Der Schuh des Manitu (DVD) Testbericht

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Erfahrungsbericht von RudiRe

Wo Winnetou weint

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Die Liste der "Filme, die die Welt nicht braucht", wird seit dem 19. Juli 2001 von einem neuen deutschen Machwerk angeführt, denn FILM will ich es wahrlich nicht nennen. In der nach unten hin offenen Peinlichkeitsskala des DEUTSCHEN FILMS habe ich einen nachdrücklich um Humor bemühten, aber eher um Tragödie verdienten, neuen Favoriten ausgemacht:

DER SCHUH DES MANITU
von Michael (Bully) Herbig produziert, zwiefach geschauspielert, geschrieben und inszeniert, herausgegeben von der Constantin Film des Herrn Eichinger. Die angekündigte Absicht, die einstigen KARL MAY FILME der 60er Jahre zu persiflieren, misslingt Michael Herbig auf ganzer Linie. Die einzigen Bezüge zum Original bestehen in neologistischen Abwandlungen à la "Abahachi" statt "Apanatschi" oder das um Schwulenscherz bemühte "Winnetouch" statt "Winnetou". Die "Puder Rosa Ranch" verquirlt die "Ponderosa" aus BONANZA zum "bon mot", liegt jedoch bereits meilenweit vom Anspruch einer KARL MAY FILM Persiflage entfernt. Dabei böten sich die alten KARL MAY FILME wirklich an, karikiert oder zumindest persifliert zu werden. Die yugoslawische Lanschaft des Velebitgebirges, die Wasserfälle der Plitwitzer Seen, um die einst Ntschotschi huschte, bevor sie von Santer, diesem Schuft, dahingemeuchelt wurde, die schief sitzenden Perücken der "kroatischen Indianer", die süsslich wehmütige Filmmusik eines Martin Böttcher, hart an der Grenze zum Kitsch, aber soooo schön wirkungsvoll sentimental, oder das wundersame Synchrondeutsch der damaligen internationalen KARL MAY CO-PRODUKTIONEN gäben sicherlich genügend "Spielwiese" her, so man sich überhaupt darum scherte. Doch darum scheint es Michael Herbig nicht zu gehen. Er begreift seinen Ausflug ins Pseudo-Westerngenre (diesmal, aus unerklärlichen Gründen nicht im ehemaligen Yugoslawien, sondern in Spanien in der Nähe von Almeria gedreht) wohl eher als Laufsteg für seine größenwahnsinnige Selbstgefälligkeit als Drehbuchautor, Regisseur und Doppeldarsteller in Personalunion. Kurzum: Bully macht von allem etwas, aber eben (deshalb auch?) nichts richtig.

Vom Plot her wird ein bisschen aus dem SCHATZ IM SILBERSEE stibizt, die geteilte und in alle Winde verstreute Schatzkarte eben, aber das hat bestenfalls Alibicharakter und überzeugt nicht. Vielmehr tut Michael Herbig in seinem Werk das, was er am besten kann: Blödeln, Rumalbern und Tuntenzoten deklamieren, oder besser, Kalauer vom Zaun brechen. Gähn. Jede Große Pause auf einem Realschulhof ist unterhaltsamer, vorausgesetzt man hat was übrig für infantilen Pubertantenhumor mit peinlich zwanghaftem "jetzt lacht doch endlich über meine Frivolitäten" Gehabe. Meine Empfehlung für den nächsten Michael Herbig Film (die Filmförderung wird's schon richten): Lass doch einfach ein Lachband mitlaufen, so wie bei den BUNDYS in "EINE SCHRECKLICH NETTE FAMILIE". Auf diese Art könnte der Zuschauer zumindest mitfiebern, was Du als komisch erachtest.

Die Wiedergabe der Geschichte, also die Inhaltsangabe dieses einfaltslosen cinematographischen Abfalls, kann ich leider nicht liefern, da ich wärend der Vorführung mehrfach einschlief und meist erst wieder aufwachte, als mich mein Nebenmann anstubste und meinte, ich solle gefälligst nicht so laut schnarchen. Hab ich da was versäumt? Nein.

Der Geschichte obliegt ohnehin nur der verunglückte, vehikuläre Zweck, die einzelnen verbeutelten Klamaukpointen, schwerfälligen Schabernackeinlagen, müden Fernsehsketchscherze, verunglückten Lachnummern und Pseudo-Witzchen, einer Perlenkette gleich, aneinanderzureihen und gleichsam in sich aufzunehmen. Die Story soll ein Transportvehikel für lausige Kalauer, laute Kantinenkomik und latente Tuntenhäme sein, kollabiert jedoch unter der Last der talentfreien Bürde. Die bloße Aneinanderreihung von vermeintlichen Gags macht eben noch lange keine Komödie aus. Was außen vorbleibt, ist ein überspannender, tragfähiger Handlungsbogen.

Beispiel gefällig?
Abahachi (Michael Herbig) und der Rancher (Christian Tramitz als OLD SHATTERHAND Ersatz) stehen an zwei benachbarten Marterpfählen gefesselt und nutzen die Zeit für einen Beziehungs-Plausch.
Sagt der Rancher:
"Leck mich doch am Arsch"
Abahachi fragt entbehrunsgvoll zurück:
"Ja wie denn?"

Die schauspielerischen Qualitäten der Mitwirkenden brauchen sich hinter keinem Abituriententheater zu verstecken. Man frotzelt, grimassiert und knarzt, und das im O-Ton Süd, sprich bayrisch. Der Original-Winnetou Pierre Brice würde sich im Grabe umdrehen, wenn er schon tot wäre. Auf jeder Theaterbühne würde derlei kläglicher Unterhaltungsversuch unumwunden ausgebuht werden, doch im Kino macht das leider keinen Sinn. Oder anders formuliert: Warum ist DER SCHUH DES MANITU als Film gedreht und nicht als Freiluftbühnenshow, meinetwegen als Sommerlochfüller in Bad Segeberg, inszeniert worden? Antwort: Um den Mitwirkenden die Schmach des niederschmetternd direkten Zuschauerkontaktes zu ersparen.

Von einem halbwegs glaubwürdigen Schauspieler erwarte ich, dass er in seinem mimischen Ausdruck zwischen SEHNSUCHT und SODBRENNEN zu unterscheiden vermag. Bei Michael Herbig kommt in beiden Fällen nur das gequälte Antlitz eines an Verstopfung leidenden, überalterten Pennälers heraus. Diagnose: Multiple Talentosis.

DER SCHUH DES MANITU hat gute Chancen, in die deutsche Filmgeschichte einzugehen, und zwar als jener Film, der den Niedergang der deutschen Filmkultur vollends besiegelt und ihn wie ein auffälliger Markstein sinnfällig dokumentiert. Spätestens jetzt und mit DER SCHUH DES MANITU sollten sich Kulturpolitiker überlegen, ob man der bisherigen FILMFÖRDERUNG, in diesem Falle sei der Bayerische Film- und Fernsehfonds gemeint, nicht einen ARSCHTRITT verpassen, sprich, sie abschaffen und in die Ewigen Jagdgründe befördern sollte. Man stelle sich das einmal vor: Hierzulande wird derlei humoreske Entgleisung mit Steuergeldern subventioniert, um eine dahindarbende Branche künstlich am Leben zu halten, die längst schon, gleich dem Kohlebergbau, abgewirtschaftet hat und sich schon lange nicht mehr rechnet.

Dem schweizerischen und österreichischen Vorwurf, der deutsche Humor sei NICHT einmal ins benachbarte deutschsprachige Ausland exportierbar, wird dieser Film vollends gerecht. Zu tumb, zu derb, zu prollig, um dem Zuschauer einen wirklichen Schenkelklatscher zu entlocken.

Als Amphiebienfilm konzipiert (eigentlich Fernsehqualität und auch größtenteils von Fernsehgeldern hergestellt, aber vor der Fernsehausstrahlung schnell noch ein Milliönchen FILMFÖRDERUNG abkassieren und somit STEUERGELDER verschwenden, bevor das belichtete Cellophan seiner unvermeidbaren Alibikurzauswertung auf der großen Leinwand entgegenfiebert), wird dieser Streifen nach einer durchlauferhitzerähnlichen riesigen Werbekampagne (Bully, take the money and run!) ebenso schnell in die Ewigen Jagdgründe Manitus eingehen, wie zuvor schon Michael Herbigs vergessenswertes Vorläufermodell, ebenfalls eine Visualinjurie mit dem bereits vergessenen Titel seines Erkan & Stefan Films.

"Witzischkeit" kennt eben doch Grenzen. Mit DER SCHUH DES MANITU wurde sie erneut auf das talentloseste ausgetestet und amateurhaft überschritten. Als DEUTSCHER KINOHUMOR betrat sie das unsägliche Land des gequält verquasteten Fernsehaufgusses. Als 20 sekündige Fernsehzote in der BULLYPARADE auf PRO 7 ist "Abahachi" spät nachts, kurz vor dem Testbild, zwischen Werbeblöcken versteckt, noch verzeihbar, aber in der aufdringlichen 85 minütigen Kinoversion einfach nur lästig, überflüssig und als cinematische Eintagsfliege derzeit leinwandblockierend.

Schade, dass heutige Filme auf Acetatbasis hergestellt werden. Die sind flammhemmend und nicht mehr selbstentzündbar wie ihre Nitroglyzerinvorläufer vergangener Filmepochen.

Ja, Humor ist gewiss eine Geschmachssache, aber DER SCHUH DES MANITU liegt fernab dessen, was ich überhaupt als Humor in meiner Denke zu akzeptieren bereit bin. Über Brachialhumor, altbackenen Klamottenschabernack und gerierte Selbstgefälligkeit kann ich schlicht und ergreifend nicht lachen. Wem der Humor der BULLYPARADE liegt, dem mag DER SCHUH VON MANITU wie angegossen passen. Für mich ist er allerdings nur ein alter Latschen, ein schlapper Kino-Stiefel. Ohne die bestehende Fernsehpopularität des Michael Herbig hätte dieser Streifen keinerlei Vermarktungschance.

Mein besonderer Dank geht an Billy Wilder, Frank Capra, Ernst Lubitsch und Alexander Mackendrick, deren Filmkomödien am Zustandekommen meiner cineastischen Wertmasstäbe massgeblich beteiligt waren, und deren nach wie vor frische Klassiker den SCHUH DES MANITU alt aussehen lassen.

Für schlichte Gemüter mag der Film sicherlich genau so unterhaltsam sein wie Sackhüpfen bei der Jungschar oder Cowboy-Indianerspiele bei den Pfadfindern. Für diese altersmässige Zielgruppe scheint DER SCHUH DES MANITU prächtig zu funktionieren, wie die Einspielergebnisse der ersten Auswertungswoche belegen: Fast eine Million Zuschauer und somit der beste deutsche Filmstart aller Zeiten. Aber leider hat Quantität noch nie etwas über Qualität ausgesagt, oder anders ausgedrückt:

Eine Milliarde Fliegen können nicht irren.
Fresst mehr Scheiße!

Es macht für mich keinen Sinn, ins Kino zu gehen, nur um sich ausgelutschte Fernsehzoten anzusehen.

VORTEILE:
Wir amüsieren uns NICHT zu Tode. Für schlichte Gemüter fast genau so unterhaltsam, wie die Witzseite der Bild-Zeitung. Als Tragödie des Deutschen Films gelungen.

NACHTEILE:
Während dieser Film in Deutschen Kinos läuft, sind selbige für gute Filme blockiert. Statt Kurzweil gähnende Langeweile. Altbackene Klamotte à la "Charlys Tunte", äh Tante, um bei Michael Herbigs bemühtem Humorverständnis zu bleiben.

87 Bewertungen, 13 Kommentare

  • bmwumska

    22.04.2006, 00:28 Uhr von bmwumska
    Bewertung: sehr hilfreich

    würde mich über gegenlesungen sehr freuen;)

  • Schnuffelinchen

    17.09.2005, 02:10 Uhr von Schnuffelinchen
    Bewertung: sehr hilfreich

    halt verschieden. Schade, dass man so was Lustiges an Unterhaltung mit den echten Winnetou-Filmen vergleicht. Das ist unmöglich, denn das eine ist Comedy und die anderen Filme sind Legende ... LG, Schnuffelinchen

  • Sugarbrave

    12.09.2005, 20:02 Uhr von Sugarbrave
    Bewertung: sehr hilfreich

    naja, ich liebe diesen Film.

  • diearschmade

    07.09.2005, 10:25 Uhr von diearschmade
    Bewertung: sehr hilfreich

    mit dir überein. Nur weil du die Meinung der Mehrheit nicht teilst (was dein gutes Recht ist), heißt das noch lange nicht das der rest einen 'schaden' hat, das wäre schlicht beleidigend. wie willst du den film jedoch richtig beurt

  • FetteKugel

    14.08.2005, 18:24 Uhr von FetteKugel
    Bewertung: sehr hilfreich

    hast es auf den Punkt gebracht. Leider ist dieser Film ein Renner geworden. Weil das Volk zu dumm ist?

  • chaosdiva

    03.03.2004, 10:12 Uhr von chaosdiva
    Bewertung: sehr hilfreich

    ... die filmförderung in diesem lande geht in der tat gelegentlich merkwürdige wege ...

  • manu63

    08.02.2004, 17:14 Uhr von manu63
    Bewertung: sehr hilfreich

    will ja auch nicht anspruchsvoll sondern üb erspitzt blöd sein, seichte Unterhaltung die ich mal ganz nett finde aber nichts für häufiges Wiedersehen. Bin zwar nicht deiner Meinung das wertet den Bericht für mich aber nicht ab, er

  • jabberwocky666

    02.03.2002, 19:21 Uhr von jabberwocky666
    Bewertung: sehr hilfreich

    ... und nun soll der Film erneut in den kinos anlaufen...

  • denjuandemarco

    23.02.2002, 14:32 Uhr von denjuandemarco
    Bewertung: sehr hilfreich

    ...entspricht dem albernen Zeitgeist derzeit, eine Mischung aus heuchlerischer Offenheit, peinlichem Voyeurismus und Verklemmtheit, ich vergäbe sogar nur 1 Punkt für dieses Schwachmaten-Produkt!! CU Denis

  • Delfino

    13.02.2002, 20:39 Uhr von Delfino
    Bewertung: sehr hilfreich

    Jeder hat seine Meinung. Mir hat der Film sehr gut gefallen. Trotzdem ein guter Bericht.

  • 9ulle

    13.02.2002, 12:54 Uhr von 9ulle
    Bewertung: sehr hilfreich

    hab ich noch nicht gesehen!

  • westside125

    13.02.2002, 12:52 Uhr von westside125
    Bewertung: sehr hilfreich

    fand den Film nitt so super

  • kangaroe

    13.02.2002, 12:49 Uhr von kangaroe
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich fand den Film auch nicht toll, aber scheinbar die breite Masse.