsnummer, werdet allerdings von der sehr netten Dame am Empfang und Kasse zugleich, nur nach dem Namen gefragt.

Der Ebertplatz ist auch gleichzeitig die U-Bahn Haltestelle die Ihr ansteuern könnt, solltet ihr mit den Öffentlichen fahren, aber auch der Kölner Hbf. ist auch nicht allzu weit entfernt.



( FAZIT

Ich habe mir vorgenommen durchzuhalten und ich bin stolz das ich es geschafft habe, denn die Blinden können auch nicht eben mal \"das Licht\" anmachen wenn sie Angst bekommen ...

Ich finde diese Art von Restaurant einfach genial und unbedingt empfehlenswert, auch wenn die Menüpreise im ersten Moment doch sehr abschreckend wirken, denn sie bewegen sich zwischen ca. 30 EUR vegetarischen 3-Gang und 46,50 EUR für ein 4Gang Überraschungs- oder Lammmenü.

Ich habe das Zeitempfinden angesprochen, was einem irgendwie in der Dunkelheit verloren geht, sobald ich meine Uhr aus meiner Tasche herausgekramt hatte, war ich sehr erstaunt, als ich feststellte, das ich mich um gut eine Stunde vertan hatte, denn es war mitlerweile 22:30 Uhr und wir waren geschlagene 2 ½ h drin. Die sehr nette Dame an dem Empfang lachte mich nur an.
Auch was meine Platzangst anbetraf, war es nicht halb so schlimm wie ich es mir vorgestellt hatte, zumal von den Geräuschen um einen herum einem das Gefühl gibt in einem großen Raum zu sein und zum anderen war im Grunde genommen die Tür nicht weit hinter mir.
Sollte man auch mal zwischendurch das Gefühl haben raus zu müssen, sei es Toilette oder eine schmoken, dann kann das jederzeit ohne Probleme erfolgen, allerdings sollte man dazu den Kellner rufen der einen dann raus führt und es nicht auf eigene Faust versuchen.

Die Gefühle des riechen, schmecken, fühlen, hören und spüren werden auf gewisse Weise schon recht gut angeregt, und unter 2 h lohnt sich dieses Event auf alle Fälle nicht.
Die Lichtpunkte in meinen Augen wurden nach etwa der hälfte der Zeit auch dunkler, so das es auch für mich Rabenschwarz wurde, leider blieb der \"Druck\" auf meinem rechten Auge bis zum Schluß.
Das Essen hat auf alle Fälle ausgezeichnet geschmeckt auch wenn der Spruch \"Das Auge ißt mit\" hier nicht der Regel entspricht. Intensiver habe ich es eigentlich nicht empfunden nur mit mehr Beachtung auf den Geschmack würde ich sagen.

Wie das mit Kindern ist, muß man im Vorfeld klären. Ich habe gehört, das es erst ab 8 Jahren geht, was ich allerdings auch noch recht früh halte bei Zappelphilips.

Nehmt die Sehkraft nicht als selbstverständlich hin und genießt jeden Augenblick. Erst im Dunklen ist mir so richtig bewusst geworden, wie wichtig für mich das sehen ist....

Damit möchte ich für heute schließen und mich in meinen Urlaub verabschieden und bedanke mich bei allen Lesern fürs Interesse und für die Bewertungen und eventuellen Kommentare .... aber BITTE ... nicht nur \"schöner Bericht\" oder \"super\" .....


PS: ganz speziell noch mal für die unsicht-Bar

Ich möchte mich ganz herzlich für die tolle Erfahrung bedanken und für die super Betreuung durch Arthur. Mit ihm habt ihr einen ganz Tollen Mitarbeiter.

DAS AUGE DES SEHENDEN, SIND DIE OHREN UND HÄNDE DER NICHT SEHENEDEN......

Dieser Nachtrag ist dafür, weil wir vor lauter Sinnesüberfluß vergessen haben uns in euer Gästebuch einzutragen.



© Ela_309
Wuppertal im Juli 05

15 Bewertungen, 4 Kommentare

  • froes

    13.11.2006, 12:23 Uhr von froes
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich kann mir das jetzt noch gar nicht vorstellen. Das würde mich schon einmal interssieren, ,ist leider etwas zu weit weg. Hauptsache der Koch ist nicht auch blind oder stark sehbehindert. Shine On, Frank

  • Estha

    10.08.2006, 21:34 Uhr von Estha
    Bewertung: sehr hilfreich

    ☼☼☼ ... lg susi ... ☼☼☼

  • Rumyana7

    14.07.2005, 22:46 Uhr von Rumyana7
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr schöner Bericht. Lieben Gruß aus Sofia P.S. Gibt es die Schwebebahn noch?

  • anonym

    14.07.2005, 22:43 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    ...finde deinen Bericht sehr schön und man bekommt einen guten Einblick. Lg inspire