Heyne Verlag Der Kindersammler / Sabine Thiesler Testbericht
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Erfahrungsbericht von Paukenfrosch
Der Teufel in Engelsgestalt
Pro:
sehr spannend und ergreifend geschrieben
Kontra:
nichts für schwache Nerven
Empfehlung:
Ja
Auf Empfehlung hin habe ich mir mal wieder einen Thriller gekauft. Es ist ein ganz besonderer Thriller, denn er greift ein sehr brisantes Thema auf, daß einen jeden Menschen zu tiefst berührt: Kindesmißhandlung und Mord…
"Der Kindersammler"
von
Sabine Thiesler
* * * * *
Allgemeine Fakten zum Buch
---------------------------------------
"Der Kindersammler" ist ein 527-seitiger Thriller von Sabine Thiesler, welcher im Oktober 2006 unter der ISBN 3-453-02454-0 als Taschenbuch beim Heyne Verlag erschien. Der Preis für dieses Buch beträgt 8,95 €
* * * * *
Die Autorin
---------------
Autorin dieses Thrillers ist Sabine Thiesler, eine gebürtige Berlinerin, die Germanistik und Theaterwissenschaften studierte. Sie arbeitete einige Jahre als Schauspielerin, war auch Ensemblemitglied beim Kabarett "Stachelschweine", schrieb Theaterstücke und etliche Drehbücher für´s Fernsehen, unter anderem auch für Serien wie "Tatort" und "Polizeiruf 110".
"Der Kindersammler" ist ihr erster Roman. Hoffentlich nicht ihr letzter…
* * * * *
Klappentext
---------------
Anne und ihr Mann Harald erleben den Albtraum aller Eltern: Während eines Toscana-Urlaubs verschwindet ihr Kind spurlos. Die Sucher der Polizei verläuft ergebnislos, und sie müssen ohne ihren Sohn nach Hause fahren. Zehn Jahre später kehrt Anne an den Ort des Geschehens zurück, um herauszufinden, was damals passiert ist. Sie ahnt nicht, wie nah sie dem Täter kommt - und er ihr.
* * * * *
Meine Meinung
---------------------
Das Buch "Der Kindersammler" habe ich mir ja auf Empfehlung hin besorgt. Spannende Bücher, Krimis und Thriller sind mir jederzeit willkommen, doch dieser Thriller berührt einen auch emotional sehr stark und ist somit einzigartig von seiner Story her. Ich habe das Buch zwar hintereinanderweg gelesen, doch anschließend brauchte ich einige Zeit, um das Gelesene zu verarbeiten, denn es geht in diesem Thriller um einen mehrfachen Kinderschänder und Kindermörder.
Das Buch ist nebst Prolog und Epilog zweigeteilt und in insgesamt 97 Kapitel untergliedert.
Den Prolog könnte man getrost überspringen, denn recht schlau wird man aus ihm nicht. Er ist zudem eh ein kopierter Abschnitt aus der Mitte des Thrillers, der also erst im Zusammenhang einen Sinn ergibt.
Der erste Teil des Thrillers trägt den Titel "ALFRED" und bringt den Leser umgehend und ohne Umschweife mit dem Mörder, der in Berlin Neukölln wohnt, in Kontakt. Er ist gerade dabei, sein zweites Opfer aufzuspüren. Völlig ahnungslos folgt ein kleiner Junge dem gutaussehenden und hilfsbereiten Mann namens Alfred und läuft somit geradewegs in sein Verderben. Als die Polizei die Ermittlungen unter Leitung von Karsten Schwiers aufnimmt, kontaktiert ihn Mareike Koswig von der Göttinger Mordkomission, die in einem ähnlichen Fall ermittelt. Schnell ist klar: Hier ist derselbe Täter am Werk gewesen, denn beide Male wurden die leblosen Jungen sitzend am gedeckten Tisch zurückgelassen und als Souvenir hat ihnen der Täter auch noch einen Eckzahn herausgebrochen.
Von der ersten Seite an ist man ungemein gefesselt von diesem Buch, denn es scheint so unheimlich real. Zu oft liest man in der Zeitung oder sieht im TV Berichte darüber, wenn Kinder einfach verschwunden sind und später ermordet aufgefunden werden. Und jedes Mal auf´s Neue ist man fassungslos und entsetzt über das Geschehene. So ist es auch bei diesem Buch, denn man kann kaum nachvollziehen, wie ein fremder Mann ein Kind einfach so mit sich nehmen kann, obwohl es von den Eltern eingebleut bekam, dieses nie und nimmer zu tun. Es ist ein wahrer Schrecken für das Kind und ebenso für die Eltern. Als Leser nimmt man nun am Schicksal von Benjamin und seinen Eltern teil, denen unendliches Leid wiederfährt.
Es ist furchtbar, aber es soll ein weiterer Mord auf Sylt folgen und dennoch bleibt die Ermittlungsarbeit der Polizei frucht- und erfolglos.
Soviel zur kriminalistischen Seite des ersten Teils im Buch. Er heißt ja "Alfred" und so gibt es zwischen den einzelnen in der Gegenwart spielenden Kapitel immer wieder Rückblenden, die den Leser Alfred besser kennenlernen lassen. Wie soll es anders sein - man liest es ja in den Zeitungen auch immer wieder - er hatte eine sehr schlechte Kindheit, war von Anfang an ungewollt und wuchs ohne Vater auf. Es sind Geschichten aus seinem Leben, die schon ein wenig Mitleid hervorrufen, und man wünscht sich eigentlich, ihn aus den Fesseln seiner Mutter zu befreien, doch da man ja weiß, wie er sich entwickelt, hält sich die Sympathie zu ihm völlig in Grenzen. Es ist aber schon, psychologisch gesehen, recht interessant, wie besondere Erlebnisse der Kindheit und Verhaltensweisen der Eltern, Kinder prägen können.
Der zweite Teil des Buches führt den Leser in die Toscana im Jahre 2004. Hierhin reist Anne, die an diesem Ort vor 10 Jahren ihren kleinen Jungen verloren hat. Er war einfach verschwunden und wurde nie gefunden. Jetzt will sie eigenmächtig auf Spurensuche gehen. Sie lernt Enrico kennen, der sowohl als eigenbrötlerischer deutscher Aussiedler bekannt ist, aber auch als liebenswerter und hilfsbereiter. Von ihm kauft sie ein Haus.
Dem Leser ist schnell klar, das sich hinter Enrico eigentlich Alfred verbirgt, Und als Mareike Koswig, die mittlerweile in Berlin bei der Mordkommission unter Komissar Karsten Schwiers arbeitet, einen TV-Bericht über drei verschwundene Jungen in der Toscana sieht und daraufhin mit ihrer Familie, der ebenfalls ein kleiner Junge angehört, dorthin in den Urlaub fährt, spitzt sich die Lage zu. Psychoterror pur für den Leser, der einen durch die letzten 200 Seiten des Buches rasen läßt…
Sabine Thiesler greift in ihrem Thriller nicht nur ein sehr brisantes Thema auf, welche rundum zur Diskussion anregen. Ihr Schreibstil ist sehr flüssig und daher läßt sich der Thriller schnell und einfach lesen. Es stört auch wenig, wenn sie viele Orts-und Zeitwechsel vornimmt. Ein Strang spielt stets in der Gegenwart, wohingegen man immer wieder in die Vergangenheit geführt wird. Langsam ergeben die vielen alten Geschichten ein Muster und lassen bezüglich des Täters nur einen Schluß zu. Doch so dicht man ihm auch auf den Versen ist, bevor man ihn verhaften kann, mordet er ein siebentes Mal.
Künstlerisches Können beweist Sabine Thiesler in ihrem Erstlingswerk auf jeden Fall. Der Roman ist sehr gut durchdacht und von Anfang an spannend. Nach und nach wird der Leser mit einem doch recht großen Personenkreis bekannt gemacht, man verliert aber nie die Übersicht, wer zu wem in welcher Beziehung steht. Sehr genau beschreibt Sabine Thiesler die einzelnen Charaktere, die man als Leser sehr gut nachvollziehen kann, so daß man beim Lesen die Bilder der Personen regelrecht vor Augen hat.
Romancharakter erhält der Thriller durch kleinere Geschichten, die nebenher laufen. So beginnt Anne, die in einer Ehekrise steckt, eine Affäre und man erfährt auch einige Dinge über die Dorfbewohner in dem Toscanischen Örtchen. Das sind Stellen im Buch, die als kleine Verschnaufpause dienen und wenigstens etwas für eine positive Stimmung sorgen, ist der Thriller doch sonst sehr düster und ernst.
Vom Schriftstellerischen her gibt es also nichts zu bemängelt. Sabine Thiesler hat großes Talent, welches auf weitere Bücher von ihr hoffen läßt.
Ich habe bereits erwähnt, daß Sabine Thiesler in diesem Thriller einige brisante Themen aufgreift. Das erste wäre Kindesmißhandlung und Mord. > Gewalt gegenüber Kindern oder der Verlust eines Kindes ist wohl das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Tritt beides gemeinsam auf, dann übersteigt dies jegliche Vorstellungskraft. Doch leider gibt es für Eltern nur beschränkte Möglichkeiten, sich bzw. seine Kinder vor derartigen Verbrechen zu schützen. Der Roman zeigt auf, wie einfach es doch für solche perversen Täter ist, sich Kinder einfach gefügig zu machen, da sie eventuell zwar aufgeklärt, aber doch zu gutgläubig sind. Ich bin selbst Mutter eines kleinen Kindes und versuche es stets zu beschützen. Aber ich weiß auch, daß ich meine Tochter nicht in Ketten legen kann. Irgendwann wird sie auch allein draußen spielen. Bei diesen Gedanken kann einem ein solcher Thriller schon Angst machen und einem das Herz verkrampfen, denn leider ist der Roman all zu oft bittere Realität.
Ein weiteres Thema, welches Sabine Thiesler in ihrem Thriller sehr gut beschreibt, ist die Entwicklung eines solchen Triebtäters. Sie greift hier das Klischee einer schlechten Kindheit auf. Diese wirkt sich ja all zu oft als strafmildernd aus. Der Täter kommt dann "nur" in eine geschlossene Anstalt, da er ja als krank gilt und somit für seine Taten angeblich nicht verantwortlich ist. Völlig unbegreiflich für betroffene Eltern, aber unbegreiflich auch für mich. Sabine Thiesler beschreibt in dem Roman sehr gut die Gedankengänge von Alfred alias Enrico. Er ist unheimlich gerissen und überlegt sich den Vorgang seiner Taten ganz genau. Er ist ja sogar so schlau, daß ihm die Polizei erst nach dem 6. Mord auf die Spur kommt. Wer so clever ist, der weiß auch, was er einem Psychiater vorplappern muß, um wieder Freigang zu kriegen, um erneut morden zu können. Und hier ist vielleicht auch ein kleiner Appell an die Politiker angebracht, die sich doch endlich mal Gedanken über das Strafmaß für solche Täter und deren Behandlung machen sollten. Den Täter als Opfer zu behandeln scheint mir hier völlig unangebracht, denn nicht jeder, der eine schlechte Kindheit hatte, wird zum Verbrecher.
Ein letztes sehr brisantes Thema, daß allerdings erst im Epilog aufgegriffen wird, ist die Selbstjustiz. Aufgrund der eben geschilderten Dinge ist es meiner Meinung nach nur verständlich, wenn jemand Selbstjustiz übt. Ja, diese ist zwar strafbar, aber was haben Eltern, die ihr Kind auf diese Weise verloren haben, denn noch zu verlieren? Es gibt doch kaum Ehen, die ein solches Schicksal überstehen. Verzweiflung, eventuell Selbstvorwürfe und Vorwürfe dem anders trauernden Partner gegenüber, machen ein einigermaßen normales Weiterleben unmöglich. Und wenn man dann noch weiß, daß, sollte der Täter wirklich ermittelt werden, ihm eine relativ milde Strafe bevorsteht, dann kann ich es sehr gut nachvollziehen, wenn man Selbstjustiz übt, da sie ja regelrecht geschürt wird. Somit sollte man den Täter nicht zum Opfer machen, weil es sonst dazu führt, daß Opfer zu Tätern werden. Auch hier ist die Politik gefragt, die Gesetzesänderungen unbedingt vornehmen sollten.
Ach, man könnte sich noch weitaus mehr Gedanken zu diesem Roman machen und darüber diskutieren. Er wühlt einen innerlich wirklich sehr stark auf und läßt einen sehr lange nicht zur Ruhe kommen. Als normalen Thriller würde ich "Der Kindersammler" nicht bezeichnen, dafür ist er viel zu realistisch und vom Thema her fast schon zu grausam. Man sollte sich also vorher gut überlegen, ob man sich dieses Buch antun will oder lieber nicht. Ich bereue es nicht, es gelesen zu haben, aber mir blieben anschließend unruhige Nächte wegen etlicher Alpträume nicht erspart.
Somit empfehle ich dieses Buch mit 5 Sternen weiter, aber ich weise daraufhin, daß es nicht für Jedermann die richtige Lektüre ist, selbst wenn man sonst gern Krimis und Thriller liest…
( Mein Bericht erschien bereits auf Ciao am 27. Mai 2007 )
"Der Kindersammler"
von
Sabine Thiesler
* * * * *
Allgemeine Fakten zum Buch
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"Der Kindersammler" ist ein 527-seitiger Thriller von Sabine Thiesler, welcher im Oktober 2006 unter der ISBN 3-453-02454-0 als Taschenbuch beim Heyne Verlag erschien. Der Preis für dieses Buch beträgt 8,95 €
* * * * *
Die Autorin
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Autorin dieses Thrillers ist Sabine Thiesler, eine gebürtige Berlinerin, die Germanistik und Theaterwissenschaften studierte. Sie arbeitete einige Jahre als Schauspielerin, war auch Ensemblemitglied beim Kabarett "Stachelschweine", schrieb Theaterstücke und etliche Drehbücher für´s Fernsehen, unter anderem auch für Serien wie "Tatort" und "Polizeiruf 110".
"Der Kindersammler" ist ihr erster Roman. Hoffentlich nicht ihr letzter…
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Klappentext
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Anne und ihr Mann Harald erleben den Albtraum aller Eltern: Während eines Toscana-Urlaubs verschwindet ihr Kind spurlos. Die Sucher der Polizei verläuft ergebnislos, und sie müssen ohne ihren Sohn nach Hause fahren. Zehn Jahre später kehrt Anne an den Ort des Geschehens zurück, um herauszufinden, was damals passiert ist. Sie ahnt nicht, wie nah sie dem Täter kommt - und er ihr.
* * * * *
Meine Meinung
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Das Buch "Der Kindersammler" habe ich mir ja auf Empfehlung hin besorgt. Spannende Bücher, Krimis und Thriller sind mir jederzeit willkommen, doch dieser Thriller berührt einen auch emotional sehr stark und ist somit einzigartig von seiner Story her. Ich habe das Buch zwar hintereinanderweg gelesen, doch anschließend brauchte ich einige Zeit, um das Gelesene zu verarbeiten, denn es geht in diesem Thriller um einen mehrfachen Kinderschänder und Kindermörder.
Das Buch ist nebst Prolog und Epilog zweigeteilt und in insgesamt 97 Kapitel untergliedert.
Den Prolog könnte man getrost überspringen, denn recht schlau wird man aus ihm nicht. Er ist zudem eh ein kopierter Abschnitt aus der Mitte des Thrillers, der also erst im Zusammenhang einen Sinn ergibt.
Der erste Teil des Thrillers trägt den Titel "ALFRED" und bringt den Leser umgehend und ohne Umschweife mit dem Mörder, der in Berlin Neukölln wohnt, in Kontakt. Er ist gerade dabei, sein zweites Opfer aufzuspüren. Völlig ahnungslos folgt ein kleiner Junge dem gutaussehenden und hilfsbereiten Mann namens Alfred und läuft somit geradewegs in sein Verderben. Als die Polizei die Ermittlungen unter Leitung von Karsten Schwiers aufnimmt, kontaktiert ihn Mareike Koswig von der Göttinger Mordkomission, die in einem ähnlichen Fall ermittelt. Schnell ist klar: Hier ist derselbe Täter am Werk gewesen, denn beide Male wurden die leblosen Jungen sitzend am gedeckten Tisch zurückgelassen und als Souvenir hat ihnen der Täter auch noch einen Eckzahn herausgebrochen.
Von der ersten Seite an ist man ungemein gefesselt von diesem Buch, denn es scheint so unheimlich real. Zu oft liest man in der Zeitung oder sieht im TV Berichte darüber, wenn Kinder einfach verschwunden sind und später ermordet aufgefunden werden. Und jedes Mal auf´s Neue ist man fassungslos und entsetzt über das Geschehene. So ist es auch bei diesem Buch, denn man kann kaum nachvollziehen, wie ein fremder Mann ein Kind einfach so mit sich nehmen kann, obwohl es von den Eltern eingebleut bekam, dieses nie und nimmer zu tun. Es ist ein wahrer Schrecken für das Kind und ebenso für die Eltern. Als Leser nimmt man nun am Schicksal von Benjamin und seinen Eltern teil, denen unendliches Leid wiederfährt.
Es ist furchtbar, aber es soll ein weiterer Mord auf Sylt folgen und dennoch bleibt die Ermittlungsarbeit der Polizei frucht- und erfolglos.
Soviel zur kriminalistischen Seite des ersten Teils im Buch. Er heißt ja "Alfred" und so gibt es zwischen den einzelnen in der Gegenwart spielenden Kapitel immer wieder Rückblenden, die den Leser Alfred besser kennenlernen lassen. Wie soll es anders sein - man liest es ja in den Zeitungen auch immer wieder - er hatte eine sehr schlechte Kindheit, war von Anfang an ungewollt und wuchs ohne Vater auf. Es sind Geschichten aus seinem Leben, die schon ein wenig Mitleid hervorrufen, und man wünscht sich eigentlich, ihn aus den Fesseln seiner Mutter zu befreien, doch da man ja weiß, wie er sich entwickelt, hält sich die Sympathie zu ihm völlig in Grenzen. Es ist aber schon, psychologisch gesehen, recht interessant, wie besondere Erlebnisse der Kindheit und Verhaltensweisen der Eltern, Kinder prägen können.
Der zweite Teil des Buches führt den Leser in die Toscana im Jahre 2004. Hierhin reist Anne, die an diesem Ort vor 10 Jahren ihren kleinen Jungen verloren hat. Er war einfach verschwunden und wurde nie gefunden. Jetzt will sie eigenmächtig auf Spurensuche gehen. Sie lernt Enrico kennen, der sowohl als eigenbrötlerischer deutscher Aussiedler bekannt ist, aber auch als liebenswerter und hilfsbereiter. Von ihm kauft sie ein Haus.
Dem Leser ist schnell klar, das sich hinter Enrico eigentlich Alfred verbirgt, Und als Mareike Koswig, die mittlerweile in Berlin bei der Mordkommission unter Komissar Karsten Schwiers arbeitet, einen TV-Bericht über drei verschwundene Jungen in der Toscana sieht und daraufhin mit ihrer Familie, der ebenfalls ein kleiner Junge angehört, dorthin in den Urlaub fährt, spitzt sich die Lage zu. Psychoterror pur für den Leser, der einen durch die letzten 200 Seiten des Buches rasen läßt…
Sabine Thiesler greift in ihrem Thriller nicht nur ein sehr brisantes Thema auf, welche rundum zur Diskussion anregen. Ihr Schreibstil ist sehr flüssig und daher läßt sich der Thriller schnell und einfach lesen. Es stört auch wenig, wenn sie viele Orts-und Zeitwechsel vornimmt. Ein Strang spielt stets in der Gegenwart, wohingegen man immer wieder in die Vergangenheit geführt wird. Langsam ergeben die vielen alten Geschichten ein Muster und lassen bezüglich des Täters nur einen Schluß zu. Doch so dicht man ihm auch auf den Versen ist, bevor man ihn verhaften kann, mordet er ein siebentes Mal.
Künstlerisches Können beweist Sabine Thiesler in ihrem Erstlingswerk auf jeden Fall. Der Roman ist sehr gut durchdacht und von Anfang an spannend. Nach und nach wird der Leser mit einem doch recht großen Personenkreis bekannt gemacht, man verliert aber nie die Übersicht, wer zu wem in welcher Beziehung steht. Sehr genau beschreibt Sabine Thiesler die einzelnen Charaktere, die man als Leser sehr gut nachvollziehen kann, so daß man beim Lesen die Bilder der Personen regelrecht vor Augen hat.
Romancharakter erhält der Thriller durch kleinere Geschichten, die nebenher laufen. So beginnt Anne, die in einer Ehekrise steckt, eine Affäre und man erfährt auch einige Dinge über die Dorfbewohner in dem Toscanischen Örtchen. Das sind Stellen im Buch, die als kleine Verschnaufpause dienen und wenigstens etwas für eine positive Stimmung sorgen, ist der Thriller doch sonst sehr düster und ernst.
Vom Schriftstellerischen her gibt es also nichts zu bemängelt. Sabine Thiesler hat großes Talent, welches auf weitere Bücher von ihr hoffen läßt.
Ich habe bereits erwähnt, daß Sabine Thiesler in diesem Thriller einige brisante Themen aufgreift. Das erste wäre Kindesmißhandlung und Mord. > Gewalt gegenüber Kindern oder der Verlust eines Kindes ist wohl das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Tritt beides gemeinsam auf, dann übersteigt dies jegliche Vorstellungskraft. Doch leider gibt es für Eltern nur beschränkte Möglichkeiten, sich bzw. seine Kinder vor derartigen Verbrechen zu schützen. Der Roman zeigt auf, wie einfach es doch für solche perversen Täter ist, sich Kinder einfach gefügig zu machen, da sie eventuell zwar aufgeklärt, aber doch zu gutgläubig sind. Ich bin selbst Mutter eines kleinen Kindes und versuche es stets zu beschützen. Aber ich weiß auch, daß ich meine Tochter nicht in Ketten legen kann. Irgendwann wird sie auch allein draußen spielen. Bei diesen Gedanken kann einem ein solcher Thriller schon Angst machen und einem das Herz verkrampfen, denn leider ist der Roman all zu oft bittere Realität.
Ein weiteres Thema, welches Sabine Thiesler in ihrem Thriller sehr gut beschreibt, ist die Entwicklung eines solchen Triebtäters. Sie greift hier das Klischee einer schlechten Kindheit auf. Diese wirkt sich ja all zu oft als strafmildernd aus. Der Täter kommt dann "nur" in eine geschlossene Anstalt, da er ja als krank gilt und somit für seine Taten angeblich nicht verantwortlich ist. Völlig unbegreiflich für betroffene Eltern, aber unbegreiflich auch für mich. Sabine Thiesler beschreibt in dem Roman sehr gut die Gedankengänge von Alfred alias Enrico. Er ist unheimlich gerissen und überlegt sich den Vorgang seiner Taten ganz genau. Er ist ja sogar so schlau, daß ihm die Polizei erst nach dem 6. Mord auf die Spur kommt. Wer so clever ist, der weiß auch, was er einem Psychiater vorplappern muß, um wieder Freigang zu kriegen, um erneut morden zu können. Und hier ist vielleicht auch ein kleiner Appell an die Politiker angebracht, die sich doch endlich mal Gedanken über das Strafmaß für solche Täter und deren Behandlung machen sollten. Den Täter als Opfer zu behandeln scheint mir hier völlig unangebracht, denn nicht jeder, der eine schlechte Kindheit hatte, wird zum Verbrecher.
Ein letztes sehr brisantes Thema, daß allerdings erst im Epilog aufgegriffen wird, ist die Selbstjustiz. Aufgrund der eben geschilderten Dinge ist es meiner Meinung nach nur verständlich, wenn jemand Selbstjustiz übt. Ja, diese ist zwar strafbar, aber was haben Eltern, die ihr Kind auf diese Weise verloren haben, denn noch zu verlieren? Es gibt doch kaum Ehen, die ein solches Schicksal überstehen. Verzweiflung, eventuell Selbstvorwürfe und Vorwürfe dem anders trauernden Partner gegenüber, machen ein einigermaßen normales Weiterleben unmöglich. Und wenn man dann noch weiß, daß, sollte der Täter wirklich ermittelt werden, ihm eine relativ milde Strafe bevorsteht, dann kann ich es sehr gut nachvollziehen, wenn man Selbstjustiz übt, da sie ja regelrecht geschürt wird. Somit sollte man den Täter nicht zum Opfer machen, weil es sonst dazu führt, daß Opfer zu Tätern werden. Auch hier ist die Politik gefragt, die Gesetzesänderungen unbedingt vornehmen sollten.
Ach, man könnte sich noch weitaus mehr Gedanken zu diesem Roman machen und darüber diskutieren. Er wühlt einen innerlich wirklich sehr stark auf und läßt einen sehr lange nicht zur Ruhe kommen. Als normalen Thriller würde ich "Der Kindersammler" nicht bezeichnen, dafür ist er viel zu realistisch und vom Thema her fast schon zu grausam. Man sollte sich also vorher gut überlegen, ob man sich dieses Buch antun will oder lieber nicht. Ich bereue es nicht, es gelesen zu haben, aber mir blieben anschließend unruhige Nächte wegen etlicher Alpträume nicht erspart.
Somit empfehle ich dieses Buch mit 5 Sternen weiter, aber ich weise daraufhin, daß es nicht für Jedermann die richtige Lektüre ist, selbst wenn man sonst gern Krimis und Thriller liest…
( Mein Bericht erschien bereits auf Ciao am 27. Mai 2007 )
14 Bewertungen, 5 Kommentare
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16.06.2007, 00:32 Uhr von Bluebirdunfa
Bewertung: sehr hilfreichkennt jemand einen trick, hier vernünftig bewerten zu können. das ist ja schlimemr als bei CIAO
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14.06.2007, 13:02 Uhr von Baby1
Bewertung: sehr hilfreichLG Anita
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14.06.2007, 11:08 Uhr von maerchenfee
Bewertung: sehr hilfreichfreue mich über gegenlesungen!
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14.06.2007, 01:35 Uhr von Mondlicht1957
Bewertung: sehr hilfreichSH LG Pet
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13.06.2007, 22:51 Uhr von Puppekaa
Bewertung: sehr hilfreichsehr schön geschrieben - Karsta
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