Das Zimmer meines Sohnes (VHS) Testbericht
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Auf yopi.de gelistet seit 10/2004
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Erfahrungsbericht von wildheart
Überzeugender Film über Tod und Verlust
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Kein Film für jeden Geschmack? Der in Cannes mit der Palme d’Or ausgezeichnete Streifen des italienischen Regisseurs Nanni Moretti wird sicherlich nicht – wie »Harry Potter« oder der noch kommende erste Teil von »Der Herr der Ringe« – zum Kassenschlager des Kinojahres 2001. Dafür ist der Film einfach zu ernst und bitter. Aber eben auch tröstlich und hoffnungsvoll.
Nanni Moretti ist bekannt für Filme, die stark autobiografische Züge aufweisen bzw. sich mit politischen Themen oder den dekadenten Zügen der italienischen Gesellschaft befassen. »La stanza del figlio« fällt (scheinbar) aus diesem Rahmen heraus: Eine ganz »normale« italienische Familie, Vater Giovanni, Psychoanalytiker (Nanni Moretti), Mutter Paola, Herausgeberin von Verlagskatalogen (Laura Morante) sowie die beiden Kinder Irene (Jasmine Trinca) und Andrea (Giuseppe Sanfelice di Monteforte) leben glücklich, wenn auch ohne einschneidende oder herausragende Ereignisse in ihrem Leben, in einer norditalienischen Stadt zusammen. Giovanni hört sich ruhig und gelassen die (manchmal schon abstrusen) Sorgen seiner Patienten an. Auch Paola ist eher eine ruhige und zufriedene Mutter und Ehefrau, die sich geborgen und wohl fühlt. Den Kindern geht es ebenso.
Diese satte und durchaus von Moretti äußerst positiv dargestellte grundlegende Zufriedenheit der Familie wird durch den Tod des Sohnes bei einem Tauchunfall durch Embolie radikal gestört. Giovanni, der mit seinem Sohn oft Joggen geht, gerät aus der Bahn: Es gelingt ihm immer weniger, seinen Patienten die notwendige Unterstützung zu geben, besonders einem, den er am Tag des Todes von Andrea zu Hause besucht hatte, weil diesem die Ärzte Lungenkrebsverdacht bescheinigten. Dieser Patient kämpft jetzt um sein Leben, während er zuvor ständig Selbstmordabsichten äußerte. Diesen Kampf um sein Leben und Selbstvorwürfe, mit seinem Sohn am Tag des Unfalls nicht Joggen gegangen zu sein, bringen Giovanni an den Rand der Verzweiflung. Er droht daran zu scheitern, seine Familie zusammenzuhalten, will seine Arbeit für eine Weile ruhen lassen.
Irene kann das isolierte Trauern ihrer Eltern ebenfalls kaum ertragen, fühlt sich allein gelassen in ihrer Trauer. Und Paola isoliert sich selbst immer mehr, erwartet von ihrem Mann, dass er ihre Trauer teilt, ihr hilft weiter zu leben ...
Moretti zeigt die verschiedenen Stadien der Trauer, des Verlustes in eindrücklicher Weise. Dass jeder auch für sich allein trauert und allein trauern muss, ist eine solche Phase. Dass jeder durch diese individuelle Trauer auch ein Stück allein hindurch muss, ist eine Einsicht, die alle nur schwer ertragen können; es kommt zu Vorwürfen, vor allem an Giovanni. Dass es dann aber auch darauf ankommt, nicht in der Trauer zu leben, sondern mit ihr und der positiven Erinnerung an den verstorbenen Sohn, auch das veranschaulicht Moretti in einer Weise, die den Film zu einem wirklichen Genuss machen.
Morettis Streifen ist nicht – wie in der Vorschau des Films propagiert – ein Loblied auf »die« Familie, eher auf die »normale« Familie der italienischen Mittelschicht bzw. eines Teils dieser Schicht, und die Kraft von Individuen, angesichts eines solchen Schicksalschlages nicht alles zu vergessen, zu verdrängen oder zu verleugnen, was sie in Gemeinschaft und allein ausgezeichnet hat: den Willen zum Leben und das bedeutet auch, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren. Der Film kennt kein Abrutschen ins Pathetische, ins Weinerliche, im Gegenteil. Andrea bleibt nicht nur in der Erinnerung und im Herzen der Familie leben; er lebt fort, wie der Schluss des Films nahelegt.
Nicht zuletzt die vier Hauptdarsteller sorgen für einen überzeugenden Film, der für mich zu einem der besten des letzten Jahres gehört.
Das Zimmer meines Sohnes
(La stanza del figlio)
Italien, Frankreich 2000, 99 Minuten
Regie: Nanni Moretti
Hauptdarsteller: Nanni Moretti, Laura Morante, Jasmine Trinca, Giuseppe Sanfelice di Monteforte
© Ulrich Behrens 2002
(dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)
Nanni Moretti ist bekannt für Filme, die stark autobiografische Züge aufweisen bzw. sich mit politischen Themen oder den dekadenten Zügen der italienischen Gesellschaft befassen. »La stanza del figlio« fällt (scheinbar) aus diesem Rahmen heraus: Eine ganz »normale« italienische Familie, Vater Giovanni, Psychoanalytiker (Nanni Moretti), Mutter Paola, Herausgeberin von Verlagskatalogen (Laura Morante) sowie die beiden Kinder Irene (Jasmine Trinca) und Andrea (Giuseppe Sanfelice di Monteforte) leben glücklich, wenn auch ohne einschneidende oder herausragende Ereignisse in ihrem Leben, in einer norditalienischen Stadt zusammen. Giovanni hört sich ruhig und gelassen die (manchmal schon abstrusen) Sorgen seiner Patienten an. Auch Paola ist eher eine ruhige und zufriedene Mutter und Ehefrau, die sich geborgen und wohl fühlt. Den Kindern geht es ebenso.
Diese satte und durchaus von Moretti äußerst positiv dargestellte grundlegende Zufriedenheit der Familie wird durch den Tod des Sohnes bei einem Tauchunfall durch Embolie radikal gestört. Giovanni, der mit seinem Sohn oft Joggen geht, gerät aus der Bahn: Es gelingt ihm immer weniger, seinen Patienten die notwendige Unterstützung zu geben, besonders einem, den er am Tag des Todes von Andrea zu Hause besucht hatte, weil diesem die Ärzte Lungenkrebsverdacht bescheinigten. Dieser Patient kämpft jetzt um sein Leben, während er zuvor ständig Selbstmordabsichten äußerte. Diesen Kampf um sein Leben und Selbstvorwürfe, mit seinem Sohn am Tag des Unfalls nicht Joggen gegangen zu sein, bringen Giovanni an den Rand der Verzweiflung. Er droht daran zu scheitern, seine Familie zusammenzuhalten, will seine Arbeit für eine Weile ruhen lassen.
Irene kann das isolierte Trauern ihrer Eltern ebenfalls kaum ertragen, fühlt sich allein gelassen in ihrer Trauer. Und Paola isoliert sich selbst immer mehr, erwartet von ihrem Mann, dass er ihre Trauer teilt, ihr hilft weiter zu leben ...
Moretti zeigt die verschiedenen Stadien der Trauer, des Verlustes in eindrücklicher Weise. Dass jeder auch für sich allein trauert und allein trauern muss, ist eine solche Phase. Dass jeder durch diese individuelle Trauer auch ein Stück allein hindurch muss, ist eine Einsicht, die alle nur schwer ertragen können; es kommt zu Vorwürfen, vor allem an Giovanni. Dass es dann aber auch darauf ankommt, nicht in der Trauer zu leben, sondern mit ihr und der positiven Erinnerung an den verstorbenen Sohn, auch das veranschaulicht Moretti in einer Weise, die den Film zu einem wirklichen Genuss machen.
Morettis Streifen ist nicht – wie in der Vorschau des Films propagiert – ein Loblied auf »die« Familie, eher auf die »normale« Familie der italienischen Mittelschicht bzw. eines Teils dieser Schicht, und die Kraft von Individuen, angesichts eines solchen Schicksalschlages nicht alles zu vergessen, zu verdrängen oder zu verleugnen, was sie in Gemeinschaft und allein ausgezeichnet hat: den Willen zum Leben und das bedeutet auch, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren. Der Film kennt kein Abrutschen ins Pathetische, ins Weinerliche, im Gegenteil. Andrea bleibt nicht nur in der Erinnerung und im Herzen der Familie leben; er lebt fort, wie der Schluss des Films nahelegt.
Nicht zuletzt die vier Hauptdarsteller sorgen für einen überzeugenden Film, der für mich zu einem der besten des letzten Jahres gehört.
Das Zimmer meines Sohnes
(La stanza del figlio)
Italien, Frankreich 2000, 99 Minuten
Regie: Nanni Moretti
Hauptdarsteller: Nanni Moretti, Laura Morante, Jasmine Trinca, Giuseppe Sanfelice di Monteforte
© Ulrich Behrens 2002
(dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)
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