Sleepers (VHS) Testbericht

Sleepers-vhs-drama
ab 3,98
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Erfahrungsbericht von Klara_19

Wie ein kleiner Fehler das ganze Leben ruinieren kann!

Pro:

tiefgründig, Schauspieler,..........................

Kontra:

/

Empfehlung:

Ja

Hell’s Kitchen, so wird das Arbeiterviertel in Manhatten genannt, in dem vornehmlich irische, puertorikanische und italienische Einwanderer arbeiten und wohnen. In dem Viertel, das einige noch aus Robert Wises Musical kennen sollte, wachsen die Jungs Shakes, Michael, John und Tommy auf. Alle vier arbeiten als Messdiener in der Kirche von Pater Robert Carillo [Robert de Niro], der quasi ihr Ziehvater ist. Dem gefällt es nicht, dass die vier sich ein Zubrot als Schmiergeld-Botenjungen für den Mafiosi King Benny verdienen, aber er toleriert es. Eines Tages kommen die Freunde auf eine irrwitzige Idee: Sie mopsen einen fahrbaren Hotdogstand und stoßen ihn versehentlich die U-Bahn-Treppe runter. Weil dabei ein Mann schwer verletzt wird, wandern die Freunde für einige Zeit in den Jugendknast, in dem sie das kalte Grausen erwartet. Der Aufseher Nokes [Kevin Bacon] und seine Kollegen missbrauchen die Jungen nach Strich und Faden; als sie entlassen werden, sind sie für ihr Leben gezeichnet.

Jahre später arbeitet Shakes [klasse: Jason Patric] als Zeitungsreporter, Michael [Brad Pitt] ist mittlerweile Staatsanwalt. John und Tommy kamen nie wieder auf die Beine, sie verdienen sich ihr Geld als Kleingangster. Als sie zufällig ihren Peiniger Nokes in einem Lokal sehen, knallen sie ihn kaltblütig nieder und kommen vor Gericht.

Anwalt Michael übernimmt den Fall und will seine eigenen Freunde in die Todszelle bringen; so hat es den Anschein. Aber in Wirklichkeit will er den Fall absichtlich verlieren, seine Kumpels rausboxen und vor Gericht Rache an der Jugendstrafanstalt und den Aufsehern nehmen. Mit dem versoffenen und nicht mehr taufrischen Anwalt Danny Snyder [Dustin Hoffmann] soll der Plan des Freispruchs verwirklicht werden. Die Augenzeugen werden vor Gericht vernascht, so dass ihre Aussagen nicht mehr relevant sind. Aber ein Problem gibt es noch: John und Tommy müssen beweisen können, dass sie an dem Abend woanders waren.

In dem Plan spielen ihr Mentor Pater Bobby, der immer noch bestimmende Gangsterboss King Benny und ein schwarzer Gangster namens Little Cesar (dessen Bruder in dem Jugendknast starb, in dem Nokes Aufseher war!) eine entscheidende Rolle...

[Wie man sich den Frust von der Seele schreibt]

Der Film basiert auf dem autobiographischen Skandalroman von Lorenzo Carcaterras (genannt Shakes), der angeblich eine wahre Geschichte erzählt. Wahrscheinlich waren die großen Bosse der Jugendstrafanstalt nicht gerade erfreut, dass ihre Institution in dem Werk auf solch eine Weise präsentiert wird. Und die New Yorker Staatsanwaltschaft wird auch nicht gerade begeistert davon gewesen sein, in aller Öffentlichkeit bloßgestellt zu werden. Da ich aber grundsätzlich immer das schlimmste annehme, gehe ich davon aus, das Carcaterras nicht bloß Aufsehen erregen wollte und seine Geschichte aus der Luft gegriffen ist, sondern voll und ganz der Wahrheit entspricht.

[Die Besetzung reicht für zwei Filme]

Andere drehen einen Film mit einem Star, dieser hier hat gleich ein halbes Dutzend vorzuweisen.

Allen voran Jason Patric, der wohl einzige Hollywood-Schauspieler, dem es peinlich ist, berühmt zu sein und der es tunlichst vermeidet, auf der Straße erkannt zu werden. Neben „Sleepers“ ist „Speed 2“ wohl seine bis heute einzige große Produktion geblieben, lieber spielt er in kleinen Indie-Filme mit und geht der Öffentlichkeit aus dem Weg. Leider geht dem großen Publikum so ein sehr guter Darsteller durch die Lappen, den ich gerne öfter sehen würde. Den Part des Ich-Erzählers spielt er wirklich grandios.

Kevin Bacon hat sich in den letzten Jahren immer mehr zum Bad Guy entwickelt (seit „Apollo 13“ habe ich ihn vornehmlich in negativen Rollen gesehen). Letzter Auftritt als Bösewicht: „24 Stunden Angst“ (grottenschlechter Film, aber Bacon war gut). Hier spielt er den sadistischen Aufseher dermaßen hassenswert und durch und durch böse, dass selbst Gary Oldman vor Neid erblassen würde. Kleiner Tipp: Sollte Euch der Film „Echoes“ in der Videothek begegnen, leiht ihn aus! Film und Bacon sind toll.

Brad Pitt ist für mich schlichtweg genial, der Mann könnte auch Suppenrezepte runterbeten, und ich hinge wahrscheinlich noch an seinen Lippen. Deshalb kann ich seine Leistung nicht wirklich objektiv bewerten. Tatsache ist aber, dass ich nicht der einzige (Kerl) bin, der den Mann klasse findet, der mit „12 Monkeys“, „Interview mit einem Vampir“, „Sieben“, „Fight Club“ und anderen Werken sein schauspielerisches Talent mehr als bewiesen hat. Schade, dass ihn viele immer noch als Schönling und nicht als Darsteller sehen. Jeder andere hätte für „Snatch“ eine Oscar-Nominierung bekommen, Pitt eben nicht. Als von Rachegelüsten geleiteter Staatsanwalt macht er (für mich) mal wieder eine sehr gute Figur (welch Wortspiel!) und verblasst keineswegs angesichts eines solch üppigen Staraufgebots. So einem Anwalt würde ich auch glauben, dass der Angeklagte den Golfkrieg angefangen hat!

Robert De Niro gibt sich zwar Mühe, seinen Ruf langsam ins Klo zu spülen („15 Minutes“, „Showtime“, „Reine Nervensache 2“, „The Score“), aber hier ist er einmal mehr begnadet. Er präsentiert den Priester, der zwischen Gerechtigkeitssinn und Loyalität hin- und hergerissen ist, einfach grandios.

Minnie Driver (die süße Maus aus „Good Will Hunting“ oder „Grosse Pointe Blank“) ist die einzige richtig präsente Frauenfigur in dem Streifen, die die Jungendfreundin der vier Jungs spielt. Zwar ist ihre Rolle nicht sehr groß, aber die wenigen Minuten, die sie auf der Leinwand ist, liefert sie eine gute Vorstellung ab.

Tja, und dann wäre da noch Dustin Hoffmann, bei dem ich mir bis heute nicht klar bin, ob er grandios ist, oder sich einfach lustlos seinem Gehaltsscheck entgegennuschelt. Eher tendiere ich zu der ersten These. Mit seinem Genuschle und Geschlurfe (das er das letzte Mal so enervierend in Wenders’ „Tod eines Handlungsreisenden“ präsentiert hat) spielt er die anderen Darsteller (die wirklich nicht übel sind) fast an die Wand. Das Sinnbild eines Säufers, der die besten Jahre hinter sich hat.

Jedoch muss man sich gut eine Stunde gedulden, bis man die ganzen Stars zu sehen bekommt. Denn zuerst erzählt die Geschichte ausgiebig vom Aufwachsen und den Erlebnissen der vier Freunde im Knast, als sie noch jung waren. Zwar kenne ich keinen der vier Jungdarsteller, aber alle vier sind den namenhaften Alter Egos absolut ebenbürtig.

[Immer nur „Rain Man“...?]

Nicht der einzige Levinson-Film, trotzdem kommt einem als erstes das Autisten-Drama (mit Dustin Hoffmann) in den Sinn, wenn man seinen Namen hört. „Sleepers“, „Wag the Dog“ (auch mit De Niro und Hoffmann), die grottenschlechten Michael Crichton-Verfilmung „Sphere“ (und wieder: mit Hoffmann), „Der Unbeugsame“ – alles nennenswerte Filme, aber der Mann hat nun mal den „Rain Man“ – Stempel. Ändert aber nichts daran, dass Levinson ein großer ist.


[Sehenswert?]

Für „Sleepers“ möchte ich Levinson am liebsten ein Denkmal setzen; der Regisseur, der auch das Drehbuch verfasste, liefert einen Film ab, der berührt, wehtut, mitreißt, verstört, intelligent und fern von Pathos ist, und der seine Zuschauer 150 Minuten bei der Stange hält, ohne das es eine Sekunde langweilig wird, und der dem Zuschauer zeigt, was wahres Leiden ist. Zugegeben, er lässt den Zuschauer nicht unbedingt objektiv über die Sache urteilen (darf man aus Rache töten?), dafür ist der Leidensweg der Vier einfach zu mitreißend und zu persönlich erzählt. Aber schließlich hat er keinen Dokumentar-Film gedreht, sondern er will den Zuschauer berühren, genau das ist ihm gelungen. Man hätte aus dem Stoff auch einen klagenden Tränenschocker machen können, der vor erhobenen Zeigefingern und schmalzigen Floskeln nur so trieft. Zum Glück wurde das aber vermieden. Das gibt es gewiss nicht oft in Hollywood: Ein Film, der seine Möglichkeiten nicht verschenkt und im besten Sinne unter die Haut geht.

Als wäre der Film nicht schon gut genug, stand auch mal eben Scorsese’s Stamm-Kameramann Michael Ballhaus (einer der besten, den Hollywood zu bieten hat) hinter dem Objektiv und machte den Film noch edler.

Ja, sehenswert ist „Sleepers“ allerdings. Ein richtiges Kontra fällt mir nicht ein, dafür mag ich den Film zu sehr. Für manche mögen der quälend langsame Beginn, die sparsame Ausleuchtung, die vielschichtige Story oder der düstere Grundton nicht unbedingt das richtige sein, aber alle, die sich darauf einlassen, werden den Streifen genießen können.

[Credits]

USA 1996
Label: PolyGram Filmed Entertainement
Produktionsfirma: Propaganda Films / Baltimore Pictures
Regie: Barry Levinson
Co-Producer: Lorenzo Carcaterra
Musik: John Williams
Schnitt: Stu Linder
Kamera: Michael Ballhaus
Ex. Producer: Peter Guiliano
Produzenten: Barry Levinson, Steve Golin
Drehbuch: Barry Levinson (nach dem Roman von Lorenzo Carcaterra)

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