Unterwegs nach Cold Mountain (VHS) Testbericht

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ab 10,74
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Erfahrungsbericht von JimPanse

Home Is Where Your Heart Is

Pro:

Regie, Ausstattung, Darsteller, Musik, Geschichte

Kontra:

Längen, holprige Dialoge, es fehlt ein bisschen Magie

Empfehlung:

Ja

Bereits Michael Ondaatjes Roman ?The English Patient? galt als nahezu ungeeignet für eine filmische Adaption, bevor der britische Regisseur Anthony Minghella den schwierigen Versuch unternahm und aus der komplexen Romanvorlage einen ähnlich verschachtelten, fragmentarisch und episodisch erzählten Film zusammenstellte, der nicht nur Ondaatjes Werk in Thematik und Handlung auf die Leinwand bannte, sondern darüber hinaus auch den sehnsüchtigen, romantischen, tragischen und unverhohlen melodramatischen Zauber des Buches am Leben erhält. Zuallererst war und ist ?The English Patient?, ob Ondaatjes Buch oder Minghellas Film, eine Liebesgeschichte, mehr noch ein epischer Bilderbogen zwischen traumhaften Landschaften, unsterblicher Romantik und anrührender Dramatik. Lieben und Leben in Zeiten des Krieges, in denen für Liebe kaum Platz bleibt und das Leben nur noch aus Überleben besteht. Ähnliches gilt für ?Cold Mountain?.

Basierend auf Charles Fraziers gleichnamigen Roman, der zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs spielt, entwickelte Minghella ein Drehbuch, das versucht der epischen Geschichte gerecht zu werden. Es sind die Monate kurz vor dem Ausbruch des Krieges zwischen den amerikanischen Nord- und Südstaaten. Die junge Pastorstochter Ada Monroe (Nicole Kidman) zieht mit ihrem kränkelnden Vater (Donald Sutherland) nach Cold Mountain, einem wohltuend ruhigen Ort, der so weit entfernt von einem Krieg zu sein scheint, dessen Gestalt jedoch bereits seinen Schatten vorauswirft. In jenen friedlichen Tagen kommen sich der schüchterne und äußerst wortkarge W.P. Inman (Jude Law) und Ada näher, ohne sich allerdings wirklich kennen zu lernen, da Inmans Scheu und Adas vornehme, weibliche Zurückhaltung kaum mehr als kleine Anzeichen der Zuneigung erlauben. Kurz vor Inmans Einberufung zum Militär und dem Befehl in die Schlacht zu ziehen, kommt es lediglich zu einem Kuss, der das Verlangen beider versinnbildlicht und doch eine so klaffende Lücke hinterlässt, da zwischen beiden nur vage Vorstellung über den anderen existieren Trotz allem ist es Liebe, die ihre sanfte Beziehung charakterisiert.

Getrennt durch einen Krieg, der jede Art von Menschlichkeit unterdrückt, bleiben Briefe die einzige Möglichkeit zur Kommunikation, doch auch diese sind nur ein schwacher Trost. Während der schweigsame Inman in blutigen Schlachten die Unschuld seiner Seele verliert und darüber hinaus auch etwas von dem Glauben an sein Bild von der Welt einbüßt, kämpft auch Ada nach dem Tod ihres Vaters um ihr Überleben. Aufgewachsen als höfische Dame, für die niedere Arbeiten auf der Farm niemals Teil der Erziehung waren, ist Ada völlig hilflos auf sich allein gestellt und übersteht die harten Winter nur durch die Freundlichkeit ihrer Nachbarn. Getrieben von dem Gedanken an Inmans mögliche Rückkehr lebt sie vor sich hin ohne eine Vorstellung davon zu haben, welch andere Opfer der Krieg von ihr einfordern könnte. Nicht wissend ob Inman sich noch an sie erinnern wird oder ob er jemals zurückkehrt, ist es der burschikosen Ruby Thewes (Renée Zellwegger) zu verdanken, dass die zierliche Ada zurück ins Leben findet. Als echte Frauengemeinschaft erledigen sie die Arbeiten auf der Farm und werden zu echten Freundinnen.

Parallel zu Adas Geschichte konstruiert Minghella einen anderen Handlungsstrang, so wie dies auch in Fraziers Roman üblich ist, mit dem verschollenen Inman als Hauptfigur. Dieser beschließt nach einer schweren Verwundung im Kampfeinsatz zu desertieren und nach all den Jahren, die in der Zwischenzeit verstrichen sind nach Cold Mountain zurückzukehren, dorthin wo Ada lebt, die er niemals vergessen konnte. Eine beschwerliche und gefährliche Reise, die den gejagten Deserteur von einer lebensgefährlichen Lage in die nächste treibt, als wäre Inman ein willenloser Spielball des Schicksals. Der Weg nach Hause wird zur Odyssee, in deren Verlauf der vom Krieg gezeichnete Soldat zu sich selbst findet. Unterwegs begegnet er ebenso skurrilen wie befremdlichen Charakteren und Geschehnissen, die trotz allem seinen Willen nicht brechen können oder ihn zur Aufgabe bewegen würden. Inman würde seine Reise niemals abbrechen, sein Weg führt dahin zurück wo sein Herz ist, wo einst sein Zuhause war, zurück nach Cold Mountain.

Anthony Minghellas Film entwickelt insbesondere in der ersten Hälfte eine wohltuende Eigendynamik, die Cold Mountain durch die anhaltenden Zeitsprünge und episodisch angeordneten Erzählstränge erhält. Bis zu dem Zeitpunkt an dem sowohl Adas als auch Inmans Geschichte parallel auf ein gemeinsames Ziel zulaufen, verliert der Film auch gleichermaßen an Tempo, wie er an inhaltlicher Tiefe hinzugewinnt, ohne dabei einige Längen verschweigen zu können. Ein Film der weniger von seinen Dialogen lebt als von sanften Gesten und beeindruckenden Bildern, läuft allzu leicht Gefahr zum langweiligen Rührstück zu verenden, besonders real wird diese Befürchtung bei Adaptionen großer Romane. Cold Mountain umgeht kitschige Passagen weitgehend, die natürlich nicht ausbleiben, aber in der Gesamthandlung des Films überraschend dezent aufgetragen sind und von der temporeichen, turbulenten Geschichte verdeckt werden, die im Grunde zu keinem Zeitpunkt langweilig wird oder derart abschweift, dass eine unüberbrückbare Leere entsteht.

Die anfangs erwähnten Vergleiche zu ?The English Patient?, Minghellas mehrfach ausgezeichnetes Drama, sind auch in einer unmittelbaren Betrachtung beider Filme legitim. Nicht nur die Feststellung, dass ein Großteil der verantwortlichen Kreativen bereits bei der filmischen Umsetzung von Ondaatjes Roman mitwirkten, lässt einige Vergleiche zu. Beginnend bei Minghellas Inszenierung, die in Cold Mountain längst nicht so unbestimmt und langsam vortastend erfolgt, über Gabriel Yareds musikalische Untermalung und die nach wie vor traumhaften Landschaftsporträts von John Seale, erinnert alles an klassische Elemente epischen Kinos. Cold Mountain ist in dieser Hinsicht ein kalkulierter Film mit erwartetem Erfolg und bereits bekannter Handlung. Minghella gelingt es vortrefflich großes Ausstattungskino zu erzählen, dass sich einer soliden handwerklichen Basis versichern kann. Doch um aus Cold Mountain letztlich mehr als eine reine Adaption von Fraziers Geschichte zu machen und darüber hinaus möglicherweise Kinomomente für die Ewigkeit zu kreieren, fehlt es dem Werk in bestimmten Augenblicken an Überraschung, an unvergesslichen Dialogen und am wichtigsten, an dem kleinen Stück filmischer Magie.

Zu vorhersehbar entwickelt sich die Liebesgeschichte zwischen Ada und Inman, schwankt zwischen dramatischer Tragik und hoffnungsvoller Poesie und ist dennoch zu keinem Zeitpunkt zäh oder künstlich. Die Zutaten sind alle vorhanden. Im Grunde kann man den Kreativen kaum den Vorwurf machen, dass Potenzial der Geschichte nicht genutzt oder unzureichend ausgefüllt zu haben. Herausragende schauspielerische Leistungen, die sich in diesem Fall hauptsächlich auf die Schultern der Nebendarsteller verteilen, von denen Zellwegger die beste und sympathischste Leistung bringt, sowie ein beinahe unwirklich gutaussehender Jude Law, der in der Lage ist die Last der Hauptfigur zu tragen und nicht länger nur als darstellerisch variabler Nebendarsteller brilliert, erwecken die Seele des Films zum Leben. Law hat die schwierige Aufgabe Inman hauptsächlich über Gestik und Mimik zu veräußern, da sein Charakter nur wenig Worte gebraucht, um auszudrücken, was er und wie er fühlt. Minghella kann auf das sichere Spiel seiner Darsteller vertrauen und hat außerdem mit Gabriel Yared den Komponisten zur Seite, der bereits ?The English Patient? veredelte. Auch hier ist seine Untermalung eine Stärke des Films, erinnert zuweilen gar an das vorherige Werk, hat aber zunächst nicht ganz die Aussagekraft. Musik war und ist ein Bestandteil von Minghellas Filmen, in denen Instrumente oder Gesang viel von der Atmosphäre der Handlung tragen und ein Stückweit Teile der Geschichte und Gefühle der Figuren erzählen.

Cold Mountain ist ein handwerklich guter Film, mit all dem ausgestattet, was episches Kino braucht und wovon es lebt. Liebe, Krieg, Leben, Tod, Dramatik, Freundschaft, Tragik. Ein strahlendes Plädoyer für die Liebe und gegen den Krieg. Bis auf eine imposante und verstörend realistische Schlachtszene zu Beginn des Films verzichtet Minghella auf die hervorstechendsten Merkmale des Krieges, macht seine immense zerstörerische Kraft jedoch durch das harte Schicksal seiner Hauptfiguren deutlich. Auf besonders eindringliche Art und Weise beschreibt Cold Mountain die Auswirkungen die der Bürgerkrieg mit sich bringt, die Verwundungen, die er hinterlässt und zeichnet in bewegenden Bildern jene Narben nach, die niemals heilen werden. Das Schicksal der Hauptfiguren ist beispielhaft für die Sinnlosigkeit der Gewalt, die selbst jene in ihren Sog zieht, die nichts mit ihr gemein haben. Zu guter letzt verspricht Cold Mountain Hoffnung auf bessere Tage, symbolisiert mit Inmans Reise die teilweise Heilung der Wunden, die auf der Seele zurückbleiben. Eine Reinigung, die mit der Vorstellung zusammenhängt, das irgendwo an einem besseren Ort jemand wartet.

10 Bewertungen