Erfahrungsbericht von jinky
Frieren auf Erden!
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Nein
Nun, das ist immerhin ein Grund. Aber warum kommen sie bei Roland Emmerich vor?
Gewiß, Katastrophenfilme sind nicht gerade das Genre, das Kritikerpreise en masse einheimst. Man marschiert ins Kino, ersteht eine große Portion Popcorn (oder läßt es bleiben, weil in deutschen Kinos dieses Maisstärkenstyropor nur in gezuckerter Variante erhältlich ist), gibt sich anderthalb Stunden lang wohligem Gruseln hin, trottet von dannen, und das war das. Gleichwohl kann man handwerklich ordentliche Desastermovies machen – oder auch welche, für die das Prädikat „saumäßig“ schon eine wohlwollende Bewertung darstellt. „Dante’s Peak“ gehört zur ersten Sorte. „The Day after Tomorrow“ – was übersetzt ja auch nur „übermorgen“ heißt – zur zweiten. Was übermorgen passiert, ist in der Roland-Apokalypse folgendes: die Polkappen schmelzen ab, weil wir nach wie vor zu viel fossile Brennstoffe verfeuern. Damit funktioniert die globale Umwälzung von Salz- und Süßwasser nicht mehr, wie sie soll, und der Golfstrom, der die nördliche Hemisphäre beheizt, gibt den Geist auf. Zuerst gibt’s Unwetter, dann eine Flutwelle (vermutlich die erste seit Menschengedenken, die nicht durch seismische Aktivitäten verursacht wurde), und zum Schluß wird’s kalt.
Der Klimatologe vom Dienst (gespielt von Dennis Quaid, der schon in den ersten Minuten fast in einer antarktischen Gletscherspalte versinkt) hat das alles schon vorher gewußt, aber auf den hört ja keiner, erst recht nicht der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, der – Achtung: subtile Regimekritik! – Dick Cheney nicht ganz unähnlich sieht. Das ist schon ein ganz ein mutiger, unser Roland! Aber immerhin war er so taktvoll, einen Präsidenten einzubauen, der dem tatsächlichen kein bißchen gleicht. Man muß es ja auch nicht übertreiben mit der Kritik, nicht wahr? Schließlich sind auch Republikaner Kinokartenkäufer! Übrigens hat Emmerich für diesen blutlosen Präsidenten denn auch bald keine Verwendung mehr und läßt ihn sang- und klanglos bei der Evakuierungsaktion verlorengehen. Die pathostriefende Schlußrede darf der nunmehr geläuterte Nichtmehrvizepräsident halten. Schließlich sind auch Republikaner...aber das erwähnte ich bereits.
Doch, um auf den Klimatologen vom Dienst zurückzukommen: Ihm glaubt nur ein anderer Klimatologe (gespielt von Bilbo Beutlin), der irgendwann in der Mitte des Films feststellen muß, daß er von seiner Meßstation im schottischen Hochland nicht mehr wegkommen wird, und sein Leben im Kreise seiner Mitarbeiter mit einem guten Glas Whisky beschließt. („Zwölfjähriger!“ bemerkt er voller Stolz. Als ob ein popliges Dutzend Jahre über einem namenlosen Kornbrand einen richtigen Whiskykenner beeindrucken könnten.) Tja, gegen Temperaturstürze von 5 Grad pro Sekunde ist eben kein Kraut bzw. keine Gerste gewachsen. Von Null Celsius auf Null Kelvin in weniger als einer Minute! Kommentar erübrigt sich wohl, sofern man jemals Physikunterricht genossen – oder von mir aus auch nicht genossen – hat.
Die Spezialeffekte sind natürlich beeindruckend. Tosende Tornados toben über der Skyline von Los Angeles, wogende Wasser wallen durch die Straßen Manhattans: da hat sich, so stellt man anerkennend fest, ein Computeranimationsstudio noch größere Mühe gegeben als ich soeben mit meinen Allitterationen. Aber in beiden Fällen fragt sich: wozu? Roland Emmerich verschießt sein Pulver bereits in der ersten Dreiviertelstunde, dann folgt nur noch Langeweile. Wohldosiert wollen die Effekte sein, damit Potential bleibt für Steigerungen, und bevor die Katastrophe eintritt, muß sie erst einmal gespenstisch drohen. In „Dante’s Peak“ etwa kommt ein leichtes seismisches Rumpeln vor dem Lavastrom und der Lavastrom vor der finalen pyroklastischen Wolke, und bevor die Chose richtig losgeht, steigt eine dunkle Rauchsäule auf, und es verfinstert sich der Himmel. Dieser Aufbau ist verglichen mit dem, was Emmerich abliefert, von geradezu atemberaubender Raffinesse.
Um sich der in immer kürzeren Abständen auftretenden Gähnanfälle zu erwehren, begibt man sich auf die Suche nach einem roten Faden. Was man findet, ist lediglich ein ausgebleichtes Stück Schnur, mit dem Theseus nicht einmal aus dem Brandenburger Tor herausgefunden hätte: der Klimaforscher macht sich auf die Suche nach seinem Sohn Sam, welchselbiger in New York schröcklichsten Gefahren ausgesetzt ist, denn dort liegen, grob überschlagen, ein paar Meter Schnee auf einer ein paar Meter dicken Eisschicht. Glücklicherweise befindet sich Sam mit ein paar anderen Aufrechten in einer öffentlichen Bibliothek, wo es haufenweise Bücher zum Verfeuern gibt. Ja, Freunde der italienischen Oper, da wird die westliche Zivilisation verheizt! Nur wer den tiefsinnigen Symbolcharakter dieser Szene grundsätzlich verkennt, wird einwerfen, daß Papier eigentlich ziemlich schnell brennt und es mithin – vor allem in Anwesenheit zahlreicher behördlich anerkannter Hochbegabter, politisch korrekt neben dem Sohn des Klimatologen ein Mädchen und ein schwarzer Junge – gescheiter gewesen wäre, zuerst das in rauhen Mengen herumstehende Holzmobiliar in den Kamin zu werfen, bevor es an die Gutenbergbibel geht. Keine Angst, man greift zunächst zur Steuerfachliteratur (ein sagenhaft origineller Witz, der wahrlich nur einem Deutschen einfallen konnte), die Gutenbergbibel wird doch noch gerettet und die westliche Zivilisation gleich mit.
Dennis Quaid nämlich – ich nenne seinen Filmnamen nicht, denn das hieße zu behaupten, Quaid sei ein Schauspieler – kommt gerade rechtzeitig auf seinen Schneeschuhen angeschlappt, als das Wetter wieder aufklart. (Normalerweise wird es genau dann kälter und nicht wärmer, aber sei’s drum.) Maßgeblich zur Rettung Überlebender beitragen kann er nur deshalb, weil er ein Funkgerät besitzt und dieses betätigt, woraufhin Hubschrauber ausschwärmen, die wundersamerweise trotz der Kälte nicht abstürzen wie ihre Pendants in Schottland (wegen vereister Kraftstoffleitungen). So ist auch das Problem gelöst, wie eine Rettung Sams und seiner Kumpanen mit den bescheidenen Mitteln einer winzigen Polarexpedition hätte zustandegebracht werden können und wie er sich das eigentlich so vorgestellt hat, als er lostrabte. Allerdings finden nicht alle Fragen eine so geschickte Antwort. Wie ein Ozeandampfer sich während einer gigantischen Flutwelle ohne Besatzung sicher durch die Straßen Manhattans manövrieren konnte, um noch ziemlich intakt genau vor der Bibliothek zu stranden, ist zum Beispiel eine solche.
Das war übrigens höchst praktisch, denn Sams Schwarm hat sich eine Fleischwunde zugezogen - wenn New York vollläuft, kann sowas schon einmal passieren - , die sich entzündet hat und nun zu einer veritablen Sepsis auszuwachsen droht. Und was haben Schiffe für gewöhnlich? Richtig, eine Bordapotheke! Und was kann man darin finden? Richtig, Penicillin! Also machen sich Sam und seine Freunde daran, wie seinerzeit Robinson Crusoe das Wrack zu plündern.
Dort aber machen Wölfe Jagd auf sie. Es genügt selbstverständlich nicht, daß unsere jugendlichen Helden zuerst fast ertrinken und dann fast erfrieren – nein, sie müssen auf der Suche nach dem rettenden Medikament auch noch fast aufgefressen werden. Eigentlich erstaunlich, daß Emmerich darauf verzichtet hat, einen Brand in der Bibliothek ausbrechen und einen geheimnisvollen Serienmörder darin sein Unwesen treiben zu lassen. Auch das Alien- und Atombombenaufkommen ist für Emmerichs Verhältnisse unterdurchschnittlich. Aber das lag vermutlich an den Kosten und nicht an künstlerischen Skrupeln.
Natürlich soll man sich bei Katastrophenspektakeln nicht beklagen, der Handlungsablauf sei doch höchst unwahrscheinlich. Das gehört nun einmal dazu. In einem Science-Fiction-Film wird schließlich auch mit Überlichtgeschwindigkeit geflogen. Und es gibt keine übleren Spielverderber als solche, die permanent behaupten, das, was man da sehe, sei doch nun aber ganz unlogisch und eigentlich überhaupt ausgeschlossen. Aber daß man als Regisseur von Weltuntergangsstreifen auf die faktische Plausibilität keinen großen Wert zu legen braucht, heißt noch nicht, daß man die innere Stringenz der Handlung gleich mit über Bord gehen lassen sollte. Vielleicht könnte einer das Herrn Emmerich einmal erklären?
Und wenn er schon dabei ist, auch, daß es keinen Sinn hat, Figuren einzuführen, wenn man nicht gewillt ist, ihre Geschichte zu erzählen? „Sie sind im Team“, sagt Dennis Quaid zur hübschen Asiatin, die sich soeben entschlossen hat, seinen Ausführungen Glauben zu schenken und ihm ihre Hilfe angedeihen zu lassen. Tja, nun ist sie also im Team, und was tut sie dort? Nichts. Sie dient nur zur Dekoration. Dennis Quaids Frau ist Ärztin, die sich aufopfernd um ein krebskrankes Kind kümmert. Was wird aus dem Kind, das offenbar – aber schon das muß man sich selbst zusammenreimen – im allgemeinen Tumult von seinen Eltern im Stich gelassen wurde? Nichts. Es kommt wider Erwarten doch noch ein Krankenwagen – woher? Die Rettungsleitstelle war doch schon längst nicht mehr besetzt? – und bringt die beiden in Sicherheit. Ein Teamkollege opfert sich selbst. Wer war er eigentlich? Jemand, der die ganze Zeit nur als Pappkamerad hinter einem Computerbildschirm saß, weshalb seine heroische Tat denn auch wenig ergreifend wirkt. Schade um den Kerl, aber man kannte ihn ja kaum. Was wird aus denen, die sich entgegen der Warnungen Sams von der Bibliothek aus auf den Weg nach Süden gemacht haben? Na ja, sie werden wohl irgendwie gestorben sein.
Großzügig streut Roland Emmerich Figuren, Motive und Handlungsstränge über seinem Machwerk aus – und läßt sie dann ins Leere laufen. Das ist eine Schlamperei, die man nur als verschärfte Publikumsmißachtung bezeichnen kann – und nein, solche Lieblosigkeit ist nicht gattungstypisch. Weder in „Dante’s Peak“ noch in „Twister“ – beide gewiß keine Gipfelpunkte der Filmkunst – hat man sich derartigen Pfusch zuschulden kommen lassen. Das primitive Betroffenheitsgedöns entschuldigt dabei rein gar nichts. Im Gegenteil: gerade, wer ein ernsthaftes und auch respektables Anliegen verfolgt – nämlich ein Bewußtsein dafür zu schaffen, daß es möglicherweise ziemlich kurzsichtig sein könnte, weiterhin nach Herzenslust Kohlendioxid in die Atmosphäre zu blasen – , richtet mit einer derartig unterirdischen Leistung mehr Schaden als Nutzen an. Selbst in „Dante’s Peak“ (der natürlich keine Botschaft in diesem Sinn hatte, schließlich treiben wir Menschen allerhand Unfug, aber Vulkane brechen immer noch von alleine aus) erfuhr man mehr über Vulkanologie als hier über Klimakunde. Emmerich hingegen scheint zu glauben, daß Moral und Verstand sich umgekehrt proportional verhalten: nur ein (ver)dumm(t)er Mensch ist ein guter Mensch.
Dazu paßt der widerwärtige Schwulst am Schluß. Der Präsident (ehemals Vize) salbadert allerlei davon, wie großzügig die sogenannten Entwicklungsländer alle Amerikaner aufgenommen hätten, obwohl man ihre Interessen doch so sträflich vernachlässigt habe. Davon hat man zwar im ganzen Film nichts gesehen, vielmehr wurde eine halbe Stunde vorher gezeigt, wie Mexico die Grenzen dichtmachte, aber so weit scheint das Gedächtnis des idealen Emmerich-Guckers wohl nicht zu reichen. Merke: wahrhaft gütige Menschen kann man nur unter Armen finden. Und was schließen wir daraus? Daß wir sie am besten arm bleiben lassen, um ihnen ihre Güte zu bewahren? Klischees haben eben die fatale Eigenschaft, daß sie auch nach hinten losgehen können. Immerhin kann sich der Kinogänger, der wohl kaum unter den Unterprivilegierten dieser Welt zu suchen sein wird, ein bißchen in Selbstgeißelung üben, um sich nachher umso unbeschwerter an den niedrigen Kaffeepreisen und den bescheidenen Lohnforderungen seiner peruanischen Putzfrau zu erfreuen. Johann, schicke er den Bettler an unserer Tür weg, ich habe ein zu weiches Herz, um diesen Anblick zu ertragen!
Genau auf diesen Selbsttröstungseffekt spekuliert Emmerich, denn er läßt die Kassen klingeln. Aber wer spekuliert, muß vorher investieren, und das hat Emmerich unterlassen. Was wäre leichter gewesen, als eine junge Mexikanerin zu zeigen, die, wiewohl die Schar der unmündigen Kinder im heimischen Hüttlein nach Essen schreit, trotzdem ihr bescheidenes Maisbrot mit einem Harvard-Absolventen auf der Flucht teilt? „Wir sind doch alle Menschen, Hombre“, würde sie in gebrochenem Englisch sagen, und dem Harvard-Absolventen würden Tränen in die Augen treten (und dem Zuschauer gleich mit). Er würde gestehen, daß er solche Hilfsbereitschaft bei den Reichsten der Reichen niemals angetroffen habe, und sofort sein Leben ändern – zum Beispiel, indem er sich erbötig machte, dem kleinen Juan-Pedro, der sich nichts dringlicher wünschte als gerade das, die Grundlagen der Differentialrechnung beizubringen, auf daß diesem dereinst eine bessere Zukunft leuchte. Das wäre fürchterlicher Kitsch gewesen? Ei freilich! Aber es waren sicher nicht ästhetische Bedenken, die Emmerich davon abhielen, solche Szenen einzubauen, die Cheneys Rede wenigstens einen Anschein von Nachvollziehbarkeit verliehen hätten. Es war die schiere Faulheit.
Aber der traurige Höhepunkt an süßlich waberndem Gesinnungsqualm ist der Schlußsatz: Ein Besatzungsmitglied einer Raumstation sieht auf die nun nicht mehr von gigantischen Tiefdruckgebieten heimgesuchte Erde und spicht die güldenen Worte von filigraner Mehrdeutigkeit: „Noch nie habe ich die Erde so klar gesehen.“ Genau. Gemeinsam überstandene Katastrophen werden wie seinerzeit am „Independence Day“ die Menschen zusammenschweißen, und wer Emmerich gesehen hat, weiß, daß und wie das geht. Wir sind ab sofort alle nur noch lieb zueinander, und alle Probleme sind gelöst. Ja, wenn Jesus einen Emmerich gehabt hätte! Er hatte aber keinen. Und wenn man’s recht bedenkt, ist das auch gut so. Der arme Mann war schon genug gestraft.
17 Bewertungen, 4 Kommentare
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28.01.2006, 07:58 Uhr von sindimindi
Bewertung: sehr hilfreichEin echter Jinky - Genial! <br/>Gruß von Roland Sindimindi, nicht Emmerich...;-)
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10.06.2005, 20:54 Uhr von Lotosblüte
Bewertung: sehr hilfreichHallo, sehr guter Bericht, will mir den Film schon lange mal anschauen. Und danke für deinen Bericht betr. Ciao und die Wertung. Du hast sicher Recht, aber mir wars dann einfach zuviel. lg
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09.06.2005, 20:57 Uhr von LadyInDaHouse
Bewertung: sehr hilfreichsuuuper testbericht!! einfach toll! liebe grüsse
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09.06.2005, 17:25 Uhr von lizbiz
Bewertung: sehr hilfreichhey!finde deinen bericht wirklich sehr gut gelungen.hab den film auch gesehen, mir hat er allerdings richtig gut gefallen. ich denke ob realistisch oder nicht, auch dieser film zeigt uns was passieren könnte oder zumindest, DAS etwas passieren kö
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