Wahnsinn (Taschenbuch) / Jack Ketchum Testbericht
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Auf yopi.de gelistet seit 12/2009
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Summe aller Bewertungen
- Niveau:
- Unterhaltungswert:
- Spannung:
- Humor:
- Stil:
Erfahrungsbericht von LilithIbi
Auf verlorenem Posten dem System gegenüber
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Manche Autoren schafften es mittels ihrer Veröffentlichungen, mich derartig in ihren Bann zu ziehen, dass ich ohne mich vorher weiter mit der jeweiligen Thematik zu beschäftigen, fast einen jeden weiteren Roman aus dessen Feder zu horten versuche. Dies gilt nicht nur für Dirk Bernemann, Andreas Kurz, Dean Koontz sowie Stewart O'Nan, sondern seit einiger Zeit ebenso für Jack Ketchum, der zwischenzeitlichen regelrechten Kult-Status genießt und genau aus eben diesem Grund andere zum Nase-rümpfen zwingt.
Darüber hinaus schlägt mir Amazon immer die tollkühnsten Kauf-Empfehlungen vor, darunter fand ich vor einiger Zeit den Roman
==WAHNSINN==
vor; geschrieben von Dallay Mayr; sprich: Jack Ketchum.
Der Klappentext gestaltet sich hier zwar nicht ganz so irreführend wie sonstig, dürfte jedoch die meisten potentiellen Leser in eine falsche Annahme drängen. Gerade die, die Ketchums „Beutegier“, „Beutegier“ oder gar „Evil“ kennen, rechnen vermutlich mit einem Racheakt der brutalsten Sorte.
Vielmehr jedoch dreht sich der Roman um eine Sorgerechtsfrage, genauer gesagt: darum, ob es möglich sein kann, dass ein Vater, der seine Frau schlug sowie seinen Sohn sexuell missbrauchte, mehr Besuchsrechte als die misshandelte Mutter zugeteilt bekommt.
Lydia und Arthur waren noch nicht lange verheiratet, als ihr Sohn Robert geboren wurde. Schon vor derssen Geburt hatte das Paar gewisse Probleme, doch erst als Arthur seine Frau mehr und mehr gegen ihren Willen zu sadistischen Sexspielen zwingt, reicht sie die Scheidung ein.
Dagegen, dass Arthur den gemeinsamen Sohn hin und wieder besucht, hat sie lange nichts einzuwenden, wundert sich jedoch mehr und mehr über Roberts Rückschritte; sein wieder-einnässen, seine Alpträume, seine abenteuerliche Art, sich abends nackt auf dem Bett zusammenzukauern und ihr den Po entgegenzuhalten, als würde er etwas erwarten....
==Die Umsetzung==
gestaltet den Roman hier und dort etwas voraussehbar; mir persönlich kommt es doch fast etwas zu übertrieben vor, dass Lydia die – meiner Ansicht nach – deutlichen Anzeichen des Missbrauchs nicht erkennt. Gerade in dem Zusammenhang, dass Arthur beinahe ausschließlich Analverkehr praktizieren wollte, hätten bei ihr um einiges früher die Alarmglocken läuten müssen; eben weil sie schlussendlich selbst erkennt, dass Robert genau die selbe Position einnimmt, wie sie es stetig zu tun hatte,
Darüber hinaus konnte ich mich zu Beginn des 352 Seiten umfassenden Werkes nur schwerlich mit den Zeitsprüngen anfreunden; ein Umstand, an dem man sich jedoch rasch gewöhnt und der im weiteren Buchverlauf auch immer weniger Anwendung findet.
Trotz des vorgenannten schaffte der Autor auch hier es, mich absolut in den von ihm kreierten spannungsgeladenen Bann zu ziehen. Wie in allen seinen mir bis dato bekannten Büchern las ich auch diesen Roman in einem Durchgang; es fällt schwer, sich eine Unterbrechung zu erlauben: viel zu fassungslos starrt man auf jene Zeilen, die so unglaublich sind, dass sie nur wahr sein können.
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: „Wahnsinn“ ist eine völlig frei erfundene Geschichte, und doch ist diese derartig lebensnah, dass es dem Leser hin und wieder schlecht wird.
Es geht nicht darum, möglichst detailgetreu wiederzugeben, welche Art von Folter in der kleinen Familie stattgefunden hat ~ und doch nimmt Ketchum keinerlei Blatt vor den Mund. Er spricht an, was angesprochen werden muss, gibt schonungslos und unverschleiert wieder, was sich hier und dort in der Szenerie abspielte, ohne jedoch den altbekannten Fehler zu machen, sein Werk möglichst durch abstoßende Schilderungen pushen zu wollen.
„Wahnsinn“ offenbart sich vielmehr genau zwischen den Zeilen, wie beispielsweise in den nachfolgenden:
„Er fuhr fast quälend langsam über ihre Brüste. „...und hier“. _Die Peitsche strich über ihr Schamhaar. Mein Gott, dachte er wirklich daran, die Peitsche _an dieser Stelle zu benutzen.
Unmöglich. Das war Wahnsinn. „Arthur...“ „Warte, hör mir zu. Das Spiel geht so: Ich berühre dich an einer Stelle, genauso wie gerade eben. Dann nenne ich dir eine meiner Waffen und du sagst mir das dazugehörige Kaliber. Wenn du richtig antwortest, werde ich die Peitsche an der zugehörigen Stelle nicht benutzen. Wenn du knapp daneben liegst, benutze ich sie, aber nur leicht. Wenn du falsch antwortest – ein bisschen fester.“ „Nein, Arthur, nein. Unmöglich.“ „Du kannst nichts dagegen machen, Liddy.“ „Arthur, das ist nicht lustig.“ „Liddy, du kannst nichts machen.““
_(ZITAT; S. 85)
~ Die „Heyne Hardcore-Reihe“, unter der dieses Buch erschien, ist mehr oder minder berühmt dafür, als „krass“ geltende Werke zu publizieren. Auch wenn „Wahnsinn“ vorrangig das widerspiegelt, was so als „Rechtssystem“ vonstatten geht, so bildet der Roman doch einen heftigen Unterschied zu den Werken, die sich sonst um solche Themen drehen und eher in die Drama-Ecke rutschen.
Zwar ist „Wahnsinn“ zweifelsohne ebenso dramatisch, jedoch vorrangig verstörend, aufschreckend und ernüchternd. Wer erwartet, aus dieser Lektüre mit einem „gute Nacht Gefühl“ herauszugehen, der wird bitter enttäuscht werden.
==Summa summarum==
konnte ich mir gewisse Entwicklungen zwar bereits denken; darüber hinaus wirkt die eingebaute Geschichte rund um einen Frauenmörder anfänglich etwas zu nebenspurig...doch insgesamt betrachtet kann ich nur sagen, dass Jack Ketchum mich mit seinem neusten Werk alles andere als enttäuscht hat; vielmehr wurden meine Erwartungen noch um einiges Übertroffen.
Der Knackpunkt der ganzen Story ist zweifelsohne der, dass die Gesetze, Gerichte, Anwälte wie Polizeibeamten ~ _das ganze System Lydia und ihren Sohn im Stich gelassen haben, indem sie sich genau an jenes System hielten. Lydia fällt nicht nur durch ein Raster, sondern wird obendrein quasi noch dafür bestraft, dass sie ihren Sohn vor den Übergriffen seines Vaters retten wollte.
Hier und dort erinnert die Entwicklung vereinzelt an „Red“, eben auch in seiner Befremdlichkeit, und doch weiß man, insbesondere auf der letzten Seite, dass alles genauso sein musste, um die erzielte Stimmung zu erzeugen.
Jack Ketchum verfügt über einen eindrucksvollen Schreibstil, den er absolut zu gebrauchen weiß ~ ohne zu sprunghaft zu wirken, gibt er an den genau richtigen Stellen Einblicke in die Gedanken- wie Gefühlswelt der einzelnen Charaktere preis; schlussendlich wirkt nicht mehr zusammengeschustert oder gar weit hergeholt ~ vor allem spricht „Wahnsinn“ mich umso mehr an, eben weil man nach Beendigung der Lektüre mit der Frage zurückgelassen wird, was man selbst an Lydias Stelle getan hätte; weil das Buch Anklage wie auch Warnung zugleich ist.
Warnung davor, nicht völlig auf das zu hören, was einem schlussendlich das Genick brechen kann ~ die herrschenden Gesetze, in ihrer gesamten Bandbreite der Lächerlichkeit.
Darüber hinaus schlägt mir Amazon immer die tollkühnsten Kauf-Empfehlungen vor, darunter fand ich vor einiger Zeit den Roman
==WAHNSINN==
vor; geschrieben von Dallay Mayr; sprich: Jack Ketchum.
Der Klappentext gestaltet sich hier zwar nicht ganz so irreführend wie sonstig, dürfte jedoch die meisten potentiellen Leser in eine falsche Annahme drängen. Gerade die, die Ketchums „Beutegier“, „Beutegier“ oder gar „Evil“ kennen, rechnen vermutlich mit einem Racheakt der brutalsten Sorte.
Vielmehr jedoch dreht sich der Roman um eine Sorgerechtsfrage, genauer gesagt: darum, ob es möglich sein kann, dass ein Vater, der seine Frau schlug sowie seinen Sohn sexuell missbrauchte, mehr Besuchsrechte als die misshandelte Mutter zugeteilt bekommt.
Lydia und Arthur waren noch nicht lange verheiratet, als ihr Sohn Robert geboren wurde. Schon vor derssen Geburt hatte das Paar gewisse Probleme, doch erst als Arthur seine Frau mehr und mehr gegen ihren Willen zu sadistischen Sexspielen zwingt, reicht sie die Scheidung ein.
Dagegen, dass Arthur den gemeinsamen Sohn hin und wieder besucht, hat sie lange nichts einzuwenden, wundert sich jedoch mehr und mehr über Roberts Rückschritte; sein wieder-einnässen, seine Alpträume, seine abenteuerliche Art, sich abends nackt auf dem Bett zusammenzukauern und ihr den Po entgegenzuhalten, als würde er etwas erwarten....
==Die Umsetzung==
gestaltet den Roman hier und dort etwas voraussehbar; mir persönlich kommt es doch fast etwas zu übertrieben vor, dass Lydia die – meiner Ansicht nach – deutlichen Anzeichen des Missbrauchs nicht erkennt. Gerade in dem Zusammenhang, dass Arthur beinahe ausschließlich Analverkehr praktizieren wollte, hätten bei ihr um einiges früher die Alarmglocken läuten müssen; eben weil sie schlussendlich selbst erkennt, dass Robert genau die selbe Position einnimmt, wie sie es stetig zu tun hatte,
Darüber hinaus konnte ich mich zu Beginn des 352 Seiten umfassenden Werkes nur schwerlich mit den Zeitsprüngen anfreunden; ein Umstand, an dem man sich jedoch rasch gewöhnt und der im weiteren Buchverlauf auch immer weniger Anwendung findet.
Trotz des vorgenannten schaffte der Autor auch hier es, mich absolut in den von ihm kreierten spannungsgeladenen Bann zu ziehen. Wie in allen seinen mir bis dato bekannten Büchern las ich auch diesen Roman in einem Durchgang; es fällt schwer, sich eine Unterbrechung zu erlauben: viel zu fassungslos starrt man auf jene Zeilen, die so unglaublich sind, dass sie nur wahr sein können.
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: „Wahnsinn“ ist eine völlig frei erfundene Geschichte, und doch ist diese derartig lebensnah, dass es dem Leser hin und wieder schlecht wird.
Es geht nicht darum, möglichst detailgetreu wiederzugeben, welche Art von Folter in der kleinen Familie stattgefunden hat ~ und doch nimmt Ketchum keinerlei Blatt vor den Mund. Er spricht an, was angesprochen werden muss, gibt schonungslos und unverschleiert wieder, was sich hier und dort in der Szenerie abspielte, ohne jedoch den altbekannten Fehler zu machen, sein Werk möglichst durch abstoßende Schilderungen pushen zu wollen.
„Wahnsinn“ offenbart sich vielmehr genau zwischen den Zeilen, wie beispielsweise in den nachfolgenden:
„Er fuhr fast quälend langsam über ihre Brüste. „...und hier“. _Die Peitsche strich über ihr Schamhaar. Mein Gott, dachte er wirklich daran, die Peitsche _an dieser Stelle zu benutzen.
Unmöglich. Das war Wahnsinn. „Arthur...“ „Warte, hör mir zu. Das Spiel geht so: Ich berühre dich an einer Stelle, genauso wie gerade eben. Dann nenne ich dir eine meiner Waffen und du sagst mir das dazugehörige Kaliber. Wenn du richtig antwortest, werde ich die Peitsche an der zugehörigen Stelle nicht benutzen. Wenn du knapp daneben liegst, benutze ich sie, aber nur leicht. Wenn du falsch antwortest – ein bisschen fester.“ „Nein, Arthur, nein. Unmöglich.“ „Du kannst nichts dagegen machen, Liddy.“ „Arthur, das ist nicht lustig.“ „Liddy, du kannst nichts machen.““
_(ZITAT; S. 85)
~ Die „Heyne Hardcore-Reihe“, unter der dieses Buch erschien, ist mehr oder minder berühmt dafür, als „krass“ geltende Werke zu publizieren. Auch wenn „Wahnsinn“ vorrangig das widerspiegelt, was so als „Rechtssystem“ vonstatten geht, so bildet der Roman doch einen heftigen Unterschied zu den Werken, die sich sonst um solche Themen drehen und eher in die Drama-Ecke rutschen.
Zwar ist „Wahnsinn“ zweifelsohne ebenso dramatisch, jedoch vorrangig verstörend, aufschreckend und ernüchternd. Wer erwartet, aus dieser Lektüre mit einem „gute Nacht Gefühl“ herauszugehen, der wird bitter enttäuscht werden.
==Summa summarum==
konnte ich mir gewisse Entwicklungen zwar bereits denken; darüber hinaus wirkt die eingebaute Geschichte rund um einen Frauenmörder anfänglich etwas zu nebenspurig...doch insgesamt betrachtet kann ich nur sagen, dass Jack Ketchum mich mit seinem neusten Werk alles andere als enttäuscht hat; vielmehr wurden meine Erwartungen noch um einiges Übertroffen.
Der Knackpunkt der ganzen Story ist zweifelsohne der, dass die Gesetze, Gerichte, Anwälte wie Polizeibeamten ~ _das ganze System Lydia und ihren Sohn im Stich gelassen haben, indem sie sich genau an jenes System hielten. Lydia fällt nicht nur durch ein Raster, sondern wird obendrein quasi noch dafür bestraft, dass sie ihren Sohn vor den Übergriffen seines Vaters retten wollte.
Hier und dort erinnert die Entwicklung vereinzelt an „Red“, eben auch in seiner Befremdlichkeit, und doch weiß man, insbesondere auf der letzten Seite, dass alles genauso sein musste, um die erzielte Stimmung zu erzeugen.
Jack Ketchum verfügt über einen eindrucksvollen Schreibstil, den er absolut zu gebrauchen weiß ~ ohne zu sprunghaft zu wirken, gibt er an den genau richtigen Stellen Einblicke in die Gedanken- wie Gefühlswelt der einzelnen Charaktere preis; schlussendlich wirkt nicht mehr zusammengeschustert oder gar weit hergeholt ~ vor allem spricht „Wahnsinn“ mich umso mehr an, eben weil man nach Beendigung der Lektüre mit der Frage zurückgelassen wird, was man selbst an Lydias Stelle getan hätte; weil das Buch Anklage wie auch Warnung zugleich ist.
Warnung davor, nicht völlig auf das zu hören, was einem schlussendlich das Genick brechen kann ~ die herrschenden Gesetze, in ihrer gesamten Bandbreite der Lächerlichkeit.
31 Bewertungen, 5 Kommentare
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12.01.2010, 16:42 Uhr von MasterSirTobi
Bewertung: sehr hilfreichEin sehr hilfreicher Bericht! LG MST
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10.01.2010, 07:10 Uhr von bettie47
Bewertung: sehr hilfreichKlasse ! Grüße von Bettie47
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09.01.2010, 21:26 Uhr von hjid55
Bewertung: sehr hilfreichSehr hilfreich und liebe Grüße Sarah
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09.01.2010, 20:12 Uhr von Nina1805
Bewertung: sehr hilfreichSH und noch einen schönen Abend! LG!
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09.01.2010, 19:34 Uhr von Mondlicht1957
Bewertung: sehr hilfreichSehr hilfreich und liebe Grüsse
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