A.I. - Künstliche Intelligenz (DVD) Testbericht

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Erfahrungsbericht von katapult

Pinochios ödipale Odyssee

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

„Kubrick würde immer noch drehen\", mutmaßt Jan Harlan. Als Schwager und Produzent von Stanley Kubrick muss er das ja einschätzen können. Nur fragt man sich, wie er seine Aussage bewertet. Ist es tröstlich, dass der Stoff, mit dem sich Kubrick fast ein Jahrzehnt lang herumgeschlagen hat, jetzt doch noch in die Kinos gekommen ist? Oder hätte die Filmgeschichte auch gut auf Spielbergs Version verzichten können?

Kubrick wird den Film mögen. Das sei jetzt mal so locker gemutmaßt. Irgendwo da oben im Himmel wird er sich den Streifen immer wieder ansehen und sich ganz sicher sein, daß noch niemals einem Regisseur eine so schöne Hommage gewidmet worden ist. Dass da dick aufgetragen wird, dürfte ihn nicht großartig stören. Und für eine ultimative Lobhudelei auf einen der großartigsten Regisseure wo gab ist doch nur „powerd by emotion\"-Spielberg geeignet, oder?
Moment! Naja, die großen Gefühle kann der Spielberg ja schon abrufen, die hat er ja perfekt standardisiert - mag man einwenden - aber ein Crossover der beiden Künstler kann doch nicht funktionieren; das ist doch geradezu ein Sakrileg, ausgerechnet Spielberg auf Kubricks Drehbuchfragment anzusetzen.
Nö. Das funktioniert schon. Ist halt nur ungewöhnlich. Und das geht so:

Irgendwann in ferner Zukunft hat eine Naturkatastrophe die Welt grob verändert. Die Pole sind geschmolzen, die Menschen teilen sich knappe Ressourcen, und Mechas, fast perfekte Roboter, sind äußerlich kaum noch von unserer Gattung zu unterscheiden. Die Mechas können viel. Sie erfüllen alle Dienstleistungen, im Haushalt und im Bett (das kann man sich in etwa vorstellen wie in - den leicht in Vergessenheit geratenen Filmen - „Westworld\" und „Futureworld\").
Und die neueste Erfindung ist ein „David\". Dieses Modell sieht aus wie ein schnuckeliger kleiner Junge. Alle möglichen Mutter- und Niedlichkeitsgefühle löst er aus; ganz so, als seien wir Menschen programmiert, und nicht die Mechas.

Das David wird nun auf eine Odyssee geschickt, die seinesgleichen sucht. Zuerst wird es in einer Familie den Platz des einzigen Sohnes einnehmen, denn die Eltern haben ihr Kind tiefgekühlt und warten auf Heilungschancen für den erkrankten Kleinen.
Nur zögerlich akzeptiert die Mutter das Sohn-Surrogat. Soll wirklich ein Mecha dazu in der Lage sein, ihre mütterlichen Bedürfnisse zu befriedigen? Sobald sie aber das David auf die bedingungslose Mutterliebe programmiert (eine unglaublich gute Szene) und sich in der folgenden Zeit schon fast an das David gewöhnt hat, kommt der humane Sohn geheilt zurück zur Kleinfamilie.

Im Wald ausgesetzt findet sich das David dann plötzlich wieder. Ist ja nur ein Mecha, denkt sich die Mutter wohl dabei. Da hier aber Spielberg am Werk ist geht spätestens in dieser Szene die emotionale Folter los. Es ist so einfach, den Zuschauer zum Heulen zu bringen (Komik zu bewirken dagegen so schwer), und hier ist Spielberg in seinem Metier. Das David erkennt die Situation, die Mutter die Tragweite ihres Handelns, und es gibt keine Trennung mehr zwischen Leinwand und Publikum - alles flennt. (Spätestens in dieser Szene wird Kubrick sich vielleicht denken: „Ach Spielberg, irgendwie mag ich dich ja doch\".) Jetzt fragt sich das kleine David, warum seine Liebe denn nicht erwidert wurde. Weil es kein richtiger Mensch ist, vermutet es ganz richtig.
Und schon wären wir bei einem zentralen Motiv des Films angelangt: „A.I.\" ist u.a. auch eine Pinocchio-Variation. Die Blaue Fee muss gesucht werden - die, die aus das David den David machen kann.

Der Mittelteil des Film führt uns in der Welt der ausgestoßenen Mechas. Diese Outlaws werden immer wieder von den Menschen gejagt und vernichtet, damit die Zahl der Roboter möglichst gering bleibt. Zu diesem Zwecke lässt man Flesh Fairs veranstalten - Zirkusspiele, bei denen Mechas hingerichtet werden, indem man sie beispielsweise in rotierende Ventilatoren katapultiert. Aber das David kann entkommen, und freundet sich dabei mit dem Sex-Roboter Joes (Jude Lawe) an.
Wie aber kann das David seine gute Fee finden? Dazu braucht es noch ein paar Stationen. Die Vergnügungsstadt „Rouge City\" und das überflutete Manhattan werden die nächsten Schauplätze bei der Suche nach der finalen Menschwerdung sein.
Und dann wird das David sein Ziel erreichen, aber das Happy End kann das noch nicht gewesen sein; das ahnt der Zuschauer schon irgendwie. Deshalb muss der Film noch weiter gehen. Etwa 2000 Jahre werden übersprungen. Und das David lebt noch, ganz allein ist es auf unserem Planeten. Doch nicht lange, es kriegt Besuch.

Der Schlussteil dürfte so manchem Zuschauer wohl den Spaß verderben. Man erlebt den größtmöglichen Kitsch, eine unvorstellbare Reise in Spielbergs scheinbar grenzenlosen Vorrat an noch nicht verfilmten großen Gefühlen, Gesten und Bildern. Für das David ist das Ende seiner Odyssee kathartisch. Für das Publikum allerdings nur dann, wenn es dazu in der Lage ist, ganz entsetzlich viel Pomp und Pathos über sich ergehen zu lassen (der Schreiber dieser Zeilen konnte dem viel abgewinnen).

Das Finale erinnert sehr an die Reise durch Raum und Zeit in Kubricks Meisterwerk „2001 - Odyssee im Weltraum\". Überhaupt schimmert Kubricks Handschrift immer mal wieder durch: in den langen Szenen mit ihren konzentrierten Dialogen und in der kühlen, analytischen Form. Doch Letzteres wird halt immer wieder mit Spielbergs Gefühlsduselei übermalt (der permanente Musikteppich ist ebenfalls - gelinde ausgedrückt - übertrieben). Ob man den Film mag oder nicht wird wohl durch ganz viele Parameter entschieden: wie steht man zu Kitsch, wie zu Spielberg und Kubrick, und lässt man eine Fusion der Gegensätze zu?!

Kubrick hielt es lange Zeit für unmöglich, den Stoff in einer angemessen Form umzusetzen. Dann sah er „Jurassic Park\" und erkannte die Möglichkeiten der Computeranimation und übergab das Projekt an Spielberg. Und jetzt haben wir den Salat. Kein homogenes Werk, nicht Kubrick, nicht Spielberg - der vielleicht seltsamste Crossover der Filmgeschichte ist daraus entstanden.
Und doch (oder gerade deshalb) lohnt es sich, den Film anzuschauen. „A.I.\" erzählt eine spannende Geschichte, zeigt großartige Bilder und Haley Joel Osment (ihn kennt man aus „The Sixth Sense\") gelingt eine sensationelle schauspielerische Leistung.

Vielleicht denkt Kubrick jetzt da oben ähnlich. Vielleicht denkt er sich aber auch: „Oh Mann! Jetzt würde ich dem Spielberg mal gerne zeigen, wie meine Version von „E.T\" aussehen würde.\"

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