O Brother, Where Art Thou? - Eine Mississippi-Odyssee (VHS) Testbericht

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Erfahrungsbericht von Gemeinwesen

Odysseus war ein Folk-Fan

Pro:

Der Ideenreichtum und Witz der Regisseure

Kontra:

jar nüscht

Empfehlung:

Ja

An gewissen Filmen scheiden sich die Geister: Die einen mögen sie, die anderen nicht. Die Brüder Joel und Ethan Coen haben eine ganze Reihe solcher Filme gemacht. Und dann, zwischen durch, machen sie immer mal wieder einen für eine dritte Gruppe von Menschen. Die mögen dann die Filme der Coens, aber sie mögen sie aus den falschen Gründen. Möglicherweise gehört aber auch das schon mit zum Plan der exzentrischen Brüder.


Von den Coens stammen Filme wie „Hudsucker – Der große Sprung“ und “The man who wasn’t there“. Der erste, eine an den optischen Stil von Terry Gilliams „Brazil“ angelehnte Hommage an die Filme von Frank Capra, ist beim Publikum mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Der zweite ist eine stilecht in schwarzweiß gedrehte Liebeserklärung an Hollywoods so genannte Schwarze Serie. Von dem haben die Coens vorsichtshalber auch eine Version in Farbe produziert – nur für den Fall, dass die schwarzweiße Version gar zu wenig Publikum ins Kino locken sollte. Das Ende vom Lied? Ich glaube, „The man who wasn’t there“ ist hier zu Lande allenfalls im Rahmen von Filmfestivals zu sehen gewesen. Auf DVD ist der Film zwar auch erschienen, aber gesehen haben ihn anscheinend nicht sehr viele Zeitgenossen.

Und dann machen die Coens zwischendurch einen Film wie „The Big Lebowski“. Den umarmte plötzlich auch die breite Masse (no pun intended). Der Grund dafür? Wahrscheinlich boten das vergleichsweise hohe Maß an Kraftausdrücken und diverse Anspielungen aufs Kiffen auch dem Sperrsitz-Publikum genügend Identifikationspotential. Ja, man kann „The Big Lebowski“ bestimmt auch als eine Art abendfüllenden filmischen Kifferwitz sehen. Man kann „The Big Lebowski“ aber auch als die Hommage an den Film Noir-Klassiker „The Big Sleep“ sehen, die bereits im Titel des Films steckt. Die Coens haben die Doppelbödigkeit zum Stilprinzip erhoben, und irgendwie scheinen die beiden eine diebische Freude dabei zu haben, immer gleich zwei Filme auf einmal abzuliefern. Der eine ist dann eben einer über einen arbeitslosen Rumhänger, dessen Leben zum größten Teil auf der Bowlingbahn stattfindet, der andere ist einer über einen Bowler, der in eine ziemlich verworrene Kidnapping-Geschichte verstrickt und zu einer Art Sam Spade für Arme wird. Den einen Film drehen die Coens wahrscheinlich, um dank der Einnahmen daraus auch wieder ein Budget für ihren nächsten Streich gewährt zu bekommen. Und den zweiten Film, der aus dem Coen-typischen Zusammenspiel von Versatzstücken und Zitaten entsteht? Den drehen die Coens wohl für ein Publikum, das das Faible der Regisseure fürs Eklektizistische teilt.
„O brother, where art thou?“ ist, für Coen-Verhältnisse, ein leicht zugänglicher Film. Dass er hier zu Lande nicht so erfolgreich gewesen zu sein scheint wie in den Staaten, liegt wohl daran, dass die so genannte Bluegrass-Musik – eine bestimmte Art der Country-Musik –
, deren Revival die Coens mit ihrem Film quasi nebenbei und im Alleingang einläuteten, eben eine sehr US-amerikanische Angelegenheit ist. Musik spielt eine große Rolle in „O brother, where art thou?“ Tatsächlich hat der Film immer wieder Züge des Musicals – das sind freilich nicht die des klassischen Musicals à la Hollywood, sondern eher solche wie in John Landis’ „Blues Brothers“. Sogar eine Tanznummer gibt es in „O brother, where art thou?“ Allerdings ist auch die von der skurrilen Sorte. Spätestens wenn sich plötzlich Phalangen von Ku Klux Klan-Anhängern rhythmisch im Takt der Musik bewegen, weiß man: Man befindet sich nicht länger in den Südstaaten der USA, sondern mittendrin in Coen Country.

Im Mittelpunkt der in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts angesiedelten Handlung stehen die Sträflinge Ulysses (George Clooney), Pete (John Turturro) und Delmar (Tim Blake Nelson), deren Flucht aus einer „chain gang“ den Auftakt der abenteuerlichen Geschichte bildet. Von der behaupteten die Coens übrigens zeitweise, sie folge den Motiven von Homers Odyssee. Nachdem die Presse den Köder dann geschluckt hatte, ruderten die Coens dann wieder zurück und behaupteten, die „Odyssee“-Geschichte hätten sie sich einfach so ausgedacht. Was man davon halten darf, bleibt jedem Zuschauer selbst überlassen – irgendwie gehören auch solche Verwirrspiele mit zum Gesamtkunstwerk Coen-Film.

Und wie sieht die Faktenlage aus? Zu Beginn des Films begegnen wir einem blinden Orakel, dessen Prophezeiung sich gegen Ende des Films auf wundersame Weise erfüllt. Später werden unsere drei Helden von drei Waschweibern becirct, aber nicht in Schweine verwandelt; einen zyklopenhaften Einäugigen gibt’s immerhin auch (gespielt von John Goodman, der wie immer wunderbar ist). Außerdem lesen die Ausbrecher an einer Wegkreuzung im Nirgendwo einen schwarzen Gitarristen auf, der angeblich in der Nacht zuvor dem Teufel seine Seele im Tausch gegen Erfolg als Musiker verkauft hat. Moment – ist davon etwa auch bei Homer die Rede? Nein, aber es ist genau die Art von Legende, die sich auch um Bluesgitarrist Robert Johnson rankt: Willkommen beim munteren Zapping durch die Kulturgeschichte.

An dieser Stelle näher auf die Handlung von „O brother, where art thou?“ einzugehen hätte, wie so oft im Falle des Coen-Werkes, nur bedingt Sinn. Es ist, wie so oft bei den Coens, nicht so sehr die Geschichte, die den Film von anderen unterscheidet, sondern die Art des Erzählens. Wer mit den Filmen eines Terry Gilliam („Brazil“, „Time Bandits“) etwas anzufangen weiß, der dürfte auch für die Filme der Coens zu gewinnen sein. Gilliams „Brazil“, vor allem aber sein „König der Fischer“ weisen Parallelen zu den Werken der Coens auf (und wie bei Filme der Coens sind auch Gilliams Filme, von Ausnahmen abgesehen, meist eher künstlerische als kommerzielle Erfolge).

„O brother, where art thou?“ (seinen Titel verdankt der Film übrigens einem nicht realisierten Filmprojekt, das wiederum Bestandteil der Erzählung eines anderen Films ist) ist ein im ursprünglichen Wortsinn witziger Film – ein Film voller geistreicher Einfälle, der sehr gut unterhält.

Die Musik, die sich die Coens für ihren Film ausgesucht haben, ist quasi der vierte Hauptdarsteller; und wie die restlichen Darsteller ist auch sie erstklassig. Das mit mehreren Emmys ausgezeichnete Soundtrack-Album zum Film hat seinerzeit eine Lawine ähnlicher Veröffentlichungen losgetreten; die Konzert-DVD „Down from the Mountain“, auf der sich einige der ganz großen Namen der Country- und Bluegrass-Szene ein Stelldichein geben, ist eine tolle Ergänzung zum Film. Wem der Song „Man of Constant Sorrow“ ins Ohr gegangen ist, der darf inzwischen auch bedenkenlos zur CD zum Film greifen – auf der war der Song (ausgerechnet!) lange Zeit nicht enthalten, aber mittlerweile wurde zum Glück nachgebessert. Wer auf den Geschmack gekommen ist, sollte sich am besten auch gleich den Namen Alison Krauss merken – der Gitarrist ihrer Band, Dan Timmins, ist nämlich die wahre Stimme der Band „Soggy Bottom Boys“, die im Film mit dem Lied einen Überraschungserfolg ungeahnten Ausmaßes landet.

25 Bewertungen, 6 Kommentare

  • hjid55

    03.01.2007, 21:01 Uhr von hjid55
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh & lg Sarah

  • darras76

    18.09.2006, 17:54 Uhr von darras76
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ja der Film hatte was...

  • dottigross_juliaa

    18.09.2006, 00:02 Uhr von dottigross_juliaa
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sehr gut. SH von mir. Gruß Dotti

  • anonym

    17.09.2006, 15:39 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh :o)

  • krullinchen

    17.09.2006, 15:29 Uhr von krullinchen
    Bewertung: sehr hilfreich

    ♥ Noch ein klasse Bericht von Dir - fleissig fleissig ;o))) LG Bine ♥

  • UnserRenatchen

    17.09.2006, 13:58 Uhr von UnserRenatchen
    Bewertung: sehr hilfreich

    na ja - ich höre dann doch wohl eher eine "Andere" Musik - aber das ist ja nun mein eigener Geschmack - zumindest aber der Bericht ist sh