A Serious Man (DVD) Testbericht

ab 8,66
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Erfahrungsbericht von atrachte

Hiobs Botschaft

Pro:

ungewöhnliches Filmchen, das sich stets die Waage zwischen Tragik und Komik hält,

Kontra:

sehr speziell,

Empfehlung:

Ja

Die Brüder Ethan und Joel Coen sind einige der wenigen Film schaffenden Pferde Hollywoods, auf die man sein Kinogeld so gut wie immer mit der sicheren Gewissheit, das man nicht enttäuscht wird, setzen kann. So reihen die beiden schon seit über zwei Dekaden Kultfilm („The Big Lebowksi“, 1998) an Kultfilm („Fargo“, 1996), liefern ein Meisterwerk („No Country For Old Man“, 2007) nach dem anderen („Miller’s Crossing“, 1990) ab und erfreuen sich weiterhin sowohl bei Kritikern als auch bei der eingeschworenen Fangemeinde einer anhaltenden Beliebtheit. Dies wird sich wohl auch mit dem neuesten Werk der stets gut ausbalancierten Genre Gradwanderer nicht ändern. Denn auch wenn „A Serious Man“ nicht ganz die Klasse der der großen Coen-Filme aufweist, so ist die Geschichte um einen sich in einer tiefen Sinnkrise befindlichen Juden erneut höchst unterhaltsam und birgt, neben gewohnt bösen Lachern und schrulligen Figuren, auch einen ernsten Hintergrund.
Eigentlich führt Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) ein zufriedenes Leben. Er ist kerngesund, hat einen guten Job als Professor der Physik an einer Universität mit bevorstehender Beförderung, sein Sohn Danny (Aaron Wolff) feiert bald seine Bar Mitzwa und auch die Ehe mit Judith (Sari Lennick) scheint, wenn auch nicht Bilderbuchperfekt, zumindest gut zu laufen. Doch als letztere Larry eines Abends eröffnet das sie die Scheidung will, um mit dem Witwer Sy Ableman (Fred Melamed) zusammen leben zu können, beginnt die einst grundsolide Welt des Professors arge Risse zu nehmen. Nun sieht er sich auch noch mit seinem schwer depressiven Bruder Arthur (Richard Kind) und dessen Problemen konfrontiert, wird an der Universität diskreditiert, sein Sohn kifft statt in der Tora zu lernen und Tochter Sarah (Jessica McManus) ist sowieso alles egal, was in ihrer Familie geschieht. Der eigentlich rational denkende, aber doch sehr religiöse, Larry beginnt seinen wirren Alltag in Frage zu stellen und versucht bei diversen Rabbinern Antworten auf seine Sinnesfragen zu finden...

„No Jews were harmed in the making of this motion picture„ verkünden die Coen Brüder im Abspann ihres Filmes. Ein Ausruf, der die Grundstimmung der Tragikomödie exzellent wiedergibt und vielleicht sogar ein bisschen besser im Vorspann, als am Ende des Filmes aufgehoben wäre. So oder so birgt sich hinter „A Serious Man“ ein bitterböses Fest für jeden Zuschauer mit Hang fürs schwarzhumorige. Alleine schon zu verfolgen, mit welchem ungeheuren Spaß die Regisseure ihren Hauptcharakter von einer Hiobsbotschaft zur nächsten jagen, ihn geradezu in die Verzweiflung treiben und seine Welt auseinander brechen lassen, ihm plötzlich eine scheinbare Offenbarung eröffnen nur um sie ihm abrupt wieder zu nehmen: das alles macht gewaltige Freude und birgt erstaunlich viele Lacher.
Dabei ist „A Serious Man“ nur oberflächlich ein einfach gestrickter Film um einen Mann, dem alles im Leben schief zu laufen scheint. Hinter der Fassade verbirgt sich vielmehr ein äußerst komplexes Gefüge aus religiösen Anspielungen und Botschaften, die selbst gestandenen Kennern des jüdischen Glaubens nicht sofort aufgehen dürften. Die Frage, ob der Film somit nur für diejenigen funktioniert, die dem jüdischen Glauben irgendwie nahe stehen, kann dabei mit einem Jein beantwortet werden. Sicherlich, viele der Witze und Seitenhiebe sind so ausgerichtet, das sie zumindest eine grobe Grundkenntnis erfordern, jedoch verschließt sich der Humor glücklicherweise nicht vollkommen jenen Zuschauern, die kein Hintergrundwissen aus der Tanach oder dem Alten Testament besitzen.

Speziell ist „A Serious Man“, wie so ziemlich jeder Coen-Film, trotzdem, erfordert von seinem Publikum daher also eine gewisse Offenheit. Die Botschaft des ganzen dabei ist klar: man muss nicht alles im Leben verstehen, nicht jede Frage hat auch eine Antwort. Ein Umstand, den sowohl Larry, als auch der Zuschauer erst einmal verinnerlichen müssen. Das perfekte Beispiel dafür ist jene Szene, in der sich der Antiheld des Filmes eine minutenlange Geschichte bei seinem Rabbi anhört. Als der Rabbi plötzlich, wie es scheint, mitten in der Geschichte abbricht, und Larry sich beinahe aggressiv erkundigt, wo die Pointe des ganzen ist, bekommt er als Antwort ein schlichtes „Who cares?“. Und so verhält es sich im Prinzip auch mit dem Rest des Filmes. Es wird im eigentlichen Sinne weniges erklärt oder zum Ende gebracht, dafür aber vieles zur Interpretation und Eigenauslegung offen gelassen. Genau dieser Umstand macht „A Serious Man“ im Kern schließlich aus.
Das der Film eher für ein kleines Publikum gedacht ist, lässt auch der relativ unbekannte Cast erkennen, der vornehmlich mit jüdischen Darstellern besetzt wurde. Nichtsdestotrotz hat die Coen Brüder das Gespür für die perfekten Besetzungen einmal mehr nicht im Stich gelassen. Vor allem Hauptdarsteller Michael Stuhlberg („Der Mann der niemals lebte“, „Boardwalk Empire“) erweist sich in seiner ersten großen Filmrolle als absolut geglückte Wahl, verleiht er dem Mann, dem anscheinend die ganze Existenz entrissen wird, doch eine ungeheure Ausstrahlung und verzichtet auf typische Konventionen, die man von Verlierer Typen in Hollywood Produktionen gewohnt ist. Des weiteren glänzen auch Stuhlbarg´s Kollegen, etwa Fred Melamed („Hollywood Ending“, „Hannah und ihre Schwestern“) als irgendwie liebenswürdiger Ehebrecher Sy oder Richard Kind („Big Stan“, „Ein Sommer in New York“) als genialer, aber nervlich komplett zerrütteter Arthur.

Original Filmtitel:
A Serious Man (2009)
Länge des Filmes:
Ca. 106 Minuten

Darsteller:
Michael Stuhlbarg...Larry Gopnik
Richard Kind...Uncle Arthur
Fred Melamed...Sy Ableman
Sari Lennick...Judith Gopnik
Aaron Wolff...Danny Gopnik
Jessica McManus...Sarah Gopnik
Peter Breitmayer...Mr. Brandt
Brent Braunschweig...Mitch Brandt
David Kang...Clive Park
...
Regisseur:
Ethan & Joel Coen

FSK:
Freigegeben ab 12 Jahren

\\\\ Fazit ////
Egal ob man Jude oder Goi ist: „A Serious Man“ ist ein sehr spezielles, aber trotzdem höchst unterhaltsames Kinoerlebnis, wie es für die Coen Brüder typisch ist. Die wahre Genialität eröffnet sich wohl nur denjenigen, den die jüdischen Bräuche und Traditionen halbwegs bekannt sind, aber auch ohne großes Hintergrundwissen dürfen Cineasten mit dem Hang für´s abgedrehte gerne einen Blick riskieren. Denn enttäuschen tun die Brüder Coen auch diesmal nicht.

7/10 Punkte für „A Serious Man“ und somit vier Sterne als Wertung.

50 Bewertungen, 6 Kommentare

  • mima007

    20.07.2010, 00:13 Uhr von mima007
    Bewertung: sehr hilfreich

    Viele Gruesse, mima007

  • Likelihood

    14.07.2010, 11:59 Uhr von Likelihood
    Bewertung: sehr hilfreich

    super! freue mich immer über gegenlesungen!

  • g0ldfish

    12.07.2010, 12:29 Uhr von g0ldfish
    Bewertung: sehr hilfreich

    Guter Bericht! Über Gegenlesungen würde ich mich freuen. Lieben Gruß

  • morla

    12.07.2010, 00:08 Uhr von morla
    Bewertung: sehr hilfreich

    lg. ^^^^^^^^^^^^^petra

  • catmum68

    11.07.2010, 21:19 Uhr von catmum68
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr hilfreicher Bericht, LG

  • XXLALF

    11.07.2010, 17:01 Uhr von XXLALF
    Bewertung: sehr hilfreich

    und einen wunderschönen sonntag