Das Bildnis des Dorian Gray (2009) (DVD) Testbericht


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- Action:
- Anspruch:
- Romantik:
- Humor:
- Spannung:
Erfahrungsbericht von LilithIbi
"Nach kurzem Schlaf erwachen wir zur Ruh."
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
===Das Bildnis des Dorian Gray== wieder und wieder verfilmt wurde. Nimmt man dann noch einen recht schmucken Hauptdarsteller, der die Damenwelt (und vereinzelt wohl auch die Herren, in jedweder zu verstehenden Hinsicht) derartig zum seufzen bringt, wundert es nur bedingt, dass die Kauf-DVDs aktuellen Statistiken nach weg gingen wie warme Semmeln. Und das, wo unabstreitbar von vorneherein klar sein sollte, dass eben jene Geschichte '''nichts für das sog. Mainstream-Publikum ist.'''
Verfolgt man die Privatkunden-Kritiken, stößt man oft auf regelrecht vernichtende Rezensionen, die beinahe allesamt etwas gemeinsam haben: die jeweiligen Filmgucker kannten das Buch nicht, und wohl auch den Autoren selbst lediglich vom fernen Hörensagen.
Wohlweislich ist das generell kein Grund zur Scham; eben weil jedes Jahr neue Autoren auf die willigen Leser einprasseln und sich niemand an dem Begriff „Klassiker“ festbeißen sollte, nur um schlussendlich das zu lesen, was bereits zig Generationen vor ihm taten... und doch wäre es vermutlich ein guter Rat, wenn man einen Deut einer Ahnung hat, auf welchen Stil man sich hier einlässt. Mit den typischen Umsetzungen der „moderne“ hat der knapp 2 Stunden andauernde Film nämlich so gut wie nichts zu tun; auch wenn die _Handlung_ durchaus in eine Art Japan-Schocker gepasst hätte:
Dorian Gray (Ben Barnes) lässt sich von seinem Freund Basil Hallward (Ben Chaplin) porträtieren. Als Lord Henry Wotton (Colin Firth) der Szenerie zustößt, lenkt sich das Gespräch rasch darauf, dass die Schönheit und Jugend das einzige wertvolle Gut im Leben seien ~ und ob nun aus Spaß oder voller Ernsthaftigkeit heraus geäußert, gibt Dorian ein „ich würde meine Seele dafür geben, ewig jung zu bleiben“ von sich. Getreu dem Usus „wie du wünschst“ wird der Wunsch war ~ Dorian altert nicht mehr, seine Narben verschwinden, Wunden heilen rasant; doch wunderbarst ist trotzdem gar nichts. Die Seele, die Dorian gegeben hat, beginnt schlicht und ergreifend zu verfaulen.
Seine Liebe zu Sibyl Vane (Rachel Hurd-Wood) hat nur kurzen Bestand, Dorians Charakter wird mehr und mehr von Eiseskälte und Härte bewohnt ~ der Einfluss von Henry, dessen Wahlspruch in etwa lautet:
_„Das Leben ist ein Moment, also lassen wir es immer brennen ~ auf höchster Flamme!“_
tut sein übriges hinzu, indem er Dorian erst nach einem kleinen Umweg über ein Bordell zu dessen Verlobten bringt...
===Die Umsetzung=== fängt recht vielversprechend an und hält sich immerhin halbwegs an die Struktur der Vorlage; wenngleich man zum einen zwar gestehen muss, dass sich das schriftliche Gedankengut von Oscar Wilde '''generell nur schwer auf die Leinwand zaubern lässt''', gleichzeitig zum anderen sich eben aus diesem Grunde heraus die Frage stellt, warum jenes wieder und wieder versucht wird. Oliver Parker als Regisseur und nicht zuletzt Toby Vinley nebst Barnaby Thompson als Drehbuchautoren werden sicherlich ihr Bestes gegeben haben; und doch wird das Ergebnis die meisten Zuschauer eher befremden als begeistern.
'''Der Sarkasmus''' seitens Henry, der während der ersten halben Stunde des Filmes durchaus zum Amüsement des Guckers beiträgt, hat wahrlich etwas für sich; die bitteren Bösartigkeiten, die treffsicher die Szenerie einer vor Oberflächlichkeit fast schon triefenden Brautschau beschreiben, würden selbst Buddha kurzzeitig vergessen lassen, dass man über andere nicht urteilen soll ~ und schon gar nicht in dieser Art und Weise. Die Äußerung über Dorian
_„ich hatte mir einen grässlichen Dorftrottel vorgestellt ~ ich sehe, ich hatte nur zur Hälfte Recht“_
sorgt auf eigene Art und Weise dafür, dass Henry durchaus als Sympathiefigur seinen Platz im Herzen des Zuschauers erhält ~ gerade wegen seiner zynischen Art, '''beinahe alles zu entwerten und seinen eigenen Gesetzen zu folgen.'''
Tatsächlich liefert gerade dieser Charakter '''einige provokante Denkanstöße''', die den Zuschauer eine Weile beschäftigen mögen ~ doch warum bereits ab der ungefähren 45. Minute der Film einen derartigen Umschwung erleiden muss... man weiß es nicht.
Das Erzähltempo, welches vorgelegt wird, ist anfänglich nicht ohne ~ '''schon vor Ablauf der ersten halben Stunde weiß der Zuschauer''', dass mit dem Bild etwas nicht in Ordnung ist; doch die Entwicklung des Dorian geht meiner Ansicht nach dann doch etwas zu überzügig vor sich. Der Einfluss von Henry fußt zu rasch zu intensiv; die Verlobung bröckelt überdies wegen einer vermeintlichen Kleinigkeit. Zwar klärt sich jenes im weiteren Verlauf; doch der einmal gefasste Eindruck, dass die Filmmacher schlicht und ergreifend kein Budget für eine langsamere Herantastung an die Materie investieren wollten, lässt sich nur schwerlich abstreifen.
Überdies finden Schnitte, die härter sind als gewisse Körperteile Dorians, die in einer übertriebenen Betonung der „alle Liebe ist tot“ Charakterwandlung derartig mannigfaltig zum Einsatz kommen, ihre ebensoige Deplatzierung. Es scheint fast so, als würde hin und wieder eine ganze Sekunde fehlen, die DVD im Recorder kurz hängengeblieben sein ~ doch laut einer Kunden-Rezension, die ich auf amazon.de vorfand, ist eben dies nicht nur mir aufgefallen. Die Bezeichnung „Horror-Softporno“ lässt sich fast schon unterstreichen; zwar sieht man recht wenig nackte Haut; doch diverse Gang-Bang Szenarien ziehen „Das Bildniss des Dorian Gray“ mehr und mehr ins grotesk-Lächerliche.
Phänomenal in diesem Zusammenhang zweifellos die große Frage Dorians an den Maler, ob er sich für das Bild eigentlich schon richtig bedankt hätte ~ nö, hatte er wohl nicht; und da versteht es sich scheinbar von selbst, dass der Maler auf seine Knie sinken darf, während der gute Dorian gönnerhaft seinen Hosenstall öffnet. Ähm, ja. Die meinige Theorie, dass es andersrum schon eher was mit „Dankbarkeit“ zu tun gehabt hätte, seit hierbei nur am Rande erwähnt; eben weil der gesamte '''Teilausflug gen 70er Jahre Erotikfilmchen''' die Spannung, die sich bis dato übertrug, verbal passenderweise, verPuffen lässt.
Immerhin gibt’s rasch eine weitere Wendung, was sich allerdings auf den fast schon erzwungenen Genre-Wechsel ausübt. Während alles ein wenig psychologisch anfing und dann nackisch wurde, wird nun auch das Klischee des Gruselszenarios bedient: nun stöhnt also keine überglückliche Lady mehr, weil erst ihre minderjährige Tochter und dann sie selbst beglückt wurde, sondern das Gemälde Dorians gibt schreckliche Laute von sich. So so.
In der Tat ist die Idee, dass Bild zwar mehrfach, aber nur selten so richtig zu zeigen, nicht die schlechteste. Es hat auch was für sich, als aus dem gemalten Auge eine Made auf den Teppich plöppt ~ doch hin und wieder wirkt die angedeutete Bewegung inmitten des Gemäldes in der Kombination mit dem Geächze '''leider doch unfreiwillig bespaßend'''. A bisserl Blut und ein paar Leichenteile finden in der Verfilmung ebenso ihren Platz, sehen aber ebenfalls so un-authentisch aus, dass sich getrost festhalten lässt: wirklich fies ist an dem Film nix. Von der ollen Made mal abgesehen.
Die recht missratenen „hätten wir uns jetzt erschrecken sollen?“ Szenen sorgen für die durchaus akzeptable FSK16 Freigabe ~ wobei ich zu behaupten was, dass die wenigsten Leutchen in eben jener Altersklasse mit der dargebotenen Thematik etwas anfangen können.
Das, was Oscar Wild in seiner Parabel einstig anprangerte, wird zwar durchaus verständlich nahegebracht ~ doch die Bebilderung legt meines Erachtens zu sehr Wert darauf, auch von reinen Grusel-Fans gemocht zu werden. Die Läuterung Dorians, seine zurückerlangten Einsichten („_Genuss ist etwas anderes als Glück“_, _„Ich bin das geworden was du nicht zu sein gewagt hast“_) und nicht zuletzt die versuchte Beichte beim Priester... all jene philosophischen Ideen des Buches gehen hier sowas von unter, dass nichtmal mehr ein Rettungsring zu finden ist.
'''Den Darstellern an sich kann man hingegen nichts vorwerfen''' ~ am ehesten überzeugt zwar hier Colin Firth, doch der Hauptprotagonist steht mitsamt der meisten Nebenfiguren nur dicht hinten an. Vereinzelt hätte man sich womöglich ein wenig mehr Tiefe wünschen mögen... doch an den schauspielerischen Leistungen ist eben jenes nicht festzumachen.
An dieser Stelle mag das nachfolgende „Geständnis“ vermutlich überraschen:
Tatsächlich hat mir „Das Bildnis des Dorian Gray“ zugesagt ~ allerdings ausschließlich deswegen, '''weil mir die Buchvorlage im Regal stehen habe.'''
Dadurch, dass mir die einstige Intention Oscar Wilde's vertraut ist, ist es mir möglich, mit etwas Wohlwollen eben jenes in der mittelprächtigen filmischen Umsetzung wiederzufinden. Dass, was die Leindwandumsetzung nicht schaffte, lässt sich durch meine genannte Kenntnis ergänzen und sorgt somit für mich persönlich eben doch für ein rundes Bild.
Potentiellen Interessenten muss hier bewusst sein, dass man „Das Bildnis des Dorian Gray“ '''auf die psychologische Art und Weise betrachten muss, um hier etwas tiefgründiges entdecken zu können'''. Als im Stil ansatzweise vergleichbare Werke seien an dieser Stelle „Der Mieter“ (Roland Topor), „Die Verwandlung“ (Franz Kafka) sowie im gewissen Sinne vereinzelte Veröffentlichungen seitens Truman Capote wie Alfred Hitchcock's „Psycho“ zu nennen ~ ohne den Schwerpunk bei letzterem auf die Ermordung an sich zu legen, versteht sich.
===Summa summarum=== bin ich froh, dass ich selbst für die gesehene DVD kein Geld ausgeben musste; eben weil es sich hier unabstreitbar um ein Exemplar handelt, welches man gut behütet ins Regal stellt und vermutlich nie wieder in den Player legt, während man bei einer potentiellen Free-TV Ausstrahlung womöglich noch einmal kleben bleibt.
Schlecht oder gar langatmig ist der Film ja keineswegs, nur eben unausgereift und verlangt vom Zuschauer einiges ab ~ zu dem, man kann es ruhig aussprechen, nur wenige Leutchen heutzutage bereit sind. Ein Großteil der DVD-Gucker mag sich vorrangig schlicht und ergreifend unterhalten lassen; völlig ab von der Genre-Zugehörigkeit; was ich an dieser Stelle natürlich niemandem vorhalten mag.
Sowas muss halt auch mal sein; nur doof, wenn man einem Film überdeutlich anmerkt, dass die Macher selbst nicht so recht wussten, was sie vom Endresultat halten sollten. Zu sehr wechselt die Atmosphäre; zu sachte oder gar seicht werden viele Themen lediglich gestreift ~ es scheint, als hätten die drei Hauptverantwortlichen Macher mittendrin innegehalten und sich gedacht „ne, lieber doch nicht“ bzw. ihre jeweiligen Ideen nacheinander auf die Leinwand projiziert.
Somit wirkt „Das Bildnis des Dorian Grey“ fast schon wie drei aneinandergeklebte Kurzfilme, die zwar die Geschichte jeweils weitererzählen, aber eben stetig in einer anderen Umsetzungs-Spezies zu Hause sind.
Lange Rede, kurzer prägnanter Sinn: keine Kaufempfehlung; vielmehr eine Guckempfehlung für all jene, die wissen, dass es hier um eine gesellschaftskritische Erzählung gehen _soll_, die ursprünglich eben nicht auf Schreck-Momente im ausgelutscht-gruseligen-obersten Stockwerk eines alten Hauses ausgerichtet war.
Die Romanvorlage ist natürlich trotzdem ausgereifter.
37 Bewertungen, 10 Kommentare
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03.11.2010, 13:57 Uhr von AChristoteles
Bewertung: besonders wertvollTreffender habe ich es auch nicht formulieren können. EIn BW dafür. LG Chris
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18.10.2010, 20:09 Uhr von MasterSirTobi
Bewertung: sehr hilfreichBerichte schreiben ist dir wohl in die Wiege gelegt LG und Sh
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18.10.2010, 12:41 Uhr von mimaus
Bewertung: sehr hilfreichsehr gut geschrieben!
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17.10.2010, 20:40 Uhr von anonym
Bewertung: besonders wertvollLiebe Grüße Edith und Claus
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15.10.2010, 19:14 Uhr von Lanch999
Bewertung: sehr hilfreichKlasse Bericht! LG von Lanch999 Würd mich freuen wenn du bei meinen Berichten vorbeischaust! :D
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15.10.2010, 17:46 Uhr von morla
Bewertung: sehr hilfreichschönes wochenende lg. petra
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15.10.2010, 15:35 Uhr von Lakisha_1
Bewertung: sehr hilfreichsehr hilfreich. lg
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15.10.2010, 13:45 Uhr von XXLALF
Bewertung: sehr hilfreichund ein wunderschönes wochenende
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15.10.2010, 13:20 Uhr von KaTaRaGiRl
Bewertung: besonders wertvollIch würde mich sehr über Gegenlesungen freuen. glg
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15.10.2010, 13:18 Uhr von Gemini_
Bewertung: sehr hilfreichBestens! Grüße von Gemini_!
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