Erfahrungsbericht von catmother
Mein Leben soll sein wie ein ABBA-Song
Pro:
schräg, schrill, macht etwas nachdenklich
Kontra:
nicht jedermanns Geschmack
Empfehlung:
Ja
Wieder einmal ein Filmtip von mir für heute abend für Freunde des eher schrägen Films mit nachdenklicher Note.
Wie schon gesagt, lohnt es sich bei manchen Filmen, zweimal hinzusehen, um ihn aus einer anderen Perspektive zu beurteilen. Bei diesem hier konnte ich mich erinnern, daß ich ihn vor Jahren gesehen hatte und sehr rührend fand. So dachte ich mir, kann ja nicht schaden, als er über die Feiertage mal spät auf ARD lief.
** Die Story **
Muriel (Toni Colette) ist pummelig, recht einfältig, arbeitslos und wird nicht mal von ihrem Vater, dem Stadtrat Bill Heslop (Bill Hunter) und ihren Geschwistern gemocht. Sie liebt die Gruppe ABBA über alles und lebt in einer Traumwelt, in der die Popgruppe eine entscheidende Rolle spielt. Und sie wünscht sich nichts sehnlicher als endlich in einem Brautkleid aufzutreten.
Sie ist so ungeliebt, daß nicht mal ihre Freundinnen sie in ihrer Runde haben wollen und sie aus ihrem Kreis verstoßen, weil sie nicht so ist wie sie und ihr Niveau ”runterzieht”.
Als sie von ihrem Vater einen Blankoscheck für ein Vorstellungsgespräch bekommt, folgt sie ihren ”Freundinnen” nach Hibiskus Island, wird aber von ihnen sofort zur Sau gemacht. Da taucht unerwartet Rhonda (Rachel Griffith) auf, eine ehemalige Schulkameradin, die damals genauso von diesen Schnepfen geschnitten wurde wie Muriel.
Und hier hält sie jetzt zu ihr. Allerdings ist Muriel nicht ganz aufrichtig zu ihrer neuen Freundin. Sie erfindet einen Verlobten, damit Rhonda sie nicht für ein Nichts hält.
Als sie nach Hause kommt, droht ihr natürlich Ärger wegen des abgeräumten Kontos und sie haut ab, geht nach Sidney, sucht sich einen Job und zieht mit Rhonda zusammen. Jetzt ist ihr Leben wie Dancing Queen, findet sie.
Langsam entwickelt sie Selbstbewußtsein und lernt Verantwortung zu übernehmen, als ihre Freundin sich einer Tumoroperation unterziehen muß, bei der sie anschließend gelähmt bleibt.
Dann scheint sich ihr Traum zu erfüllen, als sie eine Anzeigen liest, in der der südafrikanische Schwimmer David (Daniel Lapaine) eine Australierin sucht, die ihn heiraten will. Auf diese Weise würde er zu einem australischen Paß und eine Aufenthaltsgenehmigung kommen. Ende gut, alles gut?
** Darsteller **
Dies war die erste große Rolle von Toni Colette (The Sixth Sense) und man kann mit Recht sagen, daß sie aus gutem Grund heute zu den gefragteren Darstellerinnen gehört. Ich habe gelesen, daß sie für diese Rolle 10 Kilo zunehmen mußte. Ich finde sie einfach grandios in ihrer Darstellung: sie spielt die unscheinbare, unattraktive Träumerin mit solcher Vehemenz und Überzeugung, daß ich ständig zwischen Mitleid und Abscheu schwankte.
Weiterhin bekannt war mir Bill Hunter (Strictly Ballroom), der offensichtlich auf fiese Rollen abonniert zu sein scheint. Denn als ehrgeiziger, korrupter Möchtegernpolitiker, der so gar kein Menschenfreund ist, schien er auf den ersten Blick unsympathisch. Aber da steckt mehr dahinter.
Rachel Griffith (Hilary und Jackie) spielt ebenfalls noch eine bewegende Rolle als einzige Freundin, die Muriel je hatte, die aber von ihr für ihr ABBA-Leben verlassen wird.
** Filmkritik **
Bei dem Streifen dachte ich manchmal, ich bin im falschen Film. Mal war ich abgestoßen, mal bewegt, mal nachdenklich. Hogan hat hier eine Tragikkomödie geschaffen, in der wir uns im Grunde fast alle wiederfinden können.
Wem ging es mal nicht so: man will dazugehören, in sein, Freunde haben, geliebt werden und der Norm entsprechen. Aber was, wenn man das Gegenteil von allem ist? Out, unansehnlich, nicht gerade intelligent und von jedem nur gehänselt? Gleich erschießen?
Und dabei kann Muriel eigentlich nichts dafür. Es ist einfach erblich, wenn man sich die Familie ansieht. Manchmal dachte ich, das wären die australischen Flodders: fett, faul und dumm. Wie soll man sich da denn normal entwickeln? Nicht mal ihre Geschwister achten sie und werfen ihr pausenlos vor, nutzlos zu sein. Wie soll Muriel denn da Selbstbewußtsein entwickeln, wenn sogar ihr Vater seine Tochter und seine Kinder bei jeder Gelegenheit, auch vor Fremden nur niedermacht?
Insofern ist der Film etwas Außergewöhnliches: die Hauptfiguren sind eben nicht schön und erfolgreich, sondern das ganze Gegenteil, schräge Gestalten, schrill und einfältig und einfach peinlich. Ich selbst habe mich ertappt, daß ich dachte, so was wie die hätte ich auch nicht in meiner unmittelbaren Nähe haben wollen. Diese Muriel ist so unsympathisch, aber man hat auch Mitleid mit ihr, denn möglicherweise ist man selbst irgendwann in der Situation, daß man mal nicht in ist.
Der Hit ist aber, als sie mit Rhonda als Agneta und Annafried auftritt, das ist der Gipfel der Peinlichkeit, weil sie so fett ist in dem engen Kostüm - einfach gruselig, sie so rumhampeln zu sehen.
Wie gesagt, aber wenn man mal darüber nachdenkt, sind wir alle schrecklich ungerecht, denn auch solche Leute haben ein Recht, als Mensch und mit Respekt behandelt zu werden. Und weil sie nicht „unserer“ Norm entsprechen, bemühen sie sich umso stärker, etwas darzustellen, wovon sie denken, daß es sie zu unseresgleichen macht. Wie Muriel, die keinen anderen Wunsch hat als zu heiraten, weil es in ihren Augen bedeutet, daß sie dann „endlich jemand anderes ist, und nicht mehr Muriel, dumm, fett und nutzlos“. Das war der erschütterndste Satz im ganzen Film.
Und nebenbei gesagt, erinnert es mich ein wenig an Klassentreffen, wo man auch nur was bedeutet, wenn man im Vergleich mit den andern einen Mann und Kinder vorweisen kann. So oberflächlich ist unsere Gesellschaft.
Was will uns der Film also sagen? Sei du selbst, es findet sich immer jemand, der dich so mag, wie du bist. Und lebe dein Leben nach deinen Vorstellungen, auch wenn es nur ein Traum aus ABBA-Musik ist.
„Muriels Hochzeit“ war übrigens Hogans Regiedebüt, wurde für elf australische Filmpreise nominiert und gewann in den Kategorien Bester Film, Beste Haupt- und beste Nebendarstellerin.
** Meine Meinung **
Sicher nicht jedermanns Geschmack, völlig überzogen, schrill und skurril, aber für mich ein Meisterwerk in der Kategorie Tragikkomödie: nachdenklich machend.
Sehr sehenswert.
** Daten **
Tragikkomödie
Australien, 1994
Originaltitel: Muriel’s Wedding
Regie: P. J. Hogan
Drehbuch: P. J. Hogan
Musik: Peter Best
FSK 12
Wie schon gesagt, lohnt es sich bei manchen Filmen, zweimal hinzusehen, um ihn aus einer anderen Perspektive zu beurteilen. Bei diesem hier konnte ich mich erinnern, daß ich ihn vor Jahren gesehen hatte und sehr rührend fand. So dachte ich mir, kann ja nicht schaden, als er über die Feiertage mal spät auf ARD lief.
** Die Story **
Muriel (Toni Colette) ist pummelig, recht einfältig, arbeitslos und wird nicht mal von ihrem Vater, dem Stadtrat Bill Heslop (Bill Hunter) und ihren Geschwistern gemocht. Sie liebt die Gruppe ABBA über alles und lebt in einer Traumwelt, in der die Popgruppe eine entscheidende Rolle spielt. Und sie wünscht sich nichts sehnlicher als endlich in einem Brautkleid aufzutreten.
Sie ist so ungeliebt, daß nicht mal ihre Freundinnen sie in ihrer Runde haben wollen und sie aus ihrem Kreis verstoßen, weil sie nicht so ist wie sie und ihr Niveau ”runterzieht”.
Als sie von ihrem Vater einen Blankoscheck für ein Vorstellungsgespräch bekommt, folgt sie ihren ”Freundinnen” nach Hibiskus Island, wird aber von ihnen sofort zur Sau gemacht. Da taucht unerwartet Rhonda (Rachel Griffith) auf, eine ehemalige Schulkameradin, die damals genauso von diesen Schnepfen geschnitten wurde wie Muriel.
Und hier hält sie jetzt zu ihr. Allerdings ist Muriel nicht ganz aufrichtig zu ihrer neuen Freundin. Sie erfindet einen Verlobten, damit Rhonda sie nicht für ein Nichts hält.
Als sie nach Hause kommt, droht ihr natürlich Ärger wegen des abgeräumten Kontos und sie haut ab, geht nach Sidney, sucht sich einen Job und zieht mit Rhonda zusammen. Jetzt ist ihr Leben wie Dancing Queen, findet sie.
Langsam entwickelt sie Selbstbewußtsein und lernt Verantwortung zu übernehmen, als ihre Freundin sich einer Tumoroperation unterziehen muß, bei der sie anschließend gelähmt bleibt.
Dann scheint sich ihr Traum zu erfüllen, als sie eine Anzeigen liest, in der der südafrikanische Schwimmer David (Daniel Lapaine) eine Australierin sucht, die ihn heiraten will. Auf diese Weise würde er zu einem australischen Paß und eine Aufenthaltsgenehmigung kommen. Ende gut, alles gut?
** Darsteller **
Dies war die erste große Rolle von Toni Colette (The Sixth Sense) und man kann mit Recht sagen, daß sie aus gutem Grund heute zu den gefragteren Darstellerinnen gehört. Ich habe gelesen, daß sie für diese Rolle 10 Kilo zunehmen mußte. Ich finde sie einfach grandios in ihrer Darstellung: sie spielt die unscheinbare, unattraktive Träumerin mit solcher Vehemenz und Überzeugung, daß ich ständig zwischen Mitleid und Abscheu schwankte.
Weiterhin bekannt war mir Bill Hunter (Strictly Ballroom), der offensichtlich auf fiese Rollen abonniert zu sein scheint. Denn als ehrgeiziger, korrupter Möchtegernpolitiker, der so gar kein Menschenfreund ist, schien er auf den ersten Blick unsympathisch. Aber da steckt mehr dahinter.
Rachel Griffith (Hilary und Jackie) spielt ebenfalls noch eine bewegende Rolle als einzige Freundin, die Muriel je hatte, die aber von ihr für ihr ABBA-Leben verlassen wird.
** Filmkritik **
Bei dem Streifen dachte ich manchmal, ich bin im falschen Film. Mal war ich abgestoßen, mal bewegt, mal nachdenklich. Hogan hat hier eine Tragikkomödie geschaffen, in der wir uns im Grunde fast alle wiederfinden können.
Wem ging es mal nicht so: man will dazugehören, in sein, Freunde haben, geliebt werden und der Norm entsprechen. Aber was, wenn man das Gegenteil von allem ist? Out, unansehnlich, nicht gerade intelligent und von jedem nur gehänselt? Gleich erschießen?
Und dabei kann Muriel eigentlich nichts dafür. Es ist einfach erblich, wenn man sich die Familie ansieht. Manchmal dachte ich, das wären die australischen Flodders: fett, faul und dumm. Wie soll man sich da denn normal entwickeln? Nicht mal ihre Geschwister achten sie und werfen ihr pausenlos vor, nutzlos zu sein. Wie soll Muriel denn da Selbstbewußtsein entwickeln, wenn sogar ihr Vater seine Tochter und seine Kinder bei jeder Gelegenheit, auch vor Fremden nur niedermacht?
Insofern ist der Film etwas Außergewöhnliches: die Hauptfiguren sind eben nicht schön und erfolgreich, sondern das ganze Gegenteil, schräge Gestalten, schrill und einfältig und einfach peinlich. Ich selbst habe mich ertappt, daß ich dachte, so was wie die hätte ich auch nicht in meiner unmittelbaren Nähe haben wollen. Diese Muriel ist so unsympathisch, aber man hat auch Mitleid mit ihr, denn möglicherweise ist man selbst irgendwann in der Situation, daß man mal nicht in ist.
Der Hit ist aber, als sie mit Rhonda als Agneta und Annafried auftritt, das ist der Gipfel der Peinlichkeit, weil sie so fett ist in dem engen Kostüm - einfach gruselig, sie so rumhampeln zu sehen.
Wie gesagt, aber wenn man mal darüber nachdenkt, sind wir alle schrecklich ungerecht, denn auch solche Leute haben ein Recht, als Mensch und mit Respekt behandelt zu werden. Und weil sie nicht „unserer“ Norm entsprechen, bemühen sie sich umso stärker, etwas darzustellen, wovon sie denken, daß es sie zu unseresgleichen macht. Wie Muriel, die keinen anderen Wunsch hat als zu heiraten, weil es in ihren Augen bedeutet, daß sie dann „endlich jemand anderes ist, und nicht mehr Muriel, dumm, fett und nutzlos“. Das war der erschütterndste Satz im ganzen Film.
Und nebenbei gesagt, erinnert es mich ein wenig an Klassentreffen, wo man auch nur was bedeutet, wenn man im Vergleich mit den andern einen Mann und Kinder vorweisen kann. So oberflächlich ist unsere Gesellschaft.
Was will uns der Film also sagen? Sei du selbst, es findet sich immer jemand, der dich so mag, wie du bist. Und lebe dein Leben nach deinen Vorstellungen, auch wenn es nur ein Traum aus ABBA-Musik ist.
„Muriels Hochzeit“ war übrigens Hogans Regiedebüt, wurde für elf australische Filmpreise nominiert und gewann in den Kategorien Bester Film, Beste Haupt- und beste Nebendarstellerin.
** Meine Meinung **
Sicher nicht jedermanns Geschmack, völlig überzogen, schrill und skurril, aber für mich ein Meisterwerk in der Kategorie Tragikkomödie: nachdenklich machend.
Sehr sehenswert.
** Daten **
Tragikkomödie
Australien, 1994
Originaltitel: Muriel’s Wedding
Regie: P. J. Hogan
Drehbuch: P. J. Hogan
Musik: Peter Best
FSK 12
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