The Insider (DVD) Testbericht

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Erfahrungsbericht von catmother

Charakter macht einsam

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

So lautet der Schluß, den man aus diesem brillanten Film ziehen kann, der auf einer wahren und äußerst brisanten Geschichte beruht und 2000 immerhin 7 Oscarnominierungen bekam, wenn auch (völlig unverdient, wie ich finde) keine der begehrten Trophäen.

Jetzt habe ich allerdings ein Problem: Da der Film so lang und seine Handlung so komplex ist, muß ich die Inhaltsangabe sehr ausführlich gestalten. Wer vorher nicht soviel erfahren will, sollte also nur bis zu der gekennzeichneten Stelle lesen.


** Die Story **
Der Wissenschaftler und Abteilungsleiter beim Tabakhersteller Brown & Williamson Jeffrey S. Wigand (Russel Crowe) wurde gerade gefeuert. Im Gegenzug für eine Verschwiegenheitsklausel in seiner Kündigung erhält er eine großzügige Abfindung. Als seine Frau Liane (Diane Venora) dies mitbekommt, hat sie nichts anders im Kopf als ihr Haus in Louisville, die Krankenversicherung für die beiden Töchter und dabei vor allem die Kosten für die Behandlung der asthmakranken Deborah.

Lowell Bergman (Al Pacino) ist der Macher unter den Journalisten des Senders CBS. Er gestaltet zusammen mit seinem genialen Kollegen Mike Wallace (Christopher Plummer) maßgeblich das TV Nachrichtenmagazin „60 Minutes“, das Zugpferd des Senders mit hervorragendem Ruf und guten Einschaltquoten.

Eines Tages wird ein Paket an Bergmans Tür abgegeben. Mit der Brandsicherheits-Produktstudie des Tabakkonzerns Phillip Morris kann der Journalist nichts richtiges anfangen. Über einen Kontakt kommt er an die Telefonnummer von Wigand, bittet ihn um Hilfe und ist einigermaßen erstaunt, daß der sich so abweisend zeigt, obwohl er noch garnicht wissen kann, worum es geht.
Wigands Weigerung weckt die Neugier und das Interesse von Bergman. Nach viel Überredung kommt es doch zu einem ersten, fast konspirativen Treffen zwischen den beiden. Der Wissenschaftler verspricht zumindest, sich das Material anzusehen. Über alles andere (was auch immer) weigert er sich zu reden, das betont er immer wieder.
Aber der Schnüffler in Bergman fühlt, daß mehr dahinter steckt und daß der Mann eigentlich über etwas reden will.

Kurz danach wird Wigand zur Geschäftsleitung zitiert und noch einmal mit einer versteckten Drohung scharf auf seine Verschwiegenheitsklausel hingewiesen. Es ärgert den Wissenschaftler zutiefst, daß man seine Loyalität anzweifelt. Und er ist sauer, weil theoretisch nur Bergman ihn verraten haben könnte. Doch der ist unschuldig, das merkt Jeffrey selbst, als er mitbekommt, wie man ihn offensichtlich beschattet. Und nun bedarf es nur noch eines kleinen Anstoßes, um einen kleinen Teil der Geschichte aus ihm herauszulocken: Wie sich herausstellt, hat Wigand in der Forschungsabteilung des Tabakkonzerns gearbeitet und damit genauen Einblick in einige Vorgänge gewonnen, die das Unternehmen gern unter den Teppich kehren und unter Verschluß halten würde. Es geht um die Suchtgefahr von Tabak. Die sieben Bosse von Big Tobacco haben vor dem Kongreß ausgesagt, daß Nikotin nicht süchtig macht. Wigand dagegen kennt die Art und Weise, wie in der Nikotinverabreichungsbranche, wie er es nennt, Umsatz gemacht wird: durch die Zugabe von chemischen Substanzen wie z.B. Ammoniak oder das karzinogene Kumarin wird der Tabak manipuliert und der Nikotineffekt verstärkt . So wird das Nikotin schneller in der Lunge absorbiert und die Wirkung auf Hirn und Zentralnervensystem verstärkt.

Als Lowell diese mögliche Story bei CBS erwähnt, zweifeln die anderen Kollegen an deren Erfolg. Jeder weiß ja schließlich, daß noch kein großer Konzern, der in irgendeiner Weise ein schädliches Produkt auf dem Markt hatte, je einen Schadensersatzprozeß verloren hat. Denn hier zählt vor allem das Geld, mit dem man die cleversten Anwälte kaufen kann. Im Vordergrund steht aber die Frage, ob Wigand wirklich dieses Risiko eingehen will und sich auf einen langwierigen Kampf mit der Tabakindustrie einlassen wird.

>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>> Ab hier wird es ausführlich. >>>>>>>>>

Nun jedoch beginnt ein wahrer Psychoterror gegen Wigand: jemand schleicht nachts im Garten der Wigands herum, sie bekommen Anrufe und Emails mit Todesdrohungen, jemand legt eine Gewehrpatrone in ihren Briefkasten. Allein das FBI glaubt ihm nicht, verdächtigt Wigand sogar selbst.
Da kommt den beiden ein anderer Fall zu Hilfe: mehrere Anwälte haben im Namen des Staates Mississippi Klage gegen die Tabakindustrie erhoben. Lowell schlägt vor, Wigand als Zeugen zu laden, damit dessen Aussage in einem Gerichtsprotokoll steht und so möglicherweise die Verschwiegenheitsklausel umgangen werden kann.
Nach dem Vorfall mit dem FBI ist Wigand noch mehr bereit, sogar gegen den Willen seiner Frau, CBS ein Interview zu geben. Mehr noch, er sagt nach einigem Zögern und trotz einer einstweiligen Verfügung seines Staates Kentucky sogar vor dem Gericht in Mississippi aus, obwohl ihm damit bei seiner Heimkehr die Gefängnisstrafe droht.
Als er wie befreit nach Hause kommt, hat seine Frau ihn verlassen, die Gegenpartei sämtlichen Schmutz aus seiner Vergangenheit, egal ob wahr oder nicht, ausgegraben und ist dabei, seinen Ruf durch eine Veröffentlichung zu ruinieren.
Zusätzlich spielt Big Tobacco seine ganze Macht aus und übt Druck auf die Firmenleitung von CBS aus. Und der Sender kneift. Eine große Rolle spielt dabei, daß der Verkauf von CBS an die Westinghaus Corporation bevorsteht und der Deal platzen könnte, wenn dem Sender eine Milliardendollar-Klage wegen sogenannter unlauterer Einmischung von Brown & Williamson droht.
Als Bergman deshalb auf die Barrikaden geht, kneift selbst sein Freund Mike Wallace und opfert die Freundschaft der Sicherheit seines Jobs.
Nun steht Lowell Bergman ganz allein in seinem Kampf um die Wahrheit, für sich und seinen Ruf als Journalist und für seinen Informanten.

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** Die Darsteller **
Getragen wird der Film im Wesentlichen von Al Pacino und Russel Crowe.
Pacino habe ich mal gehaßt, weil ich ihn einen Menschen mit der Kettensäge habe quälen sehen – gottseidank sind seine Rollen im Laufe der Jahre besser geworden und spätestens seit „Der Duft der Frauen“ oder „Heat“ zählt er für mich zu einem der überzeugendsten Darsteller Hollywoods. Hier übertrifft er sich allerdings selbst. Die Figur des loyalen, integeren Journalisten, der die Wahrheit, seinen Ruf und den Schutz seines Informanten über die Interessen des eigenen Senders stellt, strahlt hier soviel Überzeugungskraft aus, daß er fast wie eine Fackel im ganzen amerikanischen Pressesumpf leuchtet. Alles sicher sehr idealistisch, aber wäre es nicht schön, gäbe es tatsächlich mehr dieser Wahrheitsfanatiker? Es macht zumindest Mut, finde ich, zu seinen Überzeugungen zu stehen und dafür auch etwas zu riskieren.

Russel Crowe hat sich im Gegensatz zu seiner wohl prominentesten Rolle in Gladiator äußerlich sehr verändert. Hier ist er der unsichere, weichliche, ängstliche Wissenschaftler, der erst dann zur Gegenwehr ansetzt, als seine Ehre, seine Integrität und seine Würde als Mensch angetastet werden. Und alles, was er für diesen Mut erntet, ist Verrat, Entwürdigung, Demütigung und der Verlust von allem, was er liebt. Doch für einen Augenblick ist er auch Stolz auf sich, stolz, sich gewehrt und Zivilcourage gezeigt zu haben, auch wenn es vielleicht nicht viel einbringt.
Für mich ist das eine der dramatischsten und überzeugendsten Figuren menschlichen Handelns in den letzten Jahren. Schade, daß er den Oscar nicht bekommen hat.

Zu erwähnen sind noch Diane Venora als negative Figur der Frau Wigands und Christopher Plummer als genialer, aber auch egoistischer und auf Sicherheit spielender Journalist.


** Filmkritik **
Ich weiß nicht mehr, was den Anstoß gab, mir den Film auf Premiere anzusehen. Jedenfalls habe ich es nicht bereut, halte ich dieses Drama doch für eine außerordentliche Dokumentation von Recht und Unrecht, von Loyalität und Wahrhaftigkeit im Journalismus und natürlich von der ungeheuren Macht der Tabakkonzerne in den USA.

Er zeigt ganz deutlich und desillusionierend, daß es oftmals nicht geht darum, ob jemand die Wahrheit sagt, sonder darum, was jemand daraus machen kann, wenn er die nötige Macht und Einfluß besitzt.

Man kann den Film nicht in eine bestimmte Sparte einordnen: Drama steht in der Fernsehzeitung, ein Thriller oder Psychothriller könnte er jedoch auch sein. Dann allerdings ein Thriller, in dem nicht ein einziger Schuß fällt, der seine Spannung aus der Visualisierung von Gedanken und Gefühlen erzeugt. Zusätzlich vermittelt die wacklige Kameraführung den Eindruck journalistischer Authentizität, so als sei man am Ort des Geschehens.

Die streckenweise blaugraue Färbung des Films gibt Stimmungen sehr intensiv wider, so wie auch die eindringliche Musik (Gitarrensolo oder eine Art liturgischer Gesang) vor allem in den Szenen, wo die innerliche Anspannung der Hauptdarsteller besonders groß ist.
Dann sitzt man als Zuschauer atemlos da und fragt sich, wie man wohl in der Haut des Wigand steckend entschieden hätte.

Unlogische Szenen:
Ein paar Dinge sind mir eingefallen, die nicht so ganz mit der stringenten Inszenierung des Filmes zusammenpassen und will sie hier nur erwähnen.
Bergman bat seinen Kontakt um jemanden aus der Gesundheitsbehörde für die Interpretation des Philip Morris Materials. Wieso hat man ihm die Nummer von Wigand gegeben? Wer hat ihm das Zeug geschickt und was ist daraus geworden? Wie ist dieser jemand in New York auf einen Wissenschaftler in Louisville gekommen?
Wie kann Bergman ständig in Louisville aufkreuzen, das über 1000 km von NY entfernt ist?

Der schrägste Dialog des ganzen Films
„Wigand: Ich finde einfach nicht die richtigen Kriterien. Schwierig, so eine Entscheidung zu treffen, ohne sie im Kopf gelöst zu haben.
Bergman: Vielleicht hat sich die Lage geändert?
Wigand: Was hat sich geändert?
Bergman: Sie meinen, seit heute morgen?
Wigand: Nein, ich meine, seit wann auch immer. Scheiß drauf. Gehen wir ins Gericht.“

Versteht das jemand?


** Meine Meinung **
Für mich ist Insider unbestritten einer der besten, kritischsten und aufwühlendsten Filme des Jahres 2000. Brillant fotografiert mit überzeugenden Darstellern und einer brisanten Geschichte ist er ein Zeugnis über Recht und Gerechtigkeit, über Moral und den Preis, den man dafür zahlt. Und vor allem ist er ein Plädoyer für Zivilcourage.


** Daten **
USA 1999
Genre: Drama, Thriller
Regie: Michael Mann

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