Enigma - Das Geheimnis (DVD) Testbericht
Erfahrungsbericht von wildheart
Ein nachdenklicher und spannender Film
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Der auf einer Romanvorlage von Robert Harris beruhende Film von Michael Apted zeigt sich stellenweise wie ein moderner Hitchcock, aber auch wie eine der klassischen Kriminalstories, wie sie in den 40er oder 50er Jahren in Amerika gedreht wurden.
Inhalt
Mitten im zweiten Weltkrieg (im März 1943) ändern die deutschen Militärs von einem Tag auf den anderen den Code für ihre von den Alliierten, besonders den Engländern als unmittelbar Bedrohte, gefürchteten U-Boote. Dabei nutzen sie ihre Chiffriermaschine Enigma, die Abermillionen von Möglichkeiten der Verschlüsselung zulässt. Die Experten in Bletchley Park nördlich von London stehen vor einem Rätsel. Insgeheim hoffen sie auf Tom Jericho (Dougray Scott), der schon einmal den deutschen Code in monatelanger Arbeit entschlüsselt hatte. Doch Jericho hatte einen Nervenzusammenbruch, nachdem ihn die schöne Claire Romilly (Saffron Burrows), in die er verliebt war, verlassen hatte und die seit kurzer Zeit spurlos verschwunden ist. Dann findet Jericho in dem Haus, in dem Claire zusammen mit einer anderen Mitarbeiterin des Expertenteams, Hester Wallace (Kate Winslet), wohnte auch noch Original-Kryptogramme, was Claire als potentielle Verräterin verdächtig macht.
Während Jericho und die anderen Experten sich an die Arbeit machen, vermutet auch der Geheimdienst, dass sich in Bletchley Park ein Verräter befinden könnte. Geheimagent Wigram (Jeremy Northam) setzt nicht nur Jericho unter Druck, sondern vermittelt ihm auch, dass er Claire für verdächtig halte.
Tom und Hester tun sich zusammen und stoßen auf weitere Kryptogramme, mit denen sie zunächst nichts anfangen können. Doch dann entdeckt Hester nach mühseliger Kleinarbeit, dass es sich um die Namen toter polnischer Offiziere handelt, die in Katyn auf Befehl Stalins ermordet und von den Truppen Hitlers entdeckt worden waren. Unter den Ermordeten befindet sich auch ein Bruder von Puck (Nikolaj Coster-Waldau), einem der Dechiffrier-Experten, mit dem Tom befreundet ist. Tom und die anderen können den neuen Code der Nazis entschlüsseln, doch Puck ist plötzlich verschwunden. Und auch Geheimagent Wigram spielt eine zwielichtige Rolle ...
Inszenierung
So verzwickt die Verschlüsselung durch die Enigma-Maschine ist, so verwickelt ist zunächst auch die Geschichte, die sich um Jericho, Claire, Hester und Wigram dreht. »Enigma« ist äußerst sachlich erzählt, zeichnet aber trotzdem die Hauptfiguren psychologisch sehr genau, vor allem Jericho und Wigram, die in der Handlung die beiden eigentlichen Kontrahenten darstellen. Michael Apted kommt zudem – was sehr wohltuend ist – ohne nationales Pathos aus, im Gegenteil: Der Chef der Entschlüsselungscrew, der viel von Ehre redet, kommt schlecht weg und bekommt dafür von Jericho auch einen ordentlichen Kinnhaken.
Deutlich wird in den Personen von Jericho und Wigram der weltpolitische Skandal, der sich u.a. hinter der Geschichte verbirgt: Die Engländer wollen das Verbrechen von Katyn (noch) nicht öffentlich machen, um die Anti-Hitler-Koalition nicht zu gefährden. (Bekanntlich hat erst Gorbatschow 1990 sich im Namen der Sowjetunion für diesen Massenmord Stalins an einem Teil der polnischen Oberschicht entschuldigt.)
Apted und Drehbuchautor Tom Stoppard (»Shakespeare in Love«) gelingt es, die Gefahr für die gesamte Versorgung der Alliierten in Europa durch die deutsche U-Boot-Flotte – auch im Hinblick auf den Aufbau einer »Zweiten Front« durch die geplante Landung der Alliierten in Nord-Frankreich – plastisch zu schildern, und all dies parallel zum energischen, aber nicht heroisiert dargestellten Kampf Jerichos zur Entschlüsselung nicht nur des neuen Codes »Shark«, sondern auch des Skandals, der sich im interessierten Verschweigen von Katyn auftut. Dabei geht der Streifen schnurstracks an sämtlichen Mythen und Legenden, die sich um den U-Boot-Krieg aufbauten und teilweise heute noch ranken, vorbei und erzählt auf eine enorm nüchterne Weise. Das war mir äußerst sympathisch.
Schauspieler
Während Dougray Scott als psychisch angeschlagener Wissenschaftler, der sich aber dennoch vom Entschlüsseln des Codes wie der Aufklärung des Schicksal Claires nicht abbringen lässt, in jeder Hinsicht zu überzeugen vermag, spielt Jeremy Northam den vom Aussehen her schon fast adlig wirkenden, verschlagenen, vordergründig freundlichen, aber hinterhältigen Geheimdienstler, als Gegenstück zu Jericho teils sympathisch, meist abstoßend glaubwürdig.
Kate Winslet, etwas pummelig und mit Brille, hat ihre Titanic-Vergangenheit zurückgelassen. Sie wirkt als Hester wie eine Frau, die eigentlich nicht in dieses Geschäft gehört, da sie aber nun mal dabei ist, ihre Aufgabe auch ordentlich, ja weit über ihre Pflichten hinaus erfüllt, und das nicht ohne Risiko. Die Liebesgeschichte, die sich zwischen Tom und Hester anbahnt, kommt in keiner Weise zuckersüß aufgesetzt daher, sondern ist in die Handlung eingepasst, eher schlicht, was nicht zuletzt Scott und Winslet zu verdanken ist.
Fazit
»Enigma« ist spannend. Dabei lebt der Film nicht von actiongeladenen Tricks oder technischen Kniffen. Die Spannung ergibt sich aus dem Handeln der Personen und der feinfühligen Psychologie der Charaktere. Es gelingt Apted und Stoppard, ohne Pathos die Leistung der Experten in Bletchley Park zu würdigen, zugleich aber auch die Haltung der britischen Regierung in bezug auf Katyn kritisch darzustellen, ohne sich in moralischen Verurteilungsszenarien zu ergehen. Ein wirklich nüchterner und doch zugleich emotional bewegender Streifen, der es an kritischem Engagement nicht fehlen lässt und keine fertigen Antworten liefert, sondern zum Nachdenken über das Geschehen auffordert.
Enigma – Das Geheimnis
(Enigma)
USA, Großbritannien, Deutschland 2001, 118 Minuten
Regie: Michael Apted
Hauptdarsteller: Dougray Scott (Tom Jericho), Kate Winslet (Hester Wallace), Saffron Burrows (Claire Romilly), Jeremy Northam (Wigram), Nikolaj Coster-Waldau (Puck), Tom Hollander (Logie)
© Ulrich Behrens 2002
(dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)
Inhalt
Mitten im zweiten Weltkrieg (im März 1943) ändern die deutschen Militärs von einem Tag auf den anderen den Code für ihre von den Alliierten, besonders den Engländern als unmittelbar Bedrohte, gefürchteten U-Boote. Dabei nutzen sie ihre Chiffriermaschine Enigma, die Abermillionen von Möglichkeiten der Verschlüsselung zulässt. Die Experten in Bletchley Park nördlich von London stehen vor einem Rätsel. Insgeheim hoffen sie auf Tom Jericho (Dougray Scott), der schon einmal den deutschen Code in monatelanger Arbeit entschlüsselt hatte. Doch Jericho hatte einen Nervenzusammenbruch, nachdem ihn die schöne Claire Romilly (Saffron Burrows), in die er verliebt war, verlassen hatte und die seit kurzer Zeit spurlos verschwunden ist. Dann findet Jericho in dem Haus, in dem Claire zusammen mit einer anderen Mitarbeiterin des Expertenteams, Hester Wallace (Kate Winslet), wohnte auch noch Original-Kryptogramme, was Claire als potentielle Verräterin verdächtig macht.
Während Jericho und die anderen Experten sich an die Arbeit machen, vermutet auch der Geheimdienst, dass sich in Bletchley Park ein Verräter befinden könnte. Geheimagent Wigram (Jeremy Northam) setzt nicht nur Jericho unter Druck, sondern vermittelt ihm auch, dass er Claire für verdächtig halte.
Tom und Hester tun sich zusammen und stoßen auf weitere Kryptogramme, mit denen sie zunächst nichts anfangen können. Doch dann entdeckt Hester nach mühseliger Kleinarbeit, dass es sich um die Namen toter polnischer Offiziere handelt, die in Katyn auf Befehl Stalins ermordet und von den Truppen Hitlers entdeckt worden waren. Unter den Ermordeten befindet sich auch ein Bruder von Puck (Nikolaj Coster-Waldau), einem der Dechiffrier-Experten, mit dem Tom befreundet ist. Tom und die anderen können den neuen Code der Nazis entschlüsseln, doch Puck ist plötzlich verschwunden. Und auch Geheimagent Wigram spielt eine zwielichtige Rolle ...
Inszenierung
So verzwickt die Verschlüsselung durch die Enigma-Maschine ist, so verwickelt ist zunächst auch die Geschichte, die sich um Jericho, Claire, Hester und Wigram dreht. »Enigma« ist äußerst sachlich erzählt, zeichnet aber trotzdem die Hauptfiguren psychologisch sehr genau, vor allem Jericho und Wigram, die in der Handlung die beiden eigentlichen Kontrahenten darstellen. Michael Apted kommt zudem – was sehr wohltuend ist – ohne nationales Pathos aus, im Gegenteil: Der Chef der Entschlüsselungscrew, der viel von Ehre redet, kommt schlecht weg und bekommt dafür von Jericho auch einen ordentlichen Kinnhaken.
Deutlich wird in den Personen von Jericho und Wigram der weltpolitische Skandal, der sich u.a. hinter der Geschichte verbirgt: Die Engländer wollen das Verbrechen von Katyn (noch) nicht öffentlich machen, um die Anti-Hitler-Koalition nicht zu gefährden. (Bekanntlich hat erst Gorbatschow 1990 sich im Namen der Sowjetunion für diesen Massenmord Stalins an einem Teil der polnischen Oberschicht entschuldigt.)
Apted und Drehbuchautor Tom Stoppard (»Shakespeare in Love«) gelingt es, die Gefahr für die gesamte Versorgung der Alliierten in Europa durch die deutsche U-Boot-Flotte – auch im Hinblick auf den Aufbau einer »Zweiten Front« durch die geplante Landung der Alliierten in Nord-Frankreich – plastisch zu schildern, und all dies parallel zum energischen, aber nicht heroisiert dargestellten Kampf Jerichos zur Entschlüsselung nicht nur des neuen Codes »Shark«, sondern auch des Skandals, der sich im interessierten Verschweigen von Katyn auftut. Dabei geht der Streifen schnurstracks an sämtlichen Mythen und Legenden, die sich um den U-Boot-Krieg aufbauten und teilweise heute noch ranken, vorbei und erzählt auf eine enorm nüchterne Weise. Das war mir äußerst sympathisch.
Schauspieler
Während Dougray Scott als psychisch angeschlagener Wissenschaftler, der sich aber dennoch vom Entschlüsseln des Codes wie der Aufklärung des Schicksal Claires nicht abbringen lässt, in jeder Hinsicht zu überzeugen vermag, spielt Jeremy Northam den vom Aussehen her schon fast adlig wirkenden, verschlagenen, vordergründig freundlichen, aber hinterhältigen Geheimdienstler, als Gegenstück zu Jericho teils sympathisch, meist abstoßend glaubwürdig.
Kate Winslet, etwas pummelig und mit Brille, hat ihre Titanic-Vergangenheit zurückgelassen. Sie wirkt als Hester wie eine Frau, die eigentlich nicht in dieses Geschäft gehört, da sie aber nun mal dabei ist, ihre Aufgabe auch ordentlich, ja weit über ihre Pflichten hinaus erfüllt, und das nicht ohne Risiko. Die Liebesgeschichte, die sich zwischen Tom und Hester anbahnt, kommt in keiner Weise zuckersüß aufgesetzt daher, sondern ist in die Handlung eingepasst, eher schlicht, was nicht zuletzt Scott und Winslet zu verdanken ist.
Fazit
»Enigma« ist spannend. Dabei lebt der Film nicht von actiongeladenen Tricks oder technischen Kniffen. Die Spannung ergibt sich aus dem Handeln der Personen und der feinfühligen Psychologie der Charaktere. Es gelingt Apted und Stoppard, ohne Pathos die Leistung der Experten in Bletchley Park zu würdigen, zugleich aber auch die Haltung der britischen Regierung in bezug auf Katyn kritisch darzustellen, ohne sich in moralischen Verurteilungsszenarien zu ergehen. Ein wirklich nüchterner und doch zugleich emotional bewegender Streifen, der es an kritischem Engagement nicht fehlen lässt und keine fertigen Antworten liefert, sondern zum Nachdenken über das Geschehen auffordert.
Enigma – Das Geheimnis
(Enigma)
USA, Großbritannien, Deutschland 2001, 118 Minuten
Regie: Michael Apted
Hauptdarsteller: Dougray Scott (Tom Jericho), Kate Winslet (Hester Wallace), Saffron Burrows (Claire Romilly), Jeremy Northam (Wigram), Nikolaj Coster-Waldau (Puck), Tom Hollander (Logie)
© Ulrich Behrens 2002
(dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)
19 Bewertungen, 2 Kommentare
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10.05.2010, 09:15 Uhr von XXLALF
Bewertung: besonders wertvollhört sich doch recht spannend an, obwohl ich diesen film schon x-mal in den händen gehabt hab, aber ihn genauso oft wieder weggelegt hab, aus dem grund, weil ich etwas von hilter darauf gelesen habe, und gleich politik geschnuppert hab. aber wenn mir dieser film bei der nächsten gelegenheit wieder unter kommt, muss ich mir diesen auch mal anschauen. bw und ganz liebe montagsgrüße
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17.12.2006, 14:35 Uhr von Sayenna
Bewertung: sehr hilfreichsh & Kuss :-)
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