Waltz With Bashir (DVD) Testbericht
Auf yopi.de gelistet seit 10/2008
Erfahrungsbericht von Dr_Ed
Gegen das Vergessen hilft manchmal nur Erinnern
Pro:
siehe Bericht
Kontra:
nichts
Empfehlung:
Ja
Und wieder einmal hat ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm den Weg auf hiesige Kinoleinwände gefunden. Das außergewöhnliche liegt hier allerdings weniger in der Thematik, sondern vielmehr in der visuellen Umsetzung. Der israelische Regisseur Ari Folman bezeichnet sein Werk selber als „animierte Dokumentation“ und betritt damit in gewisser Hinsicht auch filmisches Neuland. Er selber versucht damit, seine Erlebnisse als israelischer Soldat während des ersten Libanonkriegs 1982 zu rekonstruieren und zu verarbeiten. Der Schwerpunkt liegt dabei auf einem Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Shatila und Sabra, bei dem etwa 3000 Männer, Frauen und Kinder grausam ermordet wurden, begangen von christlichen Phalangisten, während die israelische Armee tatenlos dabei zusah.
### DIE GESCHICHTE ###
~~~ da eine verkürzte Wiedergabe der Geschehnisse wenig sinnvoll ist, gibt es diesmal nur die Langversion ~~~
Ari Folman trifft sich mit seinem Freund Boaz in einer Bar. Boaz erzählt ihm dabei von einem immer wiederkehrenden Alptraum, der mit seinem Einsatz im Libanonkrieg vor rund 25 Jahren zu tun hat. In diesem Traum wird Boaz von einer Meute bestehend aus 26 Hunden verfolgt, denn die Dorfhunde wurden immer zuerst mit Schalldämpfern erschossen, damit sie die Einwohner nicht vor der herannahenden israelischen Armee warnen konnten. Bei dieser Erzählung fällt Folman auf, dass er sich selber überhaupt nicht an die Ereignisse von damals erinnern kann. Folman sucht daraufhin Rat bei seinem besten Freund Ori, einem Psychologen. Der rät ihm, seine Kameraden aus der damaligen Zeit aufzusuchen und sie zu befragen.
Sein erster Weg führt ihn zu seinem Freund Carmi ins winterliche Holland. Carmi erinnert sich an den Anfang des Krieges, wo sie mit einem durch rosa Anstrich als Loveboat getarnten Kommandoboot vor die libanesische Stadt Sidon fahren. Carmi wird seekrank, schläft ein und träumt von einer großen Frau, die ihn mitnimmt. Als die Truppe dann an Land geht, feuert sie wild um sich und tötet dabei auch Unschuldige. Nur das Massaker hat auch Carmi nicht auf dem Schirm. Aber dank der Gespräche mit Carmi kann sich Folman nun immerhin schon an seinen ersten Tag im Krieg erinnern: Er kommandiert ein gepanzertes Kettenfahrzeug und soll tote und verwundete Kameraden „entsorgen“.
Wieder zurück in Israel trifft sich Ari mit dem früheren Panzersoldaten Ronny. Dem kam der Krieg anfänglich wie ein Schulausflug vor. Damit ist es jedoch urplötzlich vorbei, als sein Kommandant von einem Heckenschützen tödlich getroffen wird. Panik bricht aus, die Panzer werden allesamt zerstört und Ronny kann als einziger Überlebender unentdeckt fliehen. Er kann sich am Strand verstecken und Schutze der Nacht springt er ins Meer und schwimmt, bis in die Kräfte verlassen und erreicht das rettende Ufer, wo Soldaten seines Verbandes die Stellung halten. Noch heute wird Ronny von Schuldgefühlen geplagt, weil er als einziger seiner Gruppe überlebte.
Als nächster wird Kamerad Frenkel besucht. Er galt als harter Kämpfer mit einer Leidenschaft für Patchouli. Frenkel erzählt Folman von einem Vorfall in einem Obstgarten, wo ein 14-jähriger Junge erschossen wird, der gerade versucht, Frenkels Gruppe mit einer Panzerfaust anzugreifen. Folman kann sich an diesen Vorfall zwar nicht erinnern, aber dafür kehrt die Erinnerung an seinen ersten Fronturlaub zurück: Folman trauert seiner damaligen Freundin Yaeli nach, die einen Tag vor Kriegsbeginn mit ihm Schluss gemacht hat. Folman hat das Gefühl, dass das „normale“ Leben Tel Avivs an ihm vorbeirast. Schon nach 24 Stunden muss Folman wieder bei seiner Truppe einrücken.
Kaum ist Folman wieder bei seiner Truppe, erreicht sein Regiment die Nachricht vom Tode des christlichen Milizenführers Bashir Gemayel, der als Verbündeter Israels gilt. Die Truppe wird nach Beirut geflogen und man rückt von Westen in die Stadt ein. An einer großen Kreuzung werden aus den umliegenden Hochhäusern von allen Seiten unter Beschuss genommen. Ein Kamerad wird getroffen und liegt verwundet und hilfos mitten auf der Kreuzung. Eine Rettung scheint wegen des Dauerbeschusses nicht möglich, bis Frenkel auf einmal mit einem Maschinengewehr kommt. Währenddessen kann sich der angesehene Kriegsberichterstatter Ron Ben-Yishai fast unbehelligt durch den Kugelhagel bewegen und von der Front berichten.
Zwar gelingt es Folman mit jedem weiteren Gespräch, die fehlenden Puzzleteile seiner Erinnerung nach und nach zusammenzufügen, aber ihm fehlt immer noch der Tag des Massakers in den Flüchtlingslagern. Folman gelingt es, den ehemaligen Panzerkommandanten Dror ausfindig zu machen. Der hatte den Auftrag, mit seinem Panzer auf einer Anhöhe vor den Lagern Stellung zu beziehen, die Umgebung weiträumig abzuriegeln und den Milizen der Phalangisten Deckung zu geben, wenn sie in die Lager einrücken, „um sie von Terroristen zu säubern“. Am nächsten Morgen treiben die Milizen Frauen, Kinder und Alte aus den Lagern heraus und karren sie auf LKWs fort. Dror erfährt von seinen Soldaten von den Erschießungen und meldet sie seinem Vorgesetzten, der die Meldungen an höhere Stellen weiterleitet, ohne dass etwas passiert.
Ähnliches weiß auch der Kriegsberichterstatter Ron Ben-Yashai zu berichten. Er hatte mehrere glaubhafte Hinweise auf das Massaker bekommen und sich daraufhin an den damaligen Verteidigungsminister und späteren Ministerpräsidenten Israels Ariel „Arik“ Sharon gewandt. Doch außer einem lapidaren „Danke, dass Du mich darüber in Kenntnis gesetzt hast.“ zeigt Sharon keinerlei Reaktion. Nun Fügen sich für Folman auch die letzten Puzzleteile zusammen und er weiß er jetzt wieder, wo er damals war bzw welche Rolle er innehatte. Nun brechen sich die Erinnerungen, die er über 20 Jahre erfolgreich verdrängen konnte langsam Bahn. Der Film endet mit einer Real-Filmsequenz, wo Überlebende und Hinterbliebene des Massakers die Toten betrauern.
### MEINE MEINUNG ###
Ich muss mich zunächst dafür entschuldigen, dass die Inhaltsangabe selbst für meine Verhältnisse sehr lang geraten ist, aber ich hielt es schlicht nicht für angemessen, bestimmte Teile einfach wegzulassen. Mit diesem Film versucht Regisseur Folman die eigenen posttraumatischen Verdrängungsmechanismen aufzuarbeiten, mit denen er seine Kriegserlebnisse tief im Unterbewusstsein vergraben hat. Er interviewt seine früheren Kriegskameraden und versucht auf diesem Wege, die persönlichen Erinnerungen an die Geschehnisse zu rekonstruieren. Ungewöhnlich ist dabei, dass Folman auf das Animationsverfahren zurückgreift, was bei Dokumentarfilmen bislang – meines Wissens nach – noch nie gemacht wurde.
Allerdings bietet eben dieses Animationsverfahren den Vorteil, das Erlebte adäquat zu bebildern. Anstatt mühsam irgendwelches angestaubtes Archivmaterial von womöglich fragwürdiger Bildqualität von irgendwoher zusammenzuklauben, oder die Ereignisse mühsam nachzustellen, werden die Erlebnisse in passende Bilder verpackt. Das Bestechende daran ist, dass sich ein Genre, das sonst immer um Authenzität bemüht ist oder diese wenigstens zu suggerieren versucht, auf diesem Wege zur Subjektivität der Erzählung bekennt. Ein Kriegsberichterstatter kann nur deswegen leichtfüßig durch den Kugelhagel tanzen, weil der Soldat, der von dieser absurden Szene berichtet, sich genau so und nicht anders daran erinnert. Auch die Gedanken und Träume der Beteiligten lassen sich angemessen in Bilder fassen.
Schicht für Schicht werden die verdrängten Erinnerungen freigelegt und so arbeitet sich die Recherche des Films langsam an das wohl schrecklichste Einzelereignis während des Libanonkriegs heran: Das Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern. Durch die Rekonstruktion der Ereignisse über facettenreiche Erzählungen, stellt sich Folman auf interessante und mutige Weise der eigenen Erinnerung, Verantwortung und Mitschuld. Dabei entwirft er ein komplexes Bild davon, wie Verdrängungsmechanismen und Schuldgefühle im menschlichen Bewusstsein ineinander greifen.
### FAZIT ###
„Waltz with Bashir“ ist ein ergreifender Anti-Kriegsfilm, der zwar keine Botschaften formuliert, aber die schrecklichen Geschehnisse von damals ohne falsche Sentimentalität und Schuldzuweisungen aufarbeitet. Daher möchte ich diesen Film allen ans Herz legen, die politisch interessiert sind und die die aktuellen Ereignisse im Nahen Osten aufmerksam mitverfolgen.
### ABSPANN ###
Dokumentarfilm, ISR/D/F 2008, 87 Min., FSK 16
Regie und Drehbuch: Ari Folman
Musik: Max Richter
### NACHKLAPP ###
Ich habe vorhin in den Nachrichten mitbekommen, dass der Film einen Golden Globe als bester fremdsprachiger Film gewonnen hat. Auch wenn ich nicht alle anderen nominierten Filme gesehen habe, ist diese Auszeichnung aus meiner Sicht völlig verdient!
57 Bewertungen, 26 Kommentare
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11.03.2009, 16:39 Uhr von Regan
Bewertung: sehr hilfreichLiebe Grüsse, Nadine
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12.02.2009, 01:20 Uhr von ingoa09
Bewertung: sehr hilfreichNun fühle ich mich umfassend informiert! Liebe Grüße, Ingo
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08.02.2009, 09:18 Uhr von Zzaldo
Bewertung: sehr hilfreichliebe Grüße sendet dir Stephan
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29.01.2009, 14:48 Uhr von nikita86
Bewertung: sehr hilfreichsuper berichtet. freue mich über gegenlesung. lg, nikita
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20.01.2009, 17:16 Uhr von hbscgirl
Bewertung: sehr hilfreichliebe grüße
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17.01.2009, 23:59 Uhr von presscorpse
Bewertung: sehr hilfreichprima bericht! lg presscorpse
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29.12.2008, 22:09 Uhr von Puenktchen3844
Bewertung: sehr hilfreichEin guter Bericht. LG
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10.12.2008, 11:20 Uhr von Michaela2015
Bewertung: sehr hilfreichsh, viele grüsssle, michi
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02.12.2008, 01:01 Uhr von MasterSirTobi
Bewertung: sehr hilfreichSH, was sonst. LG MasterSirTobi
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01.12.2008, 02:46 Uhr von FritzWalter08
Bewertung: sehr hilfreichSchöner Bericht. LG von dem Fritz
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29.11.2008, 23:18 Uhr von linki7
Bewertung: sehr hilfreichein sehr ausführlicher Bericht
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29.11.2008, 22:36 Uhr von anonym
Bewertung: besonders wertvollder lief bei uns leider nicht im Kino, werde ihn mir aber auf DVD ansehen
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25.11.2008, 18:04 Uhr von Mondlicht1957
Bewertung: sehr hilfreichSehr hilfreich und liebe Grüsse
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24.11.2008, 11:51 Uhr von tk7722
Bewertung: sehr hilfreichEin sehr interessanter Bericht, liebe Grüße
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24.11.2008, 10:28 Uhr von sonnenbaerchen
Bewertung: sehr hilfreichLiebe Grüße vom Sonnenbaerchen freu mich über Gegenlesung
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24.11.2008, 09:57 Uhr von stars
Bewertung: sehr hilfreichViele Grüße von stars
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24.11.2008, 09:57 Uhr von Baby1
Bewertung: sehr hilfreich.•:*¨ ¨*:•. Liebe Grüße Anita .•:*¨ ¨*:•.
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24.11.2008, 09:31 Uhr von Miraculix1967
Bewertung: sehr hilfreichSehr bewegender Filmbericht! Winterliche Herbstgrüße aus dem gallischen Dorf! SH und LG Miraculix1967
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24.11.2008, 07:51 Uhr von Iris1979
Bewertung: sehr hilfreichSuper Bericht. LG Iris
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24.11.2008, 01:49 Uhr von racheane
Bewertung: sehr hilfreichLiebe Grüße.... Anne
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23.11.2008, 22:58 Uhr von Jerry525
Bewertung: sehr hilfreichSchöner Bericht lg vom Jerry
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23.11.2008, 22:27 Uhr von morla
Bewertung: sehr hilfreichschönen abend wünsch ich dir lg. petra
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23.11.2008, 21:20 Uhr von Bunny84
Bewertung: sehr hilfreichEinen schönen Sonntag wünscht dir Anja PS: Freue mich über deine Gegenlesungen
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23.11.2008, 21:12 Uhr von Elfenfrau
Bewertung: sehr hilfreichGut berichtet. Lg Elfi
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23.11.2008, 20:40 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichsehr hilfreich berichtet
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23.11.2008, 19:50 Uhr von sigrid9979
Bewertung: sehr hilfreichKLASSE WIE IMMER LG SIGI
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