Der Junge im gestreiften Pyjama (DVD) Testbericht

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ab 4,70
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Summe aller Bewertungen
  • Action:  durchschnittlich
  • Anspruch:  sehr anspruchsvoll
  • Romantik:  niedrig
  • Humor:  wenig humorvoll
  • Spannung:  spannend

Erfahrungsbericht von LilithIbi

"Das sind gar keine RICHTIGEN Menschen."

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Bereits zu dem Zeitpunkt, als John Boyne seinen Roman

===“Der Junge im gestreiften Pyjama"=== veröffentliche, war mein Interesse für die Geschichte zweier achtjähriger Jungen, die sich durch den Zaun eines Arbeitslagers hindurch anfreunden, intensivst geweckt. Tatsächlich jedoch habe ich das Buch nie gelesen; den dazugehörigen Film, für dessen Drehbuch nebst Regie sich Mark Herman verantwortlich zeigt, erst kürzlich ansehen können.

Schon die ersten Bilder zeigen das, was den Film so besonders macht. Während zig themengleicher Filme rund um die Zeit des Nationalsozialismus existieren, widmet sich _„Der Junge im gestreiften Pyjama“_ hauptsächlich dem Aspekt, wie es den Kindern seinerzeit ergangen sein muss. Während die deutschen Kinder anfänglich noch durch die Straßen toben, lachend ihre Spiele spielen und herumalbern kommt der Zuschauer Dank der etlichen NS-Flaggen nicht um ein Gefühl der Ernsthaftigkeit herum.

In den DVD-Extras befinden sich u.a. herausgeschnittene Szenen, in denen mitunter zu sehen ist, wie die Kinder einen zufällig vorbeilaufenden Juden verspotten ~ meiner Meinung nach taten die Macher gut daran, jene Szene zu entfernen; eben weil dies zu der weiteren Unbekümmertheit Brunos nicht gepasst hätte. Dieser stellt bis zuletzt einen verträumten Jungen dar, an dem die Ereignisse beinahe völlig vorüberziehen, der den Ernst der Lage bis zum bitteren Ende und trotz gewisser Konfrontationen nicht begreifen kann oder gar nur will.

Generell plagen Gretel (Amber Beattie) und Bruno (Asa Butterfeld) als Kinder eines SS-Offiziers im Dritten Reich ganz andere Sorgen als der Holocaust an sich: ihr Vater (David Thewlis) wird dienstlich versetzt, die Familie verlässt somit die geliebte Heimat und lebt fortan in einem arg tristen, wenn auch geräumigen Haus. Bruno und Gretel werden völlig isoliert, haben keinerlei Kontakt zu anderen Kindern und erhalten überdies einen Hauslehrer, der für kindliche Gedanken kein Verständnis mehr hat.
Mutter Elses (Vera Farmiga) Einwand

_„Meine Meinung spielt hier keine Rolle“_

bringt es fortan auf den Punkt; wie sehr sie sich von ihrem Mann entfremdet, schockiert ist über die Taten, Ereignisse und Entwicklungen nicht zuletzt ihrer 11jährigen Tochter, die alle Puppen aus ihrem Zimmer verbannt um Platz für eine Art Hitler-Fan-Dekoration zu schaffen.

Insbesondere durch die absolut großartige Darstellerleistung eines jeden Einzelnen verspürt der Zuschauer hier von Anfang bis eine eine schier durchgehende Gänsehaut, die Dank vereinzelter tragisch-komischen Momente nur noch intensiver zu wirken weiß. Aus seinem Kinderzimmerfenster heraus kann Bruno ein KZ erspähen, welches er Dank seines Nicht-Wissens nicht zuordnen kann. Seine anschließende Fragestellung, ob er mit „den Kindern auf dem Bauernhof“ spielen darf, obschon diese _„irgendwie komisch“_ aussehen und den _„ganzen Tag Pyjamas“_ tragen ist zweifelsohne rührend ~ und zugleich grenzenlos emotional-brutal.

Getrieben von seiner Langeweile streift Bruno schließlich trotz Verbot durch das angrenzende Waldstück, bis er vor dem Zaun des Arbeitslagers zum Halten gezwungen ist. Hier wird er auf den ebenfalls 8jährigen Shmuel (Jack Scanlon) aufmerksam, fragt diesen rasch über die Vorgänge hinter dem Zaun aus und freundet sich fluchs mit diesem an. Dass diese Freundschaft nicht ungefährlich ist und geschichtsgemäß kaum gut enden kann, liegt auf der Hand...

~ Natürlich kann, wer will, anhand der Glaubwürdigkeit des Filmes einiges an Kritik äußern. Wie wahrscheinlich es sein mag, dass ein Arbeitslager tatsächlich optisch wie ein Bauernhof erscheinen kann; darüber hinaus dortig Kinder umherwuseln und nicht zuletzt insbesondere Bruno trotz der Tätigkeit seines Vaters nebst des Unterrichts seines Hauslehrers eine wahrlich lange Leitung haben muss... all dies erscheint ein wenig zweifelhaft; gleichermaßen jedoch sind dies Aspekte, die mich persönlich hier ganz und gar nicht störten.

_„Der Junge im gestreiften Pyjama“_ geht viel zu sehr unter die Haut, um sich mit solchen vermeintlichen Nebensächlichkeiten aufhalten zu wollen. Spätestens bei dem kindlichen Dialog

~ _„Aber darfst du denn nicht hier raus? Was hast du denn getan?“_
~ _„Ich bin Jude.“_

fühlt sich die Szenerie wie Schleifpapier auf dem Herzen an; insbesondere die Figur des kleinen Shmuel berührt den Zuschauer so sehr, dass dieser beinahe durchgehend heulen möchte.

Jedwede Figurentwicklung wie auch anfängliche Charakterisierung sticht deutlich zwischen den einzelnen Filmbildern hervor; Kälte ob der Veränderung Gretels und nicht zuletzt der zunehmenden Härte des Vaters tun ihr übriges, um eine absolut beunruhigende Atmosphäre zu erschaffen. Verkündete Weisheiten Marke

_„Solltest du jemals so etwas finden wie einen netten Juden, dann bist du der beste Forscher der Welt.“_

sind dergestalt, was Bruno mehr und mehr zu verunsichern beginnt, gleichzeitig ihn wie auch den Zuschauer fassungslos stimmt. Ein geschickt eingewobenes buchstäblich sagenhaftes Video über die Gestaltung der Arbeitslager untermauert den Umstand, wie sehr nicht nur Kind und Frau von der Realität ferngehalten wurden.

Die Sympathien des Filmguckers werden natürlich vorrangig auf die 8jährigen gelenkt, während Gretels eigentliche Liebenswürdigkeit trotz ihrer zunehmend rechten Gesinnung in einzelnen Szenen durchaus erkennbar gemacht wurde.
Die stete Erinnerung daran, dass es sich bei den Protagonisten um Kinder handelt, die durch die Erwachsenen in jene Richtung geformt wurden oder gar nur sollten, macht die Sachlage in einzelnen Szenen unabstreitbar komplizierter.

Einerseits entwickelt der Zuschauer eine Abneigung, ist schockiert und fassungslos zugleich, empfindet gewisse Szenerien als Verrat ~ andererseits wird er oft genug – und vor allem unaufdringlich – daran erinnert, dass es sich bei Gretel und Bruno wie gesagt um Kinder handelt, die nicht zuletzt um die Liebe und Anerkennung ihres Vaters bemüht sind.

_„Der Junge im gestreiften Pyjama“_ handelt somit nicht ausschließlich von einer weiteren „Nazi-Geschichte“, vielmehr geht es hier vorrangig um die brüchigen Familienkonstrukte während jener Zeit, das Zusammenbrechen an sich, die Isolation, verlorene Unschuld und zu guter Letzt der Wiederdurchbruch der Menschlichkeit.

===Summa summarum=== hat mich _„Der Junge im gestreiften Pyjama“_ derartig berührt, dass ich mir in diesem Fall das Ganze sogar nochmal mit eingeblendetem Audiokommentar ansah. Auf diese Weise erfährt man sehr interessante Dinge über die Entstehung des Filmes, wird darüber hinaus auf Details aufmerksam gemacht, die einem womöglich im Film selbst entgangen sind.

Der filmische Ausgang wurde meines Erachtens nach nahezu brillant gewählt ~ gerade durch die stattfindende Grausamkeit ist jene für alle Beteiligten oder gar „Seiten“ (endlich) spürbar; so dass man sich schlicht und ergreifend keinen anderen hätte wünschen dürfen.

Abschließend betrachtet habe ich lange Zeit keine DVD mehr gesehen, die sich derart verstörend-authentisch anfühlte. 90 Minuten, die unendlich anrührend, kindlich-süß und zugleich unendlich brutal und traurig gefüllt wurden ~ wer bereit ist, sich auf solcherlei einzulassen, und über kleinere inhaltliche Unmöglichkeiten hinwegzusehen, der erhält eine echte Perle inmitten der themenverwandten Massenproduktionen.

5 Sterne, eindringlich-empfindsame Empfehlung.

32 Bewertungen, 9 Kommentare

  • Langenberger

    04.11.2011, 12:05 Uhr von Langenberger
    Bewertung: besonders wertvoll

    hier mein Versprechen einlöse und BW nachreiche.

  • anonym

    15.09.2011, 03:27 Uhr von anonym
    Bewertung: besonders wertvoll

    Liebe Grüße und einen schönen Donnerstag

  • sirikit06

    29.08.2011, 22:11 Uhr von sirikit06
    Bewertung: sehr hilfreich

    Wünsche Dir einen schönen Abend! LG

  • goat

    29.08.2011, 00:44 Uhr von goat
    Bewertung: sehr hilfreich

    Danke für die tolle Vorstellung.

  • anonym

    28.08.2011, 15:30 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Prima vorgestellt. Über Gegenlesung würde ich mich sehr freuen. LG

  • Mondlicht1957

    28.08.2011, 13:28 Uhr von Mondlicht1957
    Bewertung: besonders wertvoll

    Sehr hilfreich und liebe Grüsse

  • Luna2010

    28.08.2011, 12:28 Uhr von Luna2010
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich hab bei dir so gut wie alles gelesen. Freue mich auch über Gegenlesungen!

  • tina08

    28.08.2011, 12:27 Uhr von tina08
    Bewertung: sehr hilfreich

    Viele Grüße ... Tina

  • atrachte

    28.08.2011, 11:55 Uhr von atrachte
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh. lg