Die Passion Christi (DVD) Testbericht

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Erfahrungsbericht von Pletpan

Es ist vollbracht!

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Es ist kaum vorstellbar welch hitzige Diskussionen und Kontroversen The Passion noch entfacht hätte, wenn jener Jesus von Nazareth, der unendliche 127 Minuten lang geschlagen, getreten, bespuckt, gegeißelt, verhöhnt und gekreuzigt wird, nicht der Körperlichkeit von James Caviezel entspräche, sondern die Gesichtszüge von Regisseur und Produzent Mel Gibson selbst tragen würde. Die Entrüstung wäre unvorstellbar groß, für viele wohl ein Akt der Blasphemie hätte Gibson den König der Könige dargestellt.

Nicht das diese Entscheidung notwendig gewesen wäre um The Passion im Vorfeld einer Medienpräsenz zu versichern, die in ihren Maßen wohl nicht zu übertreffen ist. Allenthalben spaltet sich der Eindruck kirchlicher Institution und filmischer Kritik, nur wenigen gelingt es so recht Gibsons Werk einzuordnen und darüber hinaus neben der faktischen Analyse des Films oder einer Überprüfung der religiösen Intention, eine emotionsfreie Betrachtung der Ereignisse zuzulassen. Warum? Weil The Passion nicht so sehr eine Geschichte erzählt, sondern Emotionen schürt. In jedem erdenklichen Sinne extrem und dabei vor allem an der plastischen Darstellung und Aufweckung menschlicher Emotionen interessiert ist. Eine dieser bestimmenden Emotionen ist Schuld.

Gibsons biblische Interpretation hinterlässt Spuren auf der Seele seines Publikums, fordert den Zuschauer dazu auf hinzusehen, jener stilisierten, brutalen, physischen und psychischen Gewalt beizuwohnen, die jegliche Grenzen sprengt. Ein Film, der zwingend darauf drängt missverstanden zu werden, durch den verstörenden Realismus aufruft, emotional zu reagieren. Jetzt, wo es vorbei ist, wo der Abspann die blutdurchtränkten Bilder hinter sich gelassen hat, die traumatischen Erlebnissen der eigenen Existenz gleichen, stellt sich zuallererst ein Gefühl der Erleichterung ein. Glücklicherweise ist dieser Albtraum vorbei.

Der Film folgt den letzten zwölf Stunden im Leben von Jesus (James Caviezel), der erst mit seiner Auferstehung auch zum Christus wird. Im Garten Gethsemane setzt die Handlung ein und zeigt einen Sohn, der um den Beistand seines Vaters bittet und um die Abwendbarkeit seines eigenen, ihm bestimmten Schicksals fleht. Jesus widersteht der Versuchung Satans (Rosalinda Celentano), den Gibson als androgyne Gestalt mit rasierten Augenbrauen, männlicher Stimme und weiblichem Äußeren zeichnet.

Von diesem Punkt an beginnt die unvermeidliche Wendung seines Schicksals, die Passion, mit all ihrer religiösen Bedeutung, die Gibson in das Gewand einer brutalen, bisweilen unzumutbaren Realität kleidet. Verraten von Judas Ischariot (Luca Lionello) und an die Hohepriester ausgeliefert, vollzieht sich der Prozess Jesu, in dessen Verlauf er dem römischen Statthalter Pontius Pilatus (Hristo Naumov Shopov), König Herodes und letztlich dem Willen des jüdischen Volkes ausgeliefert ist. Ein Zeitpunkt zu dem sich die Frage nach der Verantwortlichkeit einzelner Volksgruppen für den Tod Jesu stellt. Gibsons Film beansprucht zum einen historische Korrektheit in Bezug auf soziale, kulturelle und sprachliche Verwendungen, stützt sich in seiner Handlung jedoch völlig auf die Evangelien.

Vier Evangelien, die jeweils den Interpretationen ihrer Zeit unterliegen, stark legendärer Natur sind und überdies zur Zeit unterschiedlicher, historischer Umstände entstanden sind. Das dort insbesondere die jüdische Bevölkerung in einem wandelbaren Licht dargestellt wird, ist jeweils abhängig von den geschichtlichen Gegebenheiten. Unterzieht man den Prozess Jesu einem synoptischen Vergleich wird die teilweise frappierende Wandlung, Interpretation und Darstellung der Schuldfrage deutlich, die eindeutig ihren zeitlichen Strömungen unterliegt. So sollte niemand dem Irrtum verfallen zu glauben, dass die Evangelien unmittelbare Zeitzeugenberichte sind oder sogar so naiv sein zu glauben, Gibsons Film würde die ultimative Wahrheit verkünden. Ganz im Gegenteil, erklärt sich die Entstehungsgeschichte der Evangelien doch vielmehr in zeitlichem Abstand zu den eigentlichen Ereignissen der Passionsgeschichte und die filmische Adaption von Mel Gibson aus der spirituellen Wahrnehmung des Regisseurs selbst heraus.

Nicht nur die Auferstehung Jesu, sondern auch sein Leben und Tod sind zeitbedingte Interpretamente, die nicht so sehr historisch verankerten Wahrheiten, sondern Aussagen über Glauben, Lehre, und Vision des Jesus von Nazareth entsprechen. So bietet Gibsons Interpretation der Leidensgeschichte anteilig Elemente, die zu antisemitischen Eindrücken tendieren lassen, diese dennoch zu keinem Zeitpunkt festigen. Die Hauptkritik beruht demnach wohl eher auf der Tatsache, dass The Passion keine Versuche unternimmt jene Vorwürfe von Beginn an zu unterdrücken, sich gleichzeitig aber auf eine mehr oder minder detailgetreue Verfilmung der Evangelien beruft. Nach all den Debatten und Kontroversen überrascht es dann doch, wie haltlos sich diese im Film platzieren.

Jeder vernunftbegabte Mensch sollte zu dem Schluss fähig sein, dass Charaktere oder Figuren aus The Passion ihre Meinungen nicht stellvertretend für ihre Religion treffen oder, dass die im Film gezeigten Römer ihren Sadismus nicht stellvertretend für eine Volksgruppe ausleben. Man sieht im Film selbst Szenen in denen einzelnen Repräsentanten anderer Meinung sind, den Prozess Jesu für ungerechtfertigt halten und während seiner Folterung um Erlösung für ihn beten. The Passion ist kein Film gegen Juden, gegen den jüdischen Glauben oder gegen eine Person im besonderen. Es wird gezeigt wer für den Tod Jesu verantwortlich ist, nicht einer, nicht einige, sondern alle. Selbst die, welche ihn lieben, verraten ihn.

Ein anderer heftig umstrittener Aspekt ist die ausufernde, präzise und plastische Darstellung von Gewalt, die jegliche Regeln zu missachten scheint. Es ist zweifelsohne der gewalttätigste und mitunter brutalste Film, den man sich vorstellen kann. Bilder von solch abschreckender Wirkung, die überdies von Kameramann Caleb Deschanel in einen verstörend poetischen Zusammenhang gestellt werden. Einige Szenen sind von solch expressionistischer Grausamkeit und beschreiben Folter in nicht zu erwartender Intensität. In The Passion gibt es unzählige Momente in denen man einfach inständig bittet, dass die Kamera im entscheidenden Moment einen Schwenk macht, das Bild sich abdunkelt, der Ton ausfällt oder der Film endet. Doch das passiert vorerst nicht.

Eine Kreuzigung ist ohne Zweifel blutig, die Geißelung vorher ungeheuerliche Folter. Die Frage ist, ob der Film nicht zu weit geht. Gewalt zum Selbstzweck verwendet, wenige Zeilen aus dem Neuen Testament zur endlosen Gewaltorgie missbraucht. Ist dies im Zusammenhang mit der Botschaft Jesu, dem Kern seiner Predigt, dem Sinn der Passion von Notwendigkeit? Die Antwort muss wohl ja und nein lauten.
Einerseits bringt Gibson seinem Publikum nicht einmal soviel Vertrauen entgegen, um die Darstellung der Folterungen bis zu einem gewissen Grad zu zeigen, ohne den Film zu einer blutrünstigen Version der eigenen Geschichte verkommen zu lassen. Er zeigt nicht nur Blut, er wirft es seinem Publikum förmlich ins Gesicht. Andererseits ist The Passion in seiner finalen Version dazu in der Lage durch seine angeblich naturalistische, verstörende Inszenierung ein emotionales Chaos zu verursachen, aus dem letztendlich die Bedeutung der Worte des christlichen Gebets hervortritt.

»Mein Leib, der für euch hingegeben wird.« Wer versteht in dieser inzwischen zur losen Predigt gewandelten Zeile, den eigentlichen, bildlichen, wie biblischen Inhalt. Wer vermag von sich zu behaupten, dass er weiß, was es bedeutet das eigene Leben für das seiner Freunde und für seinen Glauben zu opfern? In dieser Hinsicht ist The Passion kein filmisches Zeugnis davon, wie es passiert muss, sondern eine mögliche Darstellung was passiert sein könnte, unmittelbar verknüpft an die Erwartungen des Zuschauers. Eine unheimliche Erfahrung, die unabhängig von Religion, Glauben oder Herkunft eine emotionale Wirkung hinterlässt. Im Grunde kennt jeder die Geschichte um Jesus von Nazareth. Für einige ist er der Menschensohn, Sohn Gottes, der Christus, doch alles in allem beschreibt sein Leben eine kraftvolle, spirituelle Geschichte, deren Faszination sich wohl nur die wenigsten entziehen können. The Passion fragt nicht danach ob Jesus existiert hat, unterscheidet nicht in den „historischen Jesus“ und „Christus des Glaubens“, folgt in gewissem Sinne ansatzweise jedoch der Kerygma-Theologie, die das Neue Testament als Quellen des Glaubens untersucht, die Mel Gibson obendrein aber als historische Wahrheiten identifizieren will. Es ist wichtig zu wissen, dass er seine eigene, ganz persönliche Vorstellung der Ereignisse auf die Leinwand bringt.

Letztlich ist der Film all das, was man aus ihm machen will. Das Interpretament einer Geschichte, dem sich niemand anschließen muss. Im Mittelpunkt steht hier der Tod Christi, nicht so sehr sein Leben, dessen Bestimmung sich erst nach dem Tod vollends erfüllt. Was Gibson zeigt ist jenseits von allem was man einem Publikum an emotionaler Beteiligung abverlangen kann. Das hängt wahrscheinlich nicht nur mit der Tatsache zusammen, dass sich die Szenen zum Teil in ihrer Blutrünstigkeit verlieren, sondern mit der Feststellung, dass der Mann am Kreuz niemand anderes als Jesus Christus ist. Für viele, wenn nicht alle, kein Unbekannter. Ein Mensch, dessen Lebensleistung in diesem Film lediglich in kurzen Rückblenden erzählt wird, die für wenige Augenblicke die Aneinanderreihung physischer Schmerzen unterbrechen. Für manche mag dieser Bruch zu radikal wirken, um das Verständnis der Bedeutung und Sinn von Jesu Tod sind diese Einschübe allerdings essentiell, da der Film ohnehin religiöses Wissen voraussetzt, das in dieser Form wohl nicht immer gegeben ist. Der Film zeigt Gewalt, Hass, Brutalität, sollte aber vor allem ein Plädoyer für Liebe, Hingabe, den eigentlichen Sinn der Passion sein. Eine Vorgabe, die er erfüllt.

The Passion definiert sich nicht über schauspielerische Leistungen, die mitunter herausragend sind, die poetischen Bilder von Caleb Deschanel oder die pathetische Musik von John Debney. Der Film ist als Ganzes zu betrachten und zu bewerten, wobei er die Passion Gibsons für die Filmerei ebenso wenig verschweigen kann, wie seine zweifelhaft fanatische Einstellung zur Religion. In aramäisch und lateinisch gefilmt, erfüllt die Verwendung der historischen Sprachen ihren Zweck. Wahrscheinlich hätte es nicht einmal Untertitel gebraucht, womöglich nicht einmal Dialoge, um die gleiche Aussage und Wirkung zu erzielen. Ein kraftvolles Werk, ohne Anspruch darauf massentauglich zu sein. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er dem Film etwas abgewinnen kann. Für gläubige Christen eine mitunter schwere Probe, für den neutralen Zuschauer fast unerträglich. Eines ist allerdings gewiss :
Die wenigsten werden sich The Passion noch ein zweites mal ansehen. Verständlich.

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