Verachtung (gebundene Ausgabe) / Jussi Adler-Olsen Testbericht

ab 12,10
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Summe aller Bewertungen
  • Niveau:  anspruchsvoll
  • Unterhaltungswert:  durchschnittlich
  • Spannung:  durchschnittlich
  • Humor:  durchschnittlich
  • Stil:  ausschmückend

Erfahrungsbericht von Hollgo

Verachtenswert ?

5
  • Niveau:  anspruchsvoll
  • Unterhaltungswert:  hoch
  • Spannung:  sehr gering
  • Humor:  durchschnittlich
  • Stil:  ausschmückend
  • Zielgruppe:  Männer

Pro:

+ sehr spannender, teils aufwühlender, Kriminalroman

Kontra:

- wer Adler-Olsens Stil nicht mag, mag diesen Roman auch nicht

Empfehlung:

Ja

Seit August 2012 ist nun "endlich", wie viele Fans der "Carl-Mörck"-Reihe, die aus der Feder des dänischen Autors Jussi Adler-Olsen stammt, sagen werden, die deutschsprachige Ausgabe des insgesamt vierten Bandes mit dem Titel "Verachtung" erschienen. Kann das Buch spannungsmässig an die teils sehr spannenden Vorgängerteile wie "Erlösung" oder "Erbarmen" anknüpfen oder fällt mein Fazit doch eher "mau" aus ?

=== So kam ich zu "Verachtung" ===

Das Buch bestellte ich bei buecher.de für 19,90 € - da sich der dtv-Verlag seit dem Erfolg der Reihe nun anscheinend dazu entschlossen hat, die Bücher der "Carl-Mörck"- Reihe unter dem "dtv HC"- ("Hardcover") Label zu vertreiben, ist es "dank" Buchpreisbindung vorerst auch nicht günstiger zu bekommen. Ob eine Taschenbuchauflage folgen wird, ist nur zu vermuten. Der erste Teil mit dem Titel "Erlösung" war noch als "ordinäres" Taschenbuch für 9,95 € erhältlich...

== Zum Autor ==

1950 wurde Jussi Adler-Olsen in Kopenhagen als Sohn eines Arztes der Psychiatrie geboren.
Adler-Olsen ist verheiratet und hat einen bereits erwachsenen Sohn und wohnt in Alleröd, einem kleinen Ort unweit entfernt von Kopenhagen.
Adler-Olsen ist wohl so etwas wie ein "unversalgebildeter" Mann, schließlich studierte der heute 62-jährige vor seiner Laufbahn als Krimiautor zunächst Medizin, Soziologie, Politische Geschichte und Filmwissenschaft.
Darüber hinaus war erin verschiedenen Berufen tätig, darunter auch als Komponist und Redakteur. Ferner ist er in der dänischen Friedensbewegung tätig und hat mehrere Vorstandsmitgliedsposten in verschiedenen Unternehmen inne.

Mit dem Schreiben von Krimis begann Adler Olsen allerdings erst im Alter von 47 Jahren, also anno 1997. In diesem Jahr erschien unter dem Titel "Alfabethuset" sein erster Thriller,
Richtig großen Erfolg hatte Adler-Olsen erstmals im Jahr 2007, eben mit "Erbarmen" in welchem er gleichzeitig den ersten Fall für Carl Mörck vorstellte. Mit diesem Charakter des teils abweisenden wie eigenbrödlerischen Kommissars in der Hauptrolle startete Adler-Olsen nachfolgend eine Romanreihe, deren
vierter Teil mit dem Originaltitel "Journal Nr. 64" im Herbst 2010 in Dänemark erschien. Das Buch wurde allerdings erst im August 2012 seitens des dtv-Verlags unter dem Titel "Verachtung" in deutscher Sprache auf den Markt gebracht.

== Zu "Verachtung" ==

=== Darum geht es... ===

Wie die vorangegangenen Fälle von Kriminalkommissar Mörck, seinem Assistenten Assad und seiner "Grufti"-Sekretärin Rose auch, gründet die Story von "Verachtung" auf einem alten, ungelösten Kriminalfall aus den späten 1980´er Jahren.

So beginnt "Verachtung", wie im Übrigen jeder der "Mörck"-Romane von Adler-Olsen auch, mit einem Prolog, in dem - im Falle von "Verachtung" - eine Rückblende in Ereignisse wiedergegeben wird, die sich im November 1985 abgespielt haben.

_ November 1985_

Auf einem piekfeinen Ball, der zur Verleihung des "Großen Nordischen Preises" im Fach Medizin ausgerichtet wird, sieht sich Nete Rosen, vormals Nete Hermansen, durch einen unliebsamen Bekannten aus alten Zeiten in die Ecke gedrängt. Curt Wad, so der Name des Mannes, seines Zeichens Gynäkologe und - wie Nete und ihr Mann, der renommierte medizinische Direktor einer florierenden Klinik, Andreas Rosen, Gast dieser Veranstaltung, konfrontiert Nete vor den Augen ihres Mannes mit für Nete wenig ruhmreichen Details aus ihrer Vergangenheit. Das Ehepaar Rosen verlässt daraufhin die Veranstaltung und noch auf der Fahrt nach Hause eröffnet Herr Rosen seiner Frau, dass es "aus" sei. Die von Wad vorgebrachten Beschuldigungen, von denen Rosen keinerlei Ahnung hatte, sind einfach zu schwerwiegend für ihn, die Ehe mit Nete weiter fortzusetzen. Während der Fahrt noch greift die verzweifelte Nete ihrem Mann ins Lenkrad - die Fahrt endet in einem Autounfall.

_ "Jetztzeit" 2010 _

Genau 15 Jahre später , im November 2010, kommt der Fall auf den Tisch von Carl Mörck, dem Chefermittler des Sonderdezernats Q, welches sich mit alten, ungelösten Kriminalfällen beschäftigt.

Besonders geht es hierbei um das Schicksal einer Reihe vermisster Personen aus dem Jahr 1987 - Fälle, die offenbar zusammenhängen. Die Ermittlungen ergeben nämlich, dass just in der Person von Nete Rosen, Geburtsname "Hermansen" eine Verbindung zwischen den vermissten Menschen zu bestehen scheint...

=== Aufbau und Erzählperspektive ===

"Verachtung" trägt - wie die vorangegangenen Titel der "Mörck/Sonderdezernat Q"- Reihe auch - in Puncto Aufbau und Erzählperspektive unverkennbar die Handschrift von Jussi Adler-Olsen. Wie in "Erbarmen" z.B. auch, baut er die Handlung dieses Romans aus verschiedenen Perspektiven auf, ohne dabei in eine Art "Ich"-Erzählweise einzusteigen. Die Elemente aus diesen vorherigen Romanen sind so auch in "Verachtung" wieder 1:1 zu entdecken. Dabei schaltet der Roman zu Beginn recht schnell von Ereignissen um die "Enttarnung" des Vorlebens der eigentlich im Kern dieser Story stehenden Nete Rosen/Hermansen im Jahr 1985 zur 2010´er "Gegenwart" des Carl Mörck hin und her, wobei allerdings zunächst im Unklaren bleibt, was Nete anno 2010 so "treibt".

=== Lesespaß und Spannung ===

Die ersten Seiten und Kapitel sind wegen der angesprochenen Perspektivwechsel, die jeweils eine Menge an Einstiegsinfos über das "Jetztleben" von Curt Wad und den Ermittlern um Carl Mörck enthalten sowie die Ereignisse zur Vorgeschichte des Jahres 1985 erstmal eine Menge Stoff auf einmal, den ich als Leser erstmal entwirren muss, bevor ein Einstieg in die Story geordneterer Natur für mich möglich wurde. Die Geschichte entspann sich nach dieser Einstiegsphase dann aber relativ schnell plastischer und leichter für mich nachvollziehbarer und konnte hier bald für ordentlich Lesespaß bei mir sorgen. Gut gelungen ist Adler-Olsen auch in "Verachtung" dabei die Charakterisierung der verschiedenen, handelnden Personen. Neben dem bekannten und stets recht eigentümlichen, manchmal auch ein wenig zur Trägheit neigenden Charakter des Carl Mörck und seines Kollegen Assad, der sich dieses Mal trotz einer fiesen Erkältung auf die Spuren des alten, ungelösten Kriminalfalls begibt wird in der "Mörck"-Storyline besonders die Entwicklung der Beziehung von Mörck mit der von ihm schon seit dem ersten Teil heiß verehrten Psychologin Mona weiter geschildert. Dabei bekommt es Mörck mit seinem "Intimfeind", dem mittlerweile aus dem Dienst ausgeschiedenen Ex-Polizisten Bak zu tun, der ihn mit den ungeklärten Umständen um Mörcks Onkel, der vor Jahren bei einem Angelunfall ums Leben kam, unter Druck setzen möchte, damit dieser ihm bei der Aufklärung einer Körperverletzung an seiner Schwester hilft. Dazu nimmt der "Nagelhammer"-Fall erneut Fahrt auf, bei dem niemand anders als Carl Mörck persönlich plötzlich in einen zwielichtigen Zusammenhang gerät, nachdem neue Spuren aufgetaucht sind, die ihn belasten.
Noch ein Punkt in Sachen "Lesespaß" ist vielleicht das Thema "Hardware", denn der "Hardcover"-Einband, den der Verlag für "Verachtung" gewählt hat, ist zwar unpraktisch, wenn man das Buch mit auf Reisen nehmen möchte, dafür gibt es wenigstens einen eingenähten "Lesefaden", der die Nutzung von Lesezeichen unnötig macht. Vielleicht gibt es aber in Bälde auch noch ein "Paperback"- wer weiß ?

=== "Klare Grenzen" von Gut und Böse===

Einzig von Netes damaligen Widersacher, dem mittlerweile hochbetagten ehemaligem Gynäkologen Curt Wad bekommen wir zunächst Einblicke in sein "Jetztzeit"-Leben. Er ist noch im Alter von 88 Jahren dabei, eine Partei namens "Klare Grenzen" zu gründen, die auf angebliche "Moralwerte" Wert legt und die dabei eine dem Nationalsozialismus nicht unähnliche Rassenideologie im Sinne von "Reinheit der Rasse" verfolgt. Wads Eifer und Ansporn in dieser Richtung legt so schonmal gleich den absolut "bösen Buben" in diesem Roman klar fest - anno 1985 ließ er das nach vielen Jahren der Qual endlich in ruhigen Bahnen verlaufende Leben von Nete "platzen", indem er ihren Ehemann vor versammelter Kollegenschar in das Vorleben seiner Frau einweihte, anno 2010 will er nun die in den 1960´er Jahren "beerdigte" Politik der moralisch begründeten Abtreibungspraktiken durch Gründung einer Partei wiederbeleben.

=== Carl Mörck und "sein" Sonderdezernat Q ===

In diesem vierten Teil der "Mörck"-Reihe hat sich die Hauptfigur Carl Mörck weitestgehend mit seiner Rolle als "Chef" seiner kleinen Spezialabteilung des Sonderdezernats Q mehr als nur angefreundet. Routine ist mittlerweile im kleinen Team, bestehend aus Mörck, dem syrischstämmigen Hafis El-Assad, kurz "Assad" und der gruftigen und an einer Art "multipler Persönlichkeitsstörung" leidenden Sekretärin Rose mit ihrem übersteigertem Ordnungssinn und stets schlechter Laune eingekehrt. Rose mag es, ihren Chef mit Fällen zu nerven, die sie selbst ausgesucht hat. Da kommt ihr das Manöver von Mörcks alten Kontrahenten Bak nur recht. Mörck allerdings reagiert souverän und gelassen auf Baks Erpressungsversuche und letztlich erweist sich auch Assad mit seinen schonmal ein wenig "speziellen" Methoden als hilfreiche Stütze für seinen Chef. Dazu gibt es die angesprochenen Weiterentwicklungen in Mörcks Privatleben, die als eine der kleineren Randgeschichten mit der eigentlichen Story um Nete Rosens/Hermansens "Abrechnung" im Hintergrund parallel laufen.


=== Ein wenig reale Vergangenheit spielt mit - Sprogö in Roman und Wirklichkeit ===

Wad entgegen steht dabei der Rachedurst der hauptsächlich durch ihn lebenslang "gestraften" Nete, die in jungen Jahren mehrfach von dem doch arg zum Sadismus und Zynismus neigenden Wad auf der damaligen "Frauenheilanstalt" auf der einsamen dänischen Insel Sprögö zur Abtreibung und Zwangssterilisation genötigt wurde. Diese - in realiter tatsächlich bis in die 1960´er Jahre bestehende - Einrichtung wurde in den 1920´er Jahren auf dieser Insel zum Zwecke der vorgeblichen "Reinerhaltung" für Frauen eingerichtet, die etwa uneheliche Kinder austrugen. Sie wurden hier zwangseingeliefert und durften die Insel erst wieder verlassen, wenn sie einer Abtreibung oder Sterilisation zugestimmt hatten.
Dieser Punkt scheint dem Autor Jussi Adler-Olsen ein besonders wichtiges Anliegen zu sein - in einem Nachwort weist er darauf hin, dass die Opfer von Sprogö vom dänischen Staat bis heute keinerlei Wiedergutmachung weder in moralischer noch monetärer Form erhalten hätten.

=== Spannung und Dramatik ===

Entsprechend der großartigen Charakterzeichnungen und des dazu sehr dramatischen, teils auch drastischen Falls, bei dem ich als Leser immer mehr weiß als der Ermittler Mörck, baut sich so ein Spannungsbogen auf, der mich das Buch doch recht zügig durchlesen liess - dabei schafft es der Autor sogar gekonnt, die drei parallel laufenden Storylines so zu verbinden, dass es so etwas wie "Unlogeleien" in "Verachtung" nicht zu entdecken gibt. Dabei bewahrt sich der Autor eine sehr gekonnte Wendung bis kurz vor Ende des Romans auf, obgleich die Dramatik, die zum einen durch das sich schnell entwickelnde Mitgefühl für die über weite Strecken ihres Lebens geschundenen Nete, der echten "Verachtung" gegenüber so fiesen Zeitgenossen wie dem zynischen und teils menschenverachtenden Carl Wad und dem "Mitfiebern" mit dem Ermittlerteam um Carl Mörck ergeben, durchweg gegeben bleibt. Tatsächlich habe ich so "aus Versehen" dann und wann ein Kapitel mehr am Stück gelesen, als ich es ursprünglich wollte und war so recht schnell "durch".

=== Leseprobe ===

"Erinnerst du dich nicht mehr an mich, Nete ? Doch, das tust du. Du erinnerst dich noch sehr genau an mich."
Da war es wieder, dieses Gefühl aus den verzweifelten Tagen auf Sprogö, als das Meer und die Wellen sie lockten, ihrem elenden Leben ein Ende zu bereiten...

=== Auf einen Blick ===

* Titel: Verachtung / Titel in Originalsprache: Journal 64
* Autor: Jussi Adler-Olsen
* Verlag: dtv / Titel der Reihe: dtv HC / Nummer innerhalb der Reihe: 28002
* ISBN: 978-3-423-28002-0
* Aus dem Dänischen von Hannes Thiess
* Kategorie: Belletristik / Krimis, Thriller, Spionage
* Erscheinungsdatum: 2012
* Produktform: Hardcover mit Lesefaden
* Abmaße: Höhe: 210 mm x Breite: 135 mm / Seitenzahl: 521


=== FAZIT ===

Für mich persönlich ist "Verachtung" sogar noch eine ganze Spur spannender als "Erbarmen", welches bislang in der "Mörck"-Reihe mein Favorit war. Die Geschichte packt doch ordentlich, nimmt sofort mit und die Dramatik der Ereignisse, die in diesem Roman zum Einen durch Mörck & Co aufgedeckt werden, sich andernfalls aber auch "nebenbei" während der Ermittlungen weiter fortsetzen, ist teils echt riesig. Für mich ist dieser Band der bislang spannendste aus der "Mörck"-Reihe - daher kann ich nur eine Empfehlung aussprechen, auch, wenn Aufbau und Spannungsverlauf recht deckungsgleich mit Vorgängertiteln des Autors sind - aber hey, das ist eben der "Stil" des Autors und alles andere als kritikwürdig. Ich gebe alle Sternchen und eine Empfehlung.

44 Bewertungen, 7 Kommentare

  • Juri1877

    02.03.2013, 22:46 Uhr von Juri1877
    Bewertung: sehr hilfreich

    Das Buchcover finde ich klasse

  • Zatzeck0805

    11.09.2012, 09:43 Uhr von Zatzeck0805
    Bewertung: besonders wertvoll

    bw

  • sigrid9979

    11.09.2012, 09:33 Uhr von sigrid9979
    Bewertung: besonders wertvoll

    Liebe Grüße von Sigrid

  • campino

    11.09.2012, 06:48 Uhr von campino
    Bewertung: besonders wertvoll

    lg AndreA

  • katjafranke

    10.09.2012, 23:49 Uhr von katjafranke
    Bewertung: sehr hilfreich

    Katja schickt dir liebe Grüße

  • Noire

    10.09.2012, 22:10 Uhr von Noire
    Bewertung: sehr hilfreich

    Noch einen schönen Start in die Woche wünsche ich dir.

  • atrachte

    10.09.2012, 18:29 Uhr von atrachte
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh. lg