Chihiros Reise ins Zauberland (VHS) Testbericht

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ab 13,76
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Erfahrungsbericht von Daverigger

8 Millionen Götter, und alle wollen baden ...

Pro:

Wunderbare , äußerst liebevolle und detailierte Zeichnungen, Starke Story, schöne Synchro, toller Soundtrack, abwechslungsreich und an keiner Stelle langweilig!

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Eine hellblaue Kinoleinwand. Ein weißer Schriftzug.

„Studio Ghibli“

Ich fange an, unruhig auf meinem Kinositz hin- und her zu wackeln, doch endlich kommt die erste Szene. Ein rosaroter Blumenstrauß. „Chihiro. Chihiro, wir sind gleich da!“. Es beginnt ein Film, auf den ich sehnsüchtig gewartet habe, von dem ich außergewöhnlich viel erwarte. Ein Film, der meine Erwartungen gar zu übertreffen vermochte!


„Warum muss der erste Blumenstrauß den man mir schenkt ein Abschiedsstrauß sein?“

Chihiro und ihre Eltern ziehen in eine neue Stadt. Als sich ihr Vater verfährt und vor einem alten Vergnügungspark hält, hat Chihiro ein schlechtes Gefühl. Ihre Eltern sind neugierig und betreten den Park. Alles ist innerlich zerfallen, auf der anderen Seite des Eingangstunnels jedoch blüht die Natur und frische, köstliche Speisen stehen in verlassenen Restaurants herum. Chihiro sieht sich sehr nervös und ängstlich die nah gelegene Brücke an, während ihre Eltern in einem Restaurant sitzen und essen. Plötzlich taucht ein Junge neben ihr auf, der nur wenig älter aussieht als sie. Es wird Nacht und er bringt sie wieder auf die andere Seite der Brücke, während schon die ersten Lichter am Straßenrand entfacht werden. Als sie ihre Eltern sucht, findet sie nur zwei gigantische Schweine in Menschenkleidung. In ihrer Panik läuft sie umher und sieht mit an, wie sich die verlassene Straße mit Geistern füllt, die anscheinend alles für den Besuch von Gästen vorbereiten. Der Junge, der sich Haku nennt, rettet Chihiro. Sie befindet sich, wie sie später herausfindet, in einem Erholungsgebiet mit gigantischem Badehaus für japanische Götter und Geister, das von einer grausamen Hexe namens Yu-Baaba geführt wird. Nur wenn Chihiro für sie arbeitet kann sie überleben, sonst wird sie wie ihre Eltern ein Schwein und früher oder später geschlachtet. Für Chihiro bricht eine schwere Zeit an. Yu-Baaba gibt ihr den Namen Sen, da sie alle Diener durch ihre wahren Namen kontrollieren kann. Ganz auf sich gestellt muss Chihiro schwerste Arbeiten erledigen. Haku hat ihr zwar versprochen, sie zu retten, das Vorhaben braucht jedoch Zeit.
Während ihres Aufenthaltes im Badehaus kommen viele Abenteuer und neue Charaktere auf sie zu. Ein Flussgeist wird unter anderem auf abenteuerliche Weise von der Verschmutzung der Menschen gereinigt und der geheimnisvolle Ohn-Gesicht taucht auf, ein durchsichtiger, dunkler Geist mit einer ausdruckslosen Maske, der nicht sprechen kann. Als jedoch eines Tages Haku schwer verletzt in das Badehaus zurückkehrt, wird sich Chihiro ihrer eigenen Stärken bewusst und muss erkennen, dass nichts so ist, wie es scheint und das es nun alleine an ihr liegt, ob sie jemals wieder mit ihren Eltern nach Hause zurückkehren kann. Nur ein Besuch bei Yu-Baabas Schwester kann Haku und ihr jetzt noch helfen ...


„Chihiros Reise ins Zauberland“ ist ein absolut zauberhafter Film, der zeichnerisch und Storytechnisch eine Detailverliebtheit bietet, von der man in den modernen Disney-Schinken nur träumen kann. Flächendeckend detaillierte Personen, Gebäude, Tiere und Gebilde lassen den gesamten Film äußerst plastisch wirken. Schon Miyazakis vorheriges Meisterwerk „Mononoke Hime“ beeindruckte durch eine große Leistung der Zeichner, „Sen-to Chihiro no kamikakushi“ (Japanischer Originaltitel) steht diesem in nichts nach. Durch den Verzicht auf komplette Computeranimierte Szenen und nur äußerst selten eingesetzte Computeranimationen strahlt der Film ein Gefühl aus, das ihn direkt sympathisch erscheinen lässt. Er hat Herz, was ich bei den meisten neuen Disney-Filmen vermisse.
Die Designs der einzelnen Charaktere und Figuren sind sehr schön gelungen, ganz besonders die vielen Götter, die sich im Badehaus der Hexe erholen und/oder dort essen, sind äußerst abwechslungsreich gestaltet. Ich musste oft grinsen, weil sich die Gestalten so gut abgewechselt haben. Ein furchterregendes Geschöpf neben einer Kreatur die so niedlich aussieht das es Zahnschmerzen verursacht, der dritte Gott daneben sieht wiederum mehr als nur lächerlich aus, so das man fast laut loslachen will.
Neben den Charakter-Designs und der wunderschönen Zeichenkunst ist die Musik im Film genauso bemerkenswert! Hayao Miyasaki hat mit Joe Hisaishi einen wahren Glücksgriff gemacht. Der Soundtrack versetzt durch eine gelungene Mischung aus westlicher und östlicher Klassik sowie traditionellen japanischen Instrumenten und sehr melodischem, wundervollem Gesang in Traumwelten. Mal laut, mal leise, Orchestral oder fast ausschließlich auf dem Klavier, stets passt die jeweilige Melodie perfekt zum Geschehen, nirgends wirkt die musikalische Untermalung unpassend oder störend.

Wie in Filmen von Miyazaki typisch werden Charaktere nicht als grundsätzlich gut oder böse dargestellt, was ich ausgesprochen gut finde! Disney achtet darauf, stets die typischen Rollenklischees zu verwenden. Ein paar Nette gute, ein paar rüpelhafte böse, hier ein Spaßvogel, dort vielleicht ein Tollpatsch, schon ist der nächste Film fertig. Ganz anders jedoch sieht es im richtigen Leben aus, und so sind auch die Charaktere in „Chihiros Reise ins Zauberland“ aufgebaut. Niemand ist generell gut oder böse. Haku ist nett zu Chihiro und hilft ihr, gleichzeitig führt er aber auch Diebstähle und schwere Verbrechen für Yu-Baaba aus, die zwar ihr großes, fettes Baby über alles liebt, aber dennoch als skrupellose Geschäftsfrau und Hexe über Leichen geht. Genauso stellen sich in kleinerem Rahmen die Götter und Geister dar, die ja größtenteils nur Nebenrollen spielen. Auch Ohn-Gesicht, ein Geist ohne Gesicht, der nicht sprechen kann und stets über seinem schwarzen, nebelhaften Körper eine ausdruckslose Maske trägt ist nicht festgelegt. Er ist nett zu Chihiro und mag sie, doch andere frisst er auf und nutzt die Goldgier der Arbeiter im Badehaus für seine Zwecke.

Ein ähnlicher Aspekt, ja fast schon eine gewisse Motivik, die sich schon durch Mononoke Hime zog, ist die „Wandlung, Veränderung“, egal ob zum Guten oder zum Schlechten. Besonders schön ist Miyazaki dies bei der Figur des Ohn-Gesichts gelungen, die zwar nur am Rande wichtig erscheint, vielleicht aber gerade in ihrer verspielten Art für Kinder ein Blickfang sein kann. Ohn-Gesicht ist zu Beginn nur hier und da im Bild. Nach seiner Fress-Orgie im Badehaus, als er drei Mitarbeiter und alle möglichen Lebensmittel gefressen hat, ist er dick, aufgebläht und unverschämt, obwohl er vorher immer freundlich zu Chihiro war. Als sie ihn nach und nach wieder normalisiert und der die Leute ausspuckt wird er wieder der Alte. Als sie später bei Yu-Baabas Schwester zu Besuch sind und Kuchen essen, sitzt Ohn-Gesicht unglaublich friedlich am Tisch und man sieht ihn am Rande des Bildes ein Stückchen Kuchen mit einer Gabel essen, langsam, bedacht und mit besten Manieren. Es sind solche Kleinigkeiten, die den Film auszeichnen und Ohn-Gesicht ist in dieser Hinsicht nur die Spitze des Eisbergs!

Auch die Mischung aus Mythologie und aktuellen Themen steht bei Filmen von Miyazaki stets im Vordergrund und auch hier gelingt ihm wieder das Aufbereiten solcher Themen perfekt. Als Beispiel nenne ich nur den Geist eines Flusses, der wie ein riesiger Schlammklumpen das Badehaus betritt, dort auf chaotische Art und Weise von Chihiro von Schmutz und Unrat in Form von Schrott und Giftmüll befreit wird und gesund und sauber wieder zu seinem Fluss zurückkehrt.
Die Mythologie Japans wird in diesem Film nicht erklärt, das darf man auch nicht erwarten, schließlich ist Japan auch das Zielpublikum Nr.1 des Films, und dort weiß man um solche Themen einfach bescheid. In Europa würde auch niemand extra die komplette Bibelgeschichte erklären, bevor der Film „Dogma“ oder „Stigmata“ beginnt. Abgesehen davon finde ich die Darstellung der Vielfältigkeit der japanischen Gottheiten und vor allem Geister sehr gelungen! Die Unzähligen „Kamis“ sehen optisch einfach klasse aus, auch Yu-Baabas Satz „Die über 8 Milionen Göttern wollen in unserem Haus schließlich besten Service geboten bekommen!“ kommt toll rüber!

Was mich sehr überrascht hat war die Qualität der Synchronisation. Ursprünglich wollte ich mir den Film nur im japanischen Original mit englischen Untertiteln ansehen, um einerseits keine Übersetzungsfehler und Unsinnigkeiten dergleichen miterleben zu müssen, andererseits hatte ich keine Lust auf seltsame stimmen, die entweder viel zu seltsam und unmotiviert oder einfach zu den Charakteren und Figuren unpassend klingen. Die enorm gute Qualität der deutschen Synchronisation hat mich am Ende jedoch absolut positiv überrascht. Man hat das Gefühl, als säße man in einem Realfilm, so gut wurden die Stimmen abgemischt. Nie bewegen sich noch Münder, auch wenn die Stimmen schon verebbt sind, auch Stimmen ohne jegliche Mundbewegungen sucht man vergebens.

Wer schon den Film „Mononoke Hime“ gesehen hat wird im Design einiger Figuren vielleicht ein Déjà-vu erleben. So sieht der Ohn-Gesicht teilweise aus wie der Wildschweingott am Anfang von „Mononoke Hime“, und auch manche Geister und Götter besitzen Ähnlichkeit mit den kleinen Waldgeistern, den Kodamas. Aber dies ist schon eher zu verzeihen, da diese sicher auch mal ein Bad bei Yu-Baaba nehmen wollen!

Nach allem Lob muss ich jedoch auch kritisieren. Dies jedoch nicht am Film selbst, sondern an den europäischen, ganz besonders den deutschen FSK-Maßstäben.
Der Film hat keinerlei Altersbegrenzung, was ich absolut unangemessen finde. Das Kino war nicht besonders voll und doch haben einige kleine Kinder angefangen zu weinen, mussten mitten im Film rausgebracht oder lange von den Eltern beruhigt werden. Ich mache den Eltern keinen Vorwurf, denn diese können bei einem Film ohne Altersbegrenzung nicht unbedingt ahnen, dass er von der FSK-Stelle falsch bewertet wurde. Manche Szenen sind sehr Actionreich, manche Götter und Geister sehen furchterregend aus, das Ohn-Gesicht kann sicherlich Angst machen und die erste Begegnung von Chihiro und ihren zu Schweinen gewordenen Eltern ist auch nicht besonders kinderfreundlich. Das ist aber nicht der Fehler von Miyazaki, denn der Film ist auch nicht für so kleine Kinder gedacht, die ganz nebenbei die Geschichte nicht mal im Ansatz verarbeiten können. Daher mein Rat an Eltern: Entweder den Film vorher selbst ansehen um entscheiden zu können oder abwarten bis das Kind sechs oder sieben Jahre auf dem Buckel hat. Vorher hat es meiner Ansicht nach keinen Sinn. Ein Kind soll Freude an einem Film haben, er soll es nicht erschrecken!


Was hat man also im Endeffekt von „Sen-to Chihiro no kamikakushi“ oder „Spirited away“ oder „Chihiros Reise ins Zauberland“ zu erwarten? Natürlich höchsten Kinogenuss!
Der Film ist wunderbar gezeichnet, die Charaktere wirken sehr lebensnah und plastisch, genauso wie die kompletten Zeichnung auch. Die Musik passt einfach immer und überall, die Fabelhafte Synchronisation ist eine mehr als gelungene Überraschung für alle Anime-Fans. Das Miyazaki mit diesem Film den goldenen Bären und den Oscar abgeräumt hat ist mehr als nur verdient.
Die Geschichte um das kleine Mädchen Chihiro, das im Kampf um die eigene Identität in einer magischen Welt voller Zauberkraft und Abenteuer seine Eltern und ihren Freund vor den Klauen einer bösen Macht retten will, ist nach Mononoke Hime der zweite Meilenstein in den Referenzen von Hayao Miyazaki und definitiv einen Kinobesuch wert. Ein liebenswertes Märchen, das durch eine beinahe zärtliche Musik und viele zeichnerischen Eigenarten eine Geschichte präsentiert, die für 125 Minuten mehr als nur unterhält!

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