Platz 1511 in der Kategorie "Dramen". Genre: Drama / Ingmar Bergmanns letzter Film - fast eine Fortsetzung von "Szenen einer Ehe" nach 32 Jahren, Dauer: 105 Min ...mehr
32 Jahre nach "Szenen einer Ehe" ist jetzt eine Art Sequel gekommen, in dem die gescheiterten Eheleute noch einmal aufeinander treffen. Die vergangene Ehe ist jetzt nicht mehr wichtig, jetzt geht es um die rückblickende Betrachtung eines Lebens, des Lebens des Ehemannes, der mittlerweile - ebenso wie Bergman selbst - 85 geworden ist. Ob Bergmans Figur am Ende des Lebens Versöhnlichkeit, Erlösung und glückliches Zurückblicken findet? Wir werden sehen ...
Marianne (Liv Ullmann), mittlerweile 63, fasst beim Betrachten von Erinnerungsfotos den Entschluss, ihren früheren Mann Johan (Erland Josephson), von dem sie sich vor 32 Jahren getrennt hat, zu besuchen. Nach einer sehr herzlichen Begrüßung herrscht zunächst eitel Sonnenschein zwischen beiden; nach und nach kommen aber die alten problematischen Züge Johans wieder mehr und mehr zum Tragen.
Eine besonders problematische Figur in Johans Leben ist sein Sohn aus erster Ehe, Henrik (Börje Ahlstedt), schon 61 Jahre alt, der seinen massiven und sarkastischen Vater nie gut ertragen hat und der umgekehrt von seinem Vater als zu devot verachtet wird.
Dieser Henrik wird von Johan nur deshalb in seiner Nähe geduldet, weil er eine wunderbare Frau hatte, die leider gestorben ist, die aber von ihrem Schwiegervater Johan wie eine Heilige - oder sogar mehr? - verehrt wurde und immer noch wird.
Hinzu kommt die zweite Frauengestalt, die auch von beiden Männern bis zur Unerträglichkeit geliebt wird: Es ist die mittlerweile 19-jährige Enkelin Johans und Tochter Henriks, Karin (Julia Dufvenius). Insbesondere ihr Vater lässt ihr keinen Spielraum zur freien Entfaltung, sondern will eine Cello-Solistin aus ihr machen; dafür hat er nach dem Tod seiner Frau sogar seine Musikprofessur an den Nagel gehängt .
Als Karin eine Woche später ihren Großvater besuchen will, findet sie nur Marianne vor und klagt dieser ihr Leid, dass sie nämlich von ihrem Vater zur Cellosolitin-Karriere gepresst wird. Sie fragt dann auch Marianne nach deren Leben, und so erfahren wir, dass sie nach der Scheidung von Johan einmal kurz verheiratet war, dann mit Johan noch einmal eine Beziehung hatte, diese vor 32 Jahren aber beendete, weil er gleichzeitig eine zweite Geliebte hatte.
Der Vater-Sohn-Konflikt erlebt dann noch mehrere Stufen, von denen ich zwei berichten will: Johan ist nicht nur emeritierter Medizinprofessor, er hat auch noch eine reiche Erbschaft gemacht. Sein Sohn, der seine eigene Professur an den Nagel gehängt hat, leiht sich von ihm Geld und unterwirft sich all seinen Demütigungen, um nur einen Vorschuss auf sein Erbe zu bekommen. Dieses Geld braucht er für ein antikes Super-Cello, das er seiner Tochter kaufen möchte. Johan entschließt sich dann aber, das Cello selbst zu kaufen. Der zweite Konflikt ergibt sich, als Johan von einem Dirigenten ein Angebot erhält, Karin als Meisterschülerin aufzunehmen., während Karins Vater Henrik sie zur Solistin ausbilden will. Als sie sich gegen die Solistenkarrriere entscheidet, versucht Henrik sich umzubringen, was ihm aber nicht gelingt. Der Kommentar seines Vaters, dass er nicht einmal das fertigbringe, zeigt den Höhepunkt des väterlichen Hasses.
Wie wird Karin sich letztlich entscheiden? Wird es eine Auflösung der Problematik geben? Zeigt sich Bergman in diesem, seinem, wie er beteuert, letzten Film, versöhnlich?
Ich
will nicht alles verraten, aber so viel sei gesagt: Bergmans Sicht des Lebens bleibt existenzialistisch: Der Mensch ist Hineingeworfen, nicht fähig zur wirklichen Kommunikation, nicht fähig, seinen Egoismus zu überwinden und sein Leben wirklich zu meistern. Vater und Sohn, die beide die gestorbene Frau des Sohnes geliebt hatten und die beide nun die Tochter bzw. Enkelin lieben: Sie sind im Grunde nicht fähig das Leben zu meistern. Und nachdem beide das Leben nicht gemeistert haben, es vielleicht sogar als ein verpfuschtes Leben ansehen, stürzen sich beide auf die Person, in der es "weitergeht": die Tochter bzw. Enkelin.
Aber es geht in einer Tochter oder Enkelin nicht weiter; denn hier entsteht ein neues Leben, das sich aus den Wünschen der Alten, ihre eigene Unzulänglichkeit zu meistern, indem eigene Wünsche auf eine jüngere Person projiziert werden, befreien muss - schmerzhaft befreien muss. Und dann bleiben die Alten nur noch alt, nur noch gescheitert, und sie können ihre unerfüllten Wünsche nicht in die nächsten 50 Jahre, die sie nicht mehr erleben werden, nicht auf die neue Generation übertragen. Jeder bleibt für sich, und die Berührungspunkte ergeben oft genug keine Partnerschaft, sondern oft genug Verachtung, Hass, Unterwerfung, Unterdrückung, Affenliebe.
So ist die Frage erlaubt, ob wir als Alte auch einmal auf unser Leben zurückblicken werden, und ob wir dann mehr das sehen, was geglückt ist, oder ob wir mehr das sehen, was missglückt ist. Johan blickt mit seinen mittlerweile 86 Jahren zurück, und mancher wird sein Leben als verpfuscht betrachten können. Ich sehe das etwas anders: Ein Leben, das Fehler und Probleme gehabt hat, das Hass, Sarkasmus und Verzicht erzeugt hat - ein solches Leben ist trotzdem nicht verpfuscht: Es ist nur einfach ein normales Leben.
Und so sehe ich Bergmans Vermächtnis an uns: Der Wunsch, die eigenen Ziele in den Kindern und Enkeln verwirklichen zu können, der funktioniert nicht; er wird einfach nicht erfüllt. Es bleibt die Anerkenntnis, dass die eigenen Triebe, Fehler und Probleme des Lebens auch zu unserem Leben gehören. Und: Dass die eigenene Fehler, die unser Leben in falsche Bahnen gelenkt haben, unser Leben auch bereichert haben, ja, sogar das Leben ausmachen.
Wenn ich jetzt - nach Inhalt und Deutung - noch ein paar filmische Aspekte anfüge, so sind sie eigentlich unwichtig:
Drehbuch und Regie sind sehr intensiv, d. h. wir haben es im Grunde mit einem Kammerspiel mit 5 Personen zu tun. Es passiert an äußerlicher Handlung nicht viel, so dass manchem der Film als langweilig erscheinen mag. In Wirklichkeit jedoch passiert sehr viel, wenn wir es schaffen, zuzuhören, welche Probleme es in diesem Fall gegeben hat, die sich auch nur langsam entwickeln.
Die Kamera bleibt dicht an den Personen, deren Handeln fast nur in Gesprächen besteht. In diesen Gesprächen werden ja nach und nach die Schichten von Liebe, Verehrung, Hass und Verachtung freigelegt, und dem entspricht die Kamera mit ihrer Nähe und Deutlichkeit auch.
Die Musik ist ein Genuss. Es wurden nur ausgezeichnet interpretierte Stücke aus Barock, Klassik und Spätromantik ausgewählt, die ausgezeichnet zu den Bildern, Geschehnissen und Stimmungen des Filmes passen.
Eine Sarabande ist ein langsamer Tanz. Ist das Leben eine Sarabande, oder ist die Sarabande, die Musik, nur das Glied, das Vater, Sohn und Enkelin zusammenkettet?
In die Kinos hat Bergman diesen Film erst gar nicht gelassen; er ist zu schade, um von jungen Leuten, die Popcorn essen und Unterhaltung suchen, als langweilig ausgebuht zu werden. Ich habe ihn im TV bei arte gesehen.
Wer einmal richtig schwere Kost, bei der die Abgründe der menschlichen Seele ausgelotet werden, sehen will, der ist in diesem meisterhaften Film, der übrigens verständlicher ist als "Das Schweigen", richtig. Viel Handlung findet man hier nicht, aber viele Anlässe zum Nachdenken. Vielleicht sollten wir nicht bis zum Ende des Lebens warten, bis wir anfangen darüber nachzudenken ...
...
antjeeule, 27.12.2004
Wie schrieb ich dir: Man kann seine Kinder nur begleiten und hoffentlich Anteil an ihrem Leben nehmen. Bestimmen kann man es letztendlich nicht. Will man es doch, so werden die wenigsten dabei gluumlcklich. Dieser Bericht ist wirklich toll geschrieben. D
campino, 01.04.2007
Liebe Grüße und natürlich ein sh, Andrea
Tris., 24.12.2004
Glaube, das ist nicht so recht etwas fuumlr mich.
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Produktbeschreibung Sarabande
Technische Daten und ProdukteigenschaftenIngmar Bergmanns letzter Film - fast eine Fortsetzung von "Szenen einer Ehe" nach 32 Jahren, Dauer: 105 Min
Allgemeine Informationen Sarabande
gelistet seit: 21.12.2004Bewertung durch unsere Mitglieder
Produktbewertung:
Film / Kino-Daten
Genre: Drama
Kategorie: Spielfilm
Land / Jahr: Schweden/ 2002
Originaltitel: Saraband
Regie: Ingmar Bergman