An American Crime (DVD) Testbericht

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Erfahrungsbericht von LilithIbi

Du bist tot und kannst nirgendwo hin, aber du fühlst dich immer sicher.

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Als ich kürzlich Jack Ketchum's „Evil“ las, kam mir die Story doch irgendwie bekannt vor. Genauer gesagt erinnerte sie mich an einen Film, von dem SumSum mir vor wenigen Wochen erzählt hatte. Da dass Buch sowie die wohl auch Tatsachen beruhenden Begebenheiten mir keine Ruhe ließ, bestellte ich mir kurzerhand beide Verfilmungen rund um die 16jährige Sylvia und deren Schwester in der Obhut einer Pflegefamilie.

Nach einigem verwirrenden hin- und her, gegoogel, wikipedia und sonstigen Internetrecherchen bin ich zu dem nachfolgenden Schluss gelangt: Der Film „Evil“ basiert zweifelsohne auf dem gleichnamigen Buch, welcher auf dem Film „An american Crime“, welcher auf den Tatsachen basiert.

Wer das jetzt verstanden hat, der hat kapiert, dass es hier und heute um den 94min dauernden Filmaufbau

==An American Crime==

geht. Die Eckpfeiler der Geschehnisse lassen sich rasch zusammen fassen: Sylvia und deren Schwester Jenny werden von ihren Eltern, die als Schausteller arbeiten, bei der ihnen beinah vollkommen unbekannten 6-fachen Mutter Gertrud gelassen.

Die Geschwister verstehen sich recht gut mit den beiden Pflegekindern; doch als die älteste Schwester Paula von einem verheirateten Mann schwanger wird, kippt die Situation. Wohl aus Angst vor ihrer Mutter wendet Paula sich an diese und behauptet, Sylvia würde Gerüchte über sie verbreiten ~ von da an wird Sylvia Zielscheibe von Getruds Überforderung. Für alle möglichen und unmöglichen Gründen wird Sylvia bestraft; geschlagen, mit Zigaretten verbrannt, im Keller festgebunden und mit einer Nadel verstümmelt. Manchmal eben auch einfach so aus Spaß, von Gertruds Kindern und den Nachbarskindern.

Umrahmt wird die Verfilmung von der entsprechenden Gerichtsverhandlung, die nur zu Beginn ein wenig fehlplatziert wird.

==Zur Umsetzung==

ist im allgemeinen zu sagen, dass der Film trotz der involvierten Grausamkeiten ab 16 freigegeben wurde. Dies hat vor allem den Grund, dass in den entsprechenden Szenen die Kamera nicht drauf gehalten wurden, sondern wegschwenkt oder die Beobachter betrachten lässt.
Es ist hier auch alles andere als nötig, wirklich in Großaufnahme zu verfolgen, wie Sylvia von Getrud gezwungen wird, sich eine Flasche einzuführen. Der Blick in die Gesichter der Kinder spricht mehr Bände als solches.

Anfänglich muss ich jedoch sagen, dass die Umsetzung beinah zu arg an der Machart von „Stand by me“ erinnerte. Zwar kann man somit einerseits sagen, dass der unschuldige Schein immer noch der beste Deckmantel für Gewalttätigkeiten allerlei Art ist; doch zugleich tut sich insbesondere am Anfang die bedrohliche, schockierende Stimmung nicht so richtig auf. Ich muss ehrlich sagen, dass mich die erste Szene, in der Jenny und Sylvia geschlagen wurden, nicht so derartig fassungslos zurückließen, wie es Jack Ketchum's eigene Interpretation tat. Mag sein, dass dies dem Umstand zu verdanken ist, dass ich gewissermaßen bereits von den viel ärgeren Folterungen wusste; gleichso ist es jedoch möglich, dass die gewollte Stimmung nicht so recht eingefangen werden konnte.
Andere Szenen, einfache Sätze und Momente hingegen gehen mehr als unter die Haut.

Die Schreie Sylvias drangen zweifelsohne nach außen, wurden von den Nachbarn gehört ~ und obschon man sich dies eigentlich hätte denken können, verursacht die Aussage der Nachbarin zu ihrem Gatten

„Wir sollten uns da am besten raus halten.“

eine tiefergehende Gänsehaut. Ähnliches wiederfuhr mir bei der Darstellung des Umstandes, dass die Kinder schließlich ihre Schulfreunde mit in den Keller einluden, die erst völlig fassungslos auf die am Boden liegende und von blauen Flecken übersäte Sylvia schauen, sich dann jedoch nicht lange bitten lassen, ihrerseits Sylvia mit Zigaretten zu verbrennen.

Der gesprochene Satz der wohl jüngsten Tochter Gertruds

„Mama sagt wir dürfen das“

dürfte wohl einer der nachhallendsten im ganzen Tatsachenfilm sein. Der Moment, als Gertrud sich vor Sylvia hinhockt und ihr versucht zu erklären, dass sie immer nur das beste für ihre Kinder will und sich einfach überfordert fühlt, lässt in mehreren Hinsichten Ohnmacht fühlen. Die Ohnmacht Sylvias, die sich nicht wehren kann, die Ohnmacht Gertruds, die offenkundig nicht mal selbst kapiert, warum sie so etwas tat... und zu guter Letzt die Ohnmacht des Zuschauers, zu verinnerlichen, dass solche Geschichten leider nicht nur der Vergangenheit angehören.

Wirklich nachvollziehen kann man hier bzgl. der Beweggründe so einiges nicht; obendrein wurden die Umstände des Ausganges der „Situation“ leicht verwirrend umgesetzt, da man gleichzeitig Sylvia in der Tür stehen und am Boden liegen sieht.

Nichtsdestoweniger ist es Tommy O'Havers Verfilmung gelungen, die wahre Geschichte in beinah unerträglicher Intensität nachzuzeichnen. Obschon ich mir ohne großartig mit der Wimper zu zucken Machwerke wie „Hostel“ angucke, wirkt sich die hier angedeutete Gewalt völlig anders aus; eben weil man um den wahren Hintergrund weiß.

Dass Gertrud mit ihren Kindern jeden Sonntag in die Kirche geht und obendrein alle wie die braven Bürger von nebenan aussehen und nach außen hin agieren, steht völlig konträr zu dem, was sich im Haus, insbesondere im Keller abspielt. Zwar ist dies meist der Fall, doch verstärkt wird diese vermeintliche Harmlosigkeit durch die fröhliche 60er Jahre-Musik, die hier und dort platziert wurde.

Hauptpersonen sind in „An American Crime“ Sylvia und Getrud, die beide von großartigen Darstellern verkörpert wurden. Catherine Keener verkörpert Gertrud Jodie Foster-ähnlich, sieht regelrecht harmlos, freundlich besorgt aus und schafft es, selbst einen leidenden Gesichtsausdruck anzunehmen; so, als ob sie überhaupt keine Wahl hätte, als ob sie aus logischer Konsequenz heraus ihren Pflegekindern diese Dinge antun müsste.

Ellen Page die als Haley in „Hard Candy“ selbst zur Folterin wurde, überzeugt auch hier in der Rolle der Sylvia. Ab Mitte des Filmes wurde ihr nicht viel an Text zuteil, Gestik und Mimik jedoch sprechen durch und durch für sich.

In der Gerichtsverhandlung schließlich wirkt Gertrud so, als könnte sie sich wirklich an nichts erinnern, als läge ihre nach außen gekehrte in Wut geballte Überforderung tatsächlich an den Medikamenten, die sie sich in Eigenregie verabreichte. Fast schon ist man gewillt, ihr zu glauben, dass sie von all dem, was im Keller vor sich ging, nichts wusste, dass ihre Kinder Sylvia von sich aus bestraften während Gertrud völlig geschwächt im Wohnzimmer lag.

5 Jahre vor ihrem Tod steht Gertrud schließlich zu ihren Taten ~ nur ändert das wie so oft leider überhaupt nichts mehr.


==Zum Abschluss==

möchte ich sagen, dass „An American Crime“ auf gewisse Art und Weise grausamer ist als Filme, die auf Blut und reichhaltig bebilderter Brutalität nicht verzichten.

Die letzten filmischen Minuten berühren den Zuschauer noch einmal intensivst; vereinzelt erfährt man von den weiteren Schicksalen der jeweiligen Beteiligten. Sylvias Schlusswort, dass sie nicht weiß, welchen Plan Gott mit diesen Ereignissen verfolgt hat, geht gehörig an die Nieren. Ihr unerschütterliche Glaube an das Gute, der sich im Laufe der Folter dadurch äußerte, dass sie ihrer jüngeren Schwester immer wieder Hoffnung machte, bald wieder bei den Eltern zu sein, wird den ein oder anderen mit den Tränen kämpfen lassen ~ genauso wie ihre abschließende Hoffnung, die sich heute, mehr als 50 Jahre später, nur vereinzelt erfüllt hat:

„Zumindest fangen die Leute an, über diese Dinge zu reden, die sie vorher missachteten.“

36 Bewertungen, 13 Kommentare

  • Saarhoodboy

    20.05.2011, 00:45 Uhr von Saarhoodboy
    Bewertung: besonders wertvoll

    schade das man solche filme bewerten muss. bzw. das die vorlage für solch einen film durch lebendige personen mit leib und seele mit deren eigenem bult geschrieben wurde!! sorry ich habe den film eben geguckt und ich reg mich immer noch auf ..mfg

  • MasterSirTobi

    30.10.2009, 14:41 Uhr von MasterSirTobi
    Bewertung: sehr hilfreich

    Da hast du dir ein SH verdient. LG MST

  • Mondlicht1957

    16.10.2009, 21:09 Uhr von Mondlicht1957
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sehr hilfreich dein Bericht Liebe Grüsse

  • laeuft

    02.10.2009, 16:52 Uhr von laeuft
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr guter bericht, lg franz

  • morla

    02.10.2009, 15:05 Uhr von morla
    Bewertung: sehr hilfreich

    wünsche dir ein schönes wochenende lg. petra

  • MoeGott

    02.10.2009, 12:53 Uhr von MoeGott
    Bewertung: sehr hilfreich

    schöner Bericht. freue mich auf deine Gegenlesung. lg und schönen Tag dir noch!

  • bolide74

    02.10.2009, 12:14 Uhr von bolide74
    Bewertung: sehr hilfreich

    Schöner Bericht.Lg Simone

  • liebes35

    02.10.2009, 11:42 Uhr von liebes35
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein guter Bericht. LG Steffi

  • tina08

    02.10.2009, 11:27 Uhr von tina08
    Bewertung: sehr hilfreich

    Viele Grüße .... Tina

  • lydialucia

    02.10.2009, 11:20 Uhr von lydialucia
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sehr hilfreich und liebe Grüße aus Darmstadt! :D

  • andrea30b

    02.10.2009, 10:15 Uhr von andrea30b
    Bewertung: sehr hilfreich

    viele Grüße andrea30b

  • tk7722

    02.10.2009, 10:12 Uhr von tk7722
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein sehr schöner Bericht, liebe Grüße

  • sigrid9979

    02.10.2009, 10:09 Uhr von sigrid9979
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ganz toll beschrieben ....Lg Sigi