Lehrerkind: Lebenslänglich Pausenhof (Taschenbuch) / Bastian Bielendorfer Testbericht

Lehrerkind-lebenslaenglich-pausenhof-taschenbuch
ab 5,47
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 02/2012
5 Sterne
(2)
4 Sterne
(0)
3 Sterne
(1)
2 Sterne
(1)
1 Stern
(0)
0 Sterne
(0)
Summe aller Bewertungen
  • Niveau:  durchschnittlich
  • Unterhaltungswert:  durchschnittlich
  • Spannung:  durchschnittlich
  • Humor:  humorvoll
  • Stil:  sehr ausschmückend

Erfahrungsbericht von LilithIbi

Schulhofpsychopathen.

3
  • Niveau:  durchschnittlich
  • Unterhaltungswert:  durchschnittlich
  • Spannung:  hoch
  • Humor:  durchschnittlich
  • Stil:  sehr ausschmückend
  • Zielgruppe:  jedermann

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Um meiner eigenen Kopfdisziplin zu entgehen, bedarf es mir hin und wieder Lektüren, die ein jeder zweite in die Kategorie „seichte Unterhaltung“ einsortieren würde, wenn er nicht sogar von „Triviallektüre“ sprechen würde. Bastian Bielendorfer's überspitztes und nicht zuletzt selbstironisches Erstlingswerk

===“Lehrerkind ~ Lebenslänglich Pausenhof“=== erschien mir trotz lange Zeit zuvor (und somit schon längst wieder vergessener) vernichtender Kritik das exakt richtige zu sein, zumal der nächste „Halloween“-Abend noch auf sich warten lassen muss.
Generell handelt es sich bei dem 304seitigen Buch um eine Unterart Autobiographie ~ dass Bastian Bielendorfer meterhoch (und stellenweise viel zu dick) aufträgt, kann man sich schon anhand der ersten Seite denken. Nichtsdestominder liest sich das in beinahe chronologisch aufeinanderfolgende Kapitel durchzogene Werk bereits auf S. 9 verlockend leichtfüßig genial, so dass ich recht begeistert einstieg und mich auf unterhaltsame Lesemomente vorfreute.

De facto liest sich so einiges innerhalb der einzelnen Anekdoten überaus amüsant, besticht durch eine schonungslos offene Sprache und tiefschwarzen Humor mit Hang zur Selbstveräppelung. Nicht nur ich werde mich schlussendlich in zig Passagen wiedererkannt, mich in längst vergangene Zeiten zurückversetzt und somit regelrecht mitgefühlt haben.
Ob es nun um die selbstgebastelte Schultüte geht, die Bastian

„nach zwei Tagen am heimischen Basteltisch (Lehrereltern besitzen so etwas!) produziert hatte, [die] ein wenig wie die Nachgeburt von Bernd das Brot aus[sah]“
'''(vgl. hierzu S. 27)'''

oder gar um von den Eltern organisierten Geburtstagspartys zur besseren Völkerverständigung und Integration des außenseiterlichen Sohnes, die Gäste an einen Tisch bringt, die jener freiwillig nie im Leben hätte einladen wollen:

„Neben ihm saßen Lisa und Lotte Fennermann, die Shining-Zwillinge. Zwei bemerkenswert gruselige Geschwister, immer gleich gekleidet, kaum zu einer abweichenden Aussage in der Lage, alles, was die eine sagte, schallte wie ein Echo im Grand Canyon noch einmal von der anderen hinterher. Ihre Eltern waren Zeugen Jehovas, was im Nachhinein ihre Teilnahme an meiner Geburtstagsfeier noch eigenartiger macht, vielleicht war es eine Art verdcekte Mission, um festzustellen, wie Atheisten so leben.“
'''(Zitat, S. 59)'''

Bedauerlicherweise kam es mir persönlich allzu früh so vor, als hätte Bastian Bielendorfer schon während des Schreibens gespürt, dass ihm seine gleichzeitige Karriere als Poetry-Slammer irgendwie mehr liegen würde. Mitsamt diesen Wissens ausgestattet, dass der junge Verfasser eben jene Tätigkeit inzwischen (?) ebenfalls ausübt, kam es mir hin und wieder so vor, als hätte er seine Gags inmitten des Buches vorrangig für ein überdrehtes Publikum geschrieben, welches sich und die damit verbundene eigene Hochstimmung immer wieder gegenseitig hochpusht.
Im Klartext bedeutet dies, dass Bastian Bielendorfer fast ein jedes Klischee bedient, welches man von einem unvorteilhaft aussehenden Lehrerkind, dessen Eltern überdies beide auf der jeweiligen Schule des Ich-Erzählers unterrichten (die Mutter an der Grundschule, der Vater in der weiterführenden Schule) irgendwo schon einmal gehört haben will.
Bastian ist nicht nur Opfer von Hohn und Spott, sondern überdies überaus untalentiert, was Sport, Mädchen oder gar nur Freundschaften angeht. So richtig mag man dies nicht glauben, wenn man sich den weiteren Verlauf des Buches mal genauer betrachtet ~ doch allzu ernst genommen werden will die Lektüre ohnehin nicht.
Mit einer Sprachwahl, die für zarte Gemüter vereinzelt zu offenherzig sein könnte, flappst der Protagonist so vor sich hin, versucht, dem Leser weiszumachen, dass sein Leben zu hause ebenfalls von Rotstift und Grammatikunterricht beim montaglichen Scrabblespielen erfüllt war, so dass ich persönlich durchaus erstaunt war, welch ernsthafte Note urplötzlich in den letzten Zeilen der Seite 89 eingeschlagen wird.
Ohne diese Textstelle jetzt adäquat benennen zu wollen, möchte ich offenbaren, dass ich hier eine leichte Gänsehaut bekam; nicht zuletzt aufgrund des plötzlichen Stimmungsumschwungs verursacht.

Auch zum Buchende hin, als der Ich-Erzähler bereits studiert, findet sich eine Passage, die durchaus als tiefgründig zu bezeichnen ist und zum Reflektieren der eigenen Familienkonstrukte prädestiniert ist:

„Die kurze Zeitreise in meine Kindheit fühlte sich an wie eine eigenartige Mischung aus Nostalgie und Fremdheit, vieles war gleich geblieben, aber ich hatte mich verändert. Ich war erwachsen geworden, und keinem der anderen Beteiligten fiel dieser Umstand auch nur auf.“
'''(Zitat, S. 298)'''

Dementgegen füllt sich _„Lehrerkind ~ Lebenslänglich Pausenhof“_ vorrangig mit Anekdoten, die en detail hanebüchener kaum hätten sein können. Jeder noch so gute Ansatz wird viel zu oft in einer heroisch einbrechenden Flut der überdrehten Albernheiten erstickt, so dass mir der Spaß regelrecht verging. Die Erzählungen über die verhasste Zwangsteilnahme an den Bundesjugendspielen wie auch die erste Erfahrung im Jobcenter haben definitiv etwas für sich und zählen für meinen Geschmack zu den besten Kapiteln im gesamten Buch. Weiterhin schaffte es die Zusammenfassung des Urlaubs in Russland durch geniale Formulierungen aka

„Ivan erschien und wie ein schweigsamer, schießwütiger Verrückter. Dieses Missverständnis sollte sich in den nächsten Tagen auflösen. Ivan war ganz und gar nicht schweigsam.“
'''(Zitat, S. 157)'''

zu bestechen, während ich durch die verfasserliche Empörung über die unfreiwillige Teilnahme an der sog. „Chikatilo Tour“ eher neidisch denn schadenfroh-bespaßt gestimmt wurde.

Zwischen den einzelnen Kapiteln befinden sich ferner immer wieder handschriftlich verfasste Charakterisierungen über verschiedene Lehrkörper ~ all jene habe ich stetig lediglich angelesen, sodann überschlagen. Damit kann ich schlicht und ergreifend nichts anfangen, hab den gut versteckten Humor nicht finden können und las mich weiterhin durch eine Berg- und Talfahrt an versuchter Selbstironie.

Ich kann mir nicht helfen: aber kaum, dass ich „Lehrerkind – Lebenslänglich Pausenhof“ aus der Hand gelegt hatte, grübelte ich vor mich hin, wann das Gesetz geschrieben wurde, dass aus der gewünschten Fähigkeit, auch mal über sich selbst lachen zu können, eher überbordende Bloßstellung seiner Seins konstruiert werden muss. So sympathisch mir der Schreiberling durch seine Selbsthiebe erscheinen mag... die stete Betonung, wie überaus hässlich, ungeschickt, unbeliebt und bestenfalls einer Karriere als Türstopper entgegenblickend ging mir über kurz oder lang gehörig an die Substanz meiner Einfühlsamkeit; ähnlich dem Umstand, wie man selbst seiner besten Freundin, dem personifizierten Strich in der Landschaft, irgendwann den Kopf an einer Waage einschlagen möchte, wenn diese noch einmal an einer Selleriestange knabbernd betont, wie dick sie geworden sei.

So fluffig ebenfalls von dem kurzeitigen Praktikum bei einem Tierarzt zu Kapitelauftakt berichtet wird, so sehr verliert sich das Szenario in einer Anreihung von anatomischen Unglaubwürdigkeiten. Selbst ob des Wissens, dass das Buch selbstredend nicht Wort für Wort als bare Münze angesehen werden soll sondern vielmehr darauf abzielt, gerade durch jene Hyperbeln den Leser lachend von seinen Sitz-/Liegeplatz zu kringeln, kann ich persönlich mit dem Gesamtwerk nur halbherzig anfreunden.

Stattdessen bleibt ein Nachgefühl in mir, welches mich vermutlich noch einige Zeit beschäftigen wird: der Eindruck, dass Bastian Bielendorfer tief im inneren ein wenig „Angst“ gehabt haben dürfte, sein Werk mit einem gewissen Maß an Ernsthaftigkeit auszustatten. Wie bereits erwähnt gibt es eine Stelle, die unter die Haut geht. Ebenfalls bleiben bei den Erinnerungen an den ominösen „Onkel“, der Dank seiner Psychosen im Laufe des Geschehens verhaftet wird, ein fahler Beigeschmack ~ völlig losgelöst von der Art Happy End, die das Buch ebenfalls für ihn parat hält. Kurzzeitig ist darüber hinaus am äußersten Rande von einer Depression des Ich-Erzählers die Sprache; ein „Bekenntnis“ nebst dem leisen Gefühl der Melancholie, welches ad hoc von einer Lawine an flachen Witzen verharmlost wird.

Bedauerlich, in mehrerlei Wortdeutung.

Summa summarum mag ich niemandem komplett von „Lehrerkind - Lebenslänglich Pausenhof“ abraten, würde es gleichermaßen jedoch nur arg bedingt empfehlen. Für die dargebotene Weise an flachen Gags, die sich im Grunde genommen immer aufs neue wiederholen und den Leser mit einem elterlichseits korrigierten Brief des frischgebackenen Buchschreibers zum Abschluss von der absoluten Wahrscheinlichkeit des Inhalts zu überzeugen versucht, muss der potentiell Interessierte erst einmal ein Gen haben.
Wie so oft habe ich das Buch binnen eines Nachmittages gelesen, gehe jedoch davon aus, dass ich bei einer Unterbrechung am Folgetag zu etwas anderem gegriffen und keinen weiteren Blick mehr in das 9,99€ Druckwerk geworfen hätte. Wirklich spannend ist die Lektüre definitiv nicht, lädt dafür jedoch zweifellos ein paar mal zum innerlichen wie auch äußerlichen Kichern ein.

Mein Buch gehört mir zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr ~ und ich wage zu bezweifeln, dass ich dies je ernsthaft bedauern werde.

31 Bewertungen, 7 Kommentare

  • anonym

    05.03.2012, 20:26 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Liebe Grüße Edith und Claus

  • anonym

    05.03.2012, 15:33 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Prima vorgestellt. GLG und eine schöne Restwoche.

  • campino

    05.03.2012, 15:14 Uhr von campino
    Bewertung: sehr hilfreich

    : lg andrea :

  • XXLALF

    05.03.2012, 11:30 Uhr von XXLALF
    Bewertung: sehr hilfreich

    ...und einen guten wochenstart

  • sigrid9979

    05.03.2012, 08:30 Uhr von sigrid9979
    Bewertung: sehr hilfreich

    Wünsche dir eine schöne Woche......

  • modschegibbchen

    04.03.2012, 23:26 Uhr von modschegibbchen
    Bewertung: sehr hilfreich

    habe schon überlegt, ob ich mir das buch mal schnappe und lese.... manchmal darf es ruhig auch trivialliteratur sein - um den kopf wieder freizubekommen für die wirklich wahren wunder des lebens :o) lg heike

  • Lale

    04.03.2012, 22:46 Uhr von Lale
    Bewertung: sehr hilfreich

    Allerbesten Gruß *~*