Full Metal Jacket (DVD) Testbericht

ab 4,00
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Erfahrungsbericht von Tut_Ench_Amun

Sieben-Komma-Sechs-Zwo-Milli-Meter

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Als ich den Film zum ersten Mal sah, befand ich mich selber grade in der militärischen Grundausbildung, er wurde als besonderes Film-Highlight in der zum Kino umfunktionierten Kantine meiner damaligen Kaserne gezeigt und hat damals meinen Blickwinkel auf „den Dienst an der Waffe“ in wenig verändert. Seither habe ich ihn dutzende Mal gesehen, bis die Video-Cassette irgendwann mal nicht von jemandem zurückgebracht worden ist, der sie sich von mir geliehen hat...wenn ich mich jetzt noch erinnern könnte, wer...egal!...Jetzt fiel mir die restaurierte Fassung als DVD als Sonderangebot bei Karstadt für 9,99 € ins Auge und die Hände, da dieser Antikriegsfilm in jede Sammlung gehört, war klar, dass sie – obwohl nicht primär auf meiner Einkaufsliste für diesen Tag – für diesen Kurs mitgenommen werden musste. Kein Film zuvor hat mir die Unsinnigkeit des Vietnamkrieges (und Krieg generell) so deutlich vors geistige Auge geführt...

Der Steckbrief

  • Art der DVD: single sided / Typ 9, Regional-Code : 2
  • Originaltitel: Full Metal Jacket
  • Lauflänge: ca. 112 Minuten , FSK 16 Jahre
  • Hauptdarsteller: Matthew Modine, Adam Baldwin, Vincent D’Onofrio, Arliss Howard, Dorian Harewood, Lee Ermey
  • Regie: Stanley Kubrick
  • Story/Romanvorlage: Gustav Harford „The short-timers“
  • Executive Producer: Jan Harlan
  • Musik: Diverse 60er Tracks
  • Bildformat: PAL 4: 3 – TV-Screen ( 1 : 1.33 gemastert)
  • Sound: Dolby Digital 5.1
  • Tonspuren: 3 (Englisch, Spanisch und Deutsch)
  • Untertitel: Englisch und Deutsch (auch für Hörgeschädigte), Polnisch, Ungarisch, Isländisch, Hebräisch, Türkisch, Dänisch, Schwedisch, Finnisch, Norwegisch, Holländisch, Griechisch, Französisch, Kroatisch, Italienisch, Spanisch, Tschechisch
  • Extras: animierte Menüs, Trailer, Szenenwahl

Die Vorgeschichte
Parris Island (South Carolina), Kaderschmiede und Ausbildungshölle des USMC (US Marine Corps) in den frühen 60ern Jahren, als das blosse Aussprechen des Wortes „Kommunismus“ in der sogenannten „freien Welt“ noch für Angstschweiss-Ausbrüche und Zulauf in solche Ausbildungscamps in den USA sorgte – der Vietnamkrieg (angeblich ja ein „Befreiungskrieg“ gegen den Revolutionsführer Ho-Chi Min und der regulären Nordvietnamesischen Armee – „VietCong“ oder kurz „VC“ genannt) steht kurz bevor und junge Männer aller Schichten und Herkunft werden hier in den indoktrinierten Einheitssoldaten verwandelt – Dafür sorgt Master-Drill Sergeant Hartman (Lee Ermey) mit brutaler Gewalt und teils subtiler Gehirnwäsche. Der Name Hartman ist Programm: Er schikaniert die Privates (Gefreiten), wo er nur kann und versucht zuerst das Individuum im Menschen zu killen und den Rekruten die Persönlichkeit zu nehmen das fängt damit an, dass jeder angehende Soldat nicht mit richtigem Namen, sondern mit einem Spitznamen angeredet...oder besser angeBRÜLLT wird (das mit dem „Nickname“ ist Usus beim Militär der Amis). Der Haupdarsteller „Joker“ (Ernest Modine) ist einer der wenigen, der sich sein eigenes Denken vom Drill-Instructor nicht nehmen lassen will, was ihm erst mal einen schweren Stand beim gestrengen Menschenschinder Hartman verschafft.

Ein weiterer Kandidat auf des Drill-Sergeants Liste ist der offensichtlich etwas zurückgebliebene Leonard Lawrence (Vincent D’Onofrio), der fürderhin als Private „Paula“ den „Arsch der Kompanie“ macht, weil er anscheinend nicht nur dick und unbeholfen, sondern auch sonst ziemlich unfähig ist. Joker wird im weiteren Verlauf zu einer Art Kindermädchen für den geistig nicht ganz frischen Private Paula und schleift diesen durch alle Drill-Einheiten...immer unter dem höhnischen und verletzendem Spott des Instructors, der Paula immer und immer wieder niedermacht. Das gipfelt darin, dass das gesamte Squad (dt.: Zug) komplett bestraft wird, wenn Paula Scheisse baut...natürlich machen die Kameraden das nicht lange tatenlos mit – Paula wird bei einer nächtlichen „Strafaktion“ von dem kompletten Squad heimlich verprügelt – auch von seinem „Mentor“ Joker, der jedoch mächtige Skrupel zeigt aber aufgrund des im Corps herrschenden „Common Sense“ nicht zurückstehen kann/will...er steckt sein Mitgefühl zurück, wohl ist ihm bei dieser Sache jedoch nicht, es zeigt sich zum ersten Mal der Widersinn, zwischen „Pflichterfüllung“ (das squad tut es – also muss ich es auch um nicht als Aussenseiter dazustehen) und dem menschlichen Bedürfnisses Mitleid gegenüber dem bedauernswerten private Paula zu zeigen.

Nach dieser nächtlichen Aktion, die ungesühnt bleibt, ist Paula wie ausgewechselt: Er macht fürderhin alles „richtig“, erscheint aber immer durchgeknallter und apathischer, ja er redet sogar gedankenverloren mit seinem Gewehr, während des Waffenreinigens...Joker bemerkt diesen Umstand als erster und ist sichtlich beunruhigt. Während der weiteren Ausbildung wird gedrillt, exerziert und geschossen, Paula brilliert beim Schiessen besonders, was sogar der Menschenschinder Hartman mit bewunderndem Lob bedenkt. Als die Abschlussprüfungen vorbei sind, werden die Privates in ihre Stammeinheiten versetzt, die meisten von ihnen werden als Infanteristen nach Vietnam gehen, Joker wird zu den Kriegsberichtern versetzt was ihm den gewohnt bissigen Spott vom Sergeant einbringt. Die letzte Nacht für die Rekruten auf Parris Island hat begonnen...“jetzt seid ihr Soldaten! ...und keine Maden mehr“, so Drill-Sergeant Hartman mehr oder weniger feierlich. Einer bei dem die menschenverachtende Indoktrination wohl am Besten gewirkt hat ist Private Paula, doch er zerbricht mental daran: In der letzten Nacht sitzt er alleine auf der Latrine und lädt in aller Seelenruhe sein M-14 Sturmgewehr, wird aber von Joker – der Nachtwache hat – entdeckt. Vollkommen von Sinnen exerziert Paula lautstark mit seinem Gewehr, was den dadurch geweckten Drill-Instructor auf den Plan ruft, welcher anders als Joker nicht beruhigend auf Paula einredet, sondern ihn wie üblich in seiner beleidigenden Komiss-Art beschimpft und auffordert das Gewehr nieder zu legen – Ein fataler Fehler! Paula, dem der Wahnsinn im Gesicht geschrieben steht, pustet den verhassten Drill-Instructor kurzerhand aus dem Leben und schwenkt den Lauf in Richtung des unbewaffneten Joker...ab hier solltet ihr lieber den Film gucken ;-)

Die Hauptpersonen
Matthew Modine spielt den intelligenten (und Intellektuellen?) Private „Joker“, dem der Drill anscheinend nicht die Menschlichkeit austreiben kann, der sich aber mehr als einmal im Film zwangsweise anpassen muss, sei es bei Paulas nächtlicher Bestrafung, bei seinen Offizieren in der späteren Stammeinheit in Vietnam oder bei seinen Kameraden im Feld – er ist und bleibt ein Individualist, der weiss, wann er „mit den Wölfen heulen muss“ und wann er sich seine ironischen Frechheiten rausnehmen kann – Diese sehr tiefgehende Rolle meistert Modine mit sarkastischem Wortwitz, Gestik und Mimik in jeder Situation ausgezeichnet.

Vincent D’Onofrio hat schon damals (1987) wohl sein Faible für durchgeknallte Charaktere entdeckt, hier ist er als fetter, unfähiger und später durchgedrehter Private „Paula“ zu sehen (weitere PlemPlem-Rollen D’Onofrios: Edgar, die Schabe in „M.I.B“ und den Fetisch-Killer in „The Cell“). Keiner kann Wahnsinnige so gut und glaubhaft darstellen, wie er. Warum er allerdings in der deutschen Synchronisation „Paula“ getauft wurde und nicht wie im O-Ton „Pile“ - engl. Umgangssprachlich vulgär für „(Scheiss- Mist- oder Dreck)Haufen“, kann ich nicht ganz nachvollziehen.

Howard Arliss spielt den manchmal etwas desorientiert wirkenden Private „Cowboy“, der seinen Namen von Hartman wegen seiner texanischen Abstammung aufs Auge gedrückt bekommt. Joker und er lernen sich schon auf Parris Island näher kennen, treffen sich nachher durch Versetzung Jokers in Vietnam wieder und dienen dann im gleichen Platoon (dt. Kompanie). Arliss mimt den texanischen Bauern, der mit der Führung eines Zuges – nachdem der Kommandierende gefallen ist – leicht überfordert ist, sehr glaubwürdig.

Adam Baldwin ist der kampferfahrene Einzelgänger „Animal Mother“, der es hasst untätig rum zu sitzen und immer ein wenig miesgelaunt zu sein scheint bzw. sich mit jedem anlegen zu wollen (ob Freund oder Feind ist ihm wurscht) – im Gefecht ist er jedoch ein feiner Kerl, der seine Kameraden nie im Stich lassen würde, was zu einem ernsthaften Problem für Cowboys’ Squad werden soll, als sie aus dem Hinterhalt von einem Scharfschützen beharkt werden. Animal startet wieder mal einen Alleingang entgegen einem direkten Befehl, um 2 Kameraden in Not herauszuboxen – Adam, einer der unbekannteren der schauspielenden Baldwin-Brüder ist mein Favorit unter den Figuren, er spielt Animal mehr als überzeugend.

Lee Ermey ist der gnadenlose Master Gunnery Drill-Sergeant Hartman, der sich schikanieren, brüllend und beleidigend aufmacht, aus den „Maden“ oder „Ladies“, wie er sie nennt waschechte Killermaschinen (Zitat: „Priester des Todes, die um Krieg flehen“) zu machen. Er ist hart, ungerecht und menschenverachtend darauf aus, den Willen des Einzelnen zu brechen und aus den Rekruten eine Einheit aus bedingungslosen Werkzeugen zu formen, körperlich, wie seelisch. Ermey ist als Drill-Instructor einfach göttlich (vor allem im O-Ton!), die deutsche Übersetzung ist auch akzeptabel, doch im Englischen ist die Wortwahl noch vulgärer und beleidigender, als es die deutsche Synchronisation es sich gewagt hat.

Musik
Ein Konglomerat aus 60er Musik und dem Score von Abigail Mead, teils absichtlich übertrieben heiter, teils passend düster und spannungsgeladen / dramatisch - Kubrick setzt hier auf die Gegensätze, die während des Films immer wieder aufeinander treffen, dies spiegelt sich auch in der Musik wieder, man fühlt sich gut in die 60er Jahre zurückversetzt.

Die DVD
Leider nur 4:3 Bildformat und keinerlei Bonusmaterial (Szenenwahl, Trailer und Sprachwahl gelten in meinen Augen nicht als Bonus, sondern Standard) auf ihr zu finden, dafür aber wenigstens der Original-Ton, den ich bei weitem besser finde, als die deutsche Synchronisation wer richtig tiefste, amerikanische Gossensprache lernen will, ist bei Sergeant Hartman an der richtigen Adresse und dem sei die englische Version wärmstens ans Herz gelegt. Desweiteren sind auch die Nicknames der Protagonisten dort ein wenig anders: Private Paula ist „Pile“, Schneewittchen ist „Snowball“ und der später auftauchende „Albino“ heisst im Original „Eightball“ (was auch an seinem Helm zu lesen steht). Die deutsche Synchronisation ist aber akzeptabel wer, jedoch des Englischen mächtig ist, dem möchte ich die Original-Tonspur nochmals dringend anraten, so manche Fragezeichen, welche die deutsche Version aufwirft, werden dann viel klarer.

Fazit
Action, Widersinn und das Flair des kalten Krieges zwischen Kommunismus und westlicher Welt, die im Vietnamkrieg gipfeln hat Kubrick in einem mahnenden Werk verewigt. Menschenverachtung, das sinnlose Verheizen von Leben und die Dualität des Menschen sind die Thematik. Hauptprotagonist Joker ist ständig hin und hergerissen zwischen Mitgefühl und Pflichterfüllung – immer wieder ironisch seine bigotten Vorgesetzten auf die Schippe nehmend. Bildgewaltig ist Full Metal Jacket weniger, eher beklemmend eng, sehr schmutzig und zuweilen ziemlich blutig (aber nie übertrieben).

Die Tragik und der Unsinn von Befehlen und des Krieges steht hier mehr im Vordergrund, als Action – diese ordnet sich der Handlung unter und illustriert das Massaker, das Freund und Feind gleichermassen trifft. Die Marines als Schachfiguren ihrer Vorgesetzten, deren Dasein oft am seidenen Faden hängt und deren einziger Trost, die familiäre Kameradschaft untereinander ist – man muss sich blind auf den anderen verlassen können und ihm teilweise sogar sein Leben anvertrauen, Kameraden sterben einfach und werden wie ein Wegwerfartikel behandelt – eine weitere Schwächung der Kampfkraft...mehr nicht - jede eingenommene Stadt ist nur ein Pyrrus-Sieg, bei dem es keine Sieger geben kann, für Trauer ist keine Zeit, die nächsten Projektile heulen einem schon wenige Sekunden später wieder um die Ohren.

Ein Anti-Kriegs Film der sicher in jede Sammlung gehört und zum Nachdenken anregt – bei mir hat er das getan, als ich grade in der Grundausbildung steckte...ich war froh, dass unsere Bundeswehr doch ein wenig anders ist und das die heutigen Zeiten sich glücklicherweise ein wenig zum Positiven entwickelt haben – nichtsdestotrotz Krieg bleibt Krieg und dieser Film ist eine Mahnung! daher erhält er auch die volle Punktzahl von mir, obwohl die DVD an sich das Medium nicht ausnutzt, doch der Inhalt ist speziell in diesem Fall wichtiger und massgebend für meine Bewertung.

einen friedlichen Tag - uns allen - wünscht

Jürgen

Anmerkung:
Dieser Bericht ist - wie üblich - auch dei Ciao und Dooyoo zu finden

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