Lichter (DVD) Testbericht
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Auf yopi.de gelistet seit 04/2011
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Erfahrungsbericht von Bjoern.Becher
Willkommen in der Wirklichkeit!
Pro:
Darsteller, Stories, Inszenierung,...
Kontra:
kaum etwas
Empfehlung:
Ja
Oftmals erzählen Filme nur Geschichten, nicht die Wirklichkeit. In „Lichter“ von Hans-Christian Schmid werden auch Geschichten erzählt, sehr viele Geschichten sogar, aber alle bilden sie die niederschmetternde Wirklichkeit ab. Doch für die Protagonisten dieser Filme ist es schwer die Wirklichkeit zu akzeptieren, sie alle haben einen Traum. Da ist eine Gruppe Ukrainer, die mit Hilfe einer Schleuserbande illegal nach Deutschland einreisen will. Unter ihnen befindet sich Kolya (Ivan Shvedoff), der davon träumt die Hochhäuser am Potsdamer Platz in Berlin zu fotografieren, die sein Bruder als illegaler Bauarbeiter mit errichtet hat. Doch sein Traum scheint jäh zu platzen, als sich herausstellt, dass die Schleuser ihr Versprechen nicht gehalten habe. Wenige Kilometer Fußweg seien es nur noch bis nach Berlin. Sobald sie die ersten Lichter sehen, sei ihr Ziel erreicht, bekommen die Ukrainer gesagt, als man sie absetzt, doch in Wirklichkeit sind sie noch nicht einmal in Deutschland. Man hat sie unweit des polnischen Ortes Slubice entlassen.
Hier im deutsch-polnischen Grenzgebiet spielt „Lichter“. Zwischen Slubice auf der polnischen Seite und Frankfurt/Oder auf der deutschen Seite finden die Schicksale statt. Auf der einen, der deutschen Seite leuchten die Lichter der Grenzpolizei, die fieberhaft nach jedem sucht, der durch den Fluß einreisen will. Auf der anderen, der polnischen Seite leuchten kleine Lichter der Hoffnung. In Slubice lebt der Taxifahrer Antoni (Zbigniew Zamachowski), dessen Traum es ist seiner Tochter zur Erstkommunion, die in wenigen Tagen stattfindet, das richtige Kleid kaufen zu können. Doch das Geld fehlt, denn seine Frau (Aleksandra Justa) wurde gerade entlassen. Geld hat sie von ihrem Job sowieso nicht mitgebracht, nur eine Matratze. Sie hat auf der deutschen Seite für Ingo (Devid Striesow) gearbeitet. Dieser hat den Traum von einem Matratzenverkauf, doch auch dieser scheint ausgeträumt. Ingo ist pleite, der Strom wird ihm abgestellt, die Matratzen werden abgeholt. Dabei ist der Laden alles, was ihm geblieben ist. Er schläft dort sogar, auf seiner letzten Matratze.
Auch der junge Architekt Philip (August Diehl) sieht seine Träume scheitern. In die Planung eines großes Bauprojekts war er involviert. Die Glasfassade ist ganz alleine von ihm, wie er nicht ohne Stolz erzählt. Bei den Gesprächen zum Projekt trifft er seine ehemalige Freundin Beata (Julia Krynke) wieder, die als Dolmetscherin fungiert, und hofft auf ein erneutes Aufflammen der alten Liebe. Doch „Willkommen in der Wirklichkeit“ schmeißt ihm sein Chef Fengler (Herbert Knaup) entgegen, als erst seine Glasfassade aus dem Projekt gestrichen wird und er dann noch merkt, dass Beata für mehr als das Dolmetschen bezahlt wird. Wenn der Abend fortschreitet, soll sie dem Geldgeber die Nacht versüßen und so den Ablauf der Geschäfte reibungsloser gestalten.
Dies sind nur einige wenige der zahlreichen Geschichten die Schmid in seinem Film erzählt. Jede diese Geschichten hat zwar Lichtblicke, doch es sind alles triste Geschichten, die Schicksale behandeln. Geschichten über das Scheitern von Menschen, traurige Geschichten. Wie hervorragend Schmid und sein Co-Drehbuchautor Michael Gutman (die beiden arbeiteten auch schon bei „Nach fünf im Urwald“, „23“ und „Crazy“ zusammen) ihr Drehbuch gestalten zeigt sich schon daran, dass sich der Zuschauer, von dem natürlich auch Aufmerksamkeit verlangt wird, sehr einfach in den Geschichten zurechtfindet.
Das Problem bei Episodenfilmen ist oft, dass es dem Zuschauer schwer fällt eine Bindung zu den Personen aufzubauen, die immer wieder nur kurz ins Bild kommen und dann oft für lange Zeit wieder verschwinden. Bei „Lichter“ ist dies nicht der Fall. Der Zuschauer baut eine Bindung zu allen Personen auf, wozu auch die filmische Umsetzung des Stoffes beiträgt. Der Film wurde komplett mit Handkameras gedreht, doch die wackeligen Bilder stören kaum, sondern katapultieren den Zuschauer hinein in den Film. Man ist nicht in einem Film, sondern man ist in der Wirklichkeit.
Dazu trägt nicht unwesentlich das Spiel der Darsteller bei. Schmid ist das Risiko eingegangen und hat fast ausschließlich in Deutschland recht unbekannte Darsteller gecastet, viele Darsteller kommen auch aus Polen oder der Ukraine (als einziger dürfte der hervorragend agierende Zbigniew Zamachowski aufgrund seines Mitwirkens in den Filmen der „Drei Farben“ - Trilogie von Krzysztof Kieslowski einigen Zuschauern bekannt sein). Es sorgt schon fast für Verwunderung als nach ca. vierzig Minuten mit August Diehl, Henry Hübchen und Herbert Knaup in einer Szene plötzlich drei prominente Darsteller des deutschen Kinos auf einmal auftauchen, wo vorher kaum einer zu sehen war (auch wenn Namen wie Thomas Jahn, der auch als Regisseur tätig ist, oder Sebastian Urzendowsky, dem ein oder anderen Zuschauer was sagen dürften). Die Rechnung mit den Darstellern geht vollkommen auf. Sie tragen ungemein dazu bei, dass man fast vergisst, dass man hier nur einen Spielfilm sieht.
Ein weiterer Verdienst der Autoren ist die Art, wie sie ihre schwere Kost aufbereiten. Es herrscht den Film über eine unglaublich ausgeklügelte Balance zwischen den Schicksälen der Menschen in den einzelnen Episoden und kleinen wenigen Szenen, welche das ganze auflockern. So gelingt es den beiden Autoren den Zuschauer mit „Lichter“ nachdenklich zu stimmen, sie ziehen aber nicht runter. Im Gegensatz zu thematisch durchaus verwandten Filmen wie zum Beispiel „Lilja-4-Ever“ (Schweden / Dänemark 2002, Regie: Lukas Moodysson) fühlt sich der Zuschauer danach nicht wie gerädert.
Zum gelungenen Gesamtbild trägt zudem die zurückhaltende, aber doch allgegenwärtige Musikunterlegung von „The Notwist“ bei, die ihren Anteil daran hat, dass dieser Film ein sehenswertes Gesamtkunstwerk ist.
Darsteller: Ivan Shvedoff (Kolja), Sergej Frolov (Dimitri), Anna Janowskaja (Anna), Sebastian Urzendowsky (Andreas), Alice Dwyer (Katharina), Martin Kiefer (Marko), Tom Jahn (Maik), Devid Striesow (Ingo), Claudia Geisler (Simone), Zbigniew Zamachowski (Antoni), Aleksandra Justa (Milena), Marysia Zamachowska (Marysia), Maria Simon (Sonja), Janek Rieke (Christoph), August Diehl (Philip), Julia Krynke (Beata), Herbert Knaup (Klaus), Henry Hübchen (Wilke)
Regie: Hans-Christian Schmid
Produktion: Jakob Claussen, Thomas Wöbke
Buch: Hans-Christian Schmid, Michael Gutmann
Kamera: Bogumil Godfrejow
Musik: The Notwist
Schnitt: Hansjörg Weissbrich, Bernd Schlegel
http://www.ofdb.de/view.php?page=film&fid=32547
http://german.imdb.com/title/tt0351238/
© Björn Becher 2005
Hier im deutsch-polnischen Grenzgebiet spielt „Lichter“. Zwischen Slubice auf der polnischen Seite und Frankfurt/Oder auf der deutschen Seite finden die Schicksale statt. Auf der einen, der deutschen Seite leuchten die Lichter der Grenzpolizei, die fieberhaft nach jedem sucht, der durch den Fluß einreisen will. Auf der anderen, der polnischen Seite leuchten kleine Lichter der Hoffnung. In Slubice lebt der Taxifahrer Antoni (Zbigniew Zamachowski), dessen Traum es ist seiner Tochter zur Erstkommunion, die in wenigen Tagen stattfindet, das richtige Kleid kaufen zu können. Doch das Geld fehlt, denn seine Frau (Aleksandra Justa) wurde gerade entlassen. Geld hat sie von ihrem Job sowieso nicht mitgebracht, nur eine Matratze. Sie hat auf der deutschen Seite für Ingo (Devid Striesow) gearbeitet. Dieser hat den Traum von einem Matratzenverkauf, doch auch dieser scheint ausgeträumt. Ingo ist pleite, der Strom wird ihm abgestellt, die Matratzen werden abgeholt. Dabei ist der Laden alles, was ihm geblieben ist. Er schläft dort sogar, auf seiner letzten Matratze.
Auch der junge Architekt Philip (August Diehl) sieht seine Träume scheitern. In die Planung eines großes Bauprojekts war er involviert. Die Glasfassade ist ganz alleine von ihm, wie er nicht ohne Stolz erzählt. Bei den Gesprächen zum Projekt trifft er seine ehemalige Freundin Beata (Julia Krynke) wieder, die als Dolmetscherin fungiert, und hofft auf ein erneutes Aufflammen der alten Liebe. Doch „Willkommen in der Wirklichkeit“ schmeißt ihm sein Chef Fengler (Herbert Knaup) entgegen, als erst seine Glasfassade aus dem Projekt gestrichen wird und er dann noch merkt, dass Beata für mehr als das Dolmetschen bezahlt wird. Wenn der Abend fortschreitet, soll sie dem Geldgeber die Nacht versüßen und so den Ablauf der Geschäfte reibungsloser gestalten.
Dies sind nur einige wenige der zahlreichen Geschichten die Schmid in seinem Film erzählt. Jede diese Geschichten hat zwar Lichtblicke, doch es sind alles triste Geschichten, die Schicksale behandeln. Geschichten über das Scheitern von Menschen, traurige Geschichten. Wie hervorragend Schmid und sein Co-Drehbuchautor Michael Gutman (die beiden arbeiteten auch schon bei „Nach fünf im Urwald“, „23“ und „Crazy“ zusammen) ihr Drehbuch gestalten zeigt sich schon daran, dass sich der Zuschauer, von dem natürlich auch Aufmerksamkeit verlangt wird, sehr einfach in den Geschichten zurechtfindet.
Das Problem bei Episodenfilmen ist oft, dass es dem Zuschauer schwer fällt eine Bindung zu den Personen aufzubauen, die immer wieder nur kurz ins Bild kommen und dann oft für lange Zeit wieder verschwinden. Bei „Lichter“ ist dies nicht der Fall. Der Zuschauer baut eine Bindung zu allen Personen auf, wozu auch die filmische Umsetzung des Stoffes beiträgt. Der Film wurde komplett mit Handkameras gedreht, doch die wackeligen Bilder stören kaum, sondern katapultieren den Zuschauer hinein in den Film. Man ist nicht in einem Film, sondern man ist in der Wirklichkeit.
Dazu trägt nicht unwesentlich das Spiel der Darsteller bei. Schmid ist das Risiko eingegangen und hat fast ausschließlich in Deutschland recht unbekannte Darsteller gecastet, viele Darsteller kommen auch aus Polen oder der Ukraine (als einziger dürfte der hervorragend agierende Zbigniew Zamachowski aufgrund seines Mitwirkens in den Filmen der „Drei Farben“ - Trilogie von Krzysztof Kieslowski einigen Zuschauern bekannt sein). Es sorgt schon fast für Verwunderung als nach ca. vierzig Minuten mit August Diehl, Henry Hübchen und Herbert Knaup in einer Szene plötzlich drei prominente Darsteller des deutschen Kinos auf einmal auftauchen, wo vorher kaum einer zu sehen war (auch wenn Namen wie Thomas Jahn, der auch als Regisseur tätig ist, oder Sebastian Urzendowsky, dem ein oder anderen Zuschauer was sagen dürften). Die Rechnung mit den Darstellern geht vollkommen auf. Sie tragen ungemein dazu bei, dass man fast vergisst, dass man hier nur einen Spielfilm sieht.
Ein weiterer Verdienst der Autoren ist die Art, wie sie ihre schwere Kost aufbereiten. Es herrscht den Film über eine unglaublich ausgeklügelte Balance zwischen den Schicksälen der Menschen in den einzelnen Episoden und kleinen wenigen Szenen, welche das ganze auflockern. So gelingt es den beiden Autoren den Zuschauer mit „Lichter“ nachdenklich zu stimmen, sie ziehen aber nicht runter. Im Gegensatz zu thematisch durchaus verwandten Filmen wie zum Beispiel „Lilja-4-Ever“ (Schweden / Dänemark 2002, Regie: Lukas Moodysson) fühlt sich der Zuschauer danach nicht wie gerädert.
Zum gelungenen Gesamtbild trägt zudem die zurückhaltende, aber doch allgegenwärtige Musikunterlegung von „The Notwist“ bei, die ihren Anteil daran hat, dass dieser Film ein sehenswertes Gesamtkunstwerk ist.
Darsteller: Ivan Shvedoff (Kolja), Sergej Frolov (Dimitri), Anna Janowskaja (Anna), Sebastian Urzendowsky (Andreas), Alice Dwyer (Katharina), Martin Kiefer (Marko), Tom Jahn (Maik), Devid Striesow (Ingo), Claudia Geisler (Simone), Zbigniew Zamachowski (Antoni), Aleksandra Justa (Milena), Marysia Zamachowska (Marysia), Maria Simon (Sonja), Janek Rieke (Christoph), August Diehl (Philip), Julia Krynke (Beata), Herbert Knaup (Klaus), Henry Hübchen (Wilke)
Regie: Hans-Christian Schmid
Produktion: Jakob Claussen, Thomas Wöbke
Buch: Hans-Christian Schmid, Michael Gutmann
Kamera: Bogumil Godfrejow
Musik: The Notwist
Schnitt: Hansjörg Weissbrich, Bernd Schlegel
http://www.ofdb.de/view.php?page=film&fid=32547
http://german.imdb.com/title/tt0351238/
© Björn Becher 2005
20 Bewertungen, 1 Kommentar
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14.03.2006, 13:37 Uhr von sascha6525
Bewertung: sehr hilfreichfreu mich über Gegenlesungen. <br/>sh, Sascha6525
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