Das Hausmädchen (DVD) Testbericht
Auf yopi.de gelistet seit 11/2011
Erfahrungsbericht von atrachte
Dekadenz
Pro:
siehe Bericht,
Kontra:
siehe Bericht,
Empfehlung:
Ja
Cut, Stilwechsel. Prunkvolle, mit Marmor verzierte Räume, hohe Decken mit extravaganten Kronleuchtern und eine Kamin-Installation, die geradezu vor Größenwahn zeugt. Doch irgendwie wirkt das durchdesignte Haus, welches auf dem ersten Blick für viele wohl ein nie wahr werdender Traum wäre, auch klinisch kalt, ohne jegliche Eigenart der Besitzer. Wie eine errichtete Fassade, in der Menschen leben. Für die junge, leicht naive Eun-Yi (Jeon Do-yeon) stellt das teure Anwesen des Ehepaars Hoon (Lee Jung-jae) und Hae Ra (Seo Woo) den neuen Arbeitsplatz dar. Als Hausmädchen soll sie die schwangere Hae Ra unterstützen, sich um die kleine Nami (Seo-Hyeon Ahn) kümmern und der alteingesessenen Hausdienerin Byeong-Sik (Yeo-Jong Yun) unter die Arme helfen. Eun-Yi gefällt es in dem Anwesen, die Arbeit macht ihr Spaß und mit Nami versteht sie sich auch gut. Nach und nach kommt sie auch dem Hausherren Hoon näher, beide gehen eine Affäre miteinander ein. Doch diese wird das Leben des jungen Hausmädchens zerstören...
Die filmischen Vorbilder für das Remake des gleichnamigen südkoreanischen Filmklassikers von 1960 liegen deutlich auf der Hand, inszeniert Regisseur Sang-soo Im sein Werk doch wie eine Mixtur aus Claude Chabrol („Das Biest muss sterben“, „Das Blut der Anderen“) und Alfred Hitchcock („Psycho“, „Die Vögel“) Stilistiken und Kniffen. Nicht selten erinnert die Inszenierung von „Das Hausmädchen“ gar an ein Theaterstück, in welchem Täuschung, Hass und Niederträchtigkeit im Zentrum der Handlung stehen. Gleichzeitig versucht Im die Mechanismen zwischen Unter- und Oberschicht zu analysieren, insbesondere was die Hörigkeit der einen, gegenüber der anderen Klasse angeht – eine Problematik, die in Südkorea noch immer sehr aktuell ist, und in westlichen Gefilden oftmals mit übertriebener Höflichkeit verwechselt wird. Stellvertretend für die untere Gesellschaftsschicht ist Eun-Yi, von Jeon Do-yeon („Secret Sunshine“, „No Blood No Tears“) als naiv-fröhliche, aber auch subtil erotische Figur angelegt, die ihren Arbeitgebern, zumindest zu Beginn, vollkommen hörig ist, und sich selbst dem Hausherren Hoon bedingungslos hingibt, sobald dieser geil vor ihr steht, weil er mit seiner hochschwangeren Frau nichts anfangen kann. Anders als noch im Original, in welchem das Hausmädchen durchgehend eine geradezu diabolische femme fatale war, ist sie in der Neuverfilmung das Opfer ihrer Arbeitgeber, schamlos ausgenutzt, und letztlich von diesen und ihren Intrigen vollkommen zerstört. Zwar begehrt sie gegen Ende auf, was schließlich auch in einem geradezu polemischen, aber seine Wirkung entfaltendem Finale endet, doch ist die Rollenverteilung sehr klar unterteilt. Die Hausherrin ist ein verwöhntes Gör, ihre Mutter geradezu Ekel erregend fies und Hausherr Hoon verhätschelt und daran gewöhnt zu bekommen, was er will. Byeong-Sik hingegen weiß nicht so recht auf wessen Seite sie stehen soll: auf der einen Seite arbeitet sie schon ihr Leben lang für die Familie und hat ihr einiges zu verdanken, auf der anderen Seite hasst sie es, den reichen Schnöseln zu dienen. Einzig und allein Nami ist ein rein guter Charakter, noch vollkommen ungeprägt von den Allüren ihrer Eltern.
Diese überspitzt gespielte Konstellation birgt in sich ein ungemein großes Potential, was man hin und wieder auch erkennt, wenn der Regisseur seine Protagonistin mit geradezu perfider Naivität ins offene Messer laufen lässt. Leider sind solche großen Momente in „Das Hausmädchen“ aber doch sehr überschaubar. Denn Sang-soo Im gelingt es über weite Strecken nicht, dem Film die Brisanz des Originals einzuverleiben, zumal fehlt es dem ganzen an emotionaler Tragweite. Denn so gemein die Repressalien gegen Eun-Yi auch sind, man tut sich doch ungemein schwer, mit der Hauptakteurin zu leiden und ihr Empathie gegenüber zu bringen. Andererseits mögen die unterkühlten Figuren auch als finale Metapher für eine Gesellschaft herhalten, die sich immer weiter von einer großen Gemeinschaft, in einzelne, auf das eigene Wohl bedachte Individuen entfernt. Dies suggerieren im übrigen auch die hochstilisierten Bilder des Filmes, welche oftmals etwas geradezu betörend schönes haben, gleichzeitig aber auch etwas kaltes und geradezu abstoßendes beherbergen. Reichtum – so scheint der Regisseur sagen zu wollen – ist schön und gut. Doch er, und die aus ihm entstehende Macht anderen gegenüber, birgt auch die Gefahr, dass menschliche zu zerstören. Im Film heißt es einmal „Sie sind grausam. Deshalb sind sie reich“. Das mag eine überspitze Aussage sein, birgt aber auch einen nicht gerade angenehmen Gehalt an Wahrheit.
Auch wenn der Film emotional zu unterkühlt ist, um sein Publikum vollends mitzureißen, so ist „Das Hausmädchen“ doch, vor allem aus optischer Sicht, ein nicht uninteressantes Stück Film, welches gerade Freunden von visuell reizvoller Cineastik sicherlich gefallen dürfte.
Daten zum Film:
Originaltitel: Hanyo (Südkorea, 2010)
Laufzeit: ca. 106 Minuten
FSK: Ab 16 Jahren
Regie: Sang-soo Im
Darsteller: Do-yeon Jeon (Eun-yi Li), Jung-Jae Lee (Hoon Goh), Seo Woo (Hae-ra), Yeo-Jong Yun (Byung-sik), Seo-Hyeon Ahn (Nami)...
6/10
74 Bewertungen, 18 Kommentare
-
16.03.2012, 10:10 Uhr von dadolger
Bewertung: sehr hilfreichKlasse
-
20.10.2011, 17:50 Uhr von Volker111
Bewertung: sehr hilfreicheine sehr ausführliche Filmkritik
-
11.10.2011, 21:15 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichLiebe Grüße Edith und Claus
-
06.10.2011, 16:28 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichToller Bericht.LG Quacky
-
04.10.2011, 03:09 Uhr von hameln58
Bewertung: besonders wertvollliebe Grüße...Gina
-
03.10.2011, 12:12 Uhr von michiprimel
Bewertung: besonders wertvollKann ich mir gut vorstellen.- L.G.
-
02.10.2011, 16:24 Uhr von babyzicke
Bewertung: sehr hilfreichSchönes Wochenende! :)
-
02.10.2011, 15:40 Uhr von tester4all
Bewertung: sehr hilfreichsüdkoreanische filme sind immer gut
-
29.09.2011, 12:59 Uhr von severine
Bewertung: sehr hilfreich------LG severine------
-
29.09.2011, 01:53 Uhr von retilein
Bewertung: sehr hilfreichein schöner bericht und lg
-
28.09.2011, 12:08 Uhr von mima007
Bewertung: sehr hilfreichViele Gruesse, mima007
-
27.09.2011, 14:41 Uhr von cleo1
Bewertung: sehr hilfreichLG cleo1
-
27.09.2011, 13:38 Uhr von [email protected]
Bewertung: sehr hilfreichLiebe Grüße v. Simone
-
27.09.2011, 12:56 Uhr von titus01
Bewertung: sehr hilfreichViele Grüße...titus01
-
27.09.2011, 12:21 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichPrima beschrieben - über Gegenlesung würde ich mich sehr freuen. LG
-
27.09.2011, 11:42 Uhr von katjafranke
Bewertung: sehr hilfreichEinen lieben Gruß von der KATJA
-
27.09.2011, 10:48 Uhr von goat
Bewertung: besonders wertvollKlasse vorgestellt. Der Film könnte etwas für mich sein.
-
27.09.2011, 10:09 Uhr von sigrid9979
Bewertung: sehr hilfreichLiebe Grüße und einen schönen Tag
Bewerten / Kommentar schreiben