Geliebtes Leben (DVD) Testbericht

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Erfahrungsbericht von LilithIbi

"Auch wenn jemand über dich etwas schlechtes sagt....

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

_...ich bleibe immer deine Freundin.“_

Wie sehr inmitten eines ländlichen Townships in Südafrika die Gemeinschaft von Gerüchten, Aberglaube, Unwissen, Unterstellungen wie auch profanem Tratsch dominiert wird, macht Regisseur Oliver Schmitz in seiner durchgehend bewegenden Adaption des Romans _"Worüber man nicht spricht"_ unter dem Filmtitel

===“Geliebtes Leben“=== deutlich. Bereits die ersten Minuten, in denen die knapp 12jährige Chanda (Khomotso Manyaka) beinahe völlig auf sich allein gestellt „Erwachsenenaufgaben“ erledigen muss, sorgen für immense Gänsehaut. Ihre Mutter Lillian (Lerato Mvelase) schafft es nicht, sich gegen ihren zweiten alkoholabhängigen Mann Jonah (Aubrey Poolo) durchzusetzen, sich um ihre weiteren kleinen Kinder Iris (Mapaseka Mathebe) und Soly (Thato Kgaladi) zu kümmern und gleichzeitig den Verlust der einjährigen Zara zu verkraften.

Bereits an dieser Stelle sei der Umstand offenbart, dass im Film selbst keinerlei Aussage über Chandas Alter getätigt wird; lediglich DVD-Klappentext wie auch weitere Informationen seitens des Regisseurs geben darüber Aufschluss, dass die ursprüngliche Buchfigur hingegen 16 Jahre alt war. Dies begründet Oliver Schmitz durch die vermeintliche Glaubwürdigkeit, spricht an, dass insbesondere in Südafrika Kinder weitaus früher gereift sind, als dies hierzulande vorrangig der Fall sein dürfte.

Während Chanda dennoch nicht wirklich etwas mit den Worten

_„Jeder weiß, dass Zara lange eine Grippe hatte; und niemand redet schlecht über euch. Hast du verstanden?“_

oder gar

_„Du willst doch nicht, dass jemand glaubt, etwas wäre nicht in Ordnung?“_

anzufangen weiß, lässt sich sich überdies nicht von den Aburteilungen über ihre beste Freundin Esther (Keaobaka Makanyane) beeinflussen. Jene darf lediglich bei ihrer weiteren Verwandtschaft in einer herunterkommenden Holzbehausung wohnen, da sie als Waisenkind ebenfalls als „von Unglück beseelt“ angesehen wird. So schlagfertig und scheinbar locker das aufgeschnappte Gesprächsfragment seitens der Nachbarn

_„Dieser furchtbare Rock. Die ganze Nachbarschaft kann ihr Höschen sehen, wenn sie sich bückt.“_

noch mit einem patzigen

_„Da können Sie beide ja ganz beruhigt sein. Ich trage nämlich gar kein Höschen!“_

Schachmatt gesetzt, so sehr tut sich ein mehr und mehr ungemütliches Gefühl auf. Der Zuschauer müsste schon weitaus unsensibel sein, um nicht zu verstehen, dass mit dem „guten Ruf“ so einiges steht und fällt. Momente, in denen jene, die sich in der auserkorenen respektive gezwungenen Außenseiterrolle befinden, nicht nur einmal mit geworfenen Steinen verjagt werden, brennen sich tief ins Gedächtnis, machen offenherzig deutlich, wie sehr der Einzelne irgendwann kapituliert und sich in die Rolle fügt, die ihm ohnehin bereits von jedem Umstehenden angedichtet wurde.

So brutal eben jene Szenerien klingen mögen und tatsächlich von innen heraus sind; so leise agiert _„Geliebtes Leben“_ insgesamt. Sprich: auf große Gefühlsausbrüche und tosende dramaturgische Auftritte wird weitestgehend verzichtet; was tragischerweise dazu führt, dass die durchweg authentische stellenweise nicht so recht aus sich raus will. Das vermittelte Beklemmunsgefühl hätte meines persönlichen Empfindens nach ruhig einen ganzen Deut intensiver sein können; der vermittelte Schmerz scharfsinniger und brutaler.
~ Natürlich entdeckt und versteht der Filmgucker früh dezente Hinweise wie bspw. das im Hintergrund der Arztpraxis befindliche AIDS-Plakat, zieht die Zusammenhänge aus Jonahs Vorwürfen, Lillian hätte Sarah mit ihrer Milch vergiftet... doch schon hier macht sich bemerkbar, wie übereifrig die Filmemacher darauf bedacht waren, die gemeinschaftliche Stimmung für oder gegen jemanden zu kippen.
Auf mich wirkte es ein wenig windig, dass erst bei der geschätzten dritten Anschuldigung Lillian gegenüber beschlossen wird, jene förmlich auszuschließen. Zu groß wird die hierfür spätere Reaktion aufgebauscht ~ wobei ich eingestehe, dass meinen Gedankengang jener Aspekt zu Dienste ist, dass mir solcherlei, welches (wie durch den Film vermittelt) Andernorts an der quasi-Tagesordnung zu sein scheint, nur schwer nachfühlbar ist.
Der filmische Ausgang indes wirkt auf mich zu sehr gen Teil-happy-end konstruiert, erweckt fast schon den Eindruck, alles Vorangegangene vergessen lassen zu wollen.

Obschon der Grundtenor in _„Geliebtes Leben“_ naturgemäß ein tragischer ist, gibt es durchaus ebenfalls auflockernde Momente. Chandas Erkenntnis und anschließende Ausgebufftheit, wie sehr der Doc (Patrick Shai) ebenfalls vorrangig auf Profit aus ist, kann der Zuschauer applaudierend belächeln, erkennt ihre Lebensfreude anhand eines Festes, auf dem sie für kurze Zeit unbekümmert sein darf.
Umso eindringlicher fühlen sich Momente der zu brökeln beginnenden Freundschaft zwischen Chanda und Esther an; die Tatsache des nichts-tun-können gegen den Rat eines Wunderheilers, Lillian wäre verflucht und müsste an den Ort ihres Unheils zurückkehren.

Fassungslosigkeit auf Seiten des Zuschauers wie auch Chanda's, die endlich zu begreifen beginnt, dass es nicht drauf ankommt, was der Mensch selbst glaubt, sondern darauf, was er glauben will.

Trotz der AIDS-Thematik handelt _“Geliebtes Leben“_ vorrangig von einer emotionalen Mutter-Tochter-Beziehung nebst der schonungslosen Offenlegung, in welchen seelischen Abgrund Menschen durch Ausgrenzung, Vorurteile und Unaufgeklärtheit geraten können. Insbesondere an der Differenz zwischen Esther und Chanda zeigt sich, dass es trotzdem eine Wahl gibt ~ eine Wahl für die Betroffenen selbst, den engsten Kreis wie auch jene, die weiter außen ihr Urteil fällen.

===Summa summarum=== vergehen die 105Filmminuten nicht zuletzt wegen der vollumfänglich überzeugenden Darsteller wie im Fluge; Längen machen sich für mich keine bemerkbar, wenngleich die Ereignisse meines Erachtens nach ruhig noch etwas packender hätten gestaltet werden können.

In direkter Kollation zu _„Same same but different“_ hinkt _„Geliebtes Leben“_ hinsichtlich der im Zuschauer ausgelösten Gefühlseinbrüche ein wenig hinterher, wobei man beide Werke naturgemäß inhaltlich eher bedingt miteinander vergleichen kann.

Während erstgenannter (auf Tatsachen basierender) Film die Liebe zwischen zwei Menschen beschreibt, die durch den HI-Virus erschwert wird, geht es im aktuellen Werk fast schon hintergründig um die Immunschwäche. Beide hingegen konzentrieren sich explizit nicht auf das, was es für die Infizierten selbst bedeutet, mit der Krankheit leben und sterben zu müssen, sondern vielmehr auf die Auswirkungen, die die Gemeinschaft durchläuft ~ ein bodenständiger Umstand, der, sobald man auch nur einen Moment darüber nachdenkt, nahezu grotesk ist.

Definitive Hauptakteurin ist hier Chanda; ein Mädchen, welches einen wahnwitzigen Reifeprozess durchstehen muss, um nicht selbst zu zerbrechen. Konfrontiert mit unliebsamen Wahrheiten schafft sie es im Gegensatz zu den meisten Nachbarn, den unabänderlichen Tatsachen ins Auge zu sehen und dem Spiel des _„das ist das, was sie glauben wollen; und das ist auch gut so“_ die Stirn zu bieten.

So sehr mich _„Geliebtes Leben“_ beinahe vollumfassend ansprach, so komme ich doch um einen kleinen Punktabzug ob gewisser vorgenannter Mini-Mankos nicht umhin. Ferner bin ich mir bewusst, dass es sich hier um einen Film handelt, den ich allzu schnell nicht wiederholt sehen möchte, eben weil dieser vorrangig durch mannigfaltige kleinere Überraschungsmomenten besticht.

Somit 4 Sternchen sowie eine Ausleih- respektive einmal-Guck-Empfehlung.

34 Bewertungen, 3 Kommentare

  • Nahariel

    10.12.2011, 22:51 Uhr von Nahariel
    Bewertung: besonders wertvoll

    den Bericht kenn ich doch von Ciao :D Huhu Cosmay -gg-

  • sirikit06

    08.12.2011, 22:42 Uhr von sirikit06
    Bewertung: besonders wertvoll

    Wünsche Dir einen schönen Abend! LG

  • anonym

    06.12.2011, 10:30 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Prima vorgestellt. GLG und eine wunderschöne Woche.