Erfahrungsbericht von wildheart
Zwischen Schauder und Humor
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Horrorfilme leben und sterben mit der Art, wie sie den Zuschauer intelligent in Angst und Schrecken versetzen – und das ist bekanntlich nicht so einfach. Wenn man aus dem Kino kommt und auf dem Heimweg im Dunkeln sich mindestens zweimal umschaut, ob jemand hinter einem her schleicht, kann ein Film nicht so schlecht gewesen sein. Aber es gibt auch eine andere Art von Horror – den, der mit einer guten Portion Ironie verpackt ist, seltene Streifen, in denen Horror und Humor in einer ausgefeilten Mischung Schaudern und Schmunzeln zugleich hervorrufen.
Victor Salvas »Jeepers Creepers« gehört meiner Meinung nach zu den letzteren. Der Film rief ein geteiltes Echo hervor; das liegt vielleicht auch daran, mit welchen Erwartungen man diesen Film ansieht und welche Vorlieben man in bezug auf dieses Genre hat.
Inhalt
Die Geschwister Darry (Justin Long) und Trish (Gina Philips) befinden sich auf dem Heimweg durch eine fast menschenleere Gegend und kabbeln sich. Sie wetteifern um die »Interpretation« von Autokennzeichen, Darry provoziert seine Schwester mit deren gescheiterter Freundschaft zu einem Studienkollegen, Trish wirft ihrem Bruder Egoismus vor usw. Schon in dieser Anfangssequenz des Streifens bereitet Salva in schier endloser Wartezeit den Zuschauer auf den ersten Schock vor: Plötzlich nähert sich von hinten ein alter, sehr klapprig aussehender Lastwagen mit hoher Geschwindigkeit und fährt dicht auf, hupend, drängend, bedrohlich. Darry sieht sich schließlich gezwungen, von der Straße auf eine Wiese auszuweichen; der Lkw fährt weiter, als ob nichts passiert wäre.
Einige Meilen weiter beobachten die beiden dann, wie jemand aus dem Lkw steigt und in ein Rohr nahe einer Kirche in Tücher eingewickelte und gut verschnürte »Päckchen« wirft. Trish und Darry ahnen, was dort geschehen könnte, ohne es wirklich wahr haben zu wollen. Doch das Entsetzen hält zumindest bei Darry nur kurz an: Er will wissen, was dort passiert ist und beide kehren zu der Kirche zurück, nachdem der Lkw wieder verschwunden ist. Vorsichtig nähern sie sich dem Rohr, in dem es erbärmlich stinkt, und Darry fordert Trish auf, ihn an den Füßen festzuhalten, damit er in das Rohr kriechen und mit einer Taschenlampe nachsehen kann, was dort unten vor sich geht. Sie hören Stimmen.
Als dann Ratten auftauchen, erschrecken beide derart, dass Darry den Halt verliert und hinabstürzt. Unten angekommen muss er eine grausame Entdeckung machen: Er befindet sich in dem gewölbeartigen Keller der Kirche. Die Wände sind kunstvoll verziert. Doch nicht Michelangelo war hier am Werk ...
Die Geschwister machen, dass sie davon kommen, um die Polizei zu verständigen. In einem Schnellrestaurant erhalten sie einen merkwürdigen Anruf von einer Frau (Patricia Belcher), die sie davor warnt, jemand sei hinter ihnen her, und der habe nichts Gutes mit ihnen vor. Die Frau hat offenbar hellseherische Fähigkeiten und warnt Trish und Darry, der immer noch unter Schock steht, vor einem alten Schlager: Wenn sie »Jeepers Creepers« hören würden, sei höchste Alarmstufe.
Die inzwischen anwesende Polizei nimmt Darrys Geschichte – zweifelnd – zu Protokoll und begleitet die beiden auf dem Highway. Doch der Horror nimmt seinen Lauf: Auf dem Polizeiwagen landet – der Creeper. Und plötzlich hat der Polizeibeamte keinen Kopf mehr ...
Fazit
Ich will nicht mehr von der Geschichte verraten. Denn der Streifen lebt von der Spannung der einzelnen Ereignisse, die nach und nach ein furchtbares Szenario kreieren, in das die Geschwister zusehends verwickelt werden – und nicht nur sie. Salva setzt gekonnt auf ruhige Phasen, in denen der nächste Schrecken vorbereitet wird, Szenen, in denen alles normal scheint, das Leben, die Menschen, die Landschaft, die aber nur die »Ruhe vor dem Sturm« ankündigen. Der Horror schneidet in diese scheinbare Normalität so plötzlich und hart wie ein scharfes Messer hinein, dass man in einigen Szenen des Films regelrecht zusammenzuckt. Gleichzeitig ist der Schrecken aber mit einem guten Schuss Humor, manchmal sogar Ironie, gepaart, etwa wenn der »Creeper« seine Leichen im Lkw verstaut, die Tür schließt, die Tür plötzlich wieder aufgeht und er noch einen Kopf auf die Ladefläche wirft, als ob er ein normaler Lieferant wäre, der seine Ware verstaut, um den nächsten Kunden zu beliefern. Für den »Creeper« ist dies ein »normales Geschäft«.
»Creeper« ist jemand, der sich anschleicht, ein »Kriecher«. Und das ist im doppelten Sinn zu verstehen: Er schleicht sich an, um urplötzlich zuzuschlagen, der schleichende Schrecken spannt sich über die Gegend, ihre Bewohner und die Geschwister. Gleichzeitig ist kein Horror im Film so grausam, wie die Wirklichkeit sein kann. Das nutzt Salva geschickt aus und lässt den Creeper als jemand erscheinen, der sich – und gelegentlich auch dem Zuschauer – einen Spaß daraus macht, Menschen als eine Art Ersatzteillager zu verwenden: das ist grauslich und humorvoll zugleich. Ich habe den Eindruck, dass Salva, der bekennender Liebhaber des Genres ist, die Sparte Horrorfilm nicht so bierernst nimmt, dass er den Humor darüber verliert. So ist der Film zugleich eine sanfte Satire, wofür besonders die Schlussszene steht, über die ich allerdings nichts verraten möchte. Salva zieht alle Register des Schreckens. Doch man ist sich darüber bewusst, dass die Tatsache, dass man im Horrorfilm sämtliche unrealistischen Phantasien umsetzen kann, auch die Chance bietet, auf der Klaviatur des (ironisierten) Übertriebenen zu spielen. Ich finde diese Art von Horrorfilmen am gelungensten, in denen man hin und her schwankt, ob man nun lachen oder erschaudern soll.
Gina Philips und Justin Long machen ihre Sache gut; sie sind nicht nur ein ernst und heiter zu nehmendes Geschwisterpaar, sondern geben der Angst und Verzweiflung angesichts der anscheinend unbezwingbaren Gefahr ernsthaften Ausdruck.
Jeepers Creepers
USA 2000, 90 Minuten
Regie: Victor Salva
Hauptdarsteller: Justin Long (Darius »Darry« Jenner), Gina Philips (Patricia »Trish« Jenner), Jonathan Breck (The Creeper), Patricia Belcher (Jezelle Gay Hartman), Brandon Smith (Sgt. David Tubbs), Eileen Brennan (Katzenlady)
© Ulrich Behrens 2002
(dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)
Victor Salvas »Jeepers Creepers« gehört meiner Meinung nach zu den letzteren. Der Film rief ein geteiltes Echo hervor; das liegt vielleicht auch daran, mit welchen Erwartungen man diesen Film ansieht und welche Vorlieben man in bezug auf dieses Genre hat.
Inhalt
Die Geschwister Darry (Justin Long) und Trish (Gina Philips) befinden sich auf dem Heimweg durch eine fast menschenleere Gegend und kabbeln sich. Sie wetteifern um die »Interpretation« von Autokennzeichen, Darry provoziert seine Schwester mit deren gescheiterter Freundschaft zu einem Studienkollegen, Trish wirft ihrem Bruder Egoismus vor usw. Schon in dieser Anfangssequenz des Streifens bereitet Salva in schier endloser Wartezeit den Zuschauer auf den ersten Schock vor: Plötzlich nähert sich von hinten ein alter, sehr klapprig aussehender Lastwagen mit hoher Geschwindigkeit und fährt dicht auf, hupend, drängend, bedrohlich. Darry sieht sich schließlich gezwungen, von der Straße auf eine Wiese auszuweichen; der Lkw fährt weiter, als ob nichts passiert wäre.
Einige Meilen weiter beobachten die beiden dann, wie jemand aus dem Lkw steigt und in ein Rohr nahe einer Kirche in Tücher eingewickelte und gut verschnürte »Päckchen« wirft. Trish und Darry ahnen, was dort geschehen könnte, ohne es wirklich wahr haben zu wollen. Doch das Entsetzen hält zumindest bei Darry nur kurz an: Er will wissen, was dort passiert ist und beide kehren zu der Kirche zurück, nachdem der Lkw wieder verschwunden ist. Vorsichtig nähern sie sich dem Rohr, in dem es erbärmlich stinkt, und Darry fordert Trish auf, ihn an den Füßen festzuhalten, damit er in das Rohr kriechen und mit einer Taschenlampe nachsehen kann, was dort unten vor sich geht. Sie hören Stimmen.
Als dann Ratten auftauchen, erschrecken beide derart, dass Darry den Halt verliert und hinabstürzt. Unten angekommen muss er eine grausame Entdeckung machen: Er befindet sich in dem gewölbeartigen Keller der Kirche. Die Wände sind kunstvoll verziert. Doch nicht Michelangelo war hier am Werk ...
Die Geschwister machen, dass sie davon kommen, um die Polizei zu verständigen. In einem Schnellrestaurant erhalten sie einen merkwürdigen Anruf von einer Frau (Patricia Belcher), die sie davor warnt, jemand sei hinter ihnen her, und der habe nichts Gutes mit ihnen vor. Die Frau hat offenbar hellseherische Fähigkeiten und warnt Trish und Darry, der immer noch unter Schock steht, vor einem alten Schlager: Wenn sie »Jeepers Creepers« hören würden, sei höchste Alarmstufe.
Die inzwischen anwesende Polizei nimmt Darrys Geschichte – zweifelnd – zu Protokoll und begleitet die beiden auf dem Highway. Doch der Horror nimmt seinen Lauf: Auf dem Polizeiwagen landet – der Creeper. Und plötzlich hat der Polizeibeamte keinen Kopf mehr ...
Fazit
Ich will nicht mehr von der Geschichte verraten. Denn der Streifen lebt von der Spannung der einzelnen Ereignisse, die nach und nach ein furchtbares Szenario kreieren, in das die Geschwister zusehends verwickelt werden – und nicht nur sie. Salva setzt gekonnt auf ruhige Phasen, in denen der nächste Schrecken vorbereitet wird, Szenen, in denen alles normal scheint, das Leben, die Menschen, die Landschaft, die aber nur die »Ruhe vor dem Sturm« ankündigen. Der Horror schneidet in diese scheinbare Normalität so plötzlich und hart wie ein scharfes Messer hinein, dass man in einigen Szenen des Films regelrecht zusammenzuckt. Gleichzeitig ist der Schrecken aber mit einem guten Schuss Humor, manchmal sogar Ironie, gepaart, etwa wenn der »Creeper« seine Leichen im Lkw verstaut, die Tür schließt, die Tür plötzlich wieder aufgeht und er noch einen Kopf auf die Ladefläche wirft, als ob er ein normaler Lieferant wäre, der seine Ware verstaut, um den nächsten Kunden zu beliefern. Für den »Creeper« ist dies ein »normales Geschäft«.
»Creeper« ist jemand, der sich anschleicht, ein »Kriecher«. Und das ist im doppelten Sinn zu verstehen: Er schleicht sich an, um urplötzlich zuzuschlagen, der schleichende Schrecken spannt sich über die Gegend, ihre Bewohner und die Geschwister. Gleichzeitig ist kein Horror im Film so grausam, wie die Wirklichkeit sein kann. Das nutzt Salva geschickt aus und lässt den Creeper als jemand erscheinen, der sich – und gelegentlich auch dem Zuschauer – einen Spaß daraus macht, Menschen als eine Art Ersatzteillager zu verwenden: das ist grauslich und humorvoll zugleich. Ich habe den Eindruck, dass Salva, der bekennender Liebhaber des Genres ist, die Sparte Horrorfilm nicht so bierernst nimmt, dass er den Humor darüber verliert. So ist der Film zugleich eine sanfte Satire, wofür besonders die Schlussszene steht, über die ich allerdings nichts verraten möchte. Salva zieht alle Register des Schreckens. Doch man ist sich darüber bewusst, dass die Tatsache, dass man im Horrorfilm sämtliche unrealistischen Phantasien umsetzen kann, auch die Chance bietet, auf der Klaviatur des (ironisierten) Übertriebenen zu spielen. Ich finde diese Art von Horrorfilmen am gelungensten, in denen man hin und her schwankt, ob man nun lachen oder erschaudern soll.
Gina Philips und Justin Long machen ihre Sache gut; sie sind nicht nur ein ernst und heiter zu nehmendes Geschwisterpaar, sondern geben der Angst und Verzweiflung angesichts der anscheinend unbezwingbaren Gefahr ernsthaften Ausdruck.
Jeepers Creepers
USA 2000, 90 Minuten
Regie: Victor Salva
Hauptdarsteller: Justin Long (Darius »Darry« Jenner), Gina Philips (Patricia »Trish« Jenner), Jonathan Breck (The Creeper), Patricia Belcher (Jezelle Gay Hartman), Brandon Smith (Sgt. David Tubbs), Eileen Brennan (Katzenlady)
© Ulrich Behrens 2002
(dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)
22 Bewertungen, 4 Kommentare
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11.02.2010, 08:00 Uhr von XXLALF
Bewertung: besonders wertvollhorror wo die köpfe rollen mag ich nicht so, dann lieber die gruseligen verwandlungen, von welchen man von vornherein keine realität sehen kann. na ja, allein nachts auf der straße möchte ich nach diesem film aber nicht sein. nur mit jemand, dem solch ein film keinen schrecken einjagen kann. super filmbericht, bw und ganz liebe grüße
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17.01.2009, 16:40 Uhr von frankensteins
Bewertung: sehr hilfreichganz liebe Grüße Werner
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29.09.2007, 21:48 Uhr von Puenktchen3844
Bewertung: sehr hilfreichEin ausführlicher Bericht. LG
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15.12.2006, 12:25 Uhr von Sayenna
Bewertung: sehr hilfreichsh & Kuss :-)
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