Pro:
Einblick in die Kultur; Offenheit; Schreibstil; authentischer als andere Biographien;
Kontra:
Eigenlob;
Empfehlung:
Ja
Waris lebt mit ihrer Familie in der somalischen Wüste und wächst mit Dingen wie Viehzucht, Wasserknappheit und körperlicher Arbeit auf. Nie verschwendet sie einen Gedanken daran, dass dieses Leben nicht das sein könnte, was ihr die lebenslange Zufriedenheit schenken könnte. Auch ihre schmerzhafte und gefährliche Beschneidung im zarten Alter von fünf Jahren wirft keinerlei Zweifel in ihr auf, was wohl daran liegt, dass sie als Kind ihre Kultur nicht objektiv genug betrachten und einschätzen kann. Sie nimmt die wochenlangen Schmerzen und Einschränkungen dieser Verstümmelung in Kauf – schließlich will sie ihren Vater, besonders aber ihre Mutter stolz machen.
Als dann aber ihr Vater eines Tages mit einem alten Mann vor der Tür steht, den Waris heiraten soll, rebelliert sie: sie wehrt sich gegen diese Zwangsheirat, anfangs verbal, doch als sie merkt, dass ihr Vater darauf beharrt und ihre Mutter ihr nicht helfen kann, läuft sie von zu Hause weg – wie auch ihre ältere Schwester vor Jahren.
Auf dem Weg zu ihrem Onkel in einer weit entfernten Stadt, bei dem sie Hilfe zu bekommen hofft, begegnen ihr viele gefährliche Menschen: solche beispielsweise, die sie auf Lastwägen oder in ihren Wohnungen vergewaltigen wollen. Alleine als junges Mädchen scheint es anfangs aussichtslos, heil dort anzukommen. Und als dieses Wunder dann doch geschieht, erklärt ihr Onkel, er könne ihr nicht helfen, sondern nur ihre Eltern holen, damit sie Waris wieder mitnähmen. Ein zweites Mal flieht Waris, dieses Mal zu ihrer vor langer Zeit „verlorenen“ Schwester, die nun verheiratet und schwanger ist. Doch lange hält Waris es nicht in der viel zu kleinen Wohnung aus und sie versucht ihr Glück bei bis dahin unbekannten Verwandten.
Bei einer von ihnen passiert das Unglaubliche: Sie wird kurzerhand dafür auserwählt, für ihren Onkel, einem Botschafter in London, den Hausmädchenjob zu übernehmen.
Waris sieht darin ihre Chance, dem alltäglichen Trott in ihrer Heimat zu entfliehen und sich ein schönes Leben in einer anderen Welt aufzubauen – sie sagt zu.
Doch auch dort ergeben sich Probleme und kulturelle Unterschiede: sie merkt zum Beispiel, dass die Kinder ihres Onkels und viele andere Menschen, die sie kennenlernt, keinesfalls beschnitten sind und dass das in England nicht normal ist. Langsam erkennt sie, was ihr angetan wurde und entwickelt Kraft dafür, was ihr in baldiger Zukunft widerfahren soll: der Job bei McDonald's, als Model und auch zwischenmenschliche Probleme.
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Kultur ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Kultur ist das Stichwort.
Dafür, dass Mädchen wie Waris über solch eine Geschichte überhaupt erzählen können und in bestimmter Weise auch müssen. Denn die Kultur in ihrer Heimat schreibt es vor, Mädchen zu beschneiden, damit die Eltern sie später an die zukünftigen Männer verkaufen können. Würden sie das den Mädchen nicht antun, so würden letztere als schmutzig und „frei für alle“ gelten, sodass kein Mann auch nur ein Kamel dafür zahlen würde.
Andererseits fügen die Eltern ihren Töchtern wissentlich Schmerzen zu und die Tatsache, dass sie nie wieder so fühlen werden wie sie es ohne Beschneidung getan hätten. Denn bei dieser Prozedur, bei der laut Waris Dirie nur eine Rasierklinge, Zähne oder scharfe Steine hergenommen werden, werden nicht nur Schamlippen komplett entfernt, sondern auch die Klitoris – der Schlüssel zur weiblichen Empfindung. Anschließend wird der Rest der Haut zugenäht und nur ein kleiner Spalt offengelassen, der für Urin lassen und später für das abfließende Menstruationsblut dienen soll. Durchgeführt wird das alles von Zigeunerinnen.
All die gerade erwähnten Informationen sind dem Buch entnommen, aber so essentiell, dass man sie widergeben muss. Denn durch diese traumatischen Erlebnisse konnte „Wüstenblume“ überhaupt entstehen und eine Lawine von Reaktionen auslösen, Menschen wachrütteln und wiederum anderen helfen.
Die Beschreibung der Beschneidung, aber auch der Entschluss zur Flucht und die Operation in London, die Waris wenigstens wieder zu komplikationslosem Urinlassen verholfen hat, sind die eindrucksvollsten, aber auch niederschmetternsten und emotionalsten Stellen im Buch.
Kaum vorstellbar, dass kulturelle Vorstellungen ein Leben so beeinflussen oder auch beenden können, denn viele der Mädchen sterben direkt nach dem Eingriff.
Umso mehr Respekt verdient Waris Dirie, dass sie nicht nur als Kind bereits „Nein“ zu all dem gesagt hat, sondern ihre eigene Geschichte hergenommen hat, um andere Menschen zu mobilisieren. Auch die Tatsache, dass sie sich später als Model selbst politisch in dieser Richtung engagierte, spricht für sich, auch wenn die Schilderungen gegen Ende des Buches einer Lobrede auf Waris selbst ähneln. Das wird aber auch der einzige Kritikpunkt bleiben.
Waris Dirie erzählt ihre Geschichte mit einer solchen Offenheit, als wäre sie auf unserem Kontinent aufgewachsen und nicht in der Wüste. Sie spricht die Probleme direkt an, schweift nicht ab und gibt ihre Gefühle preis. Damit wird Waris Dirie transparent, aber keinesfalls unglaubwürdig. Man trauert gemeinsam mit ihr ihrer verlorenen Kindheit nach, fühlt die Panik und Hilflosigkeit, die sie hatte, als sich nur noch mehr Probleme in England ergeben hatten (Visum, Operation) und hofft, dass dieses turbulente Leben, nicht nur auf ihre Modelkarriere bezogen, irgendwann in einem Zustand enden könnte, der sie und ihre Familie zufriedenstellt. Denn so wie es scheint, kommt sie nie zum Atmen, kaum hat sie das eine Problem gelöst, kommt das nächste auf sie zu. Alles ist hektisch und von Angst erfüllt. Keine Sicherheit, nichts.
Doch es werden nicht nur die negativen Seiten beleuchten und so etwas wie Selbstmitleid kommt in „Wüstenblume“ sicherlich auch nicht vor. Waris erzählt auch von ihrem Traummann Dana, der Geburt ihres Kindes und das Wiedersehen mit ihrer Mutter.
Die Art, wie sie sich letzteres erkämpft hat, nämlich mit der Hilfe von Medien, mag manch einem vielleicht etwas geschmacklos vorkommen, andererseits wie hätte Waris Dirie ihre Familie je wieder finden sollen, wenn diese ein Nomadenleben führen, sprich nie an einer Stelle für längere Zeit verweilen?
„Wüstenblume“ ist keine literarische Höchstleistung. Man kann sich das wie ein Interview vorstellen, in der Waris Dirie das erzählt, was ihr gerade durch den Kopf geht. Keine auswendig gelernten Phrasen, die sich gut anhören, sondern einfach das, was passiert ist. Das macht das Buch noch authentischer, auch wenn man an der Glaubwürdigkeit ihrer Geschichte nie Zweifel hatte. Und mit der Zeit sympathisiert man auch mit Waris, weil sie eine Frau wie jede andere ist. Nichts Gestelztes oder Aufmüpfiges.
Verglichen mit anderen Biographien, zum Beispiel die von Corinne Hofmann, ist „Wüstenblume“ um Meilen besser: es lässt sich flüssiger lesen und man fragt sich als Leser nicht ständig, ob man denn wirklich so naiv sein kann.
Selten bekommt man ein so wachrüttelndes, aber dennoch nicht mit Selbstmitleid vollgestopftes Buch zu lesen, welches noch dazu auch die nötigen Hintergrundinformationen beinhaltet, um die Kultur und die Ereignisse verstehen zu können. Eine der interessantesten Biographien überhaupt.
Ganz schön sind auch die Fotos von Waris, ihrem Mann und ihrem Sohn – so hat man nicht nur eine Vorstellung von Waris, sondern weiß, wie sie aussieht und was sie ausmacht.
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Autorin ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Waris Dirie wurde 1965 in Somalia im Stamm der Darod geboren. Nachdem sie nach England kam, wurde sie Fotomodell und heute ist sie als UN-Sonderbotschafterin zum Thema Genitalverstümmelung aktiv.
1998 wurde ihr Buch „Wüstenblume“ veröffentlicht und machte somit die Allgemeinheit auf das Thema Beschneidung aufmerksam.
Durch ihre Bekanntheit gründete Waris Dirie 2003 die Waris Dirie Foundation „Wüstenblume“ in Wien, die für Projekte in ihrer Heimat Geldspenden entgegennimmt.
1997 bekam Waris Dirie ihren Sohn Aleeke, der bei seinem Vater in den USA lebt.
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Eckdaten ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Titel: Wüstenblume
ISBN: 3548365914
Seitenanzahl: 281
Preis: 8,95€
weitere Informationen unter: www.waris-dirie-foundation.com
weitere Bücher von Waris Dirie:
-Schmerzenskinder
-Die Nomadentochter
-Desert Children
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Fazit ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
„Wüstenblume“ ist mit Abstand die beste Biographie im Bereich Afrika/Leben im Ausland usw.
Es ist packend, erschütternd und emotional. Noch dazu erhält man eine Menge Informationen über das Leben in Somalia. Einziger Kritikpunkt ist das Eigenlob am Ende des Buches.
Daher vier von fünf Sternen.
Viel Spaß beim Lesen wünscht Daniela.
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