Der Beobachter (Taschenbuch) / Charlotte Link Testbericht

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Auf yopi.de gelistet seit 01/2012
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Erfahrungsbericht von LilithIbi
„Ich kann nicht aufhören, meine Mutter zu töten.“
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
„Und Gillian dachte, dass sie jeden für verrückt erklärt hätte, der ihr noch vor wenigen Wochen diese Situation prophezeit hätte: Dass sie ihr Haus verkaufen und nach East Anglia zurückgehen würde und dass sie für all dies einen Makler aussuchen würde, dem sie ihre spezielle Situation nicht erklären musste, da er bereits selber ein Mordopfer gefunden hatte und durch das gesamte sich anschließende seelische Chaos gegangen war.“
'''(Zitat, S. 398)'''
Während es mir offen gestanden anfänglich nicht allzu leicht viel, mich überdies beinahe sogar der Mut verließ, mich in Charlotte Link's 652seitigen Romans
===“Der Beobachter“=== personenspezifisch zurecht zu finden, offenbarte sich im Laufe der Lesezeit, dass die ein oder andere Person im weiteren Verlauf eher eine untergeordnete Wichtigkeit einnehmen würde. Naturgemäß konnte ich dies eingangs nicht ahnen; was dahingehend als positiv vermerkbar ist, dass man sich somit völlig anders auf die einzelnen Schicksale einlässt, als wenn man diese von Anfang an eher als „Nebenfiguren“ oder gar „schmückendes Beiwerk“ abtut.
Die Zeilen
„Was er davon hatte, war Carla allerdings schleierhaft. Aber vieles von dem, was Menschen bewegte, was Menschen taten oder anstrebten, war ihr schleierhaft. Am Ende, dachte sie mitunter, befand sie sich doch schon ein ziemlich großes Stück außerhalb der Gesellschaft. Allein, verlassen und seit fünf Jahren in Rente. Wenn man morgens allein aufstand und allein frühstückte, den Tag lesend oder fernsehend in einer kleinen Wohnung verbrachte und sich nur gelegentlich zu einem Spaziergang aufraffte, abends wieder allein aß und dann erneut vor dem Fernseher saß, dann entfernte man sich von der Normalität.“
'''(Zitat, S. 17)'''
fühlten sich für mich persönlich vertrauter an, als mir selbst eigentlich lieb sein sollte ~ generell kreist Charlotte Links Roman um das große Thema der Vereinsamung sowie der unterschiedlichen Fluchtversuchen aus eben jener, ohne dabei den schonenden Weg der bloßen Aufzeigung einzuschlagen. Statt dessen bringt _„Der Beobachter“_ auf den Punkt, wie leicht es an für sich ist, zurückgezogene Menschen zu töten, ohne das sich allzu rasch jemand um sie sorgt. Still war es ohnehin die ganze Zeit um diese ~ und so liegt manch ein Mordopfer tage- oder gar wochenlang unentdeckt in seiner Wohnung, was die späteren polizeilichen Ermittlungsarbeiten durchaus erschwert.
Schon an dieser Stelle möchte ich explizit darauf hinweisen, dass es in Charlotte Link's Roman weitestgehend unbrutal vor sich geht. Natürlich zeugt es nicht von einer romantischen Stimmung, mit einem in den Rachen gestopften Geschirrtuch förmlich erstickt zu werden ~ doch im Großen und Ganzen verlangt _„Der Beobachter“_ nicht so starke Nerven, wie es in vielerlei Thrillern oder gar bei Jack Ketchum der Fall ist.
Darüber hinaus verzichtete die Autorin darauf, ihre Geschichte aus einer bestimmten Perspektive erzählen zulassen. Während vergleichweise bei Jussi Adler Olsen das Ermittlerduo im schriftstellerischen Vordergrund steht, wählte die Charlotte Link hingegen eine recht neutrale Erzählweise; lässt den Leser insgesamt an den jeweiligen Gedankengängen der Protagonisten teilnehmen und rückt die eigentlichen Ermittlungsarbeiten rigoros in den Hintergrund.
Hauptpersonen sind somit der titelgebende Samson Segal, der aufgrund seiner Arbeitslosigkeit und seinen „häuslichen Umständen“, mitsamt Bruder Gavin und dessen ihm nicht grade wohlgesinnten Frau Millie zusammen unter einem Dach zu leben, eine besondere Leidenschaft entwickelt: aus der stoischen Suche, eine Aufgabe sowie einen Grund, das Haus zu verlassen, für sich zu finden, entsteht eine tendentielle zwanghafte Verhaltensweise. Samson beobachtet nicht nur allzu gerne die Damen in der Nachbarschaft, sondern führt akribisch Notizen über eben jene Erlebnisse.
Eigentlich schlägt Samsons Herz heimlich für Gillian Ward ~ da diese jedoch vermeintlich glückliche Ehefrau und Mutter ist und Samson solcherlei respektiert, lenkt er seine Gefühle auf die ebenfalls singelige Michelle um. Schnell muss Samson jedoch erkennen, dass eine Kontaktaufnahme gar nicht so leicht ist. Die Idee, Michelles Hund zu entführen, um diesen sodann zwecks überschwänglichen Dank seitens Michelle zurückzubringen, läuft ganz und gar nicht so ab, wie Samson sich das erhofft hat...
Seine Notizen kippen in regelrechte Hasstiraden; und auch seine wahre Liebe Gillian scheint nicht viel mit dem Ideal gemein zu haben, welches er in ihr zu sehen glaubte.
Besonders hervorzuheben in eben jenem Kontext, dass ich als Leser einerseits durchaus skeptisch gegenüber Samsons Beobachtungen war, mich vermutlich selbst alles andere als wohl gefühlt hätte, wenn mir eines Tages gewahr wird, dass jemand seitenlange Notizen über mich und meine Gewohnheiten verfasst. Andererseits schaffte die Autorin es in ihrem Buch, Samsons Beweggründe, Einsamkeit, verzweifelte Versuche und die damit verbundenen Hoffnungen einfühlsam darzubieten, so dass sich die nachfolgenden Aufzeichnungen Samsons spürbar schmerzlich lesen lassen:
„Sie hatte keine Ahnung, wie gut ich sie schon kannte. Ihre Bemerkung tat mir weh: Seit einem guten halben Jahr gingen wir jeden Morgen in der Früh, wenn sie ihren Hund spazieren führte, in einigem Abstand voneinander vorbei, und offensichtlich hatte sie mich überhaupt nicht wahrgenommen. Kein Wort in der Art: Ach, sind Sie das nicht, den wir immer morgens treffen? Stattdessen hielt sie mich für einen Wildfremden. Es war so typisch: Frauen registrierten mich nicht. Und wenn sie mich registrieren, dann vergessen sie mich in der nächsten Sekunde schon wieder. Ich bin ein Mann, an den sie keinen zweiten Blick und keinen anderen als höchstens einen spöttischen Gedanken verschwenden. Es ist so. In meinen hoffnungslosen Momenten weiß ich auch immer, dass sich daran nie etwas ändern wird.“
'''(Zitat, S. 126)'''
Im Grunde genommen könnte man inmitten Charlotte Link's Buch nicht nur einen Strang der Gesellschaftskritik erkennen. Im weiteren Verlauf gesellt sich einiges an Vorkommnissen hinzu, welches den Leser gemischten Gefühlen aussetzt. Es liegt auf der Hand, dass jeder, der sich auf die Lektüre einlässt, ein arg ungutes Unwohlsein verspüren wird, wenn ihm die Begleitumstände der aufgefundenen Frauen bekannt werden. Oft genug las man selbst in der Zeitung von Verstorbenen, die erst nach Wochen eher zufällig gefunden wurden ~ in _„Der Beobachter“_ werden gleich mehrere zurückgezogen Lebende ermordet; der leise, unausgesprochene Vorwurf an die Familienmitglieder, Freunde und Bekannte respektive Nachbarn legt sich deutlich spürbar auf die Schultern des Lesers.
Zugleich kam zumindest ich für meinen Teil nicht völlig umhin, Carlas Tochter Keira in Schutz zu nehmen: ihre Mutter rief sie oftmals lediglich deswegen an, um sich über die verspürte Einsamkeit zu beklagen; war jedoch gegen alle Vorschläge immun, wie sie an eben dieser etwas ändern könnte. Keira indes als selbst verheiratete Mutter ging den Anrufen gerne aus dem Weg, reagierte genervt auf die ewigen Bitten, doch noch mal zu Besuch vorbeizuschauen ~ zumal, so hart es klingt, Keira fast schon genug mit ihrem eigenen Leben zu tun hatte.
Der stillschweigende Vorwurf des Egoismus ist etwas, was mich persönlich noch eine geraume Weile beschäftigen wird, so dass ich auch diesbezüglich sagen würde, dass _„Der Beobachter“_ auf mehreren Ebenen wirkt und nicht einfach ein handelsüblicher Thriller darzustellen versucht.
Nichtsdestominder liegt der eigentliche Schwerpunkt auf der Tätersuche, wobei ich gerne offenbare, dass ich persönlich meine jeweiligen Auflösungstheorien auf S. 206, 357 sowie 481 verfasste. Mit jeweils unterschiedlichem Inhalt, versteht sich.
Leicht gemacht wird es meines Erachtens nach niemanden, sich auf die richtige Spur zu bewegen ~ viel zu viele Details offenbaren sich nach und nach in divergenten Charakteren, Umständen, Zusammenhängen sowie Rückblicken, während man sich die ganze Zeit mit der Frage quält, ob es nicht schlicht und ergreifend zu einfach sein würde, den Täter buchtitelgebend zu entlarven. Oder das die Raffinesse womöglich darin liegen könnte, dass man ob dieser überbordenden Hinweistitulierung gar nicht damit rechnen _will_, kann oder wird.
Dreh- und Angelpunkt inmitten des Romans sind tatsächlich Gillian und Samson sowie die jeweiligen Enthüllungen, an denen der Leser immer fassungsloser und zugleich mitfühlender teilnehmen darf. Dadurch, dass _„Der Beobachter“_ durchgehend spannend verfasst wurde, schreckt der Buchumfang meiner Erfahrung nach lediglich auf dem ersten Blick ab, gestaltete sich darüber hinaus auch der Prolog derartig gänsehautverursachend, dass man die Lektüre am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen würde.
Winzige Längen tun sich lediglich inmitten der Schilderungen über die Polizeibeamten Peter Fielder und Christy MacMorraw und deren jeweilig zwiegespaltenes Verhältnis zu der weiteren Schlüsselfigur John auf; zumal eben jene irgendwie eher zwangsläufig eingewoben wirken. Hier und dort war mir, als hätte Charlotte Link sich darauf besonnen, dass es kaum möglich sein dürfte, eine Mordgeschichte völlig ohne die damit verbundene Polizeiarbeit zu verfassen. Ein Aspekt, über den man durchaus einmal diskutieren dürfte.
Nichtsdestominder klappte mir der Unterkiefer auf S. 236 spürbar herunter, ereignet sich hier ein Vorfall, mit dem ich so – oder zumindest nicht an dieser Stelle – ganz und gar nicht gerechnet hätte. Der große Knaller hallt nach, schubst die Lektüre in eine weitere Richtung und sorgte in mir für die große Frage, warum ich eigentlich bislang noch nichts von der Autorin gelesen habe. Der angewandte Schreibstil ist in meinen Augen hervorragend, gibt wohldosiert Preis, was in den einzelnen Figuren vorgeht, ohne jedoch vorschnell allzu viel zu verraten. Kleine schwarzhumorige Auflockerungen aka
„Ich finde es sehr beruhigend, Anne, dass du nun bald nicht mehr wie auf einem Präsentierteller allein im Wald sitzt und ein gefundenes Fressen für jeden Raubmörder darstellst.“
'''(Zitat, S. 160)'''
sorgen für manche Atempause, die der Leser unbestreitbar nötig hat, um die gesamten Informationen zu verarbeiten. Wie gesagt: es dauert eine Weile, bis man heraus hat, welche Figur im weiteren Buchverlauf noch einen Rolle spielt und von welcher man eigentlich nur kurzzeitig etwas lesen darf. Und das ist das, was mich an dem Werk (ebenfalls) so derartig anspricht, wie es nun einmal der Fall ist.
===Summa summarum===
Spätestens ab dem zweiten Buchteil mochte ich _„Der Beobachter“_ gar nicht mehr aus der Hand legen. Selbst der Umstand, dass ungefähre 170 Seiten vor Buchende klar ist, wer hinter den Morden steht, übt sich in keinster Weise negativ auf das Lesevergnügen aus. Darüber hinaus fühlten sich auch die handelsüblichen Erklärungsmonologe alles andere als nervig an; vielmehr erschuf die Autorin eine Atmosphäre, in die ich mich buchstäblich hineinfühlen konnte. Überspitzt formuliert: die Taten sind irgendwo nachempfindbar ~ und genau das ist der Punkt, der das Buch zu so etwas ergreifendem macht. Weiterer Kracher: der Prolog, der mich während des Lesens so derartig aufgewühlt hat, sich zum Teil absolut vertraut, traurig und doch nachfühlbar anfühlte, endet mit einer einzelnen Zeile, die mich fast an meiner zeitgleich verzehrten Nuss haben ersticken lassen. Zu guter Letzt habe ich den großen Zusammenhang, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, erst nach vollständigem Abschluss der Lektüre bzw. dem nochmaligen Blick auf eben jenes Geleitwort erkennen können. Immerhin gab es somit eine Gänsehaut gratis obendrein.
'''(Zitat, S. 398)'''
Während es mir offen gestanden anfänglich nicht allzu leicht viel, mich überdies beinahe sogar der Mut verließ, mich in Charlotte Link's 652seitigen Romans
===“Der Beobachter“=== personenspezifisch zurecht zu finden, offenbarte sich im Laufe der Lesezeit, dass die ein oder andere Person im weiteren Verlauf eher eine untergeordnete Wichtigkeit einnehmen würde. Naturgemäß konnte ich dies eingangs nicht ahnen; was dahingehend als positiv vermerkbar ist, dass man sich somit völlig anders auf die einzelnen Schicksale einlässt, als wenn man diese von Anfang an eher als „Nebenfiguren“ oder gar „schmückendes Beiwerk“ abtut.
Die Zeilen
„Was er davon hatte, war Carla allerdings schleierhaft. Aber vieles von dem, was Menschen bewegte, was Menschen taten oder anstrebten, war ihr schleierhaft. Am Ende, dachte sie mitunter, befand sie sich doch schon ein ziemlich großes Stück außerhalb der Gesellschaft. Allein, verlassen und seit fünf Jahren in Rente. Wenn man morgens allein aufstand und allein frühstückte, den Tag lesend oder fernsehend in einer kleinen Wohnung verbrachte und sich nur gelegentlich zu einem Spaziergang aufraffte, abends wieder allein aß und dann erneut vor dem Fernseher saß, dann entfernte man sich von der Normalität.“
'''(Zitat, S. 17)'''
fühlten sich für mich persönlich vertrauter an, als mir selbst eigentlich lieb sein sollte ~ generell kreist Charlotte Links Roman um das große Thema der Vereinsamung sowie der unterschiedlichen Fluchtversuchen aus eben jener, ohne dabei den schonenden Weg der bloßen Aufzeigung einzuschlagen. Statt dessen bringt _„Der Beobachter“_ auf den Punkt, wie leicht es an für sich ist, zurückgezogene Menschen zu töten, ohne das sich allzu rasch jemand um sie sorgt. Still war es ohnehin die ganze Zeit um diese ~ und so liegt manch ein Mordopfer tage- oder gar wochenlang unentdeckt in seiner Wohnung, was die späteren polizeilichen Ermittlungsarbeiten durchaus erschwert.
Schon an dieser Stelle möchte ich explizit darauf hinweisen, dass es in Charlotte Link's Roman weitestgehend unbrutal vor sich geht. Natürlich zeugt es nicht von einer romantischen Stimmung, mit einem in den Rachen gestopften Geschirrtuch förmlich erstickt zu werden ~ doch im Großen und Ganzen verlangt _„Der Beobachter“_ nicht so starke Nerven, wie es in vielerlei Thrillern oder gar bei Jack Ketchum der Fall ist.
Darüber hinaus verzichtete die Autorin darauf, ihre Geschichte aus einer bestimmten Perspektive erzählen zulassen. Während vergleichweise bei Jussi Adler Olsen das Ermittlerduo im schriftstellerischen Vordergrund steht, wählte die Charlotte Link hingegen eine recht neutrale Erzählweise; lässt den Leser insgesamt an den jeweiligen Gedankengängen der Protagonisten teilnehmen und rückt die eigentlichen Ermittlungsarbeiten rigoros in den Hintergrund.
Hauptpersonen sind somit der titelgebende Samson Segal, der aufgrund seiner Arbeitslosigkeit und seinen „häuslichen Umständen“, mitsamt Bruder Gavin und dessen ihm nicht grade wohlgesinnten Frau Millie zusammen unter einem Dach zu leben, eine besondere Leidenschaft entwickelt: aus der stoischen Suche, eine Aufgabe sowie einen Grund, das Haus zu verlassen, für sich zu finden, entsteht eine tendentielle zwanghafte Verhaltensweise. Samson beobachtet nicht nur allzu gerne die Damen in der Nachbarschaft, sondern führt akribisch Notizen über eben jene Erlebnisse.
Eigentlich schlägt Samsons Herz heimlich für Gillian Ward ~ da diese jedoch vermeintlich glückliche Ehefrau und Mutter ist und Samson solcherlei respektiert, lenkt er seine Gefühle auf die ebenfalls singelige Michelle um. Schnell muss Samson jedoch erkennen, dass eine Kontaktaufnahme gar nicht so leicht ist. Die Idee, Michelles Hund zu entführen, um diesen sodann zwecks überschwänglichen Dank seitens Michelle zurückzubringen, läuft ganz und gar nicht so ab, wie Samson sich das erhofft hat...
Seine Notizen kippen in regelrechte Hasstiraden; und auch seine wahre Liebe Gillian scheint nicht viel mit dem Ideal gemein zu haben, welches er in ihr zu sehen glaubte.
Besonders hervorzuheben in eben jenem Kontext, dass ich als Leser einerseits durchaus skeptisch gegenüber Samsons Beobachtungen war, mich vermutlich selbst alles andere als wohl gefühlt hätte, wenn mir eines Tages gewahr wird, dass jemand seitenlange Notizen über mich und meine Gewohnheiten verfasst. Andererseits schaffte die Autorin es in ihrem Buch, Samsons Beweggründe, Einsamkeit, verzweifelte Versuche und die damit verbundenen Hoffnungen einfühlsam darzubieten, so dass sich die nachfolgenden Aufzeichnungen Samsons spürbar schmerzlich lesen lassen:
„Sie hatte keine Ahnung, wie gut ich sie schon kannte. Ihre Bemerkung tat mir weh: Seit einem guten halben Jahr gingen wir jeden Morgen in der Früh, wenn sie ihren Hund spazieren führte, in einigem Abstand voneinander vorbei, und offensichtlich hatte sie mich überhaupt nicht wahrgenommen. Kein Wort in der Art: Ach, sind Sie das nicht, den wir immer morgens treffen? Stattdessen hielt sie mich für einen Wildfremden. Es war so typisch: Frauen registrierten mich nicht. Und wenn sie mich registrieren, dann vergessen sie mich in der nächsten Sekunde schon wieder. Ich bin ein Mann, an den sie keinen zweiten Blick und keinen anderen als höchstens einen spöttischen Gedanken verschwenden. Es ist so. In meinen hoffnungslosen Momenten weiß ich auch immer, dass sich daran nie etwas ändern wird.“
'''(Zitat, S. 126)'''
Im Grunde genommen könnte man inmitten Charlotte Link's Buch nicht nur einen Strang der Gesellschaftskritik erkennen. Im weiteren Verlauf gesellt sich einiges an Vorkommnissen hinzu, welches den Leser gemischten Gefühlen aussetzt. Es liegt auf der Hand, dass jeder, der sich auf die Lektüre einlässt, ein arg ungutes Unwohlsein verspüren wird, wenn ihm die Begleitumstände der aufgefundenen Frauen bekannt werden. Oft genug las man selbst in der Zeitung von Verstorbenen, die erst nach Wochen eher zufällig gefunden wurden ~ in _„Der Beobachter“_ werden gleich mehrere zurückgezogen Lebende ermordet; der leise, unausgesprochene Vorwurf an die Familienmitglieder, Freunde und Bekannte respektive Nachbarn legt sich deutlich spürbar auf die Schultern des Lesers.
Zugleich kam zumindest ich für meinen Teil nicht völlig umhin, Carlas Tochter Keira in Schutz zu nehmen: ihre Mutter rief sie oftmals lediglich deswegen an, um sich über die verspürte Einsamkeit zu beklagen; war jedoch gegen alle Vorschläge immun, wie sie an eben dieser etwas ändern könnte. Keira indes als selbst verheiratete Mutter ging den Anrufen gerne aus dem Weg, reagierte genervt auf die ewigen Bitten, doch noch mal zu Besuch vorbeizuschauen ~ zumal, so hart es klingt, Keira fast schon genug mit ihrem eigenen Leben zu tun hatte.
Der stillschweigende Vorwurf des Egoismus ist etwas, was mich persönlich noch eine geraume Weile beschäftigen wird, so dass ich auch diesbezüglich sagen würde, dass _„Der Beobachter“_ auf mehreren Ebenen wirkt und nicht einfach ein handelsüblicher Thriller darzustellen versucht.
Nichtsdestominder liegt der eigentliche Schwerpunkt auf der Tätersuche, wobei ich gerne offenbare, dass ich persönlich meine jeweiligen Auflösungstheorien auf S. 206, 357 sowie 481 verfasste. Mit jeweils unterschiedlichem Inhalt, versteht sich.
Leicht gemacht wird es meines Erachtens nach niemanden, sich auf die richtige Spur zu bewegen ~ viel zu viele Details offenbaren sich nach und nach in divergenten Charakteren, Umständen, Zusammenhängen sowie Rückblicken, während man sich die ganze Zeit mit der Frage quält, ob es nicht schlicht und ergreifend zu einfach sein würde, den Täter buchtitelgebend zu entlarven. Oder das die Raffinesse womöglich darin liegen könnte, dass man ob dieser überbordenden Hinweistitulierung gar nicht damit rechnen _will_, kann oder wird.
Dreh- und Angelpunkt inmitten des Romans sind tatsächlich Gillian und Samson sowie die jeweiligen Enthüllungen, an denen der Leser immer fassungsloser und zugleich mitfühlender teilnehmen darf. Dadurch, dass _„Der Beobachter“_ durchgehend spannend verfasst wurde, schreckt der Buchumfang meiner Erfahrung nach lediglich auf dem ersten Blick ab, gestaltete sich darüber hinaus auch der Prolog derartig gänsehautverursachend, dass man die Lektüre am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen würde.
Winzige Längen tun sich lediglich inmitten der Schilderungen über die Polizeibeamten Peter Fielder und Christy MacMorraw und deren jeweilig zwiegespaltenes Verhältnis zu der weiteren Schlüsselfigur John auf; zumal eben jene irgendwie eher zwangsläufig eingewoben wirken. Hier und dort war mir, als hätte Charlotte Link sich darauf besonnen, dass es kaum möglich sein dürfte, eine Mordgeschichte völlig ohne die damit verbundene Polizeiarbeit zu verfassen. Ein Aspekt, über den man durchaus einmal diskutieren dürfte.
Nichtsdestominder klappte mir der Unterkiefer auf S. 236 spürbar herunter, ereignet sich hier ein Vorfall, mit dem ich so – oder zumindest nicht an dieser Stelle – ganz und gar nicht gerechnet hätte. Der große Knaller hallt nach, schubst die Lektüre in eine weitere Richtung und sorgte in mir für die große Frage, warum ich eigentlich bislang noch nichts von der Autorin gelesen habe. Der angewandte Schreibstil ist in meinen Augen hervorragend, gibt wohldosiert Preis, was in den einzelnen Figuren vorgeht, ohne jedoch vorschnell allzu viel zu verraten. Kleine schwarzhumorige Auflockerungen aka
„Ich finde es sehr beruhigend, Anne, dass du nun bald nicht mehr wie auf einem Präsentierteller allein im Wald sitzt und ein gefundenes Fressen für jeden Raubmörder darstellst.“
'''(Zitat, S. 160)'''
sorgen für manche Atempause, die der Leser unbestreitbar nötig hat, um die gesamten Informationen zu verarbeiten. Wie gesagt: es dauert eine Weile, bis man heraus hat, welche Figur im weiteren Buchverlauf noch einen Rolle spielt und von welcher man eigentlich nur kurzzeitig etwas lesen darf. Und das ist das, was mich an dem Werk (ebenfalls) so derartig anspricht, wie es nun einmal der Fall ist.
===Summa summarum===
Spätestens ab dem zweiten Buchteil mochte ich _„Der Beobachter“_ gar nicht mehr aus der Hand legen. Selbst der Umstand, dass ungefähre 170 Seiten vor Buchende klar ist, wer hinter den Morden steht, übt sich in keinster Weise negativ auf das Lesevergnügen aus. Darüber hinaus fühlten sich auch die handelsüblichen Erklärungsmonologe alles andere als nervig an; vielmehr erschuf die Autorin eine Atmosphäre, in die ich mich buchstäblich hineinfühlen konnte. Überspitzt formuliert: die Taten sind irgendwo nachempfindbar ~ und genau das ist der Punkt, der das Buch zu so etwas ergreifendem macht. Weiterer Kracher: der Prolog, der mich während des Lesens so derartig aufgewühlt hat, sich zum Teil absolut vertraut, traurig und doch nachfühlbar anfühlte, endet mit einer einzelnen Zeile, die mich fast an meiner zeitgleich verzehrten Nuss haben ersticken lassen. Zu guter Letzt habe ich den großen Zusammenhang, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, erst nach vollständigem Abschluss der Lektüre bzw. dem nochmaligen Blick auf eben jenes Geleitwort erkennen können. Immerhin gab es somit eine Gänsehaut gratis obendrein.
21 Bewertungen, 4 Kommentare
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31.01.2012, 15:29 Uhr von Clarinetta2
Bewertung: besonders wertvollsehr gut vorgestellt-bw
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27.01.2012, 11:47 Uhr von tina08
Bewertung: sehr hilfreichViele Grüße ... Tina
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23.01.2012, 19:25 Uhr von morla
Bewertung: sehr hilfreicheinen guten wochenstart lg. petra
-
23.01.2012, 14:35 Uhr von MelE
Bewertung: besonders wertvollDer Titel deiner Rezi verrät fast schon zuviel finde ich! GLG, Mel
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