Pro:
Tarjas Gesang (auch wenn er etwas tiefer als gewohnt ist), die Melodien, bombastisch
Kontra:
Die Ballade ist einfach schwächer
Empfehlung:
Ja
Vor einiger Zeit habe ich ja „Oceanborn“, das zweite Album der Finnen Nightwish, besprochen. Nachdem die Band aber noch einiges mehr zu bieten hat, kommen jetzt einfach alle Alben dran;) Chronologisch kann ich eh nicht mehr vorgehen, also nehme ich mir heute einfach mal ihr neuestes und damit fünftes Werk, „Century child“ vor. Bevor ich mich den einzelnen Titeln zuwende, noch ein paar kurze Worte zur Band.
Eigentlich dürfte Nightwish hier bei ciao fast schon jeder kennen, Berichte dazu gibt es genug, daher fasse ich mich recht kurz. Die Band wurde 1996 gegründet und ist im Melodic-Metal angesiedelt (von mir aus auch Bombast-Metal) Die hervorstechendsten Merkmale der Songs sind die starke Keyboardlastigkeit und natürlich die ausgebildete Sopranstimme der Sängerin. Neben den ersten vier Alben „Angels fall first“, „Oceanborn“, „Wishmaster“ und „Over the Hills and far away“ gibt es noch diverse Singles und eine DVD. Für das neue Album gab es eine kleine Personaländerung, der Bassist wurde ausgewechselt, was sich auch recht deutlich auf die Musik auswirkte, doch dazu mehr. Das Line-Up sieht dann wie folgt aus:
Tarja Turunen – Gesang
Emppu Vuorinen – Gitarre
Marco Hietala – Bass, Gesang
Tuomas Holopainen – Keyboard, Piano
Jukka Nevalainen – Schlagzeug
BLESS THE CHILD 6:12
Ein leiser Chor erklingt aus der Ferne und wird langsam lauter. Zu diesen oh-oh-oh-oh Gesängen gesellt sich langsam aber sicher das Keyboard und schließlich setzt auch das Schlagzeug, zusammen mit einem männlichen Sprecher, ein. Nach dem Vortrag einer Art Gedicht wird der Klang wuchtiger, der ohohoh-Gesang geht allerdings noch weiter. Wenn man so will hatte man es bislang also mit einer Art extrem langem Intro zu tun, denn nach 1:40 Minuten wird der Klang einen Tick härter und Tarja beginnt mit dem eigentlichen Gesang. Und schon hier zu Beginn wird deutlich, was sich am Stil der Finnen geändert hat, Tarja singt eindeutig tiefer und die Atmosphäre ist auch etwas düsterer. Nichts desto trotz kann der Track durchaus überzeugen, besonders der Refrain ist ganz gut gelungen, wenn auch nicht überragend. In einigen Zwischenstücken hört man nun auch deutlich, dass mit einem Orchester zusammengearbeitet wurde, das an einigen Titeln beteiligt ist. So geht es durch Tempowechsel, a capella Passagen und härteren Zwischenstücken dem Ende entgegen, das wiederum von unserem Poeten bestritten wird. Langsam fadet die Musik dann aus, um sich kurz vor ihrem völligen Ende erneut zu erheben und mit vollem Bombast von
END OF ALL HOPE 3:55
auf den Hörer hereinzubrechen. Ein voluminöser Chor, eine perfekte Melodieführung bestreiten den Beginn, ehe in der ersten Strophe praktisch nur Tarja und das Schlagzeug die Führungsrolle bestreiten. Eine leichte Steigerung der Intensität und erneut dieser wunderbare Refrain, der eigentlich nur einen Nachteil hat, er ist zu kurz. So geht das Ganze dann vorerst weiter, mündet dann allerdings in einen weiteren Chor, an den sich das erste Gitarrensolo der Platte anschließt. Ein bißchen Bassgeschrammel und der Refrain erklingt erneut, gefolgt vom engelsgleichen Gesang Tarjas, der hier wieder eher an alte Platten erinnert.
DEAD TO THE WORLD 4:19
Ein Intro in der Art von Track zwei, nur dieses Mal a capella. Nach einer Keyboardpassage und einem Break folgt dann die erste Überraschung, sauberer männlicher Gesang, das war man seither eigentlich nur vom Debütalbum her gewohnt. Und eben hier macht sich der neue Bassist deutlich bemerkbar. Jedenfalls stellt dieser neue Part eine gelungene Abwechslung dar und so liefert sich Herr Hietala ein Gesangsduell mit seiner weiblichen Gegenstimme. Ein mehr als gelungener Titel, der sich nicht hinter dem ebenso genialen „End of all hope“ zu verstecken braucht. Nach einem etwas schwächeren Start mit dem Opener hat man doch deutlich zugelegt. Ebenfalls wieder Tempowechsel und Stimmungsschwankungen eingebaut, herrlich.
EVER DREAM 4:43
Nach den vorigen Stücken, die von Anbeginn mit Bombast protzten, schlägt man nun ruhigere Töne an. Zu einer Klavierbegleitung führt Tarja den Hörer in den Song ein, wird allerdings vom Rest der Band und der Orchesterbegleitung hinweggefegt. In der Strophe erobert sie sich den verlorenen Boden zurück und liefert einen exzellenten Refrain ab, dem sich dann auch Marco nicht entziehen kann auch wenn er sich nur mit einzelnen Hintergrundeinwürfen zufrieden gibt. Eine stetige Steigerung zum Ende hin runden den positiven Gesamteindruck dann noch ab. Gelungene Melodie, perfekter Spannungsbogen, was will man mehr? Harte Riffs? Das kann man haben, denn es kommt ja
SLAYING THE DREAMER 4:31
Wie bereits angedeutet, harte Riffs eröffnen den Song und klingen nun so gar nicht nach Nightwish. Was soll‘s, gefallen tut‘s mir auch, mal was neues. Beim einsetzenden Gesang Tarjas wird der Song natürlich noch besser, da sich die beiden unterschiedlichen Komponenten doch recht gut ergänzen. Was folgt sind einige Breaks, ein ganz eingängiger Refrain und aufheulende Gitarren. Zu guter Letzt darf dann auch mal wieder Marco vollen Einsatz zeigen und mit völlig verzerrter Stimme seinen Text zum Besten geben. Auch wenn es sich etwas merkwürdig anhört, aber eigentlich passt alles ganz gut zusammen, die eigentliche Stärke von Nightwish liegt aber weiterhin mehr im melodischen Bereich, die Lieder davor waren dann nämlich doch noch deutlich besser.
FOREVER YOURS 3:50
In diese Gefilde kehrt man nun allerdings nicht zurück, man übergeht sie und landet im anderen extrem, einer Ballade. Nun gut, darin sind die Finnen ja auch Meister, allerdings ist diese hier nicht gerade ihr Prachtstück...insgesamt einfach etwas langweilig, abwechslungslos, ähnlich wie „Two for tragedy“ auf dem Wishmaster-Album.
OCEAN SOUL 4:14
Auch wenn der Beginn an die vorige Ballade erinnert, der Song tut es nicht. Hier kommt endlich wieder Abwechslung zum Tragen und nach dem Keyboardbeginn mit seinem Hintergrundmännerchorgesäusel und einer Kostprobe Tarjas Gesangs zieht die Härte leicht an, soll heißen die Gitarre steigt mit ein, um nach einer kurzen Bridge und einem Break in den Refrain überzuleiten, der wieder einmal auf voller Strecke überzeugen kann. Hier wird nun wirklich wieder alles geboten, gelungene Melodien, Schwankungen im Tempo nach Belieben und nicht zuletzt der wunderbare Gesang Tarjas.
FEEL FOR YOU 3:55
Saitengeschrammel und lauter werdende Streicher bahnen sich den Weg in die Gehörgänge, müssen aber einer netten Keyboardmelodie Platz machen. Nicht lange und Tarja beginnt, begleitet vom Bass, mit der ersten Strophe. So darf sie dann etwas vor sich hinsingen, ehe Marco mit voller Wucht in den Gesang einsteigt und die gute Tarja in diesem Stück regelrecht an die Wand singt (was allerdings nicht an der mangelnden Leistung Tarjas, sondern dem wuchtigeren Part Marcos liegt, dem wurde hier einfach die bessere Stelle gegeben;)
THE PHANTOM OF THE OPERA 4:10
Lauter werdendes Keyboard und dann erklingt sie, die Melodie, die wohl jeder kennt. Das Phantom der Oper ist dermaßen bekannt, ich denke darüber muss man nicht mehr viel Worte verlieren. Die Rollen sind hier wieder altbekannt verteilt, Tarja den weiblichen Part, Marco das Phantom. Abgesehen davon, dass der Titel schon im original was hat, passt Marcos Stimme perfekt zu der eines Phantoms. So steigern sich die beiden zunächst solo, später im Duett in das Lied hinein und gipfeln in immer größer werdender Härte und diversen Urschreien, ehe Tarja wieder in altbekannte Höhen entschwinden darf...
BEAUTY OF THE BEAST 10:21
Zu guter letzt nun also noch ein kleines Epos. Begleitet vom Orchester erklingt eine Art Ouvertüre, die von einer ruhigen Melodie abgelöst wird, zu der Tarja mit dem Gesang beginnt. Refraintechnisch ist man ebenfalls ruhiger als sonst, wenngleich eine Intensitätssteigerung gegenüber den Strophen bemerkbar ist. Nach diesem ersten teil, der mit „Long lost love“ betitelt ist, folgt ein Übergang in einen wuchtigeren Abschnitt namens „One more night to live“. Dieser wird vor allem durch die Streicherbegleitung charakterisiert und bietet Tarja einmal mehr Platz für die Darbietung ihres Gesanges (der passt hier im neuen, nicht mehr ganz so hochgeschraubten Stil perfekt) Nach einer kleinen Bombasteinlage folgt dann die Härtesteigerung, die mit einer gleichzeitigen Tempoerhöhung verbunden ist. Noch ein wenig Gesang und der Double-Bass beginnt, ehe sich Tarja fürs erste verabschiedet und sich Emppu an der Gitarre austoben darf. Eine weitere Tempoverschärfung und erneut der Anfang des Abschnittes mit seinem Bombast. Mit dem ruhigen „Christabel“, in dem auch wieder die aus dem Opener bekannte Gedichtdarbietung auftaucht, fadet der Song dann langsam aus...
COVER
Das Cover ist oben zu sehen, das sollte eigentlich reichen, im Booklet sind sämtliche Texte bis auf Phantom of the opera enthalten, also auch nichts zu bemängeln.
FAZIT
Das Album fand bei einigen Nightwish-Anhängern nicht unbedingt die größte Resonanz, was wohl vor allem am deutlich zurückgeschraubten Gesang Tarjas liegen dürfte. Die begibt sich hier einfach nicht mehr in die obersten Höhen ihres Stimmumfanges, was bei einigen eventuell auch durchaus als positiv angesehen werden könnte (es kamen ja auch nicht alle mit dem „schrillen“ Gesang klar) Wenn man dieses Kritikpunkt allerdings anbringt, dann muss man sich die Lieder der Platte nur mal eine Oktave höher vorstellen, das Ergebnis wäre, zumindest für mich, grausig. Die Atmosphäre der Lieder ist hier eine ganz andere, insgesamt düsterer und die neue Stimmlage passt aus meiner Sicht einfach besser. Auf melodischem Gebiet haben die Finnen jedenfalls nicht nachgelassen und dass sie experimentierfreudig sind beweisen sie mit „Century child“ auch. Die Einbindung von männlichen Gesangsparts ist jedenfalls gelungen und bringt eine neue Komponente in den Klang ein. Letztendlich ein klares empfehlenswert für ein mehr als gelungenes Album. Besonders Hörer, die Nightwish noch nicht kennen, dürften mit diesem Album ohne größere Probleme klarkommen, die haben den opernhaften Gesang früherer Alben ja nicht im Kopf;) (wobei der schon bei Wishmaster etwas zurückging)
Bis demnächst, oder wie die Band wohl sagen würde:
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