Die Passion Christi (DVD) Testbericht

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Erfahrungsbericht von andy77

Wenn die Passion zum Dogma wird

Pro:

regt zur Diskussion an

Kontra:

sinnlose Gewaltdarstellung

Empfehlung:

Nein

Selten ist über einen Film so viel im Vorfeld diskutiert worden, wie zu Mel Gibsons ‚Die Passion Christi’. Und selten war ein solches Medienecho so unbegründet wie in diesem Fall. Da fällt es schwer dem Filmemacher und Hobbypropheten Gibson nicht gratulieren zu wollen, für ein Marketing-Spektakel sondergleichen. Eine Inszenierung zur Inszenierung, die sich als Goldgrube erweisen und einem Besessenen noch mehr Macht verleihen wird, seine zweifelhafte Botschaft in die Welt zu tragen. Ein Gedanke der Angst machen sollte angesichts der filmischen Hinterlassenschaft des Schauspielers und Regisseurs Gibson, ganz zu schweigen von dessen religiösen und politischen Anschauungen.

Doch lasst uns erst einmal die Anfänge dieses Filmes betrachten. ‚Die Passion Christi’ soll die letzten 12 Stunden des Lebens von Jesus Christus nachzeichnen und wurde in Aramäisch und Latein gedreht. Die letzten Stunden stehen für den Leidensweg Christi, beginnend beim Verrat durch Judas, der Auspeitschung, die kein Mensch lebend überstehen würde, der Prozession und der finalen Kreuzigung. ‚Mehr’ wird der Zuschauer nicht zu sehen bekommen sieht man einmal von den gelegentlichen Rückblenden ab. ‚Mehr’ soll hier bedeuten, dass es dem Zuschauer nie gestattet werden soll, sich in die Geschichte dieser Religionsgründung hineinzudenken. Einzig die Leidensgeschichte eines Menschen, wird dargestellt durch unendliche Geißelungen seines Körpers. Die Peitschenstriemen graben sich Zentimeter um Zentimeter in das Fleisch, das Blut tropft unerlässlich aus jeder Wunde und davon gibt es viele zu sehen. In unendlich wirkenden 12 Minuten erleben wir die grausamste Marterungsszene der Filmgeschichte. Man kann sich nur wünschen, dass die Zuschauer reihenweise die Kinosäle verlassen werden, dass sie aufstehen, um ihren Unmut zu verkünden, über den Film eines Sadisten, dessen einziger Zweck es zu sein scheint, die Qualen eines zum Tode verurteilten Körpers zu verherrlichen.

Sicher, die gläubigen Christen mögen dagegen halten, es wäre wichtig das Bewusstsein der Menschen dafür zu schärfen, dass Jesus sein Leben für die Menschen hergab, dass sein Leiden den Gläubigen innere Stärke vermittelt. Doch mag man sich fragen, weshalb man diese Botschaft in Form eines Films kleiden muss. Das Publikum, welches sich von einer solchen Leidensmystik stärken lässt, sollte diese eigentlich nicht benötigen. Allen anderen wird der Zugang versperrt durch eine sich nicht erklärende Botschaft, die nur als Kulisse dient, um einem geltungsbedürftigen Regisseur seine Plattform zu bieten. Das Leiden Christi wird somit nicht als Glaubensbekenntnis präsentiert, sondern verherrlicht schlicht und einfach Gewalt.

Daneben muss man mit Erschrecken beobachten wie konventionell Gibson seine Botschaft transportiert. Die qualvollen Bilder werden durch kurze, inhaltsleere Rückblenden durchbrochen, die nichts erklären, sondern nur auf den Wiedererkennungseffekt aus sind. Mittels digitaler Spielereien wird eine androgyne Satanfigur eingeführt, die inmitten der rasenden Menge dahinschwebt. Daneben gebraucht Gibson kurze Zeitlupeneinstellungen, die diesen eine Bedeutung zuschreiben sollen, die nirgends im Film zu erkennen sein wird und zu guter Letzt die unaufdringlich wirkende, aber doch in das Gedächtnis einschneidende Musik, deren Erklingen man sich herbeisehnen wird, wenn die Luft immer nur durch Peitschenhiebe und Schmerzensschreie erfüllt ist.

Und dann ist da noch die Antisemitismusdebatte, die zuerst durch die Medien ging und heute kaum noch mehr Beachtung findet. Dieser Vorwurf muss sicher relativiert werden, ist jedoch auch nicht vollends aus der Welt zu schaffen. Es ist verständlich, wenn sich die jüdischen Gemeinden in aller Welt herausgefordert fühlen. Schließlich ist Gibsons Vater, Hutton Gibson, nicht nur ein fundamentalistischer Katholik, sondern auch nicht verlegen wenn es um die Leugnung des Holocaust geht. Beide sind Mitglieder einer traditionalistischen katholischen Sekte, die das zweite Vatikanische Konzil ablehnt und die Messe immer noch in Latein abhält. Bezeichnend ist, dass dieses Konzil die Kollektivschuld der Juden am Todes Christi erstmals streicht und die Versöhnung beider Religionsgemeinschaften anmahnt.

Betrachtet man nun ‚Die Passion Christi’ dann mag zwar der Satz „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“, um den sich alle Aufregung drehte, nicht übersetzt worden sein, aber herausgeschnitten wurde er auch nicht. Die einseitige Darstellung der Juden und ihrer Geistlichkeit und die historisch rein gewaschene Rolle des Pontius Pilatus als Antisemitismus zu bezeichnen, mag sicher sehr weit hergeholt sein. Das Problem ist dabei vielmehr Gibsons Reserviertheit in der Diskussion vor dem Filmstart, der die Gemüter nicht beruhigen konnte, nicht wollte. Aber da ist der australische Schauspieler zu clever, um sich ein solche Aufregung nicht zu Nutze zu machen.

’Die Passion Christi’ ist ein zutiefst enttäuschender Film mit einer beunruhigenden Fixierung auf die Gewaltdarstellung. Ein Film der wütend macht, der einem durch seine Geschmacklosigkeit vor Augen führt, wie wenig Filmemacher Gibson geblieben ist und wie sehr er zum Prediger mutiert. Insbesondere die letzte Szene verdeutlicht eine mögliche versteckte Botschaft, in der die Kamera ausgelöst durch die Erschütterungen eines Regentropfens, zum Himmel fährt und hinabblickt auf diese Welt. Eine Perspektive, die der Gottes nachempfunden scheint, jedoch auch der des Schöpfers dieses Films entspricht. Eine indirekte Gleichsetzung, der man angesichts der Radikalität dieser Inszenierung folgen kann, aber nicht muss. Wie immer liegt alles im Auge des Betrachters, auch hier…

14 Bewertungen, 1 Kommentar

  • anonym

    22.05.2004, 01:07 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    ... ja. Jesus als ideologische Gallionsfigur der fundamentlistischen Traditionlisten. Habe gerade Scorseses "Die letzte Versuchung Christi" gesehen - ein wirklich ganz anderer Film.