Wahnsinnig verliebt (VHS) Testbericht

Wahnsinnig-verliebt-vhs-drama
ab 13,05
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Erfahrungsbericht von marenmoon

Liebe bis in den Wahnsinn...

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Manchmal muss man auch mal seine eigenen Hemmschwellen überwinden. Eine solche stellte für mich der Titel des Films vor, den ich nun vorstellen möchte. „Wahnsinnig verliebt“ heißt er, was die meisten unter uns eher an Teenie-Filme denken lassen wird, als an, das was dieser Film nämlich ist: Ein Thriller. Auch der Untertitel „Die dunkle Seite der Amélie“ macht dies nicht wirklich deutlich. Nun gut, aber schließlich haben wir Augen zum Lesen der Filmbeschreibung auf dem Rücken der Videokassette. Gesagt, getan und ab damit in den Rekorder.

Gleich zu Beginn des Films leuchten einem diese Augen entgegen, die man schon aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“ kennt. Audrey Tautou alias Angélique, steht im Blumenmeer eines Floristen und versucht, sich für ein Geschenk zu entscheiden, dass sie ihrem Liebsten zum Jahrestag machen will. Kitschig, wird man jetzt denken. Ist auch so. Die Kunststudentin schickt eine einzelne Rose mit einem Kurier in die Praxis von Loic (Samuel Le Bihan), einem erfolgreichen Kardiologen. Dieser lächelt, lässt die Rose verschwinden und wendet sich seiner nächsten, zugegebenermaßen ziemlich nervig auftretenden Patientin zu. Diese lässt zum wiederholten Mal alle Hüllen fallen, um sich untersuchen zu lassen, obwohl Loic sie gar nicht darum gebeten hatte.
Loic wohnt mit seiner schwangeren Frau in einem schicken Haus im Randgebiet der Stadt, Angélique passt derweil auf das Nachbarhaus auf, während die Bewohner im Urlaub sind. Auf einer Party zeigt sie ihrem Bekannten David (Clement Sibony) ihren Lover, der sich allerdings während des gesamten Abends nicht für sie zu interessieren scheint. Ganz im Gegenteil zu David, der sich schon vor längerer Zeit in die Studentin verliebt hat. Angélique erklärt ihm, dass ihr Geliebter sich nicht um sie kümmern könne, weil die Affäre sonst auffliegen würde. Seine Ehe sei aber so gut wie am Ende. Als Loic die Party verlässt, eilt auch Angélique davon. Für David ist die Sache klar: Loic behandelt seine Freudin schlecht. Einige Tage später taucht er deshalb in der Praxis des Arztes auf und macht ihm Vorwürfe. Dieser jedoch schmeißt ihn aus seinem Behandlungsraum, um sich wieder der Frau zuzuwenden, die sich permanent untersuchen lassen will.
Angéliques Liebe hingegeben scheint weiter zu wachsen. Im Aktzeichnen-Seminar zeichnet sie statt des Modells Loic, schickt ihm ein Portrait in seine Praxis (das sie Sprechstundenhilfe auch gleich aufhängt) und lässt ihm sogar einen Haustürschlüssel nachmachen. Außerdem schreibt sie ihm Nachrichten, bespielt seinen Anrufbeantworter mit Musik, plant schließlich sogar eine Reise nach Florenz.
All dies sehen ihre Freunde mit wachsender Besorgnis. Neben David macht sich auch ihre Freundin Héloise Sorgen, mit der Angélique zusammen in einem Café arbeitet. David macht seiner Freundin schließlich klar, dass sie sich den Arzt aus dem Kopf schlagen müsse. Diese bittet den Medizinstudenten um einen Gefallen, mit dem sie sich endgültig von ihrem Geliebten verabschieden kann. David zögert, geht dann jedoch darauf ein.
Am nächsten Tag erfährt Angélique, dass Loic verhaftet worden ist, weil er angeblich eine Patientin geschlagen habe, die daraufhin einen Herzanfall bekam und an den Folgen starb. Seine Frau, Anwältin und eigentlich von ihm getrennt lebend, übernimmt sofort seine Verteidigung. Von ihrer Fehlgeburt, die sie einige Tage zuvor erlebt hat, ist sie immer noch sehr schwach.
Als Kriminalbeamte kurze Zeit später in der Nachbarvilla des Doktors auftauchen, ist Héloise gerade bei Angélique zu Besuch. Diese belügt die Beamten nach Strich und Faden und gesteht später ihrer Freundin, sie habe die Patientin umgebracht. Héloise versucht, sie zu überreden, sich zu stellen, was Angélique auf keinen Fall tun will. Als die Freundin weg ist, dreht sie die Hähne ihres Herdes auf und legt sich auf den Boden.

Hier endet der erste Teil des Filmes.

Der zweite Teil beginnt genauso wie der erste. Wieder kauft Angélique eine Rose, wieder wird sie zu Loic in die Praxis geliefert. Etwas überrascht fragt sich der Zuschauer, ob jetzt eine Art „Lola rennt“-Geschichte folgen wird.
Auch die Abendgesellschaft wird gezeigt, allerdings beginnt hier der Perspektivenwechsel. Während Teil eins vorwiegend aus Angéliques Perspektive erzählt wird, begleitet die Kamera hier mehr Loic. Die beiden treffen sich auf der Toilette, wo sich Angélique als seine neue Nachbarin auf Zeit vorstellt. Auf seinem Heimweg nimmt er sie mit nach Hause.
An seinem Geburtstag bekommt er ein unsigniertes Portrait, was seine Sprechstundenhilfe als „von Ihrer Freundin“ benennt. Er klärt sie leicht verstört darüber auf, dass er keine habe. Immer öfter erhält er Zeichen, die er nicht deuten kann. Botschaften von einer Geliebten, Bilder von sich auf einer Parkbank, Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Langsam wird auch seine Frau misstrauisch, obwohl er ihr versichert, dass er genau wie sie die Zeichen nicht deuten kann. Als sie auch noch eine Fehlgeburt erleidet, weil (wie sich nun herausstellt), Angélique sie mit einer Vespa angefahren hat, sind beide Ehepartner verzweifelt. Rachel zieht zunächst aus, um über die Zukunft ihrer Ehe nachzudenken.
Einen Tag später erhält er in der Praxis ein erneutes Geschenk, dass er eigentlich schon gar nicht mehr haben möchte. Er öffnet den Kasten dennoch und findet ein mit einem Pfeil durchbohrtes Menschenherz, dass Angélique sich von David besorgen ließ. Da wird Loic (fälschlicherweise) klar, dass es sich bei der Verehrerin nur um die Frau handeln kann, die sich immer wieder vor ihm entblößt. Wütend geht er bei ihrem nächsten Besuch auf sie los.
Nach seiner Verhaftung ist er für einige Zeit wieder zuhause, hat sich sogar mit Rachel wieder versöhnt. Als er draußen einen Krankenwagen sieht, rennt er hinaus und findet auf der Trage Angélique, die wegen der Gasvergiftung in Lebensgefahr schwebt. Er beatmet sie und sorgt für eine Einweisung in das Krankenhaus, in dem er an einigen Tagen der Woche arbeitet. Als er sie später in ihrem Zimmer besucht und nach Eltern oder Verwandten fragt, die sie besuchen könnte, antwortet sie: „Ich habe niemanden“.
Plötzlich begreift Loic, dass nicht die hysterische Patientin sondern Angélique ihm die Briefe und Geschenke gemacht hat. Denn in einem ihrer Briefe fanden sich genau diese drei Worte. Zu Überprüfung dieser These probiert er den Schlüssel, den sie ihm geschickt hat, aus und findet im völlig verwahrlosten Nachbarhaus an der Wand ein lebensgroßes Selbstportrait.
Als sich Loic und Angélique später im Treppenflur seiner Praxis treffen, sagt er ihr, dass zwischen ihnen nichts war und nichts sein wird. Daraufhin stößt sie ihn mit einem Stein die Treppe hinunter, wird sofort danach verhaftet und in eine geschlossene Anstalt gebracht.
Während Angélique in der Nervenklinik ans Bett gebunden wird, muss Loic nach einem wochenlangen Koma erst wieder gehen lernen, bleibt jedoch sein ganzes Leben leicht gehbehindert. Angélique jedoch scheint geheilt. Bis ein Handwerker hinter ihrem Schrank ein riesiges Portrait von Loic findet – aus abertausenden Pillen hergestellt.

Ich glaube, ich habe noch nie eine derart lange Inhaltsangabe für eine Kinokritik geschrieben. Hier war dies aber wichtig, um zu verstehen, wie der Film mit den Gedanken des Zuschauers spielt, mit den Illusionen, die bestimmte Ausschnitte aus einem Zusammenhang entstehen lassen können.

Im ersten Teil des Filmes scheint zunächst alles ganz klar zu sein. Angélique und Loic haben ein Verhältnis, in dem sie anscheinend der aktivere Part ist. Nichts Ungewöhnliches in einem Kinofilm – besonders wenn einer der Partner verheiratet ist. Nach und nach wird die Geschichte jedoch immer ungewöhnlicher. In Person ihres Freundes David wird auch der Zuschauer darauf gestoßen, dass in dieser Liebesgeschichte etwas nicht stimmt. Zunächst wird der Eindruck erweckt, dass Loic mit den Gefühlen der Studentin spielt. Weiterhin mit seiner Frau zusammenbleibt, mit der er sogar ein Kind bekommt. Wütend macht David seinem Ärger in der Praxis Luft, Loics Reaktion versteht der Zuschauer als unangenehmes Zugeben der Affäre, die dem Arzt nichts weiter zu bedeuten scheint. Wenn es eine Einteilung in Gut und Böse gäbe, wäre der Arzt eindeutig auf der bösen Seite. Dies ändert sich jedoch mit dem zunehmenden Wahnsinn der Aktionen, die Angélique plant. Besonders das Versenden der Kiste (der Zuschauer weiß noch nicht, dass ein menschliches Herz darin ist), versetzt ihn in eine leichte Angst, was die Protagonistin denn jetzt planen könnte. Wie ernst ihre Gefühle sind, zeigt der Selbstmordversuch am Schluss.

Der zweite Teil sorgt für die Klärung der Geschichte. Immer wieder werden beim Zuschauer Aha-Effekte ausgelöst, neue Facetten der Handlung eingebracht, die plötzlich alles ganz anders aussehen lassen. Es wird deutlich, dass sich Angélique und Loic nie richtig getroffen haben. Zufallsbegegnungen auf der Party, beim Nachhausefahren, im Garten, sind alles. Auch ist die Ehe des Kardiologen nicht schon vor der Belästigung durch Angélique kaputt, sondern wird durch sie auf eine Bewährungsprobe gestellt. Neben diesen großen Erkenntnissen, die der Zuschauer durch den zweiten Teil gewinnt, stellen sich ihm auch sämtliche Aktionen von Angélique immer mehr als die Taten einer Liebeskranken dar. Es wird klar, dass nicht Loic der Schuldige an ihren Gefühlen ist, sondern er, wie sie selbst, ein Opfer davon.

Gekonnt wird hier mit den Mitteln des Geschichtenerzählens und der filmischen Umsetzung selbiger gespielt. Laetitia Colombani, eine in Deutschland eher weniger bekannte Regisseurin zeigt dem Zuschauer nur zu deutlich, wie einfach es ist, ihn in die Irre zu führen. Dabei verwendet sie viel Aufmerksamkeit auf kleine Details, die im ersten Filmteil oft gar nicht auffallen. Vielleicht muss man den Film auch mehrmals sehen, um all die Verknüpfungen zu sehen, die sich durch die unterschiedlichen Perspektiven der gleichen Geschehnisse ergeben. Auch wenn der Film als eine Art Liebesthriller umworben wurde, geht es hier nicht um die „schöne“ Liebe. Es geht um die Abgründe die sich auftun können, wenn diese Liebe krankhaft wird. Vor einigen Jahren prägten amerikanische Forscher den Begriff „stalking“ für das krankhafte, wahnartige Verfolgen anderer Menschen aus Liebe. Dieser Film zeigt nicht nur die psychologischen Aspekte dieser Krankheit, sondern auch die Auswirkungen auf das Leben der betroffenen Person. Der Stalker selbst ist nicht mehr Herr seiner Gefühle, findet sich in seinem Leben nicht mehr zurecht. So wie Angélique: Sie lässt das Haus, auf dass sie eigentlich aufpasse sollte, verwahrlosen, tut nichts mehr für die Uni, kommt zu spät zu ihrem Job im Café, versucht am Ende sogar, sich umzubringen. Ebenso schlimm stellt sich die Situation für Loic, das Opfer, dar. Die anonymen Briefe zerstören nicht nur seine Ehe fast, sondern wirbeln sein ganzes Leben, seine Arbeit, sein Handeln durcheinander. Durch die ständige Bedrohung, der er ausgesetzt ist, zerbricht er fast selbst. Das Würgen seiner Patientin ist Zeichen dafür, dass er selbst mit der Situation überfordert ist.
Ich habe schon viele Berichte über Stalking-Opfer gelesen. Es gibt Menschen, die tatsächlich an der ständigen Bedrohung durch andere zerbrechen, psychologische Betreuung brauchen. Im Gegensatz zu den Opfern, bei denen meist nur noch eine psychiatrische Behandlung in einer Nervenklinik hilft, kann viele aber auch schon das Wissen beruhigen, dass diese Person ihnen nichts anhaben kann. Einige der Stalker wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt, die meisten landen allerdings in Kliniken. Wie auch Angélique. Dass so ein Aufenthalt auch nicht immer hilft, zeigt der Film auf beängstigende Weise. Handwerker finden Loics Portrait hinter dem Schrank, denken sich jedoch nichts dabei und melden es nicht der Klinikleitung. Der Film endet ziemlich beklemmend, zeigt die Schwächen von Therapien auf. Aber was tun? Wie man so schön sagt, man kann den Menschen nicht in den Kopf gucken. Auch wenn es noch so gute Therapiemöglichkeiten gibt, Gedankenlesen ist uns leider nicht möglich. So wird es immer Menschen wie Angélique geben, die sich für einen anderen Menschen so aufgeben, dass sie die Verbindung zu Wirklichkeit völlig verlieren.

Audrey Tautou erinnert trotz der anderen Rolle auch hier an Amélie. Denn, auch wenn es erst nicht so scheint, es gibt eine große Gemeinsamkeit zwischen den beiden Figuren. Beide träumen sich ans Ziel. Amélie in einer romantischen Art und Weise, Angélique in einer übersteigerten Vorstellung von dieser Romantik. So kann Tautou das Amélie-Image mit diesem Film leider auch nicht ablegen. Die großen Kulleraugen, sogar ein ähnlicher Kleidungsstil erinnern zu sehr an ihren Durchbruchs-Film. Trotzdem sind auch hier ihre schauspielerischen Leistungen alles andere als durchschnittlich. Mit einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit spielt sie Szenen, die sie wohl selbst noch nie erlebt hat. Gerade dieses Selbstverständliche ist es, was besonders den ersten Teil des Films so glaubhaft macht und den Zuschauer perfekt in die Irre führt. Ob dieser Tatsache sei es ihr verziehen, dass sie weiterhin ein bisschen Amélie in diesen Film einbringt.

Samuel Le Bihan dürfte den meisten vorher nicht bekannt gewesen sein, da er bisher in weniger bekannten Filmen mitspielte. Sein Schauspiel ist nicht ganz so, wie man es von Tautou gewöhnt ist. Man nimmt ihm die Rolle des Bösewichtes zwar ab, allerdings etwas widerwillig. Seine Mimik und Gestik sind nicht das, was man von einem Ehebrecher erwarten würde. Trotzdem ist auch hier ein Lob angebracht. Besonders in Teil zwei zeigt der Franzose, wie zerstört sich ein Stalking-Opfer zuweilen fühlen kann. Trotzdem ist auch hier eine recht schnelle Genesung zu sehen, für die Le Bihan weniger verantwortlich sein wird, als das Drehbuch.

Authentisch wirken die Figuren des David und der Héloise. Die beiden französischen Jungschauspieler wirken impulsiv und echt. Personen, in die sich das Publikum hineinversetzen kann, da sie die Rolle der mahnenden Betrachter einnehmen.

Insgesamt also ein Film, der sich wohltuend von der Masse der „Wir-lieben-uns-und-sind-glücklich“-Filme abhebt. Der zeigt, dass es auch zu viel sein kann. Wenn man sich einmal klar macht, wie viele glückliche Paare es um einen herum so gibt, kann man nur froh sein, dass dies so ist. Denn wie dieser Film zeigt, muss große Liebe nicht immer auf großes Glück hinauslaufen. Im Falle von Angélique nämlich führt sie zu einem noch viel größeren Ungück, zerstört fast eine bestehende Liebe und das Leben eines Menschen, der zum Liebesobjekt wider Willen geworden ist. Ein Film, den man trotz der kleinen Schwächen gesehen haben sollte. Ganz besonders im Kontrast zu „Die fabelhafte Welt der Amélie“.



©marenmoon 20.o4.2oo4

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