Italienisch für Anfänger (DVD) Testbericht
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Auf yopi.de gelistet seit 11/2011
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Erfahrungsbericht von suppengirl
Dogma für Fortgeschrittene
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
"Italienisch für Anfänger" gehört zu der Art Episoden-Filme, die ich mir besonders gerne ansehe. In bester Robert-Altman-Manier betrachtet Regisseurin Lone Scherfig den Alltag sechs junger Dänen (um genau zu sein, es sind auch ein Finne und eine Italienerin dabei) und verknüpft die Einzelepisoden kunstvoll miteinander.
Story
*****
"Story" ist ein Begriff, der sich auf "Italienisch für Anfänger" nur sehr schlecht beziehen lässt, denn so etwas wie einen klaren Handlungsstrang gibt es nicht. Sinnvoller ist es hier zunächst, die sechs Hauptcharaktere ein wenig zu beleuchten.
Da ist zunächst einmal der junge Pfarrer Andreas. Seine Frau ist vor wenigen Monaten gestorben und er tritt seine erste Stelle an, die aus einer zunächst befristeten Vertretung für den durchgeknallten und suspendierten (er hat den Organisten über die Brüstung geworfen...) "Alt"-Pastor der Stadt besteht. Seine Einsamkeit und sein Job (die Gottesdienste werden im Schnitt von drei Personen besucht) machen ihm zu schaffen, doch langsam gelingt es ihm wieder soziale Kontakte aufzubauen.
Halvfinn ist ein klassischer Macho und Aufreißer. Er jobbt als Geschäftführer und Kellner im Stadion-Café und scheint für diesen Job wie geboren zu sein (Ironie!!!), denn nicht selten verprellt er seine Gäste durch wüste Beleidigungen ("Leg deinen Teelöffel nicht aufs Tischtuch, du Sau!"). Seltsamerweise lässt sich die Stammkundschaft dadurch aber nicht verjagen, denn irgendwie mögen ihn doch alle.
Jørgen arbeitet im Hotel der Stadt an der Rezeption. Er ist der klassiche Underdog, schüchtern und unbeholfen in Bezug auf Frauen (schon seit beinahe vier Jahren lebt er - ungewollt - enthaltsam), und in seinem Beruf lässt er alles ohne Widerworte über sich ergehen, akzeptiert sogar seine Degradierung zum Gepäckträger von seinem Chef als Beförderung in eine verantwortungsvolle Tätigkeit schön reden.
Olympia lebt noch immer bei ihrem verbitterten und kranken Vater, der sie tyrannisiert und kontrolliert, obwohl er seit Jahren den Sessel vor seinem Fernseher nicht mehr verlassen zu haben scheint. Die junge Frau arbeitet derzeit als Verkäuferin in einer Bäckerei, doch wie so viele Jobs vorher, wird sie wohl auch diesen nicht lange behalten, denn ihre entsetzliche Tollpatschigkeit lässt sie früher oder später als für jeden Beruf ungeeignet erscheinen. Auch sie ist einsam, ihr Leben besteht aus Arbeit und Demütigung. Trotzdem scheint sie ihren Lebensmut noch nicht ganz verloren zu haben.
Die attraktive Frisöse Karen plagen ebenfalls elterliche Probleme. Ihre Mutter ist seit langem Alkoholikerin und schwer krank. Immer wieder türmt sie aus dem Krankenhaus, um bei ihrer überforderten Tochter Zuflucht und Hilfe zu suchen, und sie abwechselnd mit Liebkosungen und Beschimpfungen zu überschütten.
Und dann ist da noch Giulia, die italienische Kellnerin in Halvfinns Restaurant. Temperamentvoll liefert sie sich derbe Wortduelle mit ihrem Chef, der ganz passabel Italienisch spricht. Heimlich hat sie aber schon lange ein Auge auf dessen Freund Jørgen geworfen, doch dessen Schüchternheit und die sprachliche Barriere lassen zunächst alle zaghaften Annäherungsversuche im Keime ersticken.
So verschieden Andreas, Halvfinn, Jørgen, Olympia, Karen und Giulia auch sein mögen, sie alle verbindet eines: Ihre Einsamkeit. Nach und nach treffen sie aber alle aus verschiedensten Gründen, hauptsächlich aber sicher, um eben dieser Einsamkeit zu entfliehen, in einem Italienisch-Kurs zusammen. Schließlich ist sogar Giulia mit von der Partie, obwohl die Thematik des Kurses für sie nicht unbedingt passend erscheint.
Darsteller
********
Leider kann ich heute nicht mit gewohnt detaillierten Infos zur Schauspielerriege dienen. Obwohl mir der ein oder andere Mime in "Italienisch für Anfänger" sehr bekannt vorgekommen ist, konnte ich nicht heraus finden, woher ich die Gesichter kenne.
Aber das macht gar nichts, im Gegenteil. Anders W. Berthelsen (Andreas), Anette Støvelbæk (Olympia), Peter Gantzler (Jørgen), Ann Eleonora Jorgensen (Karen), Lars Kaalund (Halvfinn) und Sara Indrio Jensen (Giulia) verleihen dem Film gerade durch ihre unverbrauchten Gesichter ein hohes Maß an Authentizität, und Authentizität ist schließlich DAS Anliegen der Dogma-Filmer (dazu später noch mehr). Besonders beeidruckt hat mich aber Anette Støvelbæk in ihrer Rolle als etwas naive, linkische und doch so liebenswerte Olympia, der man so sehr gönnt, ihr tristes Leben wenigstens durch ein kleines Stückchen Glück aufzuwerten.
Regie / Umsetzung
*****************
Da ich auch über die Regisseurin Lone Scherfig nur wenig zu berichten weiß, außer, dass dies ihr erster Film im Dogma-Format ist, möchte ich nun alle Unwissenden ein wenig über eben dieses mysteriöse Dogma aufklären.
Vor einigen Jahren beschloss eine Hand voll skandinavischer Regisseure (unter ihnen, wenn ich mich recht entsinne, auch der international renommierte Lars von Trier), als Gegenbewegung zum immer größer werdenden Einfluss von Trick- und Computertechnik im Filmgeschäft, einige Projekte unter ganz bestimmten Richtlinien zu drehen. Diese Richtlinien wurden genau fest gelegt, aufgeschrieben und von den Herrschaften abgezeichnet. Was zunächst ein wenig verrückt anmutete, erwies sich nicht nur als sehr interessant, sondern auch als ziemlich erfolgreich. Und es machte Schule, denn nach und nach schlossen sich diverse weitere Filmemacher dem Dogma an und drehten zumindest phasenweise nach dessen Richtlinien.
Beispiele gefällig? Bitte schön!
-es werden keine Kamera-Stative verwendet
-es darf nur an Originalschauplätzen, also nicht im Studio gedreht werden
-Filmmusik ist grundsätzlich tabu
-Nachbearbeitung jeder Art, Special Effects usw. sind ebenfalls tabu
-usw.
Wie bereits erwähnt, verleihen diese Richtlinien den Dogma-Filmen eine unglaublich wohltuende Authentizität. Nachdem ich meinen ersten Dogma-Film gesehen hatte ("Das Fest"), erschienen mir wochenlang alle anderen Film als unwahrscheinlich künstlich und platt. Klar gibt es Filme, die alleine von der Thematik her, nicht auf Computer-Effekte verzichten können. Auch möchte ich beispielsweise Filmmusik nicht grundsätzlich verteufeln, denn sie kann im Zuschauer auch unheimlich viel bewirken. Aber ein Dogma-Film kann (wenn er gut gemacht ist) schon ein besonders intensives, bedrückendes und intensives Film-Erlebnis sein. Und - um wieder auf Lone Scherfig zurückzukommen -"Italienisch für Anfänger" ist gut gemacht. Lone Scherfig ließ ihren Mimen viel Raum zur Improvisation - die letzte Szene wurde gar ganz ohne Drehbuch gedreht! - und dieser wurde mehr als gut genutzt. Tragik, Komik und manchmal sogar Romantik habe ich schon lange nicht mehr so nahe nebeneinander und so überzeugend gesehen.
Fazit
*****
"Italienisch für Anfänger" ist ein Film der trotz oder gerade wegen der Tristheit des Alltages Sehnsucht weckt. Die Schicksale der Protagonisten sind alle mit mehr oder wenig großer Tragik durchzogen, trotzdem strahlen sie alle einen ansteckenden Optimismus aus. Und auch wenn man in den 118 Minuten mehr als nur einmal schlucken muss, verlässt man das Kino mit einem verzückten Lächeln.
Story
*****
"Story" ist ein Begriff, der sich auf "Italienisch für Anfänger" nur sehr schlecht beziehen lässt, denn so etwas wie einen klaren Handlungsstrang gibt es nicht. Sinnvoller ist es hier zunächst, die sechs Hauptcharaktere ein wenig zu beleuchten.
Da ist zunächst einmal der junge Pfarrer Andreas. Seine Frau ist vor wenigen Monaten gestorben und er tritt seine erste Stelle an, die aus einer zunächst befristeten Vertretung für den durchgeknallten und suspendierten (er hat den Organisten über die Brüstung geworfen...) "Alt"-Pastor der Stadt besteht. Seine Einsamkeit und sein Job (die Gottesdienste werden im Schnitt von drei Personen besucht) machen ihm zu schaffen, doch langsam gelingt es ihm wieder soziale Kontakte aufzubauen.
Halvfinn ist ein klassischer Macho und Aufreißer. Er jobbt als Geschäftführer und Kellner im Stadion-Café und scheint für diesen Job wie geboren zu sein (Ironie!!!), denn nicht selten verprellt er seine Gäste durch wüste Beleidigungen ("Leg deinen Teelöffel nicht aufs Tischtuch, du Sau!"). Seltsamerweise lässt sich die Stammkundschaft dadurch aber nicht verjagen, denn irgendwie mögen ihn doch alle.
Jørgen arbeitet im Hotel der Stadt an der Rezeption. Er ist der klassiche Underdog, schüchtern und unbeholfen in Bezug auf Frauen (schon seit beinahe vier Jahren lebt er - ungewollt - enthaltsam), und in seinem Beruf lässt er alles ohne Widerworte über sich ergehen, akzeptiert sogar seine Degradierung zum Gepäckträger von seinem Chef als Beförderung in eine verantwortungsvolle Tätigkeit schön reden.
Olympia lebt noch immer bei ihrem verbitterten und kranken Vater, der sie tyrannisiert und kontrolliert, obwohl er seit Jahren den Sessel vor seinem Fernseher nicht mehr verlassen zu haben scheint. Die junge Frau arbeitet derzeit als Verkäuferin in einer Bäckerei, doch wie so viele Jobs vorher, wird sie wohl auch diesen nicht lange behalten, denn ihre entsetzliche Tollpatschigkeit lässt sie früher oder später als für jeden Beruf ungeeignet erscheinen. Auch sie ist einsam, ihr Leben besteht aus Arbeit und Demütigung. Trotzdem scheint sie ihren Lebensmut noch nicht ganz verloren zu haben.
Die attraktive Frisöse Karen plagen ebenfalls elterliche Probleme. Ihre Mutter ist seit langem Alkoholikerin und schwer krank. Immer wieder türmt sie aus dem Krankenhaus, um bei ihrer überforderten Tochter Zuflucht und Hilfe zu suchen, und sie abwechselnd mit Liebkosungen und Beschimpfungen zu überschütten.
Und dann ist da noch Giulia, die italienische Kellnerin in Halvfinns Restaurant. Temperamentvoll liefert sie sich derbe Wortduelle mit ihrem Chef, der ganz passabel Italienisch spricht. Heimlich hat sie aber schon lange ein Auge auf dessen Freund Jørgen geworfen, doch dessen Schüchternheit und die sprachliche Barriere lassen zunächst alle zaghaften Annäherungsversuche im Keime ersticken.
So verschieden Andreas, Halvfinn, Jørgen, Olympia, Karen und Giulia auch sein mögen, sie alle verbindet eines: Ihre Einsamkeit. Nach und nach treffen sie aber alle aus verschiedensten Gründen, hauptsächlich aber sicher, um eben dieser Einsamkeit zu entfliehen, in einem Italienisch-Kurs zusammen. Schließlich ist sogar Giulia mit von der Partie, obwohl die Thematik des Kurses für sie nicht unbedingt passend erscheint.
Darsteller
********
Leider kann ich heute nicht mit gewohnt detaillierten Infos zur Schauspielerriege dienen. Obwohl mir der ein oder andere Mime in "Italienisch für Anfänger" sehr bekannt vorgekommen ist, konnte ich nicht heraus finden, woher ich die Gesichter kenne.
Aber das macht gar nichts, im Gegenteil. Anders W. Berthelsen (Andreas), Anette Støvelbæk (Olympia), Peter Gantzler (Jørgen), Ann Eleonora Jorgensen (Karen), Lars Kaalund (Halvfinn) und Sara Indrio Jensen (Giulia) verleihen dem Film gerade durch ihre unverbrauchten Gesichter ein hohes Maß an Authentizität, und Authentizität ist schließlich DAS Anliegen der Dogma-Filmer (dazu später noch mehr). Besonders beeidruckt hat mich aber Anette Støvelbæk in ihrer Rolle als etwas naive, linkische und doch so liebenswerte Olympia, der man so sehr gönnt, ihr tristes Leben wenigstens durch ein kleines Stückchen Glück aufzuwerten.
Regie / Umsetzung
*****************
Da ich auch über die Regisseurin Lone Scherfig nur wenig zu berichten weiß, außer, dass dies ihr erster Film im Dogma-Format ist, möchte ich nun alle Unwissenden ein wenig über eben dieses mysteriöse Dogma aufklären.
Vor einigen Jahren beschloss eine Hand voll skandinavischer Regisseure (unter ihnen, wenn ich mich recht entsinne, auch der international renommierte Lars von Trier), als Gegenbewegung zum immer größer werdenden Einfluss von Trick- und Computertechnik im Filmgeschäft, einige Projekte unter ganz bestimmten Richtlinien zu drehen. Diese Richtlinien wurden genau fest gelegt, aufgeschrieben und von den Herrschaften abgezeichnet. Was zunächst ein wenig verrückt anmutete, erwies sich nicht nur als sehr interessant, sondern auch als ziemlich erfolgreich. Und es machte Schule, denn nach und nach schlossen sich diverse weitere Filmemacher dem Dogma an und drehten zumindest phasenweise nach dessen Richtlinien.
Beispiele gefällig? Bitte schön!
-es werden keine Kamera-Stative verwendet
-es darf nur an Originalschauplätzen, also nicht im Studio gedreht werden
-Filmmusik ist grundsätzlich tabu
-Nachbearbeitung jeder Art, Special Effects usw. sind ebenfalls tabu
-usw.
Wie bereits erwähnt, verleihen diese Richtlinien den Dogma-Filmen eine unglaublich wohltuende Authentizität. Nachdem ich meinen ersten Dogma-Film gesehen hatte ("Das Fest"), erschienen mir wochenlang alle anderen Film als unwahrscheinlich künstlich und platt. Klar gibt es Filme, die alleine von der Thematik her, nicht auf Computer-Effekte verzichten können. Auch möchte ich beispielsweise Filmmusik nicht grundsätzlich verteufeln, denn sie kann im Zuschauer auch unheimlich viel bewirken. Aber ein Dogma-Film kann (wenn er gut gemacht ist) schon ein besonders intensives, bedrückendes und intensives Film-Erlebnis sein. Und - um wieder auf Lone Scherfig zurückzukommen -"Italienisch für Anfänger" ist gut gemacht. Lone Scherfig ließ ihren Mimen viel Raum zur Improvisation - die letzte Szene wurde gar ganz ohne Drehbuch gedreht! - und dieser wurde mehr als gut genutzt. Tragik, Komik und manchmal sogar Romantik habe ich schon lange nicht mehr so nahe nebeneinander und so überzeugend gesehen.
Fazit
*****
"Italienisch für Anfänger" ist ein Film der trotz oder gerade wegen der Tristheit des Alltages Sehnsucht weckt. Die Schicksale der Protagonisten sind alle mit mehr oder wenig großer Tragik durchzogen, trotzdem strahlen sie alle einen ansteckenden Optimismus aus. Und auch wenn man in den 118 Minuten mehr als nur einmal schlucken muss, verlässt man das Kino mit einem verzückten Lächeln.
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