Das Zimmer meines Sohnes (VHS) Testbericht

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ab 9,55
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Erfahrungsbericht von Aprikose

Ein Psychogramm über die Trauer

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Ein eindrucksvoller Film, zweifellos. Ein Film, der eine simple und leider sicher nicht ungewöhnliche Geschichte facettenreich in Szene setzt.
Die Charaktere sind tiefgründig und sehr \"sorgfältig\" gespielt, dabei außergewöhnlich lebensecht. Die Geschichte des Todes (bzw. dessen, was die Familie daraus \"macht\") ist voller Tragik, voller Ambivalenzen, voller Qualen, aber auch voller Realismus, letztlich voller Hoffnung geschildert. Es gibt keine Schwarzweißmalerei, keinen Pathos, keine Überzeichnung, keinen künstlichen roten Faden in dem Film, sondern eine Abfolge von Ereignissen, Entwicklungen und unterschiedlicher, niemals jedoch wertender Charakterdarstellung.
Zugleich enthält dieser vielschichtige Film immer wieder Szenen voller hintergründigem Humor, einem Humor, der dem tagtäglichen Humor des wirklichen Lebens zu entsprechen scheint, Humor des Schmunzelns, Humor der Tragik, Humor kleiner Kommunikationspannen, vor allem aber Humor der ganz normalen Absurdität des Lebens. Nicht zuletzt besticht der Film immer wieder durch schöne Aufnahmen und wirkungsvolle Kameraeinstellungen. Ein Film, der den Betrachter in einem Sinnestaumel einfängt, Schmerzen mitempfinden lässt und zum Schluss zwar alles offen lässt, doch kein bedrückendes Gefühl hinterlässt. Im Gegenteil.

Zum Inhalt:

Da sind die vier Mitglieder einer modernen, im Kern glücklichen Familie:
Giovanni, der Psychiater, der tagtäglich an seine beruflichen Grenzen stößt, der tagtäglich mit dem inneren Scheitern und den inneren Widersprüchen seiner Patienten konfrontiert wird, der immer wieder hilflos wirkt. Giovanni, der zugleich ein glückliches Privatleben führt, sportlich, familienorientiert
und in einer erfüllten Partnerschaft.
Paola, seine Frau, die in einem Verlag für Kunstkataloge arbeitet, die vor Leben strotzt, rational und zugleich gefühlsbetont.
Irene, die ca. 16-jährige Tochter, ebenfalls sportlich und mit großer, positiver Persönlichkeitsausstrahlung, allein ihre Gesichtsausdrücke sprechen Bände. Sie ist gesellig, rational und hintergründig.
Und zuletzt Andrea, der 17-jährige Sohn. Er ist unauffällig, wirkt etwas zurückgezogen, aber interessiert und nahezu so dynamisch wie die anderen Familienmitglieder auch.
Alle werden sind überzeugend gespielt, geradezu brillant umgesetzt sind Giovanni und Irene.

Andrea ist in einen kleinen Diebstahl in der Schule verwickelt. Dieser Diebstahl, die Gedanken der Eltern dazu, ihr Verhalten, Andreas Verhalten, malen sozusagen das Psychogramm jener Familie: Es gibt Konflikte und Probleme, aber für eine lebendige Familie sind sie Alltag und lösbar. Solidarität und Hintergründigkeit sind die Hauptmotive. Und immer wieder Gewitztheit. Zeitgleich wird Giovannis Persönlichkeit in seiner Eigenschaft als mittelmäßiger Psychiater offengelegt, geduldig, ruhig, bemüht und doch nie sein Ziel erreichend.
Diese ausführliche \"Einführung\", diese Schilderung der Ereignisse vor dem Tod, geschieht ohne Eile und ist untermalt von eindrucksvollen Szenen aus der italienischen Hafenstadt Ancona, wo die Familie wohnt.

Es folgt der tragische Sonntag. Giovanni erhält einen Anruf von einem Patienten, lässt sich breitschlagen, ihn zu besuchen. Das geplante Joggen mit Andrea fällt flach (wobei Andrea sowieso lieber mit seinen Freunden tauchen gehen wollte). Giovanni besucht den Patienten, Andrea geht tauchen und kommt dabei ums Leben. (Der Unfall an sich wird nie - auch nicht andeutungsweise - gezeigt, alles weitere ist ausschließlich aus Sicht der Hinterbliebenen geschildert.)
Giovanni erfährt bei seiner Rückkehr von dem Tod, Irene bei einem Basketball-Turnier. Der Schock, die Trauer, in der die nun dreiköpfige Familie vereint ist, fällt wie ein Schatten auf den Film. Alle drei emfinden den gleichen Schmerz, alle drei haben das gleiche Bedürfnis und die gleiche \"Fähigkeit\", ihren Gefühlen (fast) freien Lauf zu lassen. Zunächst.
Doch bald kristallisieren sich die Unterschiede heraus: Giovanni arbeitet wieder als Psychiater und macht dabei einen noch viel hilfloseren Eindruck als zuvor, besucht bald selbst einen Psychiater. Er peinigt sich mit Selbstvorwürfen, \"spielt\" im Kopf immer wieder den tragischen Sonntag durch und stellt sich vor, wie es anders hätte enden können. Paola hingegen gönnt sich eine Zeit ohne Beruf, versucht die Trauer zu Hause zu verarbeiten. Irene wird von ihrem sozialen Umfeld in der Schule aufgefangen, lenkt sich beim Basketball ab, wenn es ihr auch nicht leicht fällt.
Die Szenen zwischen Giovanni als scheiterndem Psychiater und seinen Patienten entwickeln immer wieder eine unfreiwillige Komik, wenn es nämlich seinen Patienten besser geht als ihm. Ihr Mitgefühl lässt er nicht an sich heran.
Bald gibt Giovanni seinen Beruf auf. Mehr und mehr kapselt er sich in seiner Trauer ab, während seine Selbstvorwürfe mehr und mehr an Paola zehren, die viel lieber einen Weg in die Zukunft ginge, anstatt mit Giovanni in der Vergangenheit zu verharren. Paola bringt es auf die Palme, wenn Giovanni sinnlose Nachforschungen zu den Ursachen des Todes anstellt. Und Irene ist immer wieder Bindeglied zwischen ihren Eltern, auch wenn sie dabei oft ihre Grenzen erreicht. Mal verharrt die ganze Familie apathisch in Trauer, mal entsteht Streit, jedenfalls ist das Gleichgewicht gestört.

Eines Tages kommt ein Brief für Andrea, geschrieben von Ariana, Andreas Freundin, von der niemand etwas gewusst hat und die von Andreas Tod nichts weiß.
Plötzlich entwickelt sich Ariana für Paola als Hoffnungsträgerin für die Familie, um mit ihrer Hilfe Andrea so lebendig wie möglich zu halten. Paola möchte Ariana sofort anrufen und sie kennenlernen. Doch Giovanni zieht vor, einen Brief an sie zu schreiben. Abend für Abend brütet er über dem Brief, verliert sich in Gedanken und Selbstvorwürfen. Den Brief verwirft er immer und immer wieder, bis Paola die Geduld verliert und endlich beherzt zum Telefon greift, mit Ariana telefoniert, ihr unter Tränen von Andreas Tod erzählt und sagt, sie wolle sie gern kennenlernen. Doch Ariana ist (vermutlich) überrumpelt und lehnt ab. Paola ist verzweifelt.

Eines Abends steht Ariana unverhofft vor der Tür - Giovanni ist zu Hause, Paola nicht. Ariana möchte Paola kennenlernen. Giovanni verbringt eine peinliche Zeit des Wartens mit ihr im Wohnzimmer. Sie zeigt ihm Fotos, die Andrea von seinem Zimmer gemacht und ihr geschickt hat, teilweise lustige Selbstporträts. Giovanni wäre zum Lachen gerührt, doch heraus kommt ein Weinen. Aber die Wirkung, die die Bilder vom Zimmer seines Sohnes auf ihn haben, scheint weitaus reinigender als die seiner Selbstvorwürfe. So zumindest habe ich es als Betrachter empfunden. Giovanni scheint seit langem wieder einen Hauch von Leben zu empfinden, doch die Szene bleibt beklemmend.
Wenig später stehen sich alle vier im Wohnzimmer gegenüber: Ariana auf der einen, Giovanni, Paola und die nach wie vor ausgleichende Irene auf der anderen Seite. Sie haben sich nicht viel zu sagen, die Situation droht in unerträgliche Peinlichkeit abzurutschen. Schnell beginnen sie, sich voneinander zu verabschieden. Viel schlimmer hätte es nicht kommen können.
Aber dann ...

Dann folgt nach all der wertvollen Schilderung dieser Zustände von Trauer, Verzweiflung und versuchter Verarbeitung eine Anekdote, die voller Poesie, Charme und Einfühlungsvermögen für mich das Wertvollste des Films darstellt. Ariana erweist sich doch noch als eine Art \"Schlüssel\" zur Situation der Familie, als indirekter Schlüssel zum Lebensmut, zur Normalität und vielleicht auch als Schlüssel zur Hoffnung. Doch die Hoffnung bleibt schließlich jedem einzelnen Zuschauer allein überlassen, wenn er ganz sanft mit offenen Gedanken aus der offenen Handlung entlassen wird.

Diese letzte kleine Anekdote von einer kleinen Reise möchte ich ungern schildern. Zu schön finde ich sie in Szene gesetzt; man sollte sie sich selbst ansehen. Wie den gesamten Film.

Mein Urteil: Einer der positivsten und am sorgfältisten gestalteten Filme, die ich kenne.

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