Wahnsinnig verliebt (VHS) Testbericht

Wahnsinnig-verliebt-vhs-drama
ab 13,05
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Auf yopi.de gelistet seit 10/2004

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Erfahrungsbericht von wildheart

Wahnsinnig konstruiert

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Sehr zwiespältig hat die Kritik den neuen Film mit Audrey Tautou aufgenommen. Während die „Frankfurter Rundschau“ schreibt: „Deutlich ist der Einfluss amerikanischer Thriller zu spüren. Filme wie ‘Eine verhängnisvolle Affäre’ haben in der Vergangenheit ja bereits das Bild von der schönen Frau entworfen, die nach erotischen Höhenflügen zum Monster werden kann. Hier geschieht das mit einem ironischen Augenzwinkern. Colombanis Film ist vor allem ein gelungenes Verwirrspiel“, kritisiert die „Süddeutsche Zeitung“: „Im Grunde aber erzählt Laetitia Colombani kühl aus dem Labor der Gefühle, in dem sich Liebe und Wahn, verzerrte Wahrnehmung und realitätsfernes Wunschdenken zu einem klinischen Lehrbuchfall fügen – das macht schließlich auch die Schwäche des Films aus. Je mehr der Thriller seinem fatalen Ende entgegen steuert, desto weniger scheint der Zuschauer bereit, sich auf falsche Fährten locken zu lassen. Besonders Tautou leidet darunter, die hier konsequent gegen ihr Amélie- Image arbeitet, sie wird allmählich zu einer Person, deren Gefühlswelt nicht mehr zur Identifikation einlädt. Irgendwann lässt einen ihre doch so existentielle Liebe kalt.“

Oh, Amélie!

Inhalt
Die Kunststudentin Angélique (Audrey Tautou) ist verliebt. Zweifellos. Die junge, sympathische Frau hat sich den erfolgreichen Kardiologen Loïc (Samuel Le Bihan) als Geliebten auserwählt, schickt ihm eine Rose, ein Gemälde mit ihm, das sie selbst gemalt hat, Briefe und andere Liebesbeweise mehr in seine gut gehende Praxis. Ein Problem gibt es allerdings: Loïc ist verheiratet und seine Frau Rachel (Isabelle Carré) schwanger. Doch Angélique hofft und hofft und hofft auf die Liebe Loïcs, auf eine gemeinsame Reise nach Florenz und auf eine letztendlich erfolgende Trennung von seiner Frau. Als Loïcs Frau eine Fehlgeburt hat, ist Angélique nicht berührt, sondern hofft noch mehr.

Als Loïc von einer Patientin, die ihn fast jede Woche aufsucht, beschuldigt wird, sie tätlich angegriffen zu haben, und daraufhin von der Polizei festgenommen wird, ist Angélique zu allem entschlossen, um Loïc zu helfen ...

Der zweite Teil des Films erzählt die Geschichte aus der Perspektive des Kardiologen. Mehr will ich hier nicht verraten.

Inszenierung
Audrey Tautou ist noch immer Amélie. Eingetaucht in ein Meer von Rosen zu Anfang des Films, ein strahlendes, glückliches Gesicht, eine junge Frau, die lebenslustig, verliebt, entschlossen, für ihre Liebe zu kämpfen, durch ihr Leben geht – das ist Amélie. Dass Audrey Tautou es nach dem Welterfolg als Amélie schwer haben würde, nicht allzu sehr auf diese Rolle fixiert zu werden, war eindeutig. In solchen Fällen hilft meist nur: eine völlig andere Rolle. Und ich gehe jedenfalls davon aus, dass die Tautou zu etwas anderem durchaus in der Lage ist. Laetitia Colombani geht einen anderen Weg, der auch denkbar, allerdings riskant ist: Aus Amélie soll – sozusagen schleichend – Angélique werden, aus Liebe Wahn, aus gesundem Selbstvertrauen zwanghafte Erotomanie.

Sie versucht noch etwas anderes: Sie erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Angélique in ihrem Liebeswahn, ihrer Einbildung, die für sie eine reale Welt geworden ist, und im zweiten Teil des Films aus der Sicht Loïcs, der überhaupt keine Affäre mit der jungen Frau hat, völlig ratlos und ahnungslos Opfer einer Intrige zu sein scheint. Auch dieser Ansatz ist gut gewählt, denn er könnte demonstrieren, wie unterschiedlich „Welt“ wahrgenommen werden kann.

Allein, die Inszenierung der Geschichte – so sehr Laetitia Colombani auch dem Suspense Hitchcocks und der Grenzwelt von „Normalität“ und „Wahn“ etwa im Sinne Roman Polanskis verpflichtet sein mag – ist wenig überzeugend. Allzu gewollt und manchmal schon aufdringlich spielt die Regisseurin mit Symbolik, etwa durch Überbetonung roter, kräftiger, lebensfroher Farben im ersten Teil, beherrschendes Blau im zweiten. In diese den Film überfrachtende Symbolik gehört auch die ständig wiederkehrende Herzkurve, die einen Wechsel oder Bruch in der Geschichte überdeutlich demonstriert, damit es auch der letzte Zuschauer im Kinosaal kapiert.

Die Geschichte selbst stilisiert Audrey Tautou zur lehrbuchmäßigen Erotomanin, so dass eine wirkliche Nähe zu der Figur der Angélique kaum entstehen kann. Eher Enttäuschung. Denn anfangs ist da ja noch Amélie und damit Sympathie und Erinnerung an einen anderen Film. Der Bruch ist dramaturgisch wenig überzeugend. Man hat das Gefühl, plötzlich, unvermittelt jemand anderen vor sich zu haben. Die Figur der Angélique wird eben nicht „entwickelt“, sondern im schlechtesten Sinne konstruiert. Es wird kühl im Kino, Identifizierung war mir jedenfalls mit Tautous Angélique nicht möglich.

Der Perspektivwechsel – also die Geschichte aus der Sicht Loïcs – hat einige überraschende Momente, die allerdings kaum dem Anspruch Colombanis gerecht werden. Die Perspektive Loïcs erscheint eher als realitätsgerechte Korrektur von Vorgängen, die in Angéliques Leben wahnhaft interpretiert wurden. Auch mit der Figur des Loïc selbst hat man nur kurze Zeit ein gewisses Mitgefühl. Letztlich spielt Samuel Le Bihan den Loïc eher als Kriminalkommissar seines eigenen Falls. Auch hier wenig an Identifikationsmöglichkeiten. Es wird immer durchsichtiger in „À la folie ... pas de tout“.

Völlig verloren „zwischen“ Loïc und Angélique steht die wohl als „vermittelnde Instanz“ gedachte Figur des David (Clement Sibony), eines jungen Studenten, der in Angélique verliebt ist und fast alles tun würde, um sie Loïc zu entreißen. Auch diese Figur entstammt einem allzu bemühten Drehbuch, bei dem alles „stimmig“ gemacht werden sollte, ebenso Angéliques Freundin Héloïse (Sophie Guillemin), die Angélique ihrer Wahnvorstellung opfert. Danach verschwindet Héloïse spurlos von der Bildfläche, obwohl sie z.B. weiß, was Angélique mit einer Patientin Loïcs getan hat.

Fazit
Dem Betrachter lässt der Film keine Chance des „eigenen Kopfes“. Er führt uns nicht auf falsche Fährten, weil die Fährten, die er legt, allzu durchsichtig sind. Daran ändern die wenigen überraschenden Momente kaum etwas, die – wie gesagt – eher Korrektivfunktion haben, als Ausdruck unterschiedlicher Perspektiven der Wahrnehmung zu sein. Das alles hat wenig mit Suspense und Psychologie und viel zu viel mit formaler Konstruktion zu tun.

Audrey Tautou ist ihr Amélie-Image (leider) mit diesem Film auf eine unrühmliche, ernüchternde Weise los geworden. Der „Süddeutschen Zeitung“ war zu entnehmen, Amos Kollek plane mit ihr einen Film unter dem Titel „Nowhere to Go But Up“.

Wahnsinnig verliebt
(À la folie ... pas de tout)
Frankreich 2002, 100 Minuten
Regie: Laetitia Colombani
Drehbuch: Laetitia Colombani, Caroline Thivel
Musik: Jerome Coullet
Kamera: Pierre Aim
Schnitt: Veronique Parnet
Spezialeffekte: –
Hauptdarsteller: Audrey Tautou (Angélique), Samuel Le Bihan (Loïc), Isabelle Carré (Rachel), Clément Sibony (David), Sophie Guillemin (Héloïse), Eric Savin (Julien), Michèle Garay (Claire Belmont), Elodie Navarre (Anita), Catherine Cyler (Jeanne), Mathilde Blache (Léa), Charles Chevalier (Arthur)

Offizielle Homepage: http://www.wahnsinnig-verliebt.de/
Internet Movie Database: http://us.imdb.com/Title?0291579

Weitere Filmkritik(en):
„Süddeutsche Zeitung“ (Bodo Fründt):
http://szarchiv.diz-muenchen.de/REGIS_A14328851;internal&action=body.action
„Neue Zürcher Zeitung“ (Alexandra Stäheli):
http://www.nzz.ch/2002/08/28/fe/page-article8CP5Q.html


© Ulrich Behrens 2002
(zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)

15 Bewertungen, 2 Kommentare

  • XXLALF

    12.12.2009, 12:21 Uhr von XXLALF
    Bewertung: besonders wertvoll

    so berauschend hört sich der film aber nicht an, jedoch ein bericht ist klasse und verdient ein bw.

  • Sayenna

    17.12.2006, 14:29 Uhr von Sayenna
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh & Kuss :-)