Weggesperrt (Taschenbuch) / Grit Poppe Testbericht

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Erfahrungsbericht von LilithIbi
„Klärung eines Sachverhaltes.“
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
_(Zitat, S. 17)
Grit Poppe's 332 Seiten umfassenden Roman fieberte ich regelrecht entgegen, völlig ohne auf meine Bewusstseinsebene zu schieben, dass es sich hierbei um ein Buch handelt, welches vorrangig für Jugendliche geschrieben wurde. Zwar wirkte sich jener Umstand bei Werken wie „Scherpenpark“ oder gar „Tote Mädchen lügen nicht“ keinesfalls störend aus, macht sich bei diesem Werk hingegen dann und wann allzu brachial bemerkbar.
Die Sprache, mit der die Geschichte verfasst wurde, ist somit denkbar leicht verständlich und strukturiert, wirkt hier und dort (beinahe zu) kumpelhaft ~ unter die Haut geht das Niedergeschriebene eher durch die Informationen zwischen den Zeilen, nicht wegen dem Wortgebrauch selbst.
Die _Handlung ist rasch zusammengefasst: „Weggesperrt“ berichtet von der Zeit vor dem Mauerfall; Anjas Mutter stellt einen Ausreiseantrag aus der DDR, wird aufgrund dessen verhaftet, während die 14jährige in einen sog. „Jugendwerkhof“ gesteckt wird.
===In der Umsetzung=== kommt die Autorin rasch auf den Punkt, nimmt kein Blatt vor den Mund und versucht, die Zusammenhänge zu verdeutlichen, ohne allzu sehr in die Politik abzudriften. So richtig nachvollziehen konnte ich die Geschehnisse trotzdem nicht ~ einfach aus dem Grund, weil sich solcherlei nach wie vor für mich weit, weit weg anhört. Obendrein muss ich gestehen, dass ich von jenen Erziehungsheimen zwar am Rande etwas mitbekommen hatte, mir aber keine detaillierteren Vorstellungen machte; respektive machen konnte. Gruppenbestrafungen, wenn eine Einzelne im Sport oder bei der Arbeit nicht das Soll erfüllt; absolutes Redeverbot; Toilettengang nur nach Abmeldung und vor allem in der Gruppe, ohne jedweden Sichtschutz.... solche Dinge stellen sich viele höchstens in den strengen Internaten in fernöstlichen Ländern vor, mag nur schwerlich an sich heran lassen, dass diese Ereignisse kaum 20 Jahre her sind.
„Weggesperrt“ stellt eine erfundene Geschichte dar, die allerdings so oder so ähnlich durchaus passiert sein kann. Das Nachwort des Buches ist an für sich lesenswert, hervorzuheben auch der angehangene Glossar zur Erklärung und Verdeutlichung mancher Begriffe.
(Ge)Wichtiger natürlich der Roman selbst: anfänglich war ich rasch gefesselt, fand das Buch zweifelsohne spannend und war fasziniert von Anja's Kämpfernatur, die sich frei nach dem Motto
„Das Gute an dem Schlimmen ist, dass es irgendwann vorbei ist“ (Zitat, S. 48)
nicht unterkriegen lässt. Gritt Poppe versteht es, den Leser regelrecht teilnehmen zu lassen an Anjas Gefühlsleben, ohne dass sie sich hierfür der erzählenden Ich-Perspektive bedient. Die Verzweiflung, die Fassungslosigkeit sowie das Unverständnis, welchem nicht nur Anja in dem Buch begegnet, überträgt sich mit Leichtigkeit, überdies gelangt man über kurz oder lang zur Erkenntnis, dass man selbst mit jener „Situation“ vermutlich völlig überfordert gewesen wäre.
Auch die Protagonistin resigniert mehr und mehr; nachdem sie einige Wochen nach ihrer Flucht aufgegriffen und zurückgebracht wird, schwindet ihre letzte Hoffnung, was sich mitunter in den nachfolgenden Sätzen herauskristallisiert:
„Sollte sie zu Doreen gehen, ihr die Hand auf den Rücken legen, irgendetwas Tröstendes sagen? Aber wozu? Wozu sollte das gut sein? Trost nützte ja doch nichts. Wahrscheinlich würde man das Mädchen nicht einmal zur Beerdigung ihrer Großmutter fahren lassen.“
_(Zitat, S. 106)
Die Autorin gab sich unabstreitbar Mühe, ihrem Roman durchgehend Spannung zu verleihen, wob ein paar zwischenmenschliche Differenzen, Interaktionen sowie familiäre Konflikte ein. So weit, so gut ~ bis zu dem Punkt, an dem Anja nach einem Treppensturz ins Krankenhaus gebracht wird, kann ich bis auf den Umstand, dass sich ein wenig Langatmigkeit bemerkbar machte, keine Kritik finden.
Bedauerlicherweise scheint Grit Poppe sodann dem Irrglauben erlegen zu sein, dass die Geschehnisse viel mehr „action“ bräuchten ~ dass sich die Ereignisse urplötzlich überschlagen, ist bei vielen Romanen der Fall; doch ich frage mich nach wie vor, was die Autorin geritten haben mag, um solch einen Haken zu schlagen. Während ich das unverhoffte Wiedersehen gleich zweier alter Bekannte noch gut heißen konnte, wird es kurz nach Station Krankenhaus beinahe lächerlich. Viel mehr kann, will und werde ich zu diesem Knackpunkt nicht sagen, eben weil ich sonst alles vorweg nehmen würde. Fakt ist jedoch: nach dem Streifzug in Richtung Abenteuer musste ich unfreiwillig an Uwe Brittens (viel viel schlechteres Werk) „Straßenkid“ denken. Zu lasch geht die Protagonistin auf einmal mit ihrer Angst (oder ihrer Gehirnerschütterung) um, zu sehr trimmt sich die Geschichte schlussendlich gen ultimativen Happy end, so dass ich die letzten 20 Seiten nur noch überflogen habe.
===Summa summarum=== fing „Weggesperrt“ stark an um gegen Ende noch stärker nachzulassen. Man hätte der Autorin die Idee für einen völlig anderen Ausgang wünschen mögen; eben weil sich die Lektüre somit eher arg skeptisch und fast schon verärgert schließen lässt.
Erfreulich allerdings, dass der Klappentext absolut vorbildlicher Natur ist sowie wie bereits erwähnt ein aufschlussreiches Nachwort gestaltet wurde ~ doch dies allein hebt die Lektüre nicht über die meinerseitige 3 Sterne Bewertung hinweg.
Meine Leselust, das absolute Interesse und womöglich denkwürdige Faszination, was sich seinerzeit ereignete, wich einem Trauerspiel der anderen Art. Nichtsdestotrotz bleibt festzuhalten, dass ich „Weggesperrt“ für mich persönlich durchaus als Bereicherung bezeichnen kann.
Was Anja hier als „Erziehungsmaßnahmen“ erlebt, fühlt sich für viele – vorrangig natürlich Westdeutsche – regelrecht fremd und unvorstellbar an. Ein wenig mag ich persönlich hierfür die „Schuld“ bei meiner damaligen Schule suchen ~ ohne, dass ich es mir (und meinem spezifischen bis dato Nicht-Wissen) Dank dieser Idee nun besonders leicht machen möchte.
Fakt ist jedoch, dass uns meinerzeit Jahr für Jahr ein anderer Geschichtslehrer vorgesetzt wurde, die allesamt ein und dasselbe Thema zu ihrem gemacht hatten: Hitler. Nicht, dass jenes unwichtig gewesen wäre ~ doch der Umstand, dass mein Jahrgang (auf eben meiner Schule) zwar gelehrt wurde, von wann bis wann die Mauer stand, jedoch kein einziges Mal das Wort „Erziehungsheim“ fiel... kann schlicht und ergreifend einfach nicht als umfangreicher Unterricht bezeichnet werden.
So mangelhaft „Weggesperrt“ gegen Ende meiner Ansicht nach auch zu werden scheint: erneut würde ich mich hier für die Empfehlung als Mittelstufen-Pflichtlektüre stark machen. Alle anderen freiwillig Interessierten sollten hingegen nicht zu viel von dem Werk erwarten.
37 Bewertungen, 8 Kommentare
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19.02.2011, 12:49 Uhr von Clarinetta2
Bewertung: sehr hilfreichsehr gut vorgestellt
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14.02.2011, 20:38 Uhr von Miraculix1967
Bewertung: sehr hilfreichSehr schöner Bericht und einen schönen Abend wünsche ich! LG aus dem gallischen Dorf Miraculix1967
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14.02.2011, 13:54 Uhr von catmum68
Bewertung: sehr hilfreichsehr hilfreicher Bericht, LG
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14.02.2011, 13:06 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreicheinen schönen wochenanfang wünscht dir willi
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14.02.2011, 12:50 Uhr von [email protected]
Bewertung: sehr hilfreicheinen schönen valentinstag, simone
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14.02.2011, 12:44 Uhr von katjafranke
Bewertung: sehr hilfreichLiebe Valentinsgrüße von der KATJA
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14.02.2011, 12:43 Uhr von Lale
Bewertung: sehr hilfreichAllerbesten Gruß *~*
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14.02.2011, 12:40 Uhr von sigrid9979
Bewertung: sehr hilfreichWünsche einen schönen Valentinstag....
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