Lampedusa (DVD) Testbericht

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Erfahrungsbericht von andy77

Lebenslust, eine Krankheit???

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

„Eine der Legenden der Insel hat mich zu dem Film inspiriert. Die Geschichte dieser jungen Mutter, auf die die Dorfbewohner nur herunter schauen. Sie dachten, sie wäre verrückt, denn sie bewegte sich ein wenig außerhalb der strengen Regeln und Normen der kleinen Gesellschaft, in der sie lebte. Eines Tages verschwand die Frau – zurück blieben nur ihre Kleider auf dem Strand. Die Zeit verging und so wurde die Frau zur Legende. Die Dorfgemeinschaft fühlte sich schuldig, sie hatte die Frau in den Selbstmord getrieben. Doch die Legende erzählt auch, dass die vielen tiefgläubigen Gebete die Frau auf wundersame Weise zurück ins Leben gebracht haben. Sie kehrte zu ihrer Familie und ihrem Leben zurück. Die Grazia in meinem Film ist abgründig, voller Höhen und Tiefen, stürmisch wild, in jedem Fall zu unberechenbar.“


Regisseur Emanuele Crialese

Lampedusa ist eine kleine italienische Insel zwischen Sizilien und Afrika. Eine Insel voller karger und trockener Landstriche, die durch ihre rauhen Felsen dem wilden Meer zu strotzen vermag. Das Wasser ist demzufolge das wichtigste Element der Bewohner. Ihr gesamtes Leben richtet sich nach den Gezeiten und den Fischvorkommen an der Küste. Auch der 13 jährige Pasquale muss seinem Vater Pietro beim Fischfang helfen. Wenn er nicht aufs Meer hinausfahren muss treibt er sich mit seinen Freunden in alten Bauruinen herum, jagt Singvögel oder schlägt sich mit anderen Jungen. Am Abend geht es dann auf die Dorfstraße, zum flanieren und Mädchen anmachen.

Seine Mutter Grazia ist der Mittelpunkt der Familie. Sie ist eine dieser Menschen, die in den Extremen leben. Voller Lebenslust kann umarmt sie jeden, der ihr begegnet, lacht ständig, bricht alle gängigen Schamgrenzen und macht immer das, was sie gerade möchte. Wenn ihr jedoch etwas nicht passt, dann flippt sie, ohne Rücksicht auf ihre Mitmenschen und ihre eigene Gesundheit. Die Dorfbewohner halten die extrovertierte Grazia schlicht und einfach für verrückt.

Solange sie sich durch Spritzen beruhigen lässt und nicht allzu häufig ihren Launen frönt, scheint alles in Ordnung zu sein. Die Familie kümmert sich aufopferungsvoll um die lebenslustige Grazia. Als sie jedoch alle wilden Hunde, die auf der Insel gefangengehalten wurden, freilässt und dadurch ein riesiges Chaos auslöst, verlangen die Dorfbewohner eine ärztliche Behandlung in Mailand. Grazia widersetzt sich und flieht, ohne sich von ihrer Familie zu verabschieden...

\\\"Lampedusa\\\" ist der zweite Spielfilm des Exilitalieniers Emanuele Crialese. Auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes konnte er dafür im letzten Jahr den Publikumspreis gewinnen.

Im Zentrum von \\\"Lampedusa\\\" steht die karge und staubige Landschaft der kleinen Fischerinsel. Schon zu Beginn des Filmes, als die ersten Bilder über die Leinwand flimmern, fühlt man sich wie in einer anderen Welt. Die Sonne brennt, die Farben wirken von den ständigen Lichteinstrahlungen ausgebleicht und die Menschen bewegen sich aufgrund der Hitze etwas langsamer fort als anderswo. Dazu fährt die Kamera über trockene, felsige Landschaften ohne Bäume, die den Menschen Schatten bieten könnten. Durchbrochen wird diese trostlose Szenerie nur duch alte Bauruinen, die Zeugnis ablegen von großen Plänen und Hoffnungen in ein besseres aber dann doch gescheitertes Leben. Die Bilder dieses Filmes wirken durch ihre Physis und erzählen allein durch ihre Direktheit mehr, als Worte es je vermögen könnten.

In dieser abgeschlossenen Welt erzählt der Film eine kleine Geschichte über eine Frau, die sich gegen jegliche Normen und Wertevorstellungen ihrer Umwelt stellt. Sie tut das jeoch nicht bewusst, sondern eher getrieben durch unkontrollierbare Stimmungsschwankungen. Dies sollen Symptome einer Krankheit sein, so will es uns jedenfalls das Drehbuch sagen, doch durch das tolle Spiel von Valeria Golino kommt uns dies nicht so vor. Wie alle Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung erliegen auch wir dem Charme von Grazia, die das Leben einfach zu geniessen scheint. Ohne Zwänge und Einschränkungen. Sie nimmt sich was sie will und lebt alle ihre Launen aus, ohne Rücksicht auf ihre Umwelt. Ein traumhafter Gedanke, so unreal und anziehend zugleich. Natürlich kann so etwas nicht gut gehen. Nicht hier und erst recht nicht in einer kleinen sizilianischen Dorfgemeinschaft.

Emanuele Crialese hat einen kleinen Film geschaffen, der einen in eine andere Welt entführt und diese spüren lässt. Seine Bilder sieht man nicht nur, man erlebt sie mit und scheint jeden Windzug spüren zu können. Die Geschichte, die er erzählt beruht auf einer Legende, die sich die Inselbewohner noch heute erzählen. Das merkt man dem Film eindeutig an, denn sie reicht nicht aus um mehr Dramatik aufzubauen. Gerade zum Ende verliert der Film an Glaubhaftigkeit, den er sich langsam, aber stetig durch die hervorragenden, sehr authentischen Darsteller aufgebaut hat. Dies kleidet er wiederum in beeindruckende Bilder, voller Kraft und visueller Schönheit.

Crialese wollte sicher keine realistische Darstellung der Dorfstrukturen seiner Bewohner zeigen, sondern einfach eine kleine Geschichte, eine Legende halt, die so unbedeutend sie auch ist, den Tonfall der Menschen, die dort leben, zu treffen vermag. Nur wenn man sich dies ein wenig vor Augen hält, wird man diesen kleinen Film in vollen Zügen geniessen können.

Wertung: 8/10

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