Ernst sein ist alles (VHS) Testbericht

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Erfahrungsbericht von wildheart

Manchmal zu viel Seichtigkeit statt Leichtigkeit

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Bereits 1952 hatte Anthony Asquith Oscar Wildes „The Importance of Being Earnest“ in einer äußerst bissigen Art und Weise – u.a. mit Michael Redgrave, Edith Evans und Margaret Rutherford – inszeniert. Oliver Parker („Ein perfekter Ehemann“, 1999, mit Cate Blanchett, Minnie Driver, Rupert Everett und Julianne Moore) machte sich jetzt über den satirischen Wilde-Stoff her.

Inhalt
England um 1895. Scheinexistenzen können sehr nützlich sein, vor allem dann, wenn man seinen Gläubigern entwischen will wie Algy (Rupert Everett). Daher gibt es den angeblich auf dem Land lebenden Bunberry, dem Algy immer dann zu Hilfe eilen muss, wenn er für seinen extravaganten Lebensstil nicht mehr aufkommen kann. Auch Algys Freund Jack Worthing (Colin Firth) flüchtet ab und zu – in die entgegengesetzte Richtung: In London gibt er sich als Ernst aus, um seinen Pflichten auf dem Landsitz zu entkommen. Dort lebt nämlich die Großtochter Cecily (Reese Witherspoon) des Mannes, der Jack einst als Findelkind in einer Reisetasche in der Victoria Station gefunden und adoptiert hatte. Cecily ist Jacks Mündel.

Besonders angetan hat es Jack die Cousine Algys, die überaus reizende Gwendolen (Frances O’Connor), die sich nichts sehnlicheres wünscht, als mit Jack vereint zu sein – allerdings als Ernst, denn es war schon immer ihr größter Wunsch, einen Mann mit diesem Namen in die Arme schließen zu können. Zwischen den beiden steht Gwendolens mächtige Mutter Lady Bracknell (Judi Dench), ohne deren Zustimmung in der Familie gar nichts läuft. Und die will für ihre Tochter alles andere als ein Findelkind zum Ehemann.

Das Doppelleben der beiden jungen Taugenichtse bringt ihnen noch mehr Probleme. Algy hat es sich in den Kopf gesetzt, auf den Landsitz Jacks zu fliehen. Dort gibt er sich als angeblicher Bruder Ernst aus und belebt die Phantasien der jungen Cecily: Endlich scheint sie den Ritter gefunden zu haben, der ihre Träume bevölkert. Als dann auch noch Gwendolen auftaucht, um Ernst (Jack) zu finden, und ihr Cecily erzählt, Ernst (Algy) habe ihr einen Heiratsantrag gemacht, fliegt der Schwindel auf. Erst Cecilys Lehrerin Miss Prism (Anna Massey) kann – unvermutet und ohne es zunächst zu ahnen – alles wieder so hinbiegen, dass der feinen Gesellschaft und ihren Konventionen Genüge getan wird – so dass auch Lady Bracknell zufriedengestellt wird ...

Inszenierung
Wildes Stück ist eine Farce, ohne große Botschaften, bewegt sich in der Leichtigkeit des Daseins, beschäftigt sich mit der Leichtfüßigkeit von Müßiggängern der Londoner Gesellschaft, spielt mit vertauschten Rollen und deutet in der Aussage, es gebe nichts wichtigeres im Leben, als ernst zu sein, Wildes Homosexualität an: „Earnest“ stand im Jargon seiner Zeit für schwul. „Alle Frauen werden wie ihre Mütter. Das ist ihre Tragödie. Alle Männer werden nicht wie ihre Mütter. Das ist ihre Tragödie.“ „Einen Elternteil zu verlieren, Mr. Worthing, kann man als Unglück betrachten. Aber beide zu verlieren muss man als Nachlässigkeit bezeichnen.“ Solche Sätze prägen Wildes Farce. Und obwohl dieses Stück – das manche Leute für das beste Wildes halten – keine „Lehren“ enthält, ist es doch eine durchaus bissige Satire auf die englische Oberschicht des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Dass Wilde insgeheim die Konsequenz zieht, am besten sei man schwul („earnest“), gibt dem Stück zum Schluss eine besondere Note. Also ein nicht sehr ernst zu nehmendes Stück über die Bedeutung, ernst zu sein. Ernst sind sie beide nicht, weder Algy, noch Jack, und auch die beiden Herzensdamen leben eher in ihren romantischen Phantasien, als dass sie ihre Umgebung realistisch einzuschätzen wüssten.

Alles reichlich Stoff, aus dem man ein echtes Prunkstück an Film machen könnte – noch dazu bei der Besetzung. Allein, Oliver Parker übertrug die satirisch-bissige Leichtigkeit der Geschichte allzu oft auf die Art und Weise seiner Inszenierung. Sicherlich, sein Streifen enthält durchaus etliche Szenen, die die Lachmuskeln strapazieren können, mal hier, mal dort. Insgesamt jedoch war mir der Film in zu dünner dramaturgischer Luft abgedreht. Colin Firth und Rupert Everett zum Beispiel, die durch das Doppelleben ihrer Figuren mächtig in die Bredouille kommen, schippern mir allzu lässig, manchmal fast abwesend, so, als wenn sie auf dem Sprung zum nächsten Set wären, durch die Geschichte. Reese Witherspoon und Frances O’Connor machen ihre Sache da schon besser. In einer Szene, als sie erfahren haben, dass Jack und Algy sie mit ihrem Doppelleben betrogen haben, glucken sie zusammen, tuscheln miteinander, erklären sich gegenseitig, auf keinen Fall nachgeben zu wollen und wünschen sich doch nichts sehnlicher, als dass die beiden Männer akzeptable Erklärungen für ihr Verhalten finden – auch wenn die nicht der Wahrheit entsprechen –, um sie in die Arme schließen zu können. Beide Frauen stehen am oberen Ende der Treppe, flüstern sich zu, und sind in dieser Diskrepanz zwischen demonstrativer Einmütigkeit gegenüber den Geliebten und ihren nur schwer zu verbergenden sehnlichsten Wünschen großartig anzusehen.

Auch Judi Dench ist eine perfekte Wahl für die (Über-)Mutter nicht nur Gwendolens, sondern der feinen Gesellschaft. Sie spricht mit den Augen und alles erbebt, jedes ihrer Worte sitzt wie angepasst und trifft ins Herz. Bis ihr das „Feine“ und die Konvention zum Schluss (fast) auch schon gleichgültig sind, als sich alles (zum Besten?) auflöst.

Trotzdem ging ich nicht aus dem Kino wie etwa nach den Erlebnissen, ja so könnte man diese Filme titulieren, den Erlebnissen „Gosford Park“ oder „8 Frauen“. Ich habe an einzelnen Stellen gelacht, aber insgesamt fehlt Parkers Inszenierung die große Geschlossenheit dieser beiden Filme. Der satirische Witz und die Leichtigkeit der Farce des Stücks von Wilde werden allzu oft ersetzt durch einen Stich seichter Albernheit, der die Figuren ihrer charakterlichen Logik und der Geschichte ihren Pfiff beraubt. Man könnte fast sagen: Parker wollte den Spagat zwischen Vorlage und Hollywood-Manierismen vollbringen, und so etwas geht regelmäßig daneben.

Fazit
Schade. Crew und Vorlage hätten besseres erwarten lassen. Auch der Trailer versprach zu viel. Der Film ist ein Musterbeispiel für das Misslingen von Kompromissen an das Kassenkino. Wie aber gerade „Gosford Park“ oder „8 Frauen“ veranschaulicht haben, ist dies völlig unnötig. Und manchmal habe ich den Eindruck, dass Regisseure und Produktionsfirmen die Geschmacksrichtungen des Kinopublikums vielleicht doch falsch einschätzen.

Ernst sein ist alles
(The Importance of Being Earnest)
Frankreich, Großbritannien, USA 2002, 97 Minuten
Regie: Oliver Parker

Drehbuch: Oliver Parker, nach dem gleichnamigen Stück von Oscar Wilde
Musik: Charlie Mole
Kamera: Tony Pierce-Roberts
Schnitt: Guy Bensley
Spezialeffekte: –
Hauptdarsteller: Rupert Everett (Algernon „Algy“ Moncrieff), Colin Firth (Jack Worthing), Frances O’Connor (Gwendolen Fairfax), Reese Witherspoon (Cecily Cardew), Judi Dench (Lady Bracknell), Tom Wilkinson (Dr. Chasuble), Anna Massey (Miss Prism), Edward Fox (Lane), Patrick Godfrey (Merriman), Charles Kay (Gribsby)

Offizielle Homepage: http://www.miramax.com/theimportanceofbeingearnest/index.html
Internet Movie Database: http://us.imdb.com/Title?0278500

Weitere Filmkritik(en):
„Chicago Sun-Times“ (Roger Ebert):
http://www.suntimes.com/ebert/ebert_reviews/2002/05/052403.html

„Movie Reviews“ (James Berardinelli):
http://movie-reviews.colossus.net/movies/i/importance.html


© Ulrich Behrens 2002
(dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)

26 Bewertungen, 2 Kommentare

  • XXLALF

    09.07.2010, 10:02 Uhr von XXLALF
    Bewertung: besonders wertvoll

    der bericht ist wohl super gut geschrieben wie immer, jedoch ist der film ganz und gar nicht meine kragenweite. bw und ganz liebe grüße

  • Sayenna

    17.12.2006, 14:45 Uhr von Sayenna
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh & Kuss :-)