Ich war Kind C (Taschenbuch) / Christopher Spry Testbericht
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Erfahrungsbericht von LilithIbi
Ich weiß nicht, warum sie mich mit dem Bleirohr schlug.
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Die meisten Kinder gehen zu ihrer Mutter, wenn sie verletzt werden. Aber was soll man tun, wenn die eigene Mutter die Ursache der Verletzung ist?
Nicht nur jene Frage ist es, die der Leser sich selbst stellen wird, sobald er mit der Lektüre von
==Ich war Kind C==
beginnt. Christopher Spry wurde aufgrund einer schweren Erkrankung und dem damit verbundenen monatelangen Krankenhausaufenthalt seiner leiblichen Mutter im Jahre 1992 in die Obhut von Eunice Spry gegeben, obschon diese in der Vergangenheit bereits aufgrund „unspezifischer Bedenken“ abgelehnt wurde.
Natürlich können auch solche Entscheide fehlerhaft sein; doch im weiteren Verlauf wird klar, dass mehr und mehr Bedenken gegenüber Eunice angezeigt wurden ~ doch erst etliche Jahre später, als Christophers Pflegeschwester den Schritt zur Polizei wagt, nehmen die körperlichen Züchtigungen ein Ende. Eunice wurde zu einer Gesamtstrafe von 14 Jahren Freiheitsentzug verurteilt.
Die gesamten 382 Seiten des autobiographischen Werks versuchen, Aufschluss darüber zu gehen, was in dem Hause Spry vor sich ging; welche Gründe die fünf Kinder hatten, sich lange Zeit nicht einmal zu wehren, welche Ängste und auch Hoffnungen sie durchmachten. Antworten nach dem Motiv der Mutter bzw. Pflegemutter gibt dieses Buch nicht, kann es nicht geben. Vermutlich kann nicht einmal Eunice selbst ihr Verhalten begründen.
==Die Umsetzung==
ist streckenweise harter Tobak, verstört, berührt und lässt den Leser fassungslos zurück. Vieles mag man sich nicht vorstellen könne, ist, um sich selbst zu beruhigen, gewillt, der Anschuldigung, die Christopher schließlich während der Gerichtsverhandlung an den Kopf geknallt wurde, ein bißchen Glauben zu schenken: dass er sich vieles ausgedacht habe, aus dem Buch „Sie nannten mich Es“ übernommen habe.
Doch man kann sich nichts vormachen ~ „Ich war Kind C“ überzeugt von einer absoluten Glaubwürdigkeit, vermittelt einen intensiven Einblick in Geschehnisse, die so oder so ähnlich hinter weiteren Häusermauern ablaufen.
Christopher beschränkt die Schilderung seiner Erlebnisse auf das, was er selbst auch wirklich miterlebt hat ~ so weist er an einer Stelle darauf hin, dass seine Pflegegeschwister sicherlich noch mehr erdulden mussten, als in diesem Buch bekannt gemacht wird, er jedoch bewusst darauf verzichtet, jenes allzu sehr in die Öffentlichkeit zu tragen. Sprich: er überlässt Lulu und Karen ihre eigene Wahl, ob sie sich noch intensiver bekannt machen (lassen) wollen, als es ohnehin schon erfolgt ist. Darüber hinaus hat er selbst nicht alles mitbekommen, was vor sich ging und will tunlichst vermeiden, ein völlig falsches Bild entstehen zu lassen.
Auch die Gerichtsverhandlung nimmt in der Veröffentlichung nur wenig Platz ein; und doch kommt es einem nicht so vor, als würde die Hauptthematik zu langgezogen sein. Hin und wieder geschieht es, dass in Erfahrungsberichten eine gewisse Langatmigkeit vorherrscht; dem ist hier keineswegs der Fall. „Ich war Kind C“ besticht vor allem durch die Besonderheit, in quasi-Zwischenkapiteln winzigen Aufschluss über das nachfolgende zu geben; so finden sich hin und wieder mitunter Stichpunktartige Aufstellungen wie jene auf S. 121:
„Liste der fünf schlimmsten Dinge, die mich meine böse Pflegemutter Eunice Spry zwang zu essen:
1. Bleiche
Spülmittel
Scheiße
Das Düngemittel TCP
Schweineschmalz
(Zitat, S. 121)
~ An dieser Stelle muss ich gestehen, dass mir die Worte „meine böse Pflegemutter“ irgendwie quer kamen, da sie so aufgesetzt wirken. Nicht, das mich jemand falsch versteht: ich halte Eunice nicht für eine gute Pflegemutter, keineswegs; und doch erscheint es so, als ob Christopher sich mittels dieser Beschreibung selbst von jenem Adjektiv zu überzeugen versucht.
Wer das Gesamtwerk gelesen hat, ahnt, warum: trotz allem, was Eunice ihren Pflegekindern antat (ihre zwei eigenen behandelte sie völlig anders), so hingen diese an ihr. Lange Zeit wussten sie nicht, dass es in der Tat „falsch“ war, dass sie so oft geschlagen, ausgehungert und auch psychisch misshandelt wurden. Sie kannten es ja nicht anders; lasteten sich zudem oft die „Ursache – Wirkung“ Schuld auf. Wer etwas falsches getan hatte, der wurde bestraft, so einfach waren die Regeln in dem Haus. Dass in anderen Haushalten Kinder nicht ans Auto gebunden wurden, um sie über den Acker zu schleifen; nicht mit Stöcken auf die Fußsohlen geschlagen wurden, nachts nicht das Haus putzen mussten konnten sie nicht wissen ~ sie hatten ja keinen Kontakt zu anderen.
„Ich war Kind C“ schockt nicht nur durch die sadistischen Quälereien seitens Eunice; vielmehr noch offenbart es, wie leicht es jener gemacht wurde. Oft wechselte die Familie den Wohnort, Termine des Jugendamtes wurden verschoben, die Kinder aus der Schule genommen und (angeblich) zu hause unterrichtet, während des Urlaubes in Florida rührte Eunice weder Christopher, Karen noch Lulu an.
Ohnehin dürfte der ein oder andere stutzig werden, dass die Familie tatsächlich einen mehrwöchigen Urlaub in Florida verbrachte; man geht irgendwie immer davon aus, dass dort, wo Kinder derartig misshandelt werden, kaum Freude vorherrschen könnte. Und doch gibt es diese Wechselbäder innerhalb der Familie Spry ~ immer wieder keimt Hoffnung auf, dass sich etwas ändern würde; und immer wieder wurde diese Hoffnung zerstört.
Zwar besann sich Eunice hin und wieder für ein paar Tage, kehrte dann jedoch rasch zur alten Manier zurück. Warum sie irgendwann „nur noch“ Ohrfeigen verteilte, wird ebenso ihr Geheimnis bleiben. Es fällt schwer, zu glauben, dass das Bewusstsein, ihre Pflegekinder fast umgebracht zu haben, tatsächlich ausgebremst haben mag. Der Umstand, dass Karen schlussendlich im Rollstuhl saß, hielt sie schließlich auch nicht davon ab, auf jene loszugehen.
==Summa summarum==
lässt sich zu dem Buch an für sich nicht viel weiteres sagen, als das es sich hier um einen weiteren Offenbarungsbericht handelt, welches bezüglich der Intensität mit „Monika B.“ oder „Ein falscher Traum von Liebe“ vergleichbar sein dürfte.
Somit eignet sich „Ich war Kind C“ sicherlich nicht für zartbeseitete Leser oder jene, die solche Erlebnisse lediglich in erfundener Form ertragen können. Ständig im Hinterkopf habend, dass all das tatsächlich passiert ist, lastet schwerer auf der Seele als man sich vielleicht im ersten Interessensmoment eingestehen konnte.
Der Autor selbst beschreibt seine Erinnerungen so explizit, schonungslos und lebendig dass man oft den Hauch einer Ahnung bekommt, welch vermeintliches „Glück“ es eigentlich schon für Christopher war, dass er im Grunde gar nichts anderes kannte. Klingt übel, in der Tat, doch Karen, der bewusst war, dass es in anderen Familien völlig anders sein konnte, wird dieses Wissen zum psychischen Verhängnis geworden sein.
„Ich war Kind C“ umfasst mehrere Passagen, die der Leser vermutlich nie wieder völlig vergessen kann; darunter zweifelsfrei das nachfolgende:
„Es schmeckt ekelhaft, aber ich zwinge mich, es nicht wieder auszuspucken. Sie schaut mir gebannt zu, wie ich meine eigenen Exkremente esse. Sie ist zufrieden. Es ist meine gerechte Strafe. Icdh habe das Zimmer schmutzig gemacht.“
_(Zitat, S. 112)
Nicht nur jene Frage ist es, die der Leser sich selbst stellen wird, sobald er mit der Lektüre von
==Ich war Kind C==
beginnt. Christopher Spry wurde aufgrund einer schweren Erkrankung und dem damit verbundenen monatelangen Krankenhausaufenthalt seiner leiblichen Mutter im Jahre 1992 in die Obhut von Eunice Spry gegeben, obschon diese in der Vergangenheit bereits aufgrund „unspezifischer Bedenken“ abgelehnt wurde.
Natürlich können auch solche Entscheide fehlerhaft sein; doch im weiteren Verlauf wird klar, dass mehr und mehr Bedenken gegenüber Eunice angezeigt wurden ~ doch erst etliche Jahre später, als Christophers Pflegeschwester den Schritt zur Polizei wagt, nehmen die körperlichen Züchtigungen ein Ende. Eunice wurde zu einer Gesamtstrafe von 14 Jahren Freiheitsentzug verurteilt.
Die gesamten 382 Seiten des autobiographischen Werks versuchen, Aufschluss darüber zu gehen, was in dem Hause Spry vor sich ging; welche Gründe die fünf Kinder hatten, sich lange Zeit nicht einmal zu wehren, welche Ängste und auch Hoffnungen sie durchmachten. Antworten nach dem Motiv der Mutter bzw. Pflegemutter gibt dieses Buch nicht, kann es nicht geben. Vermutlich kann nicht einmal Eunice selbst ihr Verhalten begründen.
==Die Umsetzung==
ist streckenweise harter Tobak, verstört, berührt und lässt den Leser fassungslos zurück. Vieles mag man sich nicht vorstellen könne, ist, um sich selbst zu beruhigen, gewillt, der Anschuldigung, die Christopher schließlich während der Gerichtsverhandlung an den Kopf geknallt wurde, ein bißchen Glauben zu schenken: dass er sich vieles ausgedacht habe, aus dem Buch „Sie nannten mich Es“ übernommen habe.
Doch man kann sich nichts vormachen ~ „Ich war Kind C“ überzeugt von einer absoluten Glaubwürdigkeit, vermittelt einen intensiven Einblick in Geschehnisse, die so oder so ähnlich hinter weiteren Häusermauern ablaufen.
Christopher beschränkt die Schilderung seiner Erlebnisse auf das, was er selbst auch wirklich miterlebt hat ~ so weist er an einer Stelle darauf hin, dass seine Pflegegeschwister sicherlich noch mehr erdulden mussten, als in diesem Buch bekannt gemacht wird, er jedoch bewusst darauf verzichtet, jenes allzu sehr in die Öffentlichkeit zu tragen. Sprich: er überlässt Lulu und Karen ihre eigene Wahl, ob sie sich noch intensiver bekannt machen (lassen) wollen, als es ohnehin schon erfolgt ist. Darüber hinaus hat er selbst nicht alles mitbekommen, was vor sich ging und will tunlichst vermeiden, ein völlig falsches Bild entstehen zu lassen.
Auch die Gerichtsverhandlung nimmt in der Veröffentlichung nur wenig Platz ein; und doch kommt es einem nicht so vor, als würde die Hauptthematik zu langgezogen sein. Hin und wieder geschieht es, dass in Erfahrungsberichten eine gewisse Langatmigkeit vorherrscht; dem ist hier keineswegs der Fall. „Ich war Kind C“ besticht vor allem durch die Besonderheit, in quasi-Zwischenkapiteln winzigen Aufschluss über das nachfolgende zu geben; so finden sich hin und wieder mitunter Stichpunktartige Aufstellungen wie jene auf S. 121:
„Liste der fünf schlimmsten Dinge, die mich meine böse Pflegemutter Eunice Spry zwang zu essen:
1. Bleiche
Spülmittel
Scheiße
Das Düngemittel TCP
Schweineschmalz
(Zitat, S. 121)
~ An dieser Stelle muss ich gestehen, dass mir die Worte „meine böse Pflegemutter“ irgendwie quer kamen, da sie so aufgesetzt wirken. Nicht, das mich jemand falsch versteht: ich halte Eunice nicht für eine gute Pflegemutter, keineswegs; und doch erscheint es so, als ob Christopher sich mittels dieser Beschreibung selbst von jenem Adjektiv zu überzeugen versucht.
Wer das Gesamtwerk gelesen hat, ahnt, warum: trotz allem, was Eunice ihren Pflegekindern antat (ihre zwei eigenen behandelte sie völlig anders), so hingen diese an ihr. Lange Zeit wussten sie nicht, dass es in der Tat „falsch“ war, dass sie so oft geschlagen, ausgehungert und auch psychisch misshandelt wurden. Sie kannten es ja nicht anders; lasteten sich zudem oft die „Ursache – Wirkung“ Schuld auf. Wer etwas falsches getan hatte, der wurde bestraft, so einfach waren die Regeln in dem Haus. Dass in anderen Haushalten Kinder nicht ans Auto gebunden wurden, um sie über den Acker zu schleifen; nicht mit Stöcken auf die Fußsohlen geschlagen wurden, nachts nicht das Haus putzen mussten konnten sie nicht wissen ~ sie hatten ja keinen Kontakt zu anderen.
„Ich war Kind C“ schockt nicht nur durch die sadistischen Quälereien seitens Eunice; vielmehr noch offenbart es, wie leicht es jener gemacht wurde. Oft wechselte die Familie den Wohnort, Termine des Jugendamtes wurden verschoben, die Kinder aus der Schule genommen und (angeblich) zu hause unterrichtet, während des Urlaubes in Florida rührte Eunice weder Christopher, Karen noch Lulu an.
Ohnehin dürfte der ein oder andere stutzig werden, dass die Familie tatsächlich einen mehrwöchigen Urlaub in Florida verbrachte; man geht irgendwie immer davon aus, dass dort, wo Kinder derartig misshandelt werden, kaum Freude vorherrschen könnte. Und doch gibt es diese Wechselbäder innerhalb der Familie Spry ~ immer wieder keimt Hoffnung auf, dass sich etwas ändern würde; und immer wieder wurde diese Hoffnung zerstört.
Zwar besann sich Eunice hin und wieder für ein paar Tage, kehrte dann jedoch rasch zur alten Manier zurück. Warum sie irgendwann „nur noch“ Ohrfeigen verteilte, wird ebenso ihr Geheimnis bleiben. Es fällt schwer, zu glauben, dass das Bewusstsein, ihre Pflegekinder fast umgebracht zu haben, tatsächlich ausgebremst haben mag. Der Umstand, dass Karen schlussendlich im Rollstuhl saß, hielt sie schließlich auch nicht davon ab, auf jene loszugehen.
==Summa summarum==
lässt sich zu dem Buch an für sich nicht viel weiteres sagen, als das es sich hier um einen weiteren Offenbarungsbericht handelt, welches bezüglich der Intensität mit „Monika B.“ oder „Ein falscher Traum von Liebe“ vergleichbar sein dürfte.
Somit eignet sich „Ich war Kind C“ sicherlich nicht für zartbeseitete Leser oder jene, die solche Erlebnisse lediglich in erfundener Form ertragen können. Ständig im Hinterkopf habend, dass all das tatsächlich passiert ist, lastet schwerer auf der Seele als man sich vielleicht im ersten Interessensmoment eingestehen konnte.
Der Autor selbst beschreibt seine Erinnerungen so explizit, schonungslos und lebendig dass man oft den Hauch einer Ahnung bekommt, welch vermeintliches „Glück“ es eigentlich schon für Christopher war, dass er im Grunde gar nichts anderes kannte. Klingt übel, in der Tat, doch Karen, der bewusst war, dass es in anderen Familien völlig anders sein konnte, wird dieses Wissen zum psychischen Verhängnis geworden sein.
„Ich war Kind C“ umfasst mehrere Passagen, die der Leser vermutlich nie wieder völlig vergessen kann; darunter zweifelsfrei das nachfolgende:
„Es schmeckt ekelhaft, aber ich zwinge mich, es nicht wieder auszuspucken. Sie schaut mir gebannt zu, wie ich meine eigenen Exkremente esse. Sie ist zufrieden. Es ist meine gerechte Strafe. Icdh habe das Zimmer schmutzig gemacht.“
_(Zitat, S. 112)
23 Bewertungen, 3 Kommentare
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19.02.2010, 19:31 Uhr von sigrid9979
Bewertung: sehr hilfreichGuter Bericht...Lg Sigi
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19.02.2010, 17:50 Uhr von Miraculix1967
Bewertung: sehr hilfreichSchönes Wochenende und LG aus dem gallischen Dorf Miraculix1967
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19.02.2010, 12:35 Uhr von cleo1
Bewertung: sehr hilfreichSchöner Testbericht. Freue mich immer über Gegenlesungen. LG cleo1
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