Dragon Age: Origins (PC Rollenspiel) Testbericht

ab 11,16
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Auf yopi.de gelistet seit 09/2010

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Erfahrungsbericht von schleicher

Gutes Spiel mit einigen mängeln

Pro:

+ Mehrere Einstiegsmöglichkeiten in die Spielwelt + Viel Blut und Verzweiflung + Interessante Figuren + Aufgewärmte, aber mitreißend inszenierte Fantasystory (Die Darkspawn erinnern zu offensichtlich an die Orks aus Herr der Ringe)

Kontra:

Fehlende Spielinhalte müssen extra heruntergeladen werden Spielfiguren sterben nicht, sondern tragen nur Verletzungen davon Das Inventar ist stets überladen Die Spielfiguren regenerieren sich nach dem Kampf automatisch Orzammar wurde lieblos umgesetzt

Empfehlung:

Ja

Das Spiel beginnt mit der Auswahl der grundlegenden Eigenschaften des Charakters. Weibchen, Männchen, Elf, Mensch, Zwerg, Magier, Krieger usw.
Die Origin-Story ist nicht uninteressant, und macht Lust auf mehr.
Doch bereits kurz danach, fällt das Spiel für mich völlig auseinander.
Von der NWN2-Engine abgesehen, die zwar leicht verbessert ist, aber eigendlich nicht mehr auf aktuellem Stand ist, hatte ich das Gefühl, in diesem Spiel schon alles gesehen zu haben.

Die Basisstory ist Herr der Ringe. Damit spoiler ich nicht, dass erfährt man in den ersten 1-3 Stunden.
Im Prinzip gibt es eine grosse dunkle Armee am Horizont, die bereits in der Vergangenheit Ferelden heimgesucht hat, und alle paar Hundert Jahre erneut versucht die Königreiche zu unterwerfen/zu zerstören.
Es gibt eine kleine Gruppe von Leuten die sich dem Kampf gegen diese "Darkspawn" verschworen haben, und jedes mal aufs neue die Völker vereinen um gemeinsam dem Böse zu trotzen.

Die ersten 20 Stunden des Spiels passiert eigendlich nichts Überraschendes. Man kämpft sich durch mehr oder minder grosse Horden um dann irgendwann mit dem Abklappern der damaligen Alliierten, Zwerge, Menschen, Magier und Elfen zu beginnen.

Der beste Teil an dem Spiel, sind die Interaktionen mit den Chars die man unterwegs auflesen kann. Problematisch hier ist, dass nur sehr wenige dieser Charaktere wirklich tief und interessant sind. Um sie zu nennen: Alistair, Wynne und Morrigan, wobei letztere von den meisten Testern extrem stark überbewertet wird. Sie ist zunächst interessant, ja, aber wenn man einen "Guten" spielt, ist sie als Gruppenmitglied nicht zu gebrauchen, da man bei jeder "guten" Quest Zustimmung bei ihr verliert. Ab einem bestimmten Dialogpunkt, kann man auch ihrem "Redemption"-Pfad nicht weiter folgen, und ab diesem Punkt fällt sie in ein reines "evil"-Klisché, ab dem die Unterhaltung keinen Spass mehr macht. Spassig hingegen sind die Unterhaltungen unterwegs, wenn sich Morrigan und Alistair kappeln, oder Wynne ein wenig Seelenbalsam von Leliana erfährt.

Hauptproblem und Hauptbestandteil des Spiels ist aber der Kampf.
Ohne übertreiben zu wollen, besteht das Spiel zu weit über 70% aus Gekloppe.
Meistens wenig sinntragende Kämpfe, die leider auch meistens extrem lange dauern.
Bei Dragon Age leveln die Gegner mit, so dass die "Arbeit", und es ist wirklich nicht anderes als Arbeit, nie wesentlich kürzer oder schneller abgehandelt wird. Hurlocks vom Anfang, die man auf Level 5 getroffen hat, benötigen genausoviel Arbeit, wie auf Level 12, weil sie mehr Rüstung und mehr Lebenspunkte haben, als zuvor. Die gleichen Monster, machen nun dem Level 12 Magier genausoviel Probleme wie zu Beginn.

(Hier möchte ich übrigends anmerken, das sich alle Welt bei TES:Oblivion über das Level Scaling aufgeregt hat, und nun bei Dragon Age wird es von den meisten "professionellen" Testern in den Magazinen unter den Tisch fallen gelassen. Für mich eine klar Ungleichbehandlung, die erwähnt werden sollte)

Normalerweise würde man sagen: Ok, kann ich mit leben.
Dragon Age macht diese Qual aber noch schlimmer.
Um die Kämpfe schwieriger zu machen, werden einem irgendwann immer mehr der gleichen Monster auf einmal geschickt. Es ist nicht selten, dass man 20 Gegner an der Backe hat, und jeder noch so unwichtige Zufallskampf in Ruinen und Dungeons artet in eine epische Schlacht von 10-20 Minuten aus, in denen man ein unglaubliches Mikromanagement betreiben muss, um zu gewinnen, und den einen oder anderen Heiltrank verbraucht, den man sich eigendlich für wichtige Kämpfe aufsparen wollte. Eine Erhöhung des Schwierigkeitsgrades durch geschickte Gegnerkombi oder Taktiken, sucht man hier vergebens.

Das wäre an sich garnicht so schlimm, wenn diese Kämpfe nicht ständig und ständig passieren würden.
In den ersten 30h des Spiels, habe ich ungelogen bestimmt 25 davon im Kampf verbracht. Für jede Zeile Dialog, 30 Minuten Kampf, für jeden Mikrometer Storyfortschritt, 1 Stunde Kampf.

Leider gibt es nur wenig Möglichkeiten, diesen Kämpfen auszuweichen. Die Dungeons und Ruinen sind voll von planlos gesetzten Gegnern, die anscheinend nur den Sinn haben, das Spiel zu strecken. Mit dem Überredenskill auf Maximum konnte ich bisher genau 3 von sicher 100 Kämpfen vermeiden.

Auch bei den Haupt- und Nebenquests sieht es nicht besser aus. Quests wo man reden muss, Rätsel lösen oder Dinge herausfinden, sind Mangelware. Die die es gibt, z.B. Alistairs Quest, sind ohne Kampf, aber kaum 5 Minuten lang. Hier hätte man eine schöne Story mit Herzschmerz erzählen können. Aber es bleibt bei 5min Dialog, nichts ist gelöst, und die Nebenstory ist fertig. Sowas ist einfach nur schwach.

Die restlichen Quests, sei es Haupthandlungsstrang oder Nebenaufgaben, bestehen im Schnitt aus 80-90% Gekloppe. Eigendlich passiert ausser 80% Gekloppe, 10% Dialog, und 10% Sequenzen ansehen, in denen man nicht handeln kann, nichts weiter. Zu erforschen gibt es in den kleinen, schlauchartigen Arealen nichts, ausser das man ab und zu ein paar Kräuter findet.

Auch die Story wird nur sehr mühselig und langsam erzählt. Es hat mich sicher 15 Stunden Gekloppe gekostet, um den Arl zu retten. Ich sage euch, die Dungeons in Haven sind einfach eine grosse lange Qual von ständigen Kämpfen. Ist der Arl gerettet, lässt er 10 Zeilen Dialog los, und wieder muss der Held alleine weitermachen.

Das Abklappern der Alliierten, um sie an ihr Versprechen zu erinnern, beim Kampf gegen die Dunkelheit zu helfen, ist einfach nur Arbeit. Kloppen hier, kloppen dort. Hier stellt sich sogar oft die Sinnfrage, wie einem Leute helfen sollen eine riesige Armee von Darkspawn aufzuhalten, die nichtmal mit ihren lokalen Problemen alleine fertig werden. Wie sollen mir ein paar ausgehungerte und reduzierte Elfen helfen, die nichtmal ihr eigenes Dorf vor Werwölfen schützen können?
Bei meinem Besuch bei jenen Elfen, der etwa 5 Stunden gedauert hat bisher, habe ich 4,5h davon kloppend verbracht, und den Wald von Werwölfen, Dryaden, Bären und ähnlichem entvölkert. Das Zeug ist dann auch noch auf meinem Rückweg zum Dorf respawned, so das ich erneut Kampf nach Kampf hinter mich bringen musste.

Wie schon gesagt, ist die Basisstory eher schwach, weil HdR und das KENNEN wir schon! Der Rest ist wenig überraschendes Beiwerk, welches nur sehr langsam erzählt wird, und aufgrund der ewigen, und zu 99% nicht sinntragenden Kämpfe ständig nur aufgehalten wird. Man KOMMT also faktisch garnicht zur Story, weil die wenigen Schnippsel davon, von ewig langen Reihen an Kämpfen unterbrochen werden! Der Teil bei den Zwergen soll etwas besser sein, aber der ständige Kampf ist mir zu mühselig.

Ein weiteres Problem empfinde ich in der Welt. Dragon Age schafft es bei mir nicht, eine glaubwürdige Welt mit eigenem Flair aufzubauen. Ja, Bioware ist bemüht, ja Bioware hat viel Arbeit reingesteckt, aber eine eigene Seele ist trotzdem nicht vorhanden. Es gibt viele Geschichten, die man aus vielen anderen Werken und Spielen bereits in einer ähnlichen Form gehört hat. Die Gegner sind zu sehr an HdR angelehnt, ebenso die Basisstory, um eine eigene Faszination zu erzeugen. Alles ist so voller Klicheés und aus Basisfantasy zurechtgestückelt, dass keinerlei Faszination von der Welt ausgeht. Auch die Intrigen der Adligen oder die Geschichten um Orlais sind wenig involvierend, und erinnern mich immer an Bretonnien in Warhammer. Ein anderes Wort für Frankreich. Man erkennt einfach zuviel Dinge wieder aus anderen Spielen/Werken. Eine generische 0815-Fantasywelt ohne Seele.

Vom Kampf abgesehen, schafft Dragon Age es auch in anderen Disziplinen nicht, neue Standards zu setzen oder die gesetzen auch nur zu erreichen.
Von den Nebenplots ist der Witcher wesentlich interessanter. Der Hauptplot wird in Mass Effect oder KotOR spannender und mitreissender erzählt. Auch die Dialoge und Charaktere sind nicht annähernd so tief und interessant wie bei anderen Spielen mit einem ähnlichen Dialogsystem.

Als Paradebeispiel, und als ewige Referenz möchte ich Planescape:Torment einbringen. Hier konnte man 95% der Kämpfe durch schleichen, rausreden usw. umgehen wenn man das wollte. Man konnte SELBER entscheiden wieviel man kämpft. In Dragon Age ist dies nur extrem selten möglich. In Torment hatten die Charaktere ihren ganz eigenen tiefen düsteren Flair, ihre emotional mitreissenden dunklen Seiten und Vergangenheiten, die man nach und nach erkunden und vielleicht irgendwann sogar bessern helfen konnte. In Dragon Age erzählt z.B. Leliana viel von Orlais, dem Frankreich von Dragon Age, und es ist einfach langweilig, und wenig interessant, weil grundsätzlich banal. Die meisten Charaktere haben sowas wie "halbe" Geheimnisse die meist weder besonders schlimm, noch wichtig erscheinen, im Vergleich zu den Leuten in Kotor oder Torment. Dadurch ist es schwer sich emotional involvieren zu lassen.

Von der technischen Seite ist Dragon Age eher unspektakulär. Ordentliche Effekte, aber eine leider arg in die Jahre gekommene Engine, die nur Schlauchlevel und kleine Areale ala NWN2 erlaubt, und ein müder Soundtrack, untermauern den enttäuschenden inhaltlichen Eindruck. Selbst die Ladezeiten wurden seid NWN2 kaum verbessert. Von Ort zu Ort sitzt man, wenn man Pech hat, sicher 20-45sec vor dem Bildschirm, wärend sich die Rune auf den Blutflecken dreht.
Obwohl dies keine Punkte sind, die mich von einem guten RPG fernhalten würden, verbessern sie doch den Eindruck nicht wirklich.

Alles in allem, sehe ich ehrlich gesagt den Hype und die hohen Bewertungen nicht im Ansatz gerechtfertigt. Altbackene Technik, gefüllt mit noch altbackenerem, und durchschnittlichem Inhalt, der weder storytechnisch, noch charaktermässig überzeugt, und zu über 70% aus nervend langem, unspannendem und oft unbalanciertem Kampf besteht, den man nicht umgehen kann. Fortschritt in Story und Quests führen durch hunderte von kleinen und grossen Kämpfen, gegen immer grösser werdende Massen mitlevelnde Gegner, bis man sich wirklich jede Zeile Dialog und jeden Mikrometer Storyfortschritt durch Kampf und nochmehr Kampf "erarbeiten" muss.

Dragon Age scheint mehr H&S als RPG zu sein.
Praktisch gesehen, ist Dragon Age ein taktisches H&S-Spiel, mit einem Sequenzen- und Dialogmodus als Sahnehäubchen oben drauf. Eine Verbindung, die nur dann funktioniert, wenn man nichts dagegen hat, Stunde um Stunde immer grösser werdende Massen gleicher Gegner zu bekämpfen.

Da ich persönlich die Questerfolge und Dialoge als zu unbefriedigend für die grosse Kampfarbeit empfand, habe ich das Spiel nach ca. 40h abgebrochen. Noch ein Kampf und noch ein Kampf bis ich endlich mal weiterkomme in der Story, war einfach zu nervig und hat keinen Spass gemacht.

Vielleicht muss ich eines dazusagen: Ich spiele seid C64er Zeiten RPGs, und ausserdem seit fast 20 Jahren regelmässig Pen&Paper-Rollenspiel. Meine Ansprüche steigen natürlich mit jedem CRPG was ich gespielt habe, und mit jeder guten Session P&P-RPG.
Mir, als Rollenspieler dem der Kampf nicht sooo wichtig ist, für den er sinntragend, und dramaturgisch notwendig, oder zumindest spannend sein sollte, gefällt Dragon Age überhaupt nicht. Der Kampf ist der primäre Faktor in Dragon Age. Alles andere ist wirklich nur mittelmässiges Beiwerk. Entfernt man den Kampf aus der Spielzeit, bleiben vielleicht 4 oder 5 Stunden Unterhaltungen/Sequenzen über.

Wenn euch Kampf nicht stört, wenn euch Level Scaling nicht stört, und wenn es euch nicht stört, für jeden kleinen Storyfortschritt lange und zähe Kämpfe zu absolvieren, dann könnte Dragon Age was für euch sein.
Allen anderen, denen Torment wegen den Optionen, den interessanten Geschichten und Charakteren gefallen hat, rate ich von DA dringend ab.

23 Bewertungen, 5 Kommentare

  • Iris1979

    24.09.2010, 09:57 Uhr von Iris1979
    Bewertung: sehr hilfreich

    Guter Bericht. Würde mich über Gegenlesung sehr freuen. Liebe Grüße Iris

  • anonym

    24.09.2010, 01:02 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Schöne Grüsse, Talulah

  • Lanch999

    24.09.2010, 00:22 Uhr von Lanch999
    Bewertung: sehr hilfreich

    Super Bericht! LG von Lanch999

  • katjafranke

    24.09.2010, 00:17 Uhr von katjafranke
    Bewertung: sehr hilfreich

    Liebe Abendgrüße von der KATJA

  • anonym

    24.09.2010, 00:09 Uhr von anonym
    Bewertung: besonders wertvoll

    BW für diesen Bericht! GLG und eine schöne Restwoche!