Das Alphabethaus (Taschenbuch) / Jussi Adler-Olsen Testbericht

Das-alphabethaus-taschenbuch
ab 9,30
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 02/2012

5 Sterne
(2)
4 Sterne
(0)
3 Sterne
(1)
2 Sterne
(1)
1 Stern
(0)
0 Sterne
(0)

Erfahrungsbericht von LilithIbi

„Sie hatten ihre Unschuld vollends verloren.“

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

„Sie alle schienen tief bewusstlos zu sein, und dafür musste es ja eine Ursache geben. Nur zwei trugen Kopfverbände. Da war die Sache klar. Aber der Rest? Was hatte den beiden Männern, die sie aus dem Zug geworfen hatten, gefehlt? Und was fehlte ihm und James an deren Stelle? Wenn sie plötzlich die Augen öffnete und auf ihre Umgebung reagierten, was würde das bedeuten? Würde das überhaupt gehen? Welche Konsequenzen mochte das haben? Neue Analysen? Röntgenuntersuchungen? Und würde man dann sehen, dass man es hier mit zwei gesunden Männern zu tun hatte? Auf all diese Fragen würde Bryan nur dann eine Antwort finden, wenn er offiziell die Augen aufschlug. Eine andere Lösung gab es nicht. Sie mussten das Spiel spielen, so gut es eben ging.“
'''(Zitat, S. 56)'''

Getreu dem Motto „wenn du erst einmal berühmt und beliebt bist, werden dir auch die einstigen Ladenhüter begeistert aus der Hand gerissen“ geschah bei dem inzwischen förmlich umjubelten Jussi Adler Olsen das, was letztes Jahr bei Simon Beckett's „Tiere“ vonstatten ging: Olsen's eigentliches Erstlingswerk

===“Das Alphabethaus“=== erschien hierzulande im Januar 2012, während der Roman in Kopenhagen bereits 15 Jahre zuvor veröffentlicht wurde. Meiner Beobachtung nach dauerte es nicht lange, bis die ersten huldvollen Kritiken erschienen ~ gleichermaßen tauchten nach und nach einige Privatrezensoren auf, die eher minder angetan waren.
Ich persönlich fackelte ebenfalls nicht lang und tauschte in der Thalia-Buchhandlung 15,90€ gegen eine 576 Seiten umfassende Geschichte „von menschlichem Versagen und davon, wie leicht es passieren kann, dass Menschen einander im Stich lassen.“ Eben so formulierte es Jussi Adler Olsen in seinem Nachwort und Dank, woraufhin ein durchweg informativer Anhang folgt, der im Grunde genommen noch einmal verdeutlicht, wie das Buch zu seinem Titel gelangt ist.

Der Anfang des Romans las sich für mich persönlich etwas schwerfällig ~ es ist kein Geheimnis, dass ich Bücher, die in der Zeit des Hitlerregimes spielen, mehr oder minder scheue und somit ebenfalls lediglich durch meine Autorenvorliebe, gepaart mit dem faible für Geschichten, die sich innerhalb geschlossener Anstalten ereignen, zu dem Werk griff.
Erfreulicherweise wird _„Das Alphabethaus“_ sehr schnell sehr spannend, zumal der Leser genauso lange im Dunkeln tappt, wie die Hauptcharaktere und zudem beste Freunde Bryan und James es tun. Nach dem Flugzeugabsturz der beiden britischen Piloten gelingt ihnen die Flucht auf einen Lazarettzug ~ als ihnen bewusst wird, dass es sich bei den Patienten ausschließlich um deutsche Soldaten und Offiziere handelt, bleibt ihnen keine andere Wahl, als sich in zwei der Betten zu schmuggeln und sich von dort an unter falscher Identität „behandeln“ zu lassen. In dem Sanatorium wartet ein lange Zeit als Simulanten auf sie; gepaart mit der Einsicht, dass es auch unterhalb der Patienten nicht so sicher ist, wie sie anfangs gehofft hatten. Sprich: wer als Simulant enttarnt wird, wird kurzerhand hingerichtet; durch die stete Kontrolle nebst der nicht minderen Medikamentendosis wird die angedachte Flucht unglaublich erschwert und obendrein sind Bryan und James nicht die einzigen, die einen Grund haben, ihre Geisteskrankheit vorzuspielen.....

Nicht erst im Sanatorium selbst tummeln sich Ereignisse, von denen der Leser nicht weiß, ob er diese schlicht und ergreifend skurril oder gar eher grausig finden soll. Paradebeispiel hierfür die Seiten 94-99, in denen die sämtliche, zum Großteil sehr spärlich bekleidete und nicht einmal ansprechbare Patienten, die kaum wissen können, wie ihnen geschieht, in den Hof der Anstalt gekarrt werden. Bryan ahnt bereits das Schlimmste, als er dem Aufmarsch von SS-Leuten gewahr wird ~ auch der Leser rechnet mit allem, bis ihm der tatsächliche Hintergrund wie ein Eimer kaltes Wasser ins Gesicht gekippt wird.

Dass der Autor für die Entstehung seines Buches seine Hausaufgaben gemacht hat, spürte ich für meinen Teil auf jeder Seite. Etliche einprägsame, schlüssige und verstehenswerte Passagen finden sich zuhauf, kommen mit der berühmten Faszination Ekel daher und wissen durchaus den Leser eiskalt am Nackenhaar zu packen:

„Der Öffentlichkeit blieb das Schicksal dieser Patienten meist verborgen, denn ein SS-Offizier konnte einfach nicht geistesgestört aus dem Krieg zurückkehren. Das hätte die Größe des Dritten Reichs beschmutzt und nicht zuletzt unvorhersehbare Konsequenzen für das Vertrauen in die Meldungen von der Front gehabt. Nichts durfte in der Bevölkerung Zweifel säen hinsichtlich der Unverwundbarkeit seiner Helden.“
'''(Zitat, S. 103)'''

Jussi Adler Olsen spart in seinem Roman nicht daran, dem Leser zu etlichen Charakteren eine Hintergrundinformation mitzugeben. Darüber hinaus erkennt sich der ein oder andere sicherlich bei der Ausführung „So abscheulich der Hintergrund der Simulanten war, irgendwie fand James ihre Geschichten auch faszinierend“ (vgl. S. 125) wieder ~ ein Aspekt, der dem Verfasser durchaus derartig bewusst gewesen zu sein scheint, das er jedoch leider ein wenig über das Ziel hinaus schoss. So gestaltet sich ein Blick auf die Sicht der Krankenschwester Petra sicherlich reizvoll, doch langsam aber sicher wuchs in mir das stete Bedürfnis, dass endlich einmal wieder etwas passieren dürfte an Handlungsaufschwung. Groteskerweise scheint eben jenes dem Autoren ebenfalls bewusst worden zu sein ~ um erneut ein wenig zu hektisch über das gut gemeinte Vorhaben hinwegzupoltern. Soll heißen: so ruhig und zunehmend träge sich die bisherigen Ereignisse respektive Nicht-Ereignisse in der Psychiatrie anlasen, so sehr droht das Buch stellenweise unter der Last der urplötzlichen geballten Geschehnisse einzubrechen.

Kenner spüren vereinzelt, dass Jussi Adler Olsen bei diesem Roman noch am Anfang seiner Karriere stand, sein Schreibstil noch nicht allzu vergleichbar ist mit dem, was er in seiner „Carl Mørck Reihe“ zu präsentieren versteht. Ob alle sprachlichen Holprigkeiten auf Adler Olsen's Mist gewachsen sind, oder ob man hierfür auch den Übersetzer zur Verantwortung ziehen könnte... man weiß es nicht, sofern man sich nicht das Original nebst eigener Sprachkenntnisse zur Hilfe nimmt. Nichtsdestominder trösten mich zum quietschen süße Formulierungen bzgl. einer frostigen Beziehung zwischen zwei später auftretenden Personen _(„Selbst bei den kurzen Telefonaten im Alltag bildete sich förmlich Raureif auf den Telefonleitungen“; vgl. S 304)_ durchaus über das ein oder andere obskure Satzkonstrukt oder gar kleine Langamtigkeiten hinweg.
Indes lässt einer der Fluchtversuche Bryans das Herz des Lesers einige Schläge lang aussetzen ~ was durchaus hervorragend und begrüßenswert ist; ich gleichermaßen jedoch nicht umhin komme, dies als weiteres Beispiel für die sprachliche wie auch erzähltempobezügliche Unausgewogenheit der Lektüre heranzuziehen.

Auf Seite 250 beginnt sodann der mehr oder minder lang-erwartete zweite Teil des Romanes, der im Jahre 1972 einsetzt. Bryan Young hat inzwischen seinen Namen von Bryan Underwood Scott Young auf Bryan Scott ändern lassen, ist verheiratet und Firmenchef. Die Erinnerungen an die Zeit im „Alphabethaus“ respektive an seine Flucht sind etwas, was er tief in sich vergraben hat und worüber nicht einmal seine Frau Laureen Bescheid weiß.
Erst durch eine Zufallsbegegnung mit einem seiner damaligen Peiniger gerät in Bryan erneut etwas zum Einsturz ~ von einem aufbrechenden schlechten Gewissen beseelt nimmt er die Suche nach James, den er seither nie wieder gesehen hat, wieder auf.

Klingt durchaus fesselnd, ist es aber leider kaum:
Für mich persönlich gestaltete sich der Fortlauf des _„Alpabethauses“_ zunehmend weniger zufriedenstellend. Einerseits empfand ich es zweifellos spannend und nicht zuletzt bewegend, wie viele Spuren die Erlebnisse hinterlassen haben, wie viele Träume und einstige kraftgebende Momente, die völlig anders interpretiert wurden, durch die erneute Beschäftigung mit eben jenen förmlich zerbrechen.

Die stille Brutalität, die _„Das Alphabethaus“_ auch durch solche neuen Blickwinkel an den Leser heranzutragen weiß, offenbart sich als etwas, von dem der Autor selbst offenkundig ein wenig zu begeistert war. Ich habe nicht gezählt, wie oft ich im weiteren Verlauf vermehrt an das Sätzchen

„Was für ein unfassbarer, unheimlicher Zufall.“
(Zitat, S. 330)

denken musste ~ es sind in der Tat nicht nur wenige Zufälle zu viel, die dem Leser hier glaubhaft gemacht werden sollen. Insbesondere Kapitel 39 endet mit meinerseitigem Missmut ~ obschon ich solcherlei bereits erahnt und somit erwartet hatte, gestaltet sich die Umsetzung eher unleidlich. Was weiterhin folgt, sind zum Teil völlig wirre Erklärungen, Ergänzungen, Hinweise und Anekdoten aus Dritter Hand darüber, was Bryan während und nach seiner Flucht aus dem Sanatorium verpasst hat. Hierbei verliert der Autor sich meines persönlichen Empfindens nach in für die story völlig unwichtigen Drumherumbeschreibungen, die nicht zuletzt zu einem überaus gestelzt wirkenden Neu-Problem gipfeln.

Ohne allzu viel an Details preiszugeben, erlaube ich mir den Hinweis, dass der Protagonist auf der Suche nach der ultimativen Wahrheit diversen alten Bekannten wiederbegegnet. Zu vielen, wenn man mich fragt ~ die Glaubwürdigkeit des Romans nimmt in meinen Augen zunehmend ab, eben weil sich auch die interpersonellen Konstrukte viel zu wenig gewandelt haben sollen, um mich persönlich überzeugen zu können.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: die Idee, welche Konsequenzen der einstige Identitätsschwindel nach sich ziehen soll, ist durchaus umwerfender Natur. Weder die Figuren noch der Leser hätten anfänglich solcherlei ahnen können ~ überraschend und rigoroses Potential weist _„Das Alphabethaus“_ somit zweifellos aus. Zum Teil klappt es mit der Umsetzung ja auch vorbildlichst ~ aber eben nur zum Teil. Mehr und mehr fand ich mich in einer überladenen Gaunerepisode wieder, während einzelne Personenzeichnungen ebenfalls an Authentizität zunehmend abzumagern beginnen.
Die Ermittlungsversuche gestalten sich für mich hier und da kaum nachvollziehbar, die plötzliche fast schon profimäßige Kaltschnäuzig- und Hartnäckigkeit nehme ich dem Hauptcharakter schlicht und ergreifend nicht ab.

Ein stetes chaotisches hin- und her sorgt bei mir eher für Missmut, als dass ich ob der sich überschlagenden Ereignisse regelrecht mitfiebern würde. Nicht zuletzt stört mich die urplötzliche Wunderheilung einer weiteren Figur, die ich in diesem Kontext einfach nur als belämmert bezeichnen möchte.

Weitere Verwirrung stiftet der Umstand, dass der Leser dazu angehalten ist diversen Charaktere zugleich drei Namen zuordnen zu müssen: deren Geburtsname, deren simultaner-simulanter „Deckname“ im Alphabethaus, zum Teil Spitznamen wie „der Pockennarbige“ und nicht zuletzt der „neue“ Name für das nunmehrige Leben danach.
Leser, die sich seit jeher mit einem eher unausgereiften Namensgedächtnis herumplagen, stehen somit vor einer definitiven Herausforderung.

Generell gesprochen konnte ich meine Augen anfänglich kaum von der Lektüre lassen. Die Atmosphäre hatte mich schnell im Griff, die Bedrohlichkeit der Lage wie auch die einzelnen Entwicklungen, die für mehr und mehr Anspannung sorgen, ist keineswegs von der Hand zu weisen. Positiv hervorzuheben auch, dass winzige Längen stetig durch fulminante Wendungen wieder gut gemacht werden ~ negativ jedoch, dass das überaus überbordend gestaltete Finale mir eher vorkommt wie eine Szene aus einem gut gemeinten Actionfilm.

Das, was ich als psychologisch gehaltvolles Drama über menschliche Abgründe nebst dem steten Aufkeimen der eigentlichen Menschlichkeit bezeichnet hätte, kippt derartig in eine mafia-artige Tatortstimmung, dass mir die Lektüre immer weniger Spaß machte.
Einzelne Seiten habe ich eher überflogen statt jeden Buchstaben aufzusaugen, zumal sich das, auf was der Autor eigentlich hinauswollte, immer weniger entdecken lies.

Fast schon erstaunlich somit, wie sehr mir die letzten 5 Buchseiten förmlich ins Herz schneiden konnten, mir eine Gänsehaut verursachten und mich mit einem doch irgendwie positiven Gefühl aus der Lektüre heraus gehen ließen.
Natürlich kommt es nicht nur auf die letzten Seiten eines Buches an; demnach bleibt es bei einem nicht minder-gewichteten Punktabzug in meiner Bewertung. Nichtsdestotrotz fühlt sich der Abschluss einfach „richtig“ an, schmerzt gewissermaßen, zeugt aber vor allem davon, dass Jussi Adler Olsen eben doch den Hang zum Authentischen inneträgt.
Was der ganze überflüssige Räuber und Gendarm Klamauk etliche Kapitel zuvor sollte... es ist und bleibt mir ein Rätsel.

===Insgesamt betrachtet=== will der ultimative Funke bei diesem Buch schlicht und ergreifend nicht überspringen; ähnelt eher einer kleinen Stichflamme, die jedoch genauso schnell regelmäßig wieder abflaut, so dass ich hier keine wirkliche Empfehlung aussprechen möchte. Der Beginn des Romanes ist durchweg gelungen, weiterhin hat _„Das Alphabethaus“_ seine überragenden Momente ~ im Gegenzug dazu zusätzlich ganze Kapitel, die mich einfach nur verstimmt haben.

Solle Jussi Adler Olsen irgendwann das Bedürfnis verspüren, die Lektüre zu überarbeiten bzw. der Einfachheit halber ein paar Passagen erbarmungslos zu streichen, so wäre ich definitiv wieder dabei ~ sonstig bleibt mir lediglich die überspitzt formulierte Schlussfolgerung, dass der Plan „Ladenhüter neu verpackt und dem Hype hinterhergeworfen, weil ja viele jetzt einfach ALLES von Olsen gut finden“ unbestreitbar aufgegangen ist. Wenngleich in meinem Fall nur bis kurz nach der Ladentheke.
_„Verachtung“_, den vierten Teil der Carl Mørck Reihe, habe ich mir dennoch bereits vorbestellt.

23 Bewertungen, 4 Kommentare

  • Miraculix1967

    09.02.2012, 23:33 Uhr von Miraculix1967
    Bewertung: sehr hilfreich

    Schönen Donnerstagabend und lieben Gruß Nr. 2 für heute aus dem gallischen Dorf Miraculix1967

  • XXLALF

    09.02.2012, 20:08 Uhr von XXLALF
    Bewertung: sehr hilfreich

    ...und einen schönen abend noch

  • morla

    09.02.2012, 17:27 Uhr von morla
    Bewertung: sehr hilfreich

    lg. ^^^^^^^^^^^^^^^petra

  • sammelmeilen

    09.02.2012, 15:20 Uhr von sammelmeilen
    Bewertung: sehr hilfreich

    liebe Grüße von Antje