The Deep End - Trügerische Stille (DVD) Testbericht

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Erfahrungsbericht von wildheart

Langatmige Inszenierung

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Scott McGehee und David Siegel wagten eine Neuauflage des Max-Ophüls-Films »Schweigeld für Liebesbriefe« aus dem Jahr 1949, allerdings mit veränderter Handlung, mit Tilda Swinton (»Orlando«, 1992; »Leidenschaftliche Berechnung«, 1997; »The Protagonists«, 1998) in der Hauptrolle.

Inhalt
Margaret Hall (Tilda Swinton) lebt mit ihren drei Kindern und ihrem Schwiegervater Jack (Peter Donat)in einem Bilderbuch-Ort am Lake Tahoe; ihr Mann ist als Marineoffizier ständig auf den Weltmeeren unterwegs. Ihr einzige Sorge gilt ihrem 17-jährigen Sohn Beau (Jonathan Tucker), der mit dem Besitzer einer Diskothek, Darby Reese (Josh Lucas), befreundet ist. Margaret sucht Reese, ohne dass Beau davon weiß, auf und fordert ihn auf, sich nicht mehr mit ihrem Sohn zu treffen. Sie erzählt Beau von diesem Treffen und davon, dass Reese 5.000 Dollar dafür verlangt hat, sich nicht mehr mit Beau zu treffen.

Doch noch am selben Abend erscheint Reese nachts vor dem Haus der Halls und trifft sich heimlich mit Beau im Bootshaus. Es kommt zu einem Streit, weil Beau Reese die Vereinbarung mit seiner Mutter vorwirft.

Am nächsten Morgen findet Margaret Reese tot am Wasser neben dem Steg zum Bootshaus. In seinem Körper steckt ein Anker. Das Geländer am Steg ist zerbrochen. Alles deutet auf einen Kampf hin. Margaret schafft die Leiche von Reese in ein Boot und versenkt es einige Meilen weiter im See. Als sie vor ihrem Haus den Sportwagen von Reese entdeckt, fährt sie nochmals zu der Stelle zurück, um den Autoschlüssel zu holen und das Auto in die Stadt zu fahren, um sämtliche Spuren zu beseitigen.

Alles scheint nun in Ordnung. Doch dann taucht plötzlich Alek Spera (Goran Visnjic) auf und verlangt von Margaret 50.000 Dollar, wenn er und sein Chef Carlie Nagle (Raymond Barry) nicht zur Polizei gehen sollen. Er zeigt Margaret ein Video, auf dem Beau und Reese beim Sex zu sehen sind. Verzweifelt versucht Margaret, über ihre verschiedenen Bankverbindungen das Geld aufzutreiben und gleichzeitig zu verhindern, dass ihre Familie nichts von alledem mitbekommen. Doch für einen Kredit benötigt sie die Unterschrift ihres Mannes, der auf See derzeit nicht erreichbar ist.

Als Spera wieder bei den Halls auftaucht, hat Jack gerade einen Herzanfall erlitten, liegt bewusstlos am Boden. Spera macht Wiederbelebungsversuche, dank derer Jack überlebt. Als Spera die Familie kennen lernt, nähren sich Zweifel, ob er Margaret und ihre Kinder weiter ins Unglück treiben soll. Er bringt seinen brutalen Chef dazu, nur noch die Hälfte des Geldes zu fordern. Doch dann taucht Nagle selbst auf, um sich »sein« Geld mit Gewalt zu holen. Es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen ihm, Spera und Margaret im Bootshaus ...

Inszenierung
McGehee und Siegel drehten »The Deep End« (der Name der Diskothek von Reese) vor einer beeindruckenden Landschaft, die offenbar als Gegensatz zur Dramatik der Handlung dienen sollte: hier die Beschaulichkeit eines ruhigen, fast sorgenfreien Familienlebens, dort der Tod eines Mannes, der eine dramatische Wendung im Leben von Margaret auslöst. Die Idee des Films – eine Mutter will ihren Sohn schützen, weil sie meint, er habe einen Mord oder Totschlag begangen – könnte Ausgangspunkt eines spannenden Films sein. Und tatsächlich hat der Streifen auch einige überraschende Wendungen.

Ich habe nichts gegen Filme, die eine Geschichte sozusagen »in aller Ruhe« erzählen, unter Verzicht auf allzu viel Action, visuelle Spielereien und Tricks. Doch »The Deep End« war mir auf eine bestimmte Weise zu ruhig. Was hier in 100 Minuten abgedreht wurde, hätte man leicht um eine halbe Stunde kürzen können. Der Film ist langatmig, konzentriert sich auf die Hauptdarstellerin – was an sich nichts Negatives zu sein braucht – in einer Weise, die ihm viel an Spannung und vorwärtstreibenden Momenten nimmt. In schier endlosen Einstellungen wird Tilda Swinton gezeigt, ihre Verzweiflung, und zwar derart oft, dass man sich fragt, ob die Regie den Zuschauer für begriffsstutzig hält. Denn bereits in den ersten Minuten ist eigentlich mehr als deutlich, um was es geht und in welcher Situation sich Margaret befindet.

Es ist ebenso unglaubwürdig, dass Margaret in einer solchen außergewöhnlichen Situation der Bedrohung für ihre Familie, vor allem für ihren Sohn, nie die Beherrschung verliert, permanent ruhig und überlegt handelt, nie am Rande des Nervenzusammenbruchs steht und selbst dann, als ihr Schwiegervater eine Herzattacke erleidet und sie nicht in der Lage ist, die Wiederbelebungsversuche richtig durchzuführen und auf die Hilfe Speras angewiesen ist, sich vollständig unter Kontrolle hat. Tilda Swintons Mimik sollte wohl über diese Unglaubwürdigkeit hinwegretten, doch gerade das passt nicht zusammen. Anstatt die Figur der Margaret in angemessener Weise auf die existentielle Situation abzustimmen, konzentriert sich die Kamera ausschließlich auf ihr Gesicht, in dem wohl alles zu lesen sein soll, Einstellungen, die aber letztlich nur die Mängel der Regie aufweisen.

Hinzu kommt, dass die Figur des Alek Spera allzu flach in eine Geschichte mit der Überschrift »Vom Saulus zum Paulus« verpackt wird. Spera wandelt sich überraschend schnell vom Erpresser zum Erlöser. Es mag sein, dass ihm die Erpressung von Anfang an ein Dorn im Auge war. Dann allerdings ist nicht verständlich, warum er sich überhaupt auf die Erpressung einlässt. Aus Angst um den Verlust seines Jobs bei einem brutalen Chef, auf den er eh verzichten könnte? Und warum wird er zum Paulus? Weil er sich in Margaret verliebt hat, ihre »normale« Familie schützen will? Einfach ein »guter Mensch« ist? Die Figur des Alek Spera war mir jedenfalls zu einfach gestrickt.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Annäherung zwischen Spera und Margaret im Laufe der Handlung fast schon grotesk und albern. Der Film endet weinerlich. Der dramaturgische Trick, dass Margarets Mann ständig abwesend ist und dadurch eine solche Annäherung glaubwürdiger sein soll, ist wenig überzeugend.

Schauspieler
Tilda Swinton ist eine großartige Schauspielerin. Aber sie wirkt in dieser Rolle oft gefangen und begrenzt durch Drehbuch und Regie. Für Alek Spera gilt ähnliches. Jonathan Tucker spielt den 17jährigen homosexuellen Beau zwar nicht schlecht, aber auch seiner Rolle fehlt eine intensivere charakterliche Feinzeichnung.

Fazit
Dem Drehbuch fehlte es offenbar an durchdachter Logik und Finesse; der Regie mangelte es Ideen, die Spannung erzeugen und die Geschichte vorwärtstreiben. Den Schauspielern waren in diesem engen Rahmen allzu große Grenzen gesetzt, auch wenn man Tilda Swinton und Goran Visnjic bescheinigen muss, dass sie ihr Bestes gaben.

The Deep End – Trügerische Stille
(The Deep End)
USA 2001, 100 Minuten
Regie: Scott McGehee, David Siegel
Hauptdarsteller: Tilda Swinton (Margaret Hall), Goran Visnjic (Alek Spera), Jonathan Tucker (Beau Hall), Peter Donat (Jack Hall), Josh Lucas (Darby Reese), Raymond Barry (Carlie Nagle), Tamara Hope (Paige Hall), Jordan Dorrance (Dylan Hall), Heather Mathieson (Sue Lloyd), Richard Gross (Deputy Sheriff)


© Ulrich Behrens 2002
(dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)

14 Bewertungen, 2 Kommentare

  • XXLALF

    10.11.2011, 13:51 Uhr von XXLALF
    Bewertung: besonders wertvoll

    aber die story, an und für sich - hört sich nicht schlecht an. bw und ganz liebe grüße

  • Sayenna

    17.12.2006, 14:36 Uhr von Sayenna
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh & Kuss :-)