Die Jury (DVD) Testbericht

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Erfahrungsbericht von wildheart

Ein Plädoyer für Selbstjustiz?

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Joel Schumacher (»Falling Down«, 1993; »Batman Forever«, 1995; »Batman & Robin«, 1997) verfilmte 1996 den Bestseller von John Grisham, der sich mit den Fragen Selbstjustiz und Rassismus auseinandersetzt.

Inhalt
Die kleine Tonya Hailey (Rae’ven Kelly) wird von zwei Männern brutal vergewaltigt. Ihre Gebärmutter wird dabei derart verletzt, dass sie später nie Kinder bekommen kann. Die Männer versuchen dann, das Mädchen aufzuhängen; der Ast bricht, Tonya fällt zu Boden. Sie werfen das Mädchen auf ihren Kleinlaster, dann von einer Brücke in ein trockenes Flussbett.

Tonyas Vater Carl Lee Hailey (Samuel L. Jackson), Fabrikarbeiter, denkt nur an eines: Er will die Männer, die das getan haben, bestrafen. Das kündigt er auch Rechtsanwalt Jake Tyler Brigance (Matthew McConaughey) an, der allerdings nicht glaubt, dass Hailey tatsächlich zur Waffe greift. Doch Hailey schießt die beiden inzwischen festgenommenen Männer auf der Treppe im Gerichtsgebäude nieder und verwundet dabei versehentlich noch einen Polizisten, dessen Kniescheibe zerfetzt wird und dem daraufhin ein Bein amputiert werden muss.

Brigance übernimmt die Verteidigung von Hailey. Er will, dass Hailey nicht wegen Mordes zum Tode verurteilt wird. Dabei bekommt er es nicht nur mit Staatsanwalt Buckley (Kevin Spacey) zu tun, der mit allen juristischen und politischen Wassern gewaschen ist, sondern auch mit Freddie Lee Cobb (Kiefer Sutherland), der seine Freunde rächen will. Cobb wendet sich an den Ku-Klux-Klan, denn Hailey hat nicht nur seine Freunde getötet, Hailey ist Schwarzer. Unterstützung bekommt Brigance sowohl von dem aus der Anwaltskammer ausgeschlossenen Lucien Wilbanks (Donald Sutherland), als auch von der brillanten Jura-Studentin Ellen Roark (Sandra Bullock) und dem abgetakelten, aber engagierten Kollegen Harry Rex Vonner (Oliver Platt).

Die Fronten reißen auf in der Kleinstadt in Mississippi. Die Ku-Klux-Klan-Rassisten entfachen ein Feuer der Einschüchterung, schrecken auch vor Mord nicht zurück. Mitglieder der schwarzen Menschenrechtsorganisation versuchen auf der anderen Seite, einen ihn genehmen Anwalt Hailey schmackhaft zu machen, weil sie den Fall zu einem politischen Süppchen hochkochen wollen. Hailey lehnt ab. Verteidigung und Staatsanwaltschaft versuchen, die jeweiligen psychiatrischen Gutachter der Gegenseite zu diskreditieren.

Die Kleinstadt wird zu einem Pulverfass ...

Inszenierung
Schumachers Film lässt es an Spannung und konfliktträchtigem Inhalt nicht fehlen. Dabei wird von vornherein klargestellt, auf welcher Seite die Sympathien der Zuschauer stehen sollen. Natürlich nicht auf der Seite der in Selbstjustiz gerichteten Männer und ihrer Rächer, dem Ku-Klux-Kl an, nicht auf seiten des (nun auch nicht gerade sympathischen) Staatsanwalts, der gute Gründe aufweisen kann, warum Hailey wegen Mordes verurteilt werden muss. Nein, alle nur für einen: Hailey. Ich meine das durchaus nicht zynisch. Denn die klare Parteinahme für Hailey, das Gefühl, dass dieser Mann nicht in die Todeszelle darf, kommt so selbstverständlich auf, dass man darüber das Verbot von Selbstjustiz fast vergessen könnte – aber nur fast.

Schumacher spielt mit diesen starken, positiven Gefühlen für den Angeklagten. Er reizt die Sympathie für Hailey aus bis zum Höhepunkt: dem Plädoyer Brigances. Er schafft sozusagen einen Zuschauer nach dem anderen – möge er auch anfangs noch so sehr am Grundsatz: Selbstjustiz darf nicht sein, festgehalten haben – auf die Seite des Angeklagten. Was wäre passiert, wenn es sich um ein weißes Mädchen gehandelt hätte, das Opfer dieser brutalen Vergewaltigung geworden wäre? Doch das Drehbuch geht noch weiter: Brigance ist keineswegs ein Gegner, sondern ein Befürworter der Todesstrafe, was er gegenüber seiner freiwilligen Helferin Ellen Roark auch deutlich formuliert. In diesem Fall allerdings werden die Motive des Angeklagten von Brigance höher bewertet als die juristische Bewertung der Tat.

Schauspieler
Matthew McConaughey spielt einen von seinen Überzeugungen getriebenen jungen Anwalt – einerseits kein Gegner der Todesstrafe, andererseits aber selbst Vater eines kleinen Mädchens, dem ähnliches widerfahren könnte –, der an dem Weg, den er geht, nur ab und zu leichte Zweifel hat, sympathisch, allerdings mir manchmal etwas zu gelassen. Samuel L. Jackson als Carl Lee Hailey macht seine Sache im wesentlichen gut, wobei mir die Standhaftigkeit eines vom Tode bedrohten Angeklagten manchmal etwas zu weit geht. Ängste gibt es da offenbar nicht. Sandra Bullock als eifrige, intelligente und die Umstände durchschauende, angehende Juristin bleibt zwar manchmal etwas im Hintergrund, füllt ihre Rolle aber gut aus. Kevin Spacey überzeugt in der Rolle als nicht gerade sympathischer, von Karrierebewusstsein und klammheimlichem Rassismus geprägten Staatsanwalt. Die übrige Besetzung bleibt eher im fast statistischen Hintergrund.

Fazit
Dem Film ist der massive Vorwurf gemacht worden, er sei ein eindeutiges und unumwundenes Plädoyer für Selbstjustiz, weniger eine klare Stellungnahme gegen Rassismus. Im Vordergrund stünden nicht so sehr der Angeklagte und seine Familie, sondern die Weißen.

Das amerikanische Justizsystem fußt – im Gegensatz zum hiesigen – darauf, dass Geschworene über Schuld und Unschuld einstimmig entscheiden müssen. Der Richter hat dann lediglich noch die Aufgabe, bei einer Verurteilung das Strafmaß festzusetzen. Es ist mehrfach vorgekommen, dass Geschworene einen Angeklagten, dessen Tat ohne Zweifel feststand, freigesprochen haben. Geschworene müssen ihre Entscheidung nicht begründen. Das alles bedeutet für die Anwälte, Verteidigung wie Anklage, dass sie in solchen Fällen dazu verleitet werden, an die Gefühle der Männer und Frauen auf der Geschworenenbank mehr zu appellieren als an die juristische Einordnung der Tat.

Dies wiederum trifft in diesem Fall damit zusammen, dass keiner – weder irgend jemand auf der Geschworenenbank, noch sonst jemand – mit absoluter Sicherheit sagen könnte, er würde, wenn sein Kind einem solchen Verbrechen zum Opfer gefallen wäre, auf keinen Fall an Selbstjustiz denken oder gar entsprechend handeln.

Juristisch scheint der Fall von Carl Lee Hailey sonnenklar: Er hat zwei Morde begangen. Er ist schuldig und in Mississippi wird er dafür mit dem Tod bestraft. Auch diese Bedrohung durch die Todesstrafe lässt den Fall in einem etwas anderen Licht erscheinen als in einem Justizsystem, in dem es »nur« die lebenslange Freiheitsstrafe gibt.

Das Verbot der Selbstjustiz ist eine in ihrer Bedeutung für das gesellschaftliche Leben nicht zu verkennende Errungenschaft der bürgerlichen Revolutionen, verbunden mit dem exklusiven Strafanspruch des Staates mit eindeutigen verfahrenstechnischen Regeln. Aber diese Errungenschaften können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit aus »mehr« besteht als aus Recht und Gesetz. Die Frage ist nicht so sehr, ob man Selbstjustiz für hier und da gerechtfertigt hält oder strikt ablehnt, sondern warum es sie überhaupt gibt. Diese Frage entzieht sich einer juristischen Klärung ebenso wie die Frage, warum es Verbrechen gibt wie das an der kleinen Tonya.

Der Film hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Es ist mehr oder weniger leicht, für oder gegen eine Verurteilung Haileys zu plädieren, gegen Selbstjustiz Position zu beziehen. Umso schwerer ist vorstellbar, was passieren würde, wenn man selbst in eine solche Situation geraten würde, wenn das eigene Kind oder ein sonst sehr nahestehender Mensch Opfer eines solchen Verbrechens würde. Selbstjustiz ist zu Recht verboten. Und Mord gehört bestraft. Doch viel wichtiger ist alles andere, das, was zu solchem Verhalten führt.

Die Jury
(A Time To Kill)
USA 1996, 149 Minuten
Regie: Joel Schumacher
Hauptdarsteller: Matthew McConaughey (Jake Tyler Brigance), Sandra Bullock (Ellen Roark), Samuel L. Jackson (Carl Lee Hailey), Kevin Spacey (D. A. Rufus Buckley), Oliver Platt (Harry Rex Vonner), Charles Dutton (Sheriff Ozzie Walls), Brenda Fricker (Ethel Twitty), Donald Sutherland (Lucien Wilbanks), Kiefer Sutherland (Freddie Lee Cobb), Patrick McGoohan (Richter Omar Noose), Ashley Judd (Carla Brigance), Tonea Stewart (Gwen Hailey), Rae’ven Kelly (Tonya Hailey), Darrin Mitchell (Skip Hailey), LaConte McGrew (Slim Hailey)


© Ulrich Behrens 2002
(dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)

22 Bewertungen, 2 Kommentare

  • XXLALF

    10.07.2011, 14:20 Uhr von XXLALF
    Bewertung: besonders wertvoll

    der film kommt mir sowas von bekannt vor, auf jedenfall find ich von der story her den film erstklassig, sowie auch dein bericht, der ein bw verdient hat. und ganz liebe grüße

  • Sayenna

    17.12.2006, 14:37 Uhr von Sayenna
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh & Kuss :-)