ein Testbericht von mima0072007-07-20 16:03:31vom 20.07.2007Empfehlung: ja
Vorteile: unterhaltsam, abwechslungsreich, stellenweise spannend, humorvoll...Nachteile/Kritik: Geschmackssache
"Warten auf Oho" bezieht sich im Titel - sowohl des Originals wie auch in der Übersetzung - auf Samuel Becketts Theaterstück "Warten auf Godot". Allerdings ist Rankins Roman wesentlich lustiger, unterhaltsamer und wortreicher.
Gott ist tot, und seine Frau Eartha ist sauer. Gott hat nämlich die Erde seinem Sohn Colin vererbt, obwohl er sie ihr geschenkt hatte. Damit nicht genug, trachten nun Dämonen im Auftrag eines "Ministeriums für glückliche Zufälle" (lies: Hölle!) nach der Herrschaft über eben jene nichts ahnende Erde. Moment, ein wenig Ahnung gibt es hinieden doch: ein Dieb und ein Privatschnüffler kommen der Sache aus ganz unterschiedlichen Richtungen auf die Spur. Doch nach dem zu urteilen, wie sie sich anstellen, ist das Schicksal Terras mehr als ungewiss...
Mein Eindruck
°°°°°°°°°°°°°
Ein Dieb und ein Privatdetektiv machen sich also auf den Weg, eine umfassende Verschwörung aufzudecken, die die Weltherrschaft anstrebt - was sonst? Verschwörungskomplotte sind ja seit seligen James-Bond-Tagen ein beliebtes Mittel, einerseits die Welt zu erklären und zweitens den jugendlichen Helden eben diese Welt vor den Verschwörern retten zu lassen. Für die üblichen Actionkämpfe ist also gesorgt. Und um alle Klischees zu erfüllen, findet der Shown auf dem Dach eines Hauses statt, das gerade gesprengt werden soll.
Neben seiner Parodie aller Hard-boiled-Detektivfilme der Vierziger und Fünfziger bietet der Autor aber auch eine metaphysische Komödie auf, und die leiht dem Buch den Titel. Gottes Familie ist leicht in Unordnung geraten, seit er selbst aushäusig "aktiv" ist, seine Frau Eartha sich um ihr Geschenk, die Erde, sorgt und die drei Kids eigene Wege gehen: Jesus Christus natürklich, dann aber auch Colin und seine Schwester Christina. Ja, und wo diese beiden in dieser Geschichte auftauchen, das führt dann auch noch zu ein paar netten Überraschungen.
Lediglich im letzten Viertel, wenn sich alle Annahmen über Gott und die Welt als Irrtümer entpuppen, wird es für den Zuhörer etwas unübersichtlich. Am besten macht man vorher mal eine Pause oder zwei. Den Atem kann man nämlich gut gebrauchen.
Die Detektivparodie, Verschwörungsfantasie und metaphysische Komödie fand ich ganz nett, aber viele Gags klingen schon etwas abgedroschen, was Detektive und Götter anbelangt. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass der Roman bereits 1999 erschienen ist - und womöglich schon Jahre davor (vor dem Internet?) geschrieben wurde. Nicht zuletzt die Spielfilmreihe um die "Nackte Kanone" hat den Mythos um ruhmreiche, einsame, abgebrühte Privatschnüffler ad absurdum geführt.
Unterm Strich
°°°°°°°°°°°°°°°
Wie schon angedeutet, muss man wohl ein bestimmtes Maximalalter mitbringen, um dieser Sammlung parodistischer Einfälle auch wirklich Vergnügen abgewinnen zu können. Sonst wirkt das ganze Verfahren nämlich schnell schwer nervend. Ein klugschwätzerischer Detektiv, eine zerstrittene Götterfamilie - naja, Hauptsache, man hat gute Nerven.
Am besten gefiel mir noch Icarus Smith, dem all unsere Sympathien gelten müssen, denn er hat eine unkonventionelle Art, mit dem Besitz anderer Leute umzugehen: Er klaut aus philosophischer Überzeugung. Er hat den "großen Durchblick". Und bei Gelegenheit spielt er Robin Hood. Auch gegen Dämonen, die aussehen wie Reptilien mit Federn auf dem Kopf. Jeder andere - vielleicht mit Ausnahme von 007 und dem blinden Neo - würde da doch die
Flucht ergreifen!
"Warten auf Oho" ist eine Frage des Alters und Geschmacks. Wer beides mitbringt, wird eine Menge Spaß haben. Alle anderen haben wahrscheinlich gerade Wichtigeres zu tun.
Michael Matzer (c) 2006ff
Info: Waiting for Godalming, 2000; Lübbe 2004, Beergisch Gladbach, aus dem Englischen übersetzt von Axel Merz
...
¹ Alle Preisangaben inkl. MwSt. und ggf. zzgl. Versand. Zwischenzeitl. Änderung der Preise, Lieferzeiten & Lieferkosten sind in Einzelfällen möglich. Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr.
Wieso man sich Briefkästen ganz genau ansehen sollte*
ein Testbericht von Riesenkeks2010-03-02 22:45:12vom 02.03.2010Empfehlung: ja
Vorteile: verrückt, humorvoll, ab und zu sogar spannend, Ford Fiestas, Fußnoten...Nachteile/Kritik: "Beschreibungen" nerven, man muss den Humor mögen
"Johnny Boy deutete auf den Radlaufkasten des rechten Hinterrads. “Er lugt durch dieses rostige Loch hindurch, sehen Sie?“ "(S. 142)
Der allgemeingebildete Mensch wird vielleicht schon anhand dieses kleinen Ausschnittes aus dem Roman Warten auf Oho erkennen, um was für eine Art von Fahrzeug es sich handelt, dass da gerade vor sich hinrostet. – Richtig, es handelt sich um einen Ford Fiesta!
Dieser Wagen scheint es dem Autor Robert Rankin auf eine abstruse, aber sehr sympathische Art angetan zu haben, denn in der ersten Hälfte des 335 Seiten dünnen Romans kommt er mehr oder weniger ständig vor und immer wieder wird auf die Besonderheiten dieses kleinen aber durchaus liebenswerten Autos aufmerksam gemacht. So spielt der oben bereits erwähnte Vertreter dieses Autos beispielsweise bei einer Parkhausverfolgungsszene eine große Rolle. Denn wer möchte als Limousinenfahrer schon von einem kleinen rostigen Fiesta gerammt werden? Ich sage nur:
“Aber es ist ein Ford Fiesta, Sir! Sie verbeulen unsere schöne glänzende Karosserie, wenn sie nicht bremsen.“ (S.148)
Hachja… die Fiestas… Liebenswerte Autos, die endlich mal gewürdigt werden.
Inhalt
Aber nicht nur Autos spielen in dem Roman, der einfach nur verrückt ist eine große Rolle.
Da hätten wir beispielsweise noch den Relokator (Nein, er ist kein Dieb! Er bringt Sachen nur von einem Ort zum anderen…) Icarus Smith, der auf der Suche nach einer Droge, welche die Menschen die Dinge so sehen lässt, wie sie in Wirklichkeit sind, ist. Auf diese Idee kommt er, da er zufälligerweise an eine Aktentasche mit gefährlichem Inhalt gestoßen ist und die daraus gewonnenen Informationen dafür nutzen möchte, die Welt zu verändern. Es wäre quasi sein größtes Projekt... Der perfekte Ausgangspunkt also für eine mehr oder weniger skurril ablaufende Handlung. Bei seiner Suche trifft er den wirklich mehr als kleinen Johnny Boy, der ihm fortan hilft und auch sonst nicht mehr von seiner Seite weicht und auch mehr ist, als man eigentlich erwartet hätte.
Es kommt, wie es kommen muss: Icarus findet die Droge, nimmt sie ein und erkennt plötzlich, dass sein Whiskey gestreckt ist, Johnny Boy wunderbar aussieht und durch die Tür ein reptilienartiges Wesen mit Federn auf dem Kopf hereinkommt. Willkommen in der Realität, Icarus! Das ist ein Dämon… oder auch Wrong’un, wie die Viecher in diesem Buch genannt werden. Wenn es Dämonen gibt, dann gibt es natürlich auch Engel und wenn es Engel gibt, dann gibt es natürlich auch Gott.
Genau da liegt aber der Fehler, wie die zweite Handlung in diesem Buch zeigt. Der genretypische und überspitzt dargestellte Detektiv Lazlo Woodbine soll nämlich für die Frau Gottes herausfinden, wo ihr Mann sich mal wieder rumtreibt. Schließlich hat er sie schon einmal mit einer jüdischen Jungfrau betrogen (Wir alle kennen das Resultat daraus … naja… zumindest eine Hälfte des Resultats... die andere wird an dieser Stelle nicht verraten) und scheint nach wie vor eine Schwäche für sie zu haben. Lazlo spürt Gott tatsächlich auf, muss aber mit ansehen, wie er getötet wird – ein todsicheres (Verzeihung) Zeichen dafür ist, dass das Wetter auf einmal verrückt spielt… Lazlo und sein Heiliger Schutzrosenkohl Barry müssen sich nun also darum
kümmern herauszufinden, wer Gott umgebracht hat und wie es mit dem Testament aussieht… Irgendwo hier laufen dann auch bald die beiden Handlungsstränge zusammen.
Der ***Stil*** des Buchs ist einfach nur eines: genial. Klar, man muss verrückte Geschichten lieben und einen Hang zu einer dementsprechenden Schreibweise haben, aber wer sich vorstellen kann, wie beispielsweise Dogma , The Big Lebowski oder eine (bessere) Version von Fear and Loathing in Las Vegas (es gibt noch bessere Beispiele, aber irgendwie ist mein Kopf gerade leer) als Buch aussehen würden, oder wer Bücher von Christopher Moore mag, der fühlt sich hier wahrscheinlich wohl. Immer wieder werden kleine satirische Seitenhiebe ausgeteilt, immer wieder kann man ganz spezielle Fußnoten bewundern (so erfahren wir zum Beispiel, dass Engländer mit dem Kopf nicken - alle anderen einfach so, und viele weitere mehr oder weniger amüsanten Dinge...), immer wieder wird auch über den Tellerrand des Genres geschaut und mit nahezu filmischen Mitteln gespielt. Das Buch nimmt sich nicht zu ernst, sondern ist einfach nur Spaß und Lesefreude pur.
Ich werde allerdings nicht müde zu erwähnen, dass dieses Buch garantiert nicht für jeden etwas ist, da nicht jeder mensch die selbe Art von Humor besitzt und das Buch insofern vielleicht mehr als nur Geschmackssache ist.
Es gibt natürlich ein paar Running Gags, die mehr oder weniger komisch sind, manchmal aber auch einfach nur noch nerven. So kann sich keiner den Namen Woodbine merken und verunstaltet ihn mehr oder weniger in der letzten Hälfte, Woodbine selber kann sich nicht merken, wie seine Waffe heißt und jede Bar, in der er einkehrt, wird von seinem Bekannten Fangio geleitet oder zumindest arbeitet er dort. Schließlich gibt es für Woodbine nur vier Schauplätze und wenn man in eine andere Lokalität gehen muss als sonst, sollte wenigstens der Gesprächspartner derselbe sein…
Nervig sind allerdings die Beschreibungen von Personen. Oder die Nicht-Beschreibungen. Oder vielmehr die Tatsache, dass so halb beschrieben wird und dann da steht: „Demzufolge ist hier keine weitere Beschreibung erforderlich.“ (S.34) oder zumindest sehr ähnliche Sätze. Nach spätestens der dritten Beschreibung, die nach genau dem gleichen Muster abläuft, ist man dazu geneigt, diese einfach zu überspringen.
Fazit
An sich handelt es sich trotz ein paar kleiner Kritikpunkte um eines der besten Bücher, die ich je zum Geburtstag (oder auch sonst) geschenkt bekommen habe, ohne es mir wünschen zu müssen. Meine gewisse Person kann sich also die Schulter klopfen, da sie ein wirklich geniales Buch ausgesucht hat. Es ist verrückt, ja. Es spielt mit seinen Möglichkeiten, ja.
Aber es ist so voller Witz und netten kleinen Dingen, dass man es einfach lieben muss.
Und wer es dann doch zu blöd findet, der kann sich immerhin noch an dem Cover zum Selbermachen erfreuen…
*Frage nicht beantwortet? Tja, dann muss man wohl einen Blick in das Buch wagen, denn wenn ich hier einfach sage, dass er eine Requisite sein könnte und dass auch die Lotterie nicht so ganz ohne ist, ergibt das hier doch überhaupt keinen Sinn.
1-2 von 2 Testberichten über Robert Rankin: Warten auf Oho!
Amazon.de
Niedrige Preise, Riesen-Auswahl und kostenlose Lieferung ab nur 20 EUR
Home > Bücher > Bücher Belletristik > Bücher Science Fiction & Fantasy > Science Fiction & Fantasy - U, V, W, X, Y, Z > Robert Rankin: Warten auf Oho! > Testberichte