Das Alphabethaus (Taschenbuch) / Jussi Adler-Olsen Testbericht

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ab 9,30
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Erfahrungsbericht von dik1609

Beklemmend

Pro:

Politische und persönliche Schicksale zusammengeführt

Kontra:

Wirkt wie zwei Bücher verschiedener Autoren

Empfehlung:

Ja

Wer Jussi Adler Olsen sagt, meint Carl Mörck. So ist das jedenfalls bei allen Freunden der Kriminalroman-Serie des dänischen Autoren. Adler Olsen aber kann noch mehr. Und darauf war ich neugierig. Auch ich gehöre zu den Carl-Mörck-Fans, war mir aber völlig im Klaren darüber, dass das hier vorzustellende Buch damit nun rein gar nichts zu tun hat. Inzwischen wurde das Alphabethaus gelesen - und entsprechend kann an dieser Stelle darüber berichtet werden.

Der Kauf

Gesucht und gefunden wurde das 2012 im Deutschen Taschenbuch-Verlag erschienene Werk (die dänische Originalausgabe kam bereits 1997 auf den Markt!) bei meinem Stammbuchhändler im Internet, buecher.de. Dort waren - wie auch überall andernorts - für das broschierte Buch mit 588 Seiten und einem stattlichen Gewicht von knapp 700 Gramm 15,90 Euro fällig. Geliefert wurde - ohne Berechnung zusätzlichen Versandkosten - nur zwei Tage nach der Bestellung per DHL.

Das Aussehen

Das Buch im Format 21 mal 14 Zentimeter ist dick, rund fünf Zentimeter. Der Titel nennt in nahezu überdimensionaler Größe den Namen des Autoren (klar: Nach dessen Erfolgen in Deutschland wird mit dem Namen Werbung gemacht und Umsatz erwartet) in weiß-grüner Schrift auf schwarzem Grund. Der Titel des Romans in roten Lettern ist wesentlich kleiner gehalten und auf das untere Drittel des Covers verdrängt. Dazwischen ist das Bild zweier komplett in Tücher gehüllter menschlicher Köpfe zu sehen. Auf der Rückseite gibt es eine kurze Inhaltsangabe sowie eine (positiv ausfallende) Pressestimme.

Der Autor

Jussi Adler-Olsen wurde am 2. August 1950 unter dem bürgerlichen Namen Carl Valdemar Jussi Henry Adler-Olsen in Kopenhagen geboren. Er studierte Medizin, Soziologie, Politische Geschichte und Film. Bevor er 1995 mit dem Schreiben begann, arbeitete er in verschiedensten Berufen: als Redakteur für Magazine und Comics, als Koordinator der dänischen Friedensbewegung, war Verlagschef im Bonnier-Wochenblatt TV Guiden und Aufsichtsratsvorsitzender bei verschiedenen Energiekonzernen. Sein Hobby: das Renovieren alter Häuser. Er ist verheiratet und Vater eines Sohnes. 1997 erschien sein erster Roman "Das Alphabethaus". Er erreichte in Schweden, Holland, Deutschland und Finnland, Spanien, Südamerika und Norwegen die Spitzen der Bestsellerlisten. Es folgten die Romane "Firmaknuseren" (2003) und "Das Washington Dekret" (2006), bevor er 2007 mit dem ersten Fall für Carl Mörck, "Erbarmen", einen Riesenerfolg hatte. 2008 stürmte er auch mit "Schändung", dem zweiten Fall für Carl Mörck, 2009 mit "Erlösung", dem dritten Fall für Carl Mörck, und 2010 mit "Verachtung", dem vierten Fall für Carl Mörck, die Bestsellerlisten. Die auf zehn Teile angelegte Carl-Mörck-Serie soll ab diesem Jahr im Rahmen einer europäischen Co-Produktion (Zentropa und ZDF) für Kino und Fernsehen verfilmt werden. Jussi Adler-Olsen wurde unter anderem ausgezeichnet mit dem Harald-Mogensen-Krimipreis 2009 für "Erlösung", dem Reader's Bookprize 2010, einem der bedeutendsten Literaturpreise Dänemarks, und dem Glass Key Award 2010, dem bedeutendsten Krimipreis Skandinaviens. Jussi Adler-Olsen ist außerdem Preisträger des Goldenen Lorbeers 2011, der wichtigsten literarischen Auszeichnung Dänemarks für das Gesamtwerk eines Autors.

Der Inhalt (Buch-Innenseite)

1944. Nach einem Flugzeugabsturz über deutschen Territorium retten sich die beiden britischen Soldaten Bryan und James in einen Lazarettzug, der verletzte deutsche Soldaten von der Ostfront nach Hause bringt. Unter falscher Identität landen die Piloten als Patienten im "Alphabethaus", einem Krankenhaus in der Nähe von Freiburg im Breisgau. Bryans und James' einizige Chance, dort zu überleben, besteht darin, sich selbst als psychisch krank auszugeben. Doch können sie das, ohne Schaden zu nehmen an Leib und Seele? Und: Sind sie die einzigen Simulanten?
Jahrzehnte später werden entsetzliche Ereignisse der Vergangenheit noch einmal ihre brutalen Schatten auf die Überlebenden...

Leseprobe

Das Wetter war alles andere als gut.
Kalt und windig, geringe Sichtweite.
Für einen englischen Januartag war es ungewöhnlich rau.
Die amerikanischen Soldaten hatten schon eine Weile auf den Landebahnen gesessen, als sich der hochgewachsene Engländer der Gruppe näherte. Er war noch nicht ganz wach.
Hinter der vordersten Gruppe richtete sich eine Gestalt auf und winkte ihm zu. Der Engländer winkte zurück und gähnte laut. Nach so langer Zeit mit nächtlichen Angriffsflügen fiel es ihm schwer, sich wieder auf den normalen Tag-Nacht-Rhythmus einzustellen.
Und es würde ein langer Tag werden.
Weiter entfernt rollten die Maschinen langsam zum südlichen Ende der Startbahnen. Also würde es in der Luft bald wieder voll sein.
Die Vorstellung weckte gemischte Gefühle in ihm.

Der Auftrag zu dieser Mission war vom Büro des Generalleutnants Lewis H. Brereton in Sunning Hill Park gekommen. Er hatte den Oberbefehlshaber der Royal Air Force, Luftmarschall Harris, um britische Unterstützung gebeten. Die britischen Moskitos hatten bei den Nachtangriffen auf Berlin im November das streng gehütete Geheimnis der Deutschen - die Anlagen für die V-1-Raketen in Zempin - enthüllt, und das hatte die Amerikaner nachhaltig beeindruckt.
Die Mannschaften auszuwählen überließ man Oberstleutnant Hadley-Jones, der die praktische Arbeit seinem Mitarbeiter, Wing Commander John Wood, anvertraute.
Er hatte die Aufgabe, zwölf britische Crews zusammenzustellen. Acht für Beobachtungsflüge und vier Mannschaften mit besonderen Observationszielen zur Unterstützung, die unter dem Kommando der 8. und der 9. US-Luftflotte fliegen sollten.
Für diese Aufgabe wurden doppelsitzige P-51-D-Mustang-Jagdflugzeuge mit sogenannten Meddo-Geräten und hochempfindlichen optischen Instrumenten ausgerüstet.
Vor gerade mal zwei Wochen hatte man James Teasdale und Bryan Young als erste Crew ausgewählt, die dieses Material unter sogenannten "normalen Verhältnissen" erproben sollte.
Sie konnten also davon ausgehen, schon bald wieder Kampfeinsätze fliegen zu müssen.
Der Angriff war für den 11. Januar 1944 geplant. Das Ziel der Bombergeschwader waren die Flugzeugfabriken in Aschersleben, Braunschweig, Magdeburg und Halberstadt.
Beide hatten dagegen protestiert, dass man ihnen den Weihnachtsurlaub kappte. Beide waren noch kampfmüde.

Meine Meinung

Jussi Adler Olsens Carl-Mörck-Reihe sorgt in Deutschland schon für einen Bestseller nach dem anderen und entsprechende Umsätze für den Buchhandel. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten nach einem Mehr. Und weil der dänische Autor an seinen nächsten Mörck-Werken noch arbeitet, wurde der Einfachheit halber sein Erstlingswerk auch in Deutschland auf den Markt gebracht, denn der Name Jussi Adler Olsen allein lässt schon für Dollar-Zeichen in den Augen der Händler sorgen. Ich befürchte, dass ohne Carl Mörck das Alphabethaus dem deutschen Publikum verschlossen geblieben wäre, was ausgesprochen schade gewesen wäre, denn eigentlich ist dieses Werk anspruchsvoller als die vom Publikum so geliebten Romane um den dänischen Ermittler. Und damit hat das Alphabethaus nun wirklich rein gar nichts zu tun.

Das Buch ist in zwei große Teile gegliedert, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Teil eins sorgte bei mir für Beklemmung, den in dem wird in erster Linie das Leben und Überleben der beiden britischen Piloten im deutschen Zweiter-Weltkrieg-Sanatorium geschildert, was mich persönlich an Papillons Haft auf Alcatraz erinnerte, wobei hier sogar noch eine Steigerung des menschlichen Grauens mit nur wenigen Lichtblicken vorgenommen wirkt. Die Schilderungen in diesem ersten Teil einschließlich der medizinischen Methoden im Weltkriegs-Deutschland wirken enorm realistisch, könnten schon als dokumentatorisch angesehen werden und sorgten wohl auch für das Zitat "Der beste Film, den ich je gelesen habe" des Filmproduzenten Just Betzer, dem ich mich inhaltlich voll und ganz anschließen kann, denn auch ich habe beim Lesen das Leiden und Kämpfen von Bryan und James, ja sogar ihre Gedanken, förmlich gesehen. Das ist wirklich eindrucksvoll, das ist wirklich große Literatur.

Teil zwei des Werkes allerdings hat aus literarischer Sicht nur wenig mit dem ersten zu tun. Das Gefühl des Erdrückt-Werdens legt sich beim Leser ganz schnell, die Schilderungen treten in den Hintergrund und es beginnt beinahe so etwas wie ein Kriminalfall, auch mit Action, auch mit logischen Fragezeichen. Adler Olsens Schreibstil ändert sich, die Adjektive werden weniger, die Verben fordernder. Fast wirkt es, als habe ein ganz anderer Autor ein einmal begonnenes Werk fortgesetzt. Aber: Inhaltlich wird natürlich an den ersten Teil, wenn auch etwas indirekt, angeknüpft. Und hier beginnt Adler Olsen etwas, was er später bei seinen Carl-Mörck-Romanen in den Mittelpunkt stellt - nämlich eine Verschwörung. Politischer als in diesem Falle allerdings kann sie nicht sein, denn der Autor beleuchtet die Nachwirkungen der NS-Zeit auf das heutige Deutschland, wobei er zunächst klare Einordnungen in Gut und Böse vornimmt, ehe er den Leser damit überrascht, dass Zeit und Schicksal Menschen verändern kann. Und damit kommt er auch zur zentralen Frage seines Buches, nämlich der, was die Zeit aus Beziehungen machen kann, was diese Beziehungen aushalten können und was nicht. Und: Wer trägt Schuld mit sich, wer nicht? So ganz komplett beantwortet Adler Olsen diese Fragen nicht. Das will er offenbar auch gar nicht, denn er unterhält den Leser nicht nur, sondern fordert ihn auch. Nachdenken soll er, der Leser. Genau das gelingt, denn dieses Buch wirkte bei und in mir noch lange nach. Möglicherweise haben Menschen aus der Nachkriegs-Generation Probleme damit, das richtig einzuordnen, was damals geschah und welche Auswirkungen es noch bis heute hat. Adler Olsen hilft beim persönlichen Einordnen.

Auf den ersten Blick hat der dänische Autor ein Buch geschrieben, das von persönlichen Schicksalen handelt und den Leser mit den beiden Protagonisten hoffen und bangen lässt. Aber in Wirklichkeit geht dieser Roman viel weiter, hat eine enorme politische Tragweite nicht nur in einer Beziehung, erklärt die manachmal fehlende oder auch nur fehlerhafte Aufarbeitung der NS-Zeit in Deutschland, und erklärt gerade uns Deutschen, warum vielerorts immer noch mit Skepsis auf uns geschaut wird, wobei Adler Olsen allerdings auch durchaus versöhnliche Töne anschlägt und keineswegs in Vorurteile ausbricht, denn auch in diesem Werk ist nicht alles, was deutsch ist, auch schlecht. Und Fehler wurden überall gemacht - völlig losgelöst von nationalen Identitäten. Nur wer daran arbeitet, Freundschaften zu bewahren und zu fördern, kann genau dieses Ziel auch erreichen. Diese Fazit scheint über die Jahrzehnte hinweg unverändert zu gelten. Wir brauchten nur jemanden, der es uns sagt. Dank Carl Mörck kann Jussi Adler Olsen das mit einigen Jahren Verspätung auch in Deutschland tun. Danke dafür!

Angemerkt sei abschließend noch, dass die zwei Teile des Buches sich auch auf mein Leseverhalten auswirkten, denn während ich beim meiner Meinung nach literarisch anspruchsvolleren ersten Teil des öfteren Pausen einlegte (all das Schrecken musste ja auch erst einmal verarbeitet werden, ein Vorankommen in der Handlung war kaum in Sicht), packte mich beim zweiten Teil des Romans die entstehende Spannung sehr schnell und sorgte dafür, dass manche Schlafeinheit kürzer wurde als geplant, denn nun fiel es wesentlich schwrerer, Lesepausen einzulegen, wollte ich doch wissen, wie sich das Geschehen aus Teil eins viele Jahre später auswirkte - und wie das Finale dieses Buches aussehen würde.

36 Bewertungen, 16 Kommentare

  • BoxerRocko

    30.11.2013, 15:19 Uhr von BoxerRocko
    Bewertung: sehr hilfreich

    Liebe Grüße

  • satibaer

    20.07.2013, 14:35 Uhr von satibaer
    Bewertung: besonders wertvoll

    alles drin - alles dran - bw!

  • Juri1877

    10.07.2013, 08:30 Uhr von Juri1877
    Bewertung: sehr hilfreich

    auch sehr schön rezensiert

  • Juri1877

    10.07.2013, 08:30 Uhr von Juri1877

    auch sehr schön rezensiert

  • LadyGaga

    01.07.2013, 22:20 Uhr von LadyGaga
    Bewertung: sehr hilfreich

    Lg und Gegenlesung wäre schön

  • Gi22Fr

    29.06.2013, 21:32 Uhr von Gi22Fr
    Bewertung: besonders wertvoll

    toller bericht!!!

  • beckfrau89

    25.06.2013, 16:36 Uhr von beckfrau89
    Bewertung: besonders wertvoll

    Super berichtet. LG

  • anonym

    25.06.2013, 00:02 Uhr von anonym
    Bewertung: besonders wertvoll

    BW und LG

  • nudelsuppe

    24.06.2013, 20:25 Uhr von nudelsuppe
    Bewertung: besonders wertvoll

    Liebe Grüße!

  • Lale

    24.06.2013, 14:35 Uhr von Lale
    Bewertung: besonders wertvoll

    Allerbesten Gruß *~*

  • anonym

    24.06.2013, 14:32 Uhr von anonym
    Bewertung: besonders wertvoll

    LG Damaris

  • mausi1972

    24.06.2013, 13:17 Uhr von mausi1972
    Bewertung: sehr hilfreich

    Grüße Marion.

  • monagirl

    24.06.2013, 11:22 Uhr von monagirl
    Bewertung: sehr hilfreich

    Gruß Mona

  • Little-Peach

    24.06.2013, 10:12 Uhr von Little-Peach
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sehr hilfreicher Bericht für mich :)

  • dieanke

    24.06.2013, 09:13 Uhr von dieanke
    Bewertung: besonders wertvoll

    Klingt nach was für mich :)

  • bella.17@live.de

    24.06.2013, 08:25 Uhr von [email protected]
    Bewertung: sehr hilfreich

    Liebe Grüße Annabelle