Das weiße Band (DVD) Testbericht

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Erfahrungsbericht von LilithIbi

Ich weiß nicht, was trauriger ist ~ Euer forbleiben oder Euer wiederkommen

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Vereinzelt gibt es Filme, die sich eigentlich gar nicht mit anderen vergleichen lassen. Man selbst weiß nicht, wie man sie „bewerten“ soll, eben weil es Fakt ist, dass weder Action, Spannung noch Dramatik spürbar ist.... weil das ganze eher „Hintenrum“ abläuft und sich vor allem der Eindruck auftut, als hätte man mit der Veröffentlichung nicht viel anfangen können, sofern man nicht vorab zig Informationen rund um Absicht und gewollte Aussage gesammelt oder zumindest am Rande mitbekommen.

Kombiniert man solcherlei darüber hinaus dann noch mit dem Regisseur Michael Haneke, so ist man als Zuschauer eventuell komplett verwirrt in seinem Wertungsvermögen ~ wer Filme wie „Funny games U.S.“ gesehen hat, der weiß, wovon ich rede. Nicht zuletzt lässt sich der Mensch viel zu oft vorab einimpfen, ob er hier ein Meisterwerk oder eher ein zähes schwarz/weiß-Filmchen präsentiert bekommt ~ wer an dieser meinigen Unterstellung zweifelt, der solle sich mal aufrichtig fragen, wie er Alfred Hitchcocks „Psycho“ gefunden hätte, hätte der Macher Richard Lebkuchen gehießen.

==Das weiße Band==

ist so ein Produkt. Schon lange vor der DVD Veröffentlichung mit Lob und Preisen überschüttet, wurde vor allem auf die Aussagekraft bzw. die „Auflösung“ der darin enthaltenen Geschehnisse bzw. Verbrechen aufgedröselt.
Im Grunde geht es, gestreckt auf 138 Minuten übrigens, um die Ereignisse im protestantischen Dorf im Norden Deutschlands, 1913/1914. Der Zuschauer nimmt Teil an einer Art Querschnitt durch diverse Familien(mitglieder); die allesamt mehr und mehr davon beunruhigt werden, dass sich vereinzelte „Unfälle“ ereignen. Anfänglich stürzt das Pferd des dörflichen Arztes (Rainer Bock) so unglücklich über ein gespanntes Seil, dass der Reiter sich mehrere Knochen bricht. Was den Eindruck eines albernen Kinderstreiches macht, gewinnt bald schon den Charakter einer absichtlichen Bestrafung: das Feld der strengen Baronin wird verwüstet, zwei Kinder grausam misshandelt... die Missstimmung im Dorf nimmt zu; doch scheinbar erkennt lediglich der junge Lehrer (Christian Friedel), dass stetig die älteren Kinder es sind, die sich nach dem Befinden der Betroffenen erkundigen.

==Die Umsetzung==

ist ehrlich gesagt noch unspektakulärer als man hier ahnen könnte. Man mag geteilter Meinung sein, ob die wie auch in „Funny games“ fehlende Filmmusik dazu beiträgt, die Bilder als realistischer zu empfinden oder aber vielmehr die Dahinplätscherei unterstreicht.

Generell und überhaupt handelt es sich bei „Das weiße Band“ um einen anspruchsvollen Film, der vor allem davon lebt, dass der Zuschauer einiges an Denkarbeit leistet. Nicht, dass der Inhalt so kompliziert wäre; vielmehr gilt es, mitunter aus einzelnen Nebensätzen sogar, selbst ein paar Schlüsse und Zusammenhänge zu ziehen, in diversen Situationen zu erahnen, was es damit eigentlich so genau auf sich hat und wie „kalt“, „berechnend“ und „brutal“ das zwischenmenschliche eigentlich vereinzelt ist. Stetig im Hinterkopf behaltend, zu welcher (arg religiösen) Zeit sich das Ganze abspielt, bekommen manche Szenerien ein völlig anderes Gewicht, als es heutzutage der Fall sein würde. „Das weiße Band“ setzt somit absolut voraus, sich als Zuschauer auf eine Welt mitsamt noch anderer Werte und (mitunter Erziehungs-) Regeln einzulassen, als es heutzutage der Fall ist.
Gleichermaßen erfolgen zuhauf interpersonelle Akte, die weder damals noch heute „in Ordnung“ waren, die dem Zuschauer vereinzelt erstarren und den Atem anhalten lassen.

~ Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des 31jährigen Lehrers, der sich in das 17jährige Hausmädchen Eva (Leonie Benesch) verliebt und von deren Vater (Detlev Buck) als regelrechte „Notlösung“ angesehen wird. Darüber hinaus wechseln sich die Betrachtungswinkel für den Zuschauer trotzdem dahingehend, dass man selbst „mehr“ erfährt als es der Lehrer eigentlich könnte. Ein wenig widerspricht sich diese Betrachtungsweise zwar, doch als „störend“ übt sich dies keineswegs aus.

Vielmehr würde man sich vereinzelt fast schon wünschen, dass der immer wiederkehrende Erzählmonolog hin und wieder etwas „runder“ wäre; ich persönlich muss zu meinen Teil und meiner damit verbundenen Schande gestehen, dass es eine Sarg-Szene gibt, bei der mir immer noch nicht klar ist, wer da nun eigentlich gestorben ist.
Das Besondere an Hanekes Werk ist erneut der Usus, Kameraeinstellungen aufs eindringlichste auszunutzen. Vergleichbar mit dem Film „Hunger“ finden auch hier Momente statt, in denen der Zuschauer nichts anderes als eine Großaufnahme eines Gesichtsausdruckes dargeboten bekommt; jede Gefühlsregung wird so eindringlicher repräsentiert, als es mittels Geschrei und untermalenden Musik hätte der Fall sein können.

Die Darsteller selbst bleiben nahezu allesamt recht blass, was sich nicht der schwarz-weiß Umsetzung zuschreiben lässt. Überzeugen tun die einzelnen Charaktere durchaus, doch wirklich sympathisch ist einzig und allein die Figur der Eva; ebenso irgendwo der Lehrer auf seine bemühte, aber leicht trottelige, unbeholfene und unscheinbare Art. Meinen absoluter Liebling jedoch stellt der neben den Kleinkindern wohl jüngste Knabe in dem Film dar ~ jener wäre von mir direkt adoptiert worden; in Szenen, in denen er absolut verschüchtert seinen „Herrn Vater“ zu sprechen wünscht, hätte ich ihn einfach aus dem TV-Bildschirm pflücken und inmitten einer Shetlandpony-Wiese drapieren können.

Für mich persönlich ist es schon lange nicht mehr sonderlich verwunderlich, wenn ich mir so gut wie keinen Namen der Protagonisten merken kann ~ in „Das weiße Band“ habe ich hingegen meinen persönlichen Rekord erreicht: nichtmal beim ansehen selbst hätte ich mit Sicherheit sagen können, wer überhaupt in welche Familie gehört; von dem schnöselig angezogenen Baron-Sohn mal abgesehen. Glücklicherweise stellt sich jedoch heraus, dass dieses „Problem“ für diesen Film nichtmal wirklich von Belang ist.

Das, was gesagt werden soll, funktioniert auch so.

'''Die DVD selbst''' ist zweifelsohne hierbei behilflich; nach wie vor wage ich zu bezweifeln, dass jene, die nicht von der Absicht des Regisseurs wissen, mit einem größeren „und das war's jetzt oder was?“ Gefühl zurückgelassen werden als der wissende Rest der Zuschauer. Die De-Luxe Edition verfügt mal über '''keinerlei trailer''', sondern beschränkt sich auf den '''Hauptfilm''', das nicht zu verachtende '''making of''', einen (untertitelten) Einblick in die '''Filmfestspiele Cannes'''sowie ein sog. '''Porträt'''. Ich müsste liegen, wenn ich nun behaupten würde, mir allesamt Extras angesehen zu haben ~ vielmehr habe ich in jedes einzelne nur mal reingeschaut; aus dem einfachen Grund heraus, dass mich die DVD-Extras nur selten interessieren. Darüber hinaus verspürte ich persönlich bei diesem Werk schon gar nicht im unmittelbaren Anschluss an das gesehene, mich noch mit dem drumherum Prozedere zu befassen ~ was nicht mal negativ gemeint ist, wohlgemerkt. Vielmehr handelt es sich bei „Das weiße Band“ um eine Darbietung, die man erstmal sacken lassen muss.

==Summa summarum==

ist „Das weiße Band“ wie bereits mehrfach angesprochen nicht vergleichbar mit der breiten Masse der Unterhaltungsmedien. Würde man jenes Werk parallel zu „normalen“ Spielfilmen bewerten wollen, so kann „Das weiße Band“ nur schlecht abschneiden. Jedem gewillten Zuschauer muss hier klar sein, dass er zwar auch bei diesem Film seine Osternest-Reste knabbern kann; sich die typische Filmguckstimmung jedoch nicht wirklich einstellen mag.
„Das weiße Band“ lebt nicht von „Einführung, Hauptteil, Knalleffekt, Schluss“; sondern vielmehr dadurch, dass die Dorfbewohner vehement bemüht sind, die Geschehnisse zu verharmlosen und einfach weiterzumachen ~ zumal sie vor allem nicht einmal auf die Idee kommen, dass es überhaupt anders würde sein können.

Trostlosigkeit wird hier großgeschrieben, alles, was mit Liebe zu tun hat, wird von außen (oder einem der Betreffenden selbst) hin mit Füßen wie auch Verbalattacken getreten, regelrecht erstickt oder zumindest entmythisiert, jedwede Romantik mittels getroffener Absprachen nahezu zerstört.

Wer dank des DVD-Textes erwartet, hier mannigfaltige „Unfälle“ erwarten zu dürfen bzw. das dies zumindest der zentrale Dreh- und Angelpunkt des Filmes wäre, der wird fast schon zwangsweise irgendwo enttäuscht sein. Natürlich spielen diese Ereignisse eine nicht unbedeutende Rolle, die sich vor allem in der Aussage bemerkbar macht.... und doch richtet sich der Fokus vordergründig eher auf die quasi-Ursachen, die darüber hinaus nicht mal direkt als solche erkennbar sind, sondern sich höchstens mutmaßen lassen.

Desweiteren vergleichbar mit „Funny games“ der Usus, dass „Grausiges“ hier nicht gezeigt wird; somit sind u.a. die Türen verschlossen, wenn der örtliche Pfarrer (Burghart Klaußner) seine Kinder mittels Stockschlägen bestraft; ein sexueller Übergriff zwischen Vater und Tochter wird lediglich im letzten Vertuschungsmoment dargeboten, als der kleine Bruder das Zimmer betritt. Möglich, dass vereinzelte Zuschauer letztere Tat nichtmal wirklich mitbekommen bzw. als solche entlarven; ohne wahrhaftig an der Intelligenz der breiten ich-will-mich-einfach-nur-berieseln-lassen zu zweifeln.

De facto ist jedoch unabstreitbar, dass man Hanekes Werke wie so oft „für sich“ betrachten muss; jene heben sich derartig von den sonstigen Verfilmungen ab, dass sich meine Bewertung schlussendlich auch nicht in eine Denkweise „also ein wenig schlechter als „The hole““ interpretieren lässt.
Wer's doch tut, ist mal wieder selbst Schuld.

33 Bewertungen, 11 Kommentare

  • Clarinetta2

    13.05.2010, 13:07 Uhr von Clarinetta2
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr gutg eschrieben

  • Powerdiddl

    19.04.2010, 20:32 Uhr von Powerdiddl
    Bewertung: besonders wertvoll

    Sende einen sonnigen Deichgruß, lg Heidi

  • tina08

    19.04.2010, 16:46 Uhr von tina08
    Bewertung: sehr hilfreich

    Viele Grüße .... Tina

  • morla

    18.04.2010, 23:09 Uhr von morla
    Bewertung: sehr hilfreich

    lg. ^^^^^^^^^^^^petra

  • senora

    18.04.2010, 22:24 Uhr von senora
    Bewertung: sehr hilfreich

    Gut berichtet. Ich wünsche einen schönen Abend. LG

  • willma1984

    18.04.2010, 19:14 Uhr von willma1984
    Bewertung: sehr hilfreich

    Toller Bericht! LG Nadine

  • hjid55

    18.04.2010, 17:58 Uhr von hjid55
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sehr hilfreich und liebe Grüße Sarah

  • Shirty1980

    18.04.2010, 16:56 Uhr von Shirty1980
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sehr schöner Bericht. Über eine Gegenlesung würde ich mich sehr freuen. LG und schönes WE Shirty1980

  • Lale

    18.04.2010, 16:49 Uhr von Lale
    Bewertung: sehr hilfreich

    Allerbesten Gruß

  • Maria90

    18.04.2010, 15:11 Uhr von Maria90
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr guter bericht. ich würde mich über ein paar gegenlesungen sehr freuen.

  • sigrid9979

    18.04.2010, 14:51 Uhr von sigrid9979
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sehr guter Bericht ... Lg Sigi