Das Wunder von Bern (VHS) Testbericht
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Auf yopi.de gelistet seit 10/2004
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Erfahrungsbericht von Nutsi
Weisheiten einer Putzfrau
Pro:
sehr kurzweilig
Kontra:
manchmal etwas unrund
Empfehlung:
Ja
***Vorwort***
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich während meines Hamburg Aufenthalts im November, obwohl ich kinderfrei war, nichts besonderes unternommen habe, wie mal wieder tanzen gehen, Cocktails schlürfen oder ein Museum besuchen. Aber wenigstens war ich seit sehr langer Zeit mal wieder im Kino (das letzte mal war ich in Matrix II und den fand ich total doof). Früher war ich super oft im Kino, mindestens einmal in der Woche, aber mit zwei kleinen Kindern ist es immer ein riesen Staatsakt einen Besuch im Lichtspieltheater zu organisieren und deswegen sind solche netten Abende eher spärlich gesät.
So gesehen habe ich mein kinderloses Wochenende im Hamburg doch wenigstens ein bisserl genutzt.
Eigentlich wäre ich gerne in Rosenstrasse gegangen, aber der lief im Kino in Hamburg-Harburg (wo wir bei Freunden wohnten) an dem Tag leider nicht. Also entschieden wir uns für „Das Wunder von Bern“.
***Die Story***
Wir schreiben das Jahr 1954, unendliche Weiten... äh nein, eher unendlicher Ruhrpott Charme. Wir befinden uns bei der Familie Lubanski. Mutter Christa und ihre Kinder Bruno, Inge und Matthias sind ein eingespieltes Team, sie haben nach dem Krieg eine Kneipe eröffnet und bestreiten damit ihren Lebensunterhalt. Eigentlich sind sie recht glücklich. Doch dann kommt das Familienoberhaupt Richard Lubanski nach elf Jahren aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Der Mann ist vom Krieg und von der Gefangenschaft schwer gezeichnet und schafft es psychisch nicht seine ehemalige Arbeit im Bergwerk wieder aufzunehmen. So versucht er wenigstens „wieder Disziplin“ in die Familie zu bringen und geht dabei wenig sensibel vor. Matthias, der jüngste Sohn hat am schwersten mit der Rückkehr seines Vaters zu kämpfen.
Doch schließlich finden die beiden über den Fussball zusammen. Zunächst ist der Vater zwar eifersüchtig auf Helmut Rahn, weil sein Sohn den Taschenträger für ihn spielt und den „Boss“, wie der Nationalspieler und Spieler bei „Rot-Weiß-Essen“genannt wird, übermäßig anhimmelt.
Letztendlich wird aber alles und der Vater leiht vom Pfarrer (!!) ein Auto, um mit seinem Sohn nach Bern zum Endspiel Deutschland gegen Ungarn, zu fahren.
***Meine Meinung***
In „Das Wunder von Bern“ bin ich mit recht hohen Erwartungen gegangen, weil ich von allen Seiten (Freunden, Radio...) nur Lobeshymnen für diesen Film gehört habe. Und wie es einen mit zu hohen Erwartungen geht, ist von vornherein eigentlich klar: man wird enttäuscht.
Ich will damit nicht sagen, dass ich den Film schlecht oder blöde fand –ganz im Gegenteil-, aber ich hatte irgendwie doch etwas Mitreißenderes erwartet.
Doch was sind denn nun meine genauen Kritikpunkte?
Was mich eigentlich am meisten an dem Film gestört hat, ist dass der Reporter des Endspiels so lasch kommentiert hat. Darauf habe ich mich eigentlich mit am meisten gefreut.
Ich bin zwar nicht der aller größte Fussball-Fan (obwohl ich Kaiserslautern seit Jahren die Treue halte und nie irgendeine WM oder EM verpasse), aber die legendäre Sätze des Sportkommentators Herbert Zimmermann:
„Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen ... Rahn schießt ... Tor! Tor! Tor! Tor! [....] Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister. Schlägt Ungarn mit drei zu zwo Toren im Finale in Bern!“ kennt doch wohl jeder. Herr Zimmermann hat beim wirklichen Spiel den Ball förmlich ins Tort geschrien, wie so schön gesagt wird, aber der Kommentator im Film war super ruhig und nicht wirklich enthusiastisch. Wer den Original noch nicht kennen sollte kann ihn sich unter http://www.wunder-von-bern.de/turnier_endspiel.htm anhören. Bei 1:19 min und 4:12 findet ihr die von mir zitierten Sätze.
Vor dem Film habe ich in einem Infoblättchen von TV-Movie gelesen, dass die Zuschauer im Endspiel per Computer reingebaut wurden und ich finde, dass hat man mehr als deutlich gesehen. Ich weiß zwar nicht, ob es mir aufgefallen wäre, wenn ich es vorher nicht gelesen hätte, aber so empfand ich dass künstlich animierte Publikum als sehr störend. Ich bin zwar kein Filmemacher, aber ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es so schwer sein soll 65.000 (soviel Zuschauer waren nämlich beim Endspiel) Statisten aufzutreiben, die sich mal 10 min filmen lassen. Klar ist das ein riesen Aufwand, aber es müssten ja nur die ersten paar Reihen mit Original 50er Klamotten ausstatten. Man bräuchte doch bestimmt nur ein Viertel der Leute (also 16250), denn man sieht doch sowieso nie das ganze Stadion. Ok, ich glaube, wie ich das hier so gerade schreibe, dass ich wirklich keine Ahnung habe, aber ich stelle es mir nicht zu unrealisierbar vor, schließlich wurde sogar das komplette Stadion nachgebaut, weil das Wankdorf-Stadion seit 2001 nicht mehr steht... Hätte Sönke 2 Jahre vorher gedreht, hätte er sich das Geld für den Nachbau des Stadions sparen können und dafür richtige Zuschauer nehmen können.
Was mich innerhalb der Story um das Wunder von Bern stört ist der Einbau des Pärchens Ackermanns. Der jung Reporter Paul Ackermannund seine frisch Angetraute Annette Ackermann sind zwar sehr sympathisch und auch irgendwie lustig, aber irgendwie wollen sie sich nicht so richtig in Geschehen einfügen. Sie tragen nichts zum Inhalt der Geschichte bei (deswegen werden sie auch nicht in meiner Inhaltsangabe am Anfang des Berichts erwähnt) und kommen auch nicht mit den Hauptprotagonisten wirklich in Berührung, außer dass sie den betrunkenen Rahn finden und Paul Ackermann während der Pressekonferenzen dämliche Fragen an Sepp Herberger stellt oder besser gesagt stottert.
Ich glaube die beiden wurden nachträglich in die Geschichte eingebaut, um ein paar Dinge rund um die Weltmeisterschaft zu klären und die teilweise doch sehr trübsinnige Geschichte ein wenig auf zu lockern, aber irgendwie ist das Herrn Wortmann nicht wirklich gelungen. Die Ackermanns wirken einfach zu konstruiert und machen den Film etwas holprig, womit ich sagen will, dass sich die Geschichten innerhalb der Geschichte nicht schön schließen, sondern einfach teilweise abgehackt so stehen bleiben, ohne aufgeklärt zu werden.
Genauso ist es mit dem großen Bruder von Hauptdarsteller Louis Klamroth alias Matthias Lubanski. Bruno (dargestellt von Mirko Lang, der übrigens super schnuffig aussieht) ist großer KPD-Fan und Musiker in einer Band. Als er die Eskapaden des Vaters nicht mehr erträgt, packt er eines nachts seine Sachen und verschwindet. Seinem kleinem Bruder erklärt er, dass er nach Ost-Berlin geht, weil dort alle Menschen gleich sind und jeder Arbeit hat. Matthias antwortet nur ganz trocken, dass es so was doch gar nicht gibt!!! Diese Szene an sich finde ich super klasse, weil sie leicht ironisch ist und doch soviel Wahrheit in sich trägt.
Aber wie es Bruno mit seinem Traum vom gerechten Osten mit der wahren Weltanschauung wirklich ergeht und ob er es schafft vor dem Mauerbau wieder zu seiner Familie zurück zu kehren, erfährt man nicht. Man sieht ihn nur einmal im FDJler Hemd das Endspiel im Fernseher anschauen, aber sonst bleibt die Rolle Bruno auch nur ein loser Faden, der sich nicht richtig ins Gesamtwerk einfügen will.
Aber ich will nicht nur meckern, es gab auch vieles positives an dem Film:
Zum einem ist der Film wirklich sehr kurzweilig, als er zu Ende war, war ich fast ein bisserl enttäuscht, dass es schon vorbei war. Man hätte den Film durchaus viel länger gestalten können, ohne dass er langatmig geworden worden wäre. So ist mein erster Pluspunkt direkt auch wieder ein Kritikpunkt. Hätte er Wortmann mehr Zeit für seinen Film verwendet (nicht zum machen, dafür hat er glaube ich sogar vier Jahre gebraucht, sondern für die Spielfilmlänge) hätte er noch viele lose Enden verknüpfen können.
Zum anderen wäre positiv zu bemerken, dass die Spielstränge „Weltmeisterschaft“ und „Familie Lubanski“ oft das gleiche Thema hatten. Ging es z.B. um die Einheit in der Familie, so folgte in der nächsten Szene der Fussballer auch, dass Thema Einheit in der Mannschaft. Oder Disziplin für die Familie, Disziplin für die Mannschaft. Damit hat er Wortmann eine schöne indirekte Verknüpfung der beiden Themen geschaffen, die eigentlich sonst nicht viel gemeinsam haben.
Außerdem waren wirklich alle Schauspieler ausnahmslos super. Besonders gefielen mir neben den beiden Hauptdarstellern (die auch in Wirklichkeit Vater und Sohn sind) die Mutter, Sepp Herberger, Annette Ackermann und Bruno Lubanski.
Da ich erst 1977 geboren bin und selbst meine Mutter 1954 erst drei Jahre alt, kann ich nicht aus persönlicher Erfahrung sagen, ob der Zeitgeist von damals im Film gut getroffen wurde. Aber der Vater meiner Freundin, mit der ich den Film gesehen habe, war zur der Zeit ein Teenager und der hat sich den Film gleich zweimal angesehen. Er hat erzählt, dass es damals wirklich exakt so zuging wie im „Das Wunder von Bern“. Die gleichen Tragödien der Kriegsheimkehrer, aber auch der gleiche Jubel als Deutschland dann Weltmeister wurde. Für die gebrochene Nation der Kriegsverlierer wäre dieser Fussballsieg wirklich ein sehr einschneidendes und befreiendes Erlebnis gewesen.
Ich finde es super, dass es endlich einen Film gibt, in dem die Deutschen etwas zeigen worauf sie stolz sind. Ich bin weder Patriot noch sonst besonders intensiv mit Deutschland verbandelt (zumal ich eine Mischung auch Ungarin, Slowakin und Deutscher bin, also habe ich bei diesem Endspiel nicht nur gewonnen, sondern auch verloren!), aber mich nervt es, dass man nicht ein wenig Stolz auf Deutschland sein darf, ohne gleich als Nazi beschimpft zu werden.
In den USA wird der Nationalstolz den Kinder mit der Muttermilch eingeimpft und das findet auch (fast) niemand verwerflich, obwohl die Vereinigten Staaten ebenfalls sehr dunkle Episoden in ihrer Vergangenheit haben.
Für mich ist ein weiterer Pluspunkt für den Film (manche werden das eher negativ finden), dass er richtig ans Herz geht. Ich habe während des Films wirklich Rotz und Wasser geheult. Nicht laut schniefend, sondern ich war oft so berührt, dass mir die Tränen nur so übers Gesicht bis in den Ausschnitt liefen und ich nachher wirklich ganz nass war! Besonders rührend fand ich die Stelle, als der kleine Matthias mal wieder verletzt durch seinen Vater, allein am Bootssteg sitzt und die Mutter zu ihm kommt und versucht ein wenig Verständnis für den Vater bei ihm zu wecken, wobei sie ihn selbst und seinen Ärger und seine Wut sehr ernst nimmt.
Sowieso fand ich die Mutter sehr eindrucksvoll. Wie sie die Familie gemanagt hat und für den Lebensunterhalt sorgt, die Kinder super erzogen hat und für den Vater als Kriegsheimkehrer großes Vertsändnis aufbringt, ihm aber auch die Meinung sagt. Meiner Meinung bannt Sönke Wortmann mit diesem Film nicht nur eine Hommage an die Fussballweltmeister von 1954, sondern auch eine Ehrung der Mütter auf die Leinwand.
Toll fand ich auch die Ideen, wie er die ganzen Vorrunden Spiele, Viertel- und Halbfinale im Film untergebracht hat, ohne sie zu zeigen. Mal kamen die Spiele im Radio oder man konnte das Ergebnis in der Zeitung lesen, einmal bekam Matthias einen Endstand von einer Spielkameradin aufgeschrieben, weil er Stubenarrest hatte und nirgends das Spiel sehen oder hören konnte. Aber die beste Umsetzung, war natürlich die Idee, dass die Kinder (Matthias und seine Freunde) eine Fussballspiel nachkickten und dazu der Originalton des damaligen Kommentators zu hören ist.
***Darsteller***
Louis Klamroth (Matthias Lubanski)
Peter Lohmeyer (Richard Lubanski)
Lucas Gregorowicz (Paul Ackermann)
Katharina Wackernagel (Annette Ackermann)
Johanna Gastdorf (Christa Lubanski)
Mirko Lang (Bruno Lubanski)
Birthe Wolter (Inge Lubanski)
Peter Franke (Sepp Herberger)
Knut Hartwig (Fritz Walter)
Sascha Göpel (Helmut Rahn)
Holger Dexne (Horst Eckel)
***Daten zum Film***
Kino Deutschland: 16. Oktober 2003
Laufzeit Kino: 117 Minuten
FSK 6
Regie: Sönke Wortmann
***Fazit***
Obwohl ich den Film zu Anfangs so nieder gemacht habe, muss ich sagen, dass er alles in allem sehr gut. Von jedem ist etwas dabei: was zum Lachen, zum Weinen, zum Nachdenken und was für die Fussballer. Wobei letzteres manchen bestimmt zu knapp ausgefallen ist. Da der Film aber nicht ganz rund ist und ein paar leichte Schwachpunkte aufweist gebe ich vier Sterne und eine Empfehlung.
Man muss den Film aber nicht im Kino gesehen habe, ich denke daheim am Fernseher verliert er nicht allzu viel.
PS: Zu meiner Überschrift für alle, die den Film nicht gesehen haben: Seppherbergers Fussballphilosphien (\"Der Ball ist rund\", \"Der nächste Gegner ist immer der schwerste\", \"nach dem Spiel ist vor dem Spiel\" und \"Ein Spiel dauert neunzig Minuten\") hat er im Film von einer Putzfrau im Hotel. Das fand ich sehr lustig.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich während meines Hamburg Aufenthalts im November, obwohl ich kinderfrei war, nichts besonderes unternommen habe, wie mal wieder tanzen gehen, Cocktails schlürfen oder ein Museum besuchen. Aber wenigstens war ich seit sehr langer Zeit mal wieder im Kino (das letzte mal war ich in Matrix II und den fand ich total doof). Früher war ich super oft im Kino, mindestens einmal in der Woche, aber mit zwei kleinen Kindern ist es immer ein riesen Staatsakt einen Besuch im Lichtspieltheater zu organisieren und deswegen sind solche netten Abende eher spärlich gesät.
So gesehen habe ich mein kinderloses Wochenende im Hamburg doch wenigstens ein bisserl genutzt.
Eigentlich wäre ich gerne in Rosenstrasse gegangen, aber der lief im Kino in Hamburg-Harburg (wo wir bei Freunden wohnten) an dem Tag leider nicht. Also entschieden wir uns für „Das Wunder von Bern“.
***Die Story***
Wir schreiben das Jahr 1954, unendliche Weiten... äh nein, eher unendlicher Ruhrpott Charme. Wir befinden uns bei der Familie Lubanski. Mutter Christa und ihre Kinder Bruno, Inge und Matthias sind ein eingespieltes Team, sie haben nach dem Krieg eine Kneipe eröffnet und bestreiten damit ihren Lebensunterhalt. Eigentlich sind sie recht glücklich. Doch dann kommt das Familienoberhaupt Richard Lubanski nach elf Jahren aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Der Mann ist vom Krieg und von der Gefangenschaft schwer gezeichnet und schafft es psychisch nicht seine ehemalige Arbeit im Bergwerk wieder aufzunehmen. So versucht er wenigstens „wieder Disziplin“ in die Familie zu bringen und geht dabei wenig sensibel vor. Matthias, der jüngste Sohn hat am schwersten mit der Rückkehr seines Vaters zu kämpfen.
Doch schließlich finden die beiden über den Fussball zusammen. Zunächst ist der Vater zwar eifersüchtig auf Helmut Rahn, weil sein Sohn den Taschenträger für ihn spielt und den „Boss“, wie der Nationalspieler und Spieler bei „Rot-Weiß-Essen“genannt wird, übermäßig anhimmelt.
Letztendlich wird aber alles und der Vater leiht vom Pfarrer (!!) ein Auto, um mit seinem Sohn nach Bern zum Endspiel Deutschland gegen Ungarn, zu fahren.
***Meine Meinung***
In „Das Wunder von Bern“ bin ich mit recht hohen Erwartungen gegangen, weil ich von allen Seiten (Freunden, Radio...) nur Lobeshymnen für diesen Film gehört habe. Und wie es einen mit zu hohen Erwartungen geht, ist von vornherein eigentlich klar: man wird enttäuscht.
Ich will damit nicht sagen, dass ich den Film schlecht oder blöde fand –ganz im Gegenteil-, aber ich hatte irgendwie doch etwas Mitreißenderes erwartet.
Doch was sind denn nun meine genauen Kritikpunkte?
Was mich eigentlich am meisten an dem Film gestört hat, ist dass der Reporter des Endspiels so lasch kommentiert hat. Darauf habe ich mich eigentlich mit am meisten gefreut.
Ich bin zwar nicht der aller größte Fussball-Fan (obwohl ich Kaiserslautern seit Jahren die Treue halte und nie irgendeine WM oder EM verpasse), aber die legendäre Sätze des Sportkommentators Herbert Zimmermann:
„Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen ... Rahn schießt ... Tor! Tor! Tor! Tor! [....] Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister. Schlägt Ungarn mit drei zu zwo Toren im Finale in Bern!“ kennt doch wohl jeder. Herr Zimmermann hat beim wirklichen Spiel den Ball förmlich ins Tort geschrien, wie so schön gesagt wird, aber der Kommentator im Film war super ruhig und nicht wirklich enthusiastisch. Wer den Original noch nicht kennen sollte kann ihn sich unter http://www.wunder-von-bern.de/turnier_endspiel.htm anhören. Bei 1:19 min und 4:12 findet ihr die von mir zitierten Sätze.
Vor dem Film habe ich in einem Infoblättchen von TV-Movie gelesen, dass die Zuschauer im Endspiel per Computer reingebaut wurden und ich finde, dass hat man mehr als deutlich gesehen. Ich weiß zwar nicht, ob es mir aufgefallen wäre, wenn ich es vorher nicht gelesen hätte, aber so empfand ich dass künstlich animierte Publikum als sehr störend. Ich bin zwar kein Filmemacher, aber ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es so schwer sein soll 65.000 (soviel Zuschauer waren nämlich beim Endspiel) Statisten aufzutreiben, die sich mal 10 min filmen lassen. Klar ist das ein riesen Aufwand, aber es müssten ja nur die ersten paar Reihen mit Original 50er Klamotten ausstatten. Man bräuchte doch bestimmt nur ein Viertel der Leute (also 16250), denn man sieht doch sowieso nie das ganze Stadion. Ok, ich glaube, wie ich das hier so gerade schreibe, dass ich wirklich keine Ahnung habe, aber ich stelle es mir nicht zu unrealisierbar vor, schließlich wurde sogar das komplette Stadion nachgebaut, weil das Wankdorf-Stadion seit 2001 nicht mehr steht... Hätte Sönke 2 Jahre vorher gedreht, hätte er sich das Geld für den Nachbau des Stadions sparen können und dafür richtige Zuschauer nehmen können.
Was mich innerhalb der Story um das Wunder von Bern stört ist der Einbau des Pärchens Ackermanns. Der jung Reporter Paul Ackermannund seine frisch Angetraute Annette Ackermann sind zwar sehr sympathisch und auch irgendwie lustig, aber irgendwie wollen sie sich nicht so richtig in Geschehen einfügen. Sie tragen nichts zum Inhalt der Geschichte bei (deswegen werden sie auch nicht in meiner Inhaltsangabe am Anfang des Berichts erwähnt) und kommen auch nicht mit den Hauptprotagonisten wirklich in Berührung, außer dass sie den betrunkenen Rahn finden und Paul Ackermann während der Pressekonferenzen dämliche Fragen an Sepp Herberger stellt oder besser gesagt stottert.
Ich glaube die beiden wurden nachträglich in die Geschichte eingebaut, um ein paar Dinge rund um die Weltmeisterschaft zu klären und die teilweise doch sehr trübsinnige Geschichte ein wenig auf zu lockern, aber irgendwie ist das Herrn Wortmann nicht wirklich gelungen. Die Ackermanns wirken einfach zu konstruiert und machen den Film etwas holprig, womit ich sagen will, dass sich die Geschichten innerhalb der Geschichte nicht schön schließen, sondern einfach teilweise abgehackt so stehen bleiben, ohne aufgeklärt zu werden.
Genauso ist es mit dem großen Bruder von Hauptdarsteller Louis Klamroth alias Matthias Lubanski. Bruno (dargestellt von Mirko Lang, der übrigens super schnuffig aussieht) ist großer KPD-Fan und Musiker in einer Band. Als er die Eskapaden des Vaters nicht mehr erträgt, packt er eines nachts seine Sachen und verschwindet. Seinem kleinem Bruder erklärt er, dass er nach Ost-Berlin geht, weil dort alle Menschen gleich sind und jeder Arbeit hat. Matthias antwortet nur ganz trocken, dass es so was doch gar nicht gibt!!! Diese Szene an sich finde ich super klasse, weil sie leicht ironisch ist und doch soviel Wahrheit in sich trägt.
Aber wie es Bruno mit seinem Traum vom gerechten Osten mit der wahren Weltanschauung wirklich ergeht und ob er es schafft vor dem Mauerbau wieder zu seiner Familie zurück zu kehren, erfährt man nicht. Man sieht ihn nur einmal im FDJler Hemd das Endspiel im Fernseher anschauen, aber sonst bleibt die Rolle Bruno auch nur ein loser Faden, der sich nicht richtig ins Gesamtwerk einfügen will.
Aber ich will nicht nur meckern, es gab auch vieles positives an dem Film:
Zum einem ist der Film wirklich sehr kurzweilig, als er zu Ende war, war ich fast ein bisserl enttäuscht, dass es schon vorbei war. Man hätte den Film durchaus viel länger gestalten können, ohne dass er langatmig geworden worden wäre. So ist mein erster Pluspunkt direkt auch wieder ein Kritikpunkt. Hätte er Wortmann mehr Zeit für seinen Film verwendet (nicht zum machen, dafür hat er glaube ich sogar vier Jahre gebraucht, sondern für die Spielfilmlänge) hätte er noch viele lose Enden verknüpfen können.
Zum anderen wäre positiv zu bemerken, dass die Spielstränge „Weltmeisterschaft“ und „Familie Lubanski“ oft das gleiche Thema hatten. Ging es z.B. um die Einheit in der Familie, so folgte in der nächsten Szene der Fussballer auch, dass Thema Einheit in der Mannschaft. Oder Disziplin für die Familie, Disziplin für die Mannschaft. Damit hat er Wortmann eine schöne indirekte Verknüpfung der beiden Themen geschaffen, die eigentlich sonst nicht viel gemeinsam haben.
Außerdem waren wirklich alle Schauspieler ausnahmslos super. Besonders gefielen mir neben den beiden Hauptdarstellern (die auch in Wirklichkeit Vater und Sohn sind) die Mutter, Sepp Herberger, Annette Ackermann und Bruno Lubanski.
Da ich erst 1977 geboren bin und selbst meine Mutter 1954 erst drei Jahre alt, kann ich nicht aus persönlicher Erfahrung sagen, ob der Zeitgeist von damals im Film gut getroffen wurde. Aber der Vater meiner Freundin, mit der ich den Film gesehen habe, war zur der Zeit ein Teenager und der hat sich den Film gleich zweimal angesehen. Er hat erzählt, dass es damals wirklich exakt so zuging wie im „Das Wunder von Bern“. Die gleichen Tragödien der Kriegsheimkehrer, aber auch der gleiche Jubel als Deutschland dann Weltmeister wurde. Für die gebrochene Nation der Kriegsverlierer wäre dieser Fussballsieg wirklich ein sehr einschneidendes und befreiendes Erlebnis gewesen.
Ich finde es super, dass es endlich einen Film gibt, in dem die Deutschen etwas zeigen worauf sie stolz sind. Ich bin weder Patriot noch sonst besonders intensiv mit Deutschland verbandelt (zumal ich eine Mischung auch Ungarin, Slowakin und Deutscher bin, also habe ich bei diesem Endspiel nicht nur gewonnen, sondern auch verloren!), aber mich nervt es, dass man nicht ein wenig Stolz auf Deutschland sein darf, ohne gleich als Nazi beschimpft zu werden.
In den USA wird der Nationalstolz den Kinder mit der Muttermilch eingeimpft und das findet auch (fast) niemand verwerflich, obwohl die Vereinigten Staaten ebenfalls sehr dunkle Episoden in ihrer Vergangenheit haben.
Für mich ist ein weiterer Pluspunkt für den Film (manche werden das eher negativ finden), dass er richtig ans Herz geht. Ich habe während des Films wirklich Rotz und Wasser geheult. Nicht laut schniefend, sondern ich war oft so berührt, dass mir die Tränen nur so übers Gesicht bis in den Ausschnitt liefen und ich nachher wirklich ganz nass war! Besonders rührend fand ich die Stelle, als der kleine Matthias mal wieder verletzt durch seinen Vater, allein am Bootssteg sitzt und die Mutter zu ihm kommt und versucht ein wenig Verständnis für den Vater bei ihm zu wecken, wobei sie ihn selbst und seinen Ärger und seine Wut sehr ernst nimmt.
Sowieso fand ich die Mutter sehr eindrucksvoll. Wie sie die Familie gemanagt hat und für den Lebensunterhalt sorgt, die Kinder super erzogen hat und für den Vater als Kriegsheimkehrer großes Vertsändnis aufbringt, ihm aber auch die Meinung sagt. Meiner Meinung bannt Sönke Wortmann mit diesem Film nicht nur eine Hommage an die Fussballweltmeister von 1954, sondern auch eine Ehrung der Mütter auf die Leinwand.
Toll fand ich auch die Ideen, wie er die ganzen Vorrunden Spiele, Viertel- und Halbfinale im Film untergebracht hat, ohne sie zu zeigen. Mal kamen die Spiele im Radio oder man konnte das Ergebnis in der Zeitung lesen, einmal bekam Matthias einen Endstand von einer Spielkameradin aufgeschrieben, weil er Stubenarrest hatte und nirgends das Spiel sehen oder hören konnte. Aber die beste Umsetzung, war natürlich die Idee, dass die Kinder (Matthias und seine Freunde) eine Fussballspiel nachkickten und dazu der Originalton des damaligen Kommentators zu hören ist.
***Darsteller***
Louis Klamroth (Matthias Lubanski)
Peter Lohmeyer (Richard Lubanski)
Lucas Gregorowicz (Paul Ackermann)
Katharina Wackernagel (Annette Ackermann)
Johanna Gastdorf (Christa Lubanski)
Mirko Lang (Bruno Lubanski)
Birthe Wolter (Inge Lubanski)
Peter Franke (Sepp Herberger)
Knut Hartwig (Fritz Walter)
Sascha Göpel (Helmut Rahn)
Holger Dexne (Horst Eckel)
***Daten zum Film***
Kino Deutschland: 16. Oktober 2003
Laufzeit Kino: 117 Minuten
FSK 6
Regie: Sönke Wortmann
***Fazit***
Obwohl ich den Film zu Anfangs so nieder gemacht habe, muss ich sagen, dass er alles in allem sehr gut. Von jedem ist etwas dabei: was zum Lachen, zum Weinen, zum Nachdenken und was für die Fussballer. Wobei letzteres manchen bestimmt zu knapp ausgefallen ist. Da der Film aber nicht ganz rund ist und ein paar leichte Schwachpunkte aufweist gebe ich vier Sterne und eine Empfehlung.
Man muss den Film aber nicht im Kino gesehen habe, ich denke daheim am Fernseher verliert er nicht allzu viel.
PS: Zu meiner Überschrift für alle, die den Film nicht gesehen haben: Seppherbergers Fussballphilosphien (\"Der Ball ist rund\", \"Der nächste Gegner ist immer der schwerste\", \"nach dem Spiel ist vor dem Spiel\" und \"Ein Spiel dauert neunzig Minuten\") hat er im Film von einer Putzfrau im Hotel. Das fand ich sehr lustig.
14 Bewertungen, 1 Kommentar
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29.03.2006, 15:15 Uhr von liiiiindaaaaa
Bewertung: sehr hilfreichsehr hilfreich...über gegenlesungen würde ich mich freuen;)
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